Eliten-Versagen führt zu Unruhen und Gesetzlosigkeit

ier geht's zum Risikobericht des Weltwirtschaftsforums

Das Versagen der Eliten

Eigentlich müssten die Damen und Herren, die sich in der kommenden Woche in Davos zum alljährlichen Weltwirtschaftsgipfel treffen, kollektiv ihr Versagen eingestehen. Denn nichts anderes bescheinigt ihnen der aktuelle Risikobericht des Wirtschaftsforums. Die Autoren haben hierzu eigens eine Grafik des Scheiterns erstellt. Versagt haben die Eliten demnach in der Finanzpolitik, der Klimapolitik, der Bevölkerungspolitik und der Sicherheitspolitik. Und wer den Bericht liest, findet wenig Grund zu Hoffnung darauf, dass sich daran in diesem Jahr Entscheidendes ändern könnte. Im Gegenteil. Einige Passagen lesen sich gar wie ein Untergangsszenario auch oder gerade der westlichen Industriestaaten.

Darin warnen die Autoren vor den Folgen wachsender gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und daraus resultierenden sozialen Unruhen. Sie nennen es die „Saat der Dystopie“.
Dystopie bezeichnet das Gegenteil der Utopie. Der Traum von der idealen Gesellschaft zerplatzt in der Dystopie und nimmt ein böses Ende. Im Risikobericht liest sich das so: „Die aktuellen demografischen und finanzpolitischen Trends können neue fragile Staaten hervorbringen. Ehemals reiche Länder verfallen in einen Zustand von Unruhe und Gesetzlosigkeit, unfähig, ihren finanzpolitischen und sozialen Verpflichtungen nachzukommen.“ Bei diesen Staaten könne es sich ebenso gut um hoch entwickelte Volkswirtschaften handeln, „deren Bürger den Verlust von sozialen Ansprüchen beklagen“, wie um „Schwellenländer, die es nicht schaffen, ihrer jungen Bevölkerung eine Zukunft zu bieten“. Jedenfalls könnten sich Gesellschaften auf „größere soziale Unruhen und Instabilität gefasst machen, die weiterhin die Saat der Dystopie sähen, indem sie die Alterung der Gesellschaft nicht in den Griff bekommen, der Jugend keine Arbeit bieten können und in denen die Ungleichheit durch steigende Einkommensunterschiede wächst.
Warum gerade die westlichen Industrieländer von gesellschaftlichen Umbrüchen bedroht sind, begründen die Autoren so: „In den entwickelten Volkswirtschaften Westeuropas, Nordamerikas und Japan, droht der über Jahrzehnte garantierte Gesellschaftsvertrag zerstört zu werden. Arbeiter müssen um Einschnitte bei der Rente und der Gesundheitsversorgung fürchten.“
Noch schlechter sei die Jugend dran. Zum einen müssen sie die immer größer werdende Zahl der Rentner finanzieren, zum anderen gleichzeitig die Hauptlast der drakonischen Sparmaßnahmen tragen, mit denen die immensen Staatsschulden getilgt werden sollen. „Und in der schwierigsten wirtschaftlichen Lage seit Generationen müssen diese jungen Menschen auch noch genug für ihre eigene Altersvorsorge ansparen“, heißt es in dem Risikobericht. Zu allem Überfluss gingen Experten noch von einer gefährlichen Parallel-Entwicklung am Arbeitsmarkt aus. Demnach wird die Arbeitslosigkeit hoch bleiben, und den Unternehmen fehlen dennoch qualifizierte Arbeitskräfte.
Diese Entwicklungen provozierten schon jetzt eine zunehmende Unzufriedenheit in den Bevölkerungen. Wichtige Impulse für neue Bürgerbewegungen gingen vom arabischen Frühling und der „Occupy“-Bewegung aus. Die Menschen seien „ zunehmend frustriert von der politischen und wirtschaftlichen Elite“. Bei ihnen verfestige sich der Eindruck einer zunehmenden Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen der politischen und wirtschaftlichen Eliten. „Wenn ehrgeizige junge Menschen, egal wie hart sie arbeiten, in ihren Möglichkeiten eingeschränkt sind, stellt sich bei ihnen ein Gefühl der Ohnmacht ein“, schreiben die Autoren der Studie. Die Regierungen seien gut beraten, die „sozialen Unruhen“ des vergangenen Jahres in den arabischen Ländern und in den USA zum Anlass zu nehmen, die Ursachen der Unzufriedenheit der Menschen anzusprechen, bevor diese Unzufriedenheit zu „einer heftigen, destabilisierenden Kraft“ werde.
Man darf gespannt sein, wie die das Treffen der Mächtigen in Davos mit diesem Risikobericht umgehen wird – und vor allem darauf, welche Konsequenzen sie ziehen.

Günther Lachmann am 12. Januar 2012 für Welt Online

 

Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel