Wenn Journalismus peinlich wird
Wenn Journalismus peinlich wird

Wenn Journalismus peinlich wird

Bei der Berichterstattung über die Siegesfeier der Fußball-Nationalmannschaft liefen die Mainstream-Medien mit ihren Nationalismus-Kommentaren geradewegs ins Abseits. Teil III unserer Medien-Debatte*.
 

Bei der Einschätzung eines kleinen Spottlieds einiger Spieler der siegestrunkenen deutschen Nationalmannschaft bei der WM-Feier zwei Tage nach dem Finalspiel wurde wieder einmal deutlich, wie tief der Riss zwischen bestimmten politisch-überkorrekten Journalisten und einem großen Teil ihrer Leserschaft ist. Während viele Leser die Show-Einlage der Spieler als harmlose, allenfalls etwas alberne Verspottung des Gegners ansahen, die in der Fußball-Kultur aller Nationen bei den Feiern eines Sieges üblich ist, versuchten manche Journalisten diesen Vorfall als Zeichen eines neuen, nun ausufernden deutschen Nationalstolzes hinzustellen, der den unterlegenen Gegner angeblich in unzumutbarer Weise verhöhnt haben soll.

Was hier allerdings ausuferte, war wieder einmal die typisch deutsche Betroffenheitskultur. Und das ist wirklich nur noch peinlich. In der Folge werden auch kritische Leser-Kommentare zu den Betroffenheitsartikeln in manchen Zeitungen wiedergegeben, es soll aber nicht verschwiegen werden, dass es natürlich auch zustimmende Kommentare zu diesen Artikeln gegeben hat. Ein bestimmter Teil unserer Nation, es ist meines Erachtens nicht die Mehrheit, findet sich in solchen Artikeln wieder.

Moralinsauere Journalisten

Aber was war eigentlich geschehen? Sechs Spieler hatten auf der Fan-Meile in Berlin eine, inzwischen als „Gaucho-Tanz“ bezeichnete, Einlage gestartet, in der sie in gebückter Haltung „So geh‘n die Gauchos, die Gauchos, die geh‘n so ….“ und in entsprechend aufrechter Körperhaltung dann „So geh‘n die Deutschen, die Deutschen, die geh‘n so …“ sangen. Natürlich war das eine Verspottung auf Kosten des Verlierers Argentinien. Wenn von DFB-Seite später versucht wurde, es so hinzustellen, dass dies ja nicht despektierlich gemeint war, so ist diese Aussage schlichtweg falsch.

Aber kann man in einem solchen Augenblick diesen Überschwang nicht einfach durchlassen, alles mal nicht so genau nehmen und einfach nur feiern? Ob geschmackvoll oder nicht: Soll man den Spielern, die den Gewinn der Weltmeisterschaft in vollen Zügen feiern, in einem solchen Moment jede Frivolität verbieten?

In keinem Land dieser Erde wäre das der Fall. Außer in Deutschland, hier versuchten einige moralinsaure Journalisten das Ganze als Skandal aufzupumpen, aber in den Leser-kommentaren wurde teilweise heftig dagegen gehalten. Es ist bezeichnend für die politische Kultur hier in Deutschland, wenn man sieht, welchen Stellenwert dieses Nicht-Ereignis während der Siegesfeier bekommen hat. Lobend sei der Focus erwähnt[1], der die Kirche im Dorf lässt, wenn er schreibt, dass die Kritik an deutschen Spielern unangebracht und viel zu hart sei, da im Fußball dieses Siegesritual ein schon tausendfach gesehenes Tänzchen sei, dem keine tiefgehende Bedeutung beigemessen werden dürfe.

„Noch nie Spaß gehabt“

Diese Souveränität und Gelassenheit haben offenbar nicht alle Kollegen aufbringen können. Deutlich ist manchen anzumerken, dass die WM-Begeisterung, die sich in Deutschland nach dem Sieg über Brasilien zu einem regelrechten Begeisterungstaumel steigerte, ihnen unheimlich ist. Ihnen passt im Grunde die ganze Richtung nicht. Und endlich, endlich hatten sie im „Gaucho-Tanz“ dann das Haar in der Suppe gefunden, um mit erhobenem Zeigefinger gegen eine vermeintliche und in ihren Augen unangemessene Grenzüberschreitung vorzugehen. Im Online-Portal des Spiegels ist eine noch eher gezügelte Kritik zu lesen:[2]

 „Das war jetzt nicht so nett: Im Partyfieber haben sich einige deutsche Nationalspieler über den unterlegenen Finalgegner Argentinien lustig gemacht. ,So geh’n die Gauchos, grölten sie.“

Die Argentinier seien verhöhnt worden, meint der Spiegel, aber immerhin ließ man eine muntere Diskussion in den Kommentaren zu (1270 Einträge). Spiegelkritisch äußert sich z. B. der Kommentator „lappus73“:

„ So einen Artikel gibts nur in Deutschland… Oh ja, was für eine abgrundtiefe gemeine Verhöhnung, gebückt bzw. mit Händen auf den Schultern auf die Bühne zu kommen. Die Argentinier und Brasilianer werden jetzt sicher ihre Botschafter aus Deutschland abziehen… Offensichtlich haben die Autoren noch nie Mannschaftssport betrieben oder auch sonst irgendwie Spaß in ihrem Leben gehabt.“

„Große Gewinner trösten den Verlierer“

Im Online-Portal der WELT gab sich ein Journalist schon etwas verschnupfter.[3] Der deutsche Gaucho-Dance sei eine Schnapsidee gewesen. Man solle die Kritik nicht übertreiben, man könne nicht von Bösartigkeit oder Rassismus in diesem Falle sprechen, doch durchgehen lassen, will er es den Spielern nicht:

 „Diese jungen Männer sind im Moment die berühmtesten Botschafter unseres Landes, weil sie im Finale von Rio zu großen Gewinnern geworden sind. Große Gewinner trösten den Verlierer, wie es Bastian Schweinsteiger am Sonntag mit Lionel Messi tat. Was große Gewinner nicht tun, ist, sich über den Gegner lustig zu machen, und ihn dabei abzuwerten. Sie sind Vorbilder und sollten den Fans Fair Play vorleben. Insofern ist es legitim, solch eine Darbietung, die in Fernsehbildern um die ganze Welt ging, zu hinterfragen: Musste das wirklich sein? Dann ist es aber auch gut.“

Die Kommentarfunktion wurde sehr früh geschlossen (67 Kommentare), der Kommentator SoerenP wundert sich aber, was hier eigentlich hinterfragt wird und nennt solche Auslassungen scheinheilig:

 „Oder wird hier die Würde Deutschlands hinterfragt? Von pseudointellektuellen Bedenkenträgern, die sich bei jedem Aufkeimen von gemeinschaftlicher Freude und unbefangenem Patriotismus als Mahner berufen fühlen? Unsere Nationalmannschaft hat eine bemerkenswerte Leistung gezeigt und darauf darf sie stolz sein. Der Weltmeistertitel ist in seinem Ergebnis eine Erfolgsgeschichte vieler Akteure. Hinter diesem Titel stehen unzählige Jugendtrainer, die ihre Kids ambitionieren. Es folgen Amateurvereine, die ihre Talente fördern, bis hin zu den Vereinen der Bundesligen. Es erscheint mir vollkommen unangemessen und scheinheilig, das Verhalten der National-mannschaft bei der Siegesfeier am Brandenburger Tor zu hinterfragen. Ich empfand es schön und witzig, ohne das Gefühl der Überheblichkeit zu empfinden. Die ‚Gauchos‘ gehen ob der Niederlage halt geknickt und die Deutschen jubeln. Mein Bild von Argentinien und den Menschen, die dort leben, wurde dadurch keinen Millimeter ins Negative verrückt. Da ich von mir nicht annehme, ein überdurchschnittlich gescheiter Mensch zu sein, gehe ich davon aus, dass es 99,9% der Menschen in unserem Land genauso ging.“

Maßlose politische Korrektheit

Die vorgenannte Kritik am Gaucho-Tanz der Spieler ist allerdings nichts im Vergleich zu dem, was von drei weiteren Zeitungen abgefeuert wurde. Hier befinden wir uns in einem Bereich der Hoch-Korrektheit und der politischen Empfindlichkeit, die jedes gesunde Maß übersteigt. Der Tagesspiegel echauffiert sich in seinem Online-Portal und trägt Trauer, wobei im letzten Satz die deutschen Spieler als „Riesentrottel“ beleidigt werden, was auch nicht gerade die feine Art ist:[4]

„Den deutschen Fußballern geht ein solches Gespür (für das, was sich ziemt) offenbar ab. Ihre Freude genügt ihnen nicht, sie finden volle Genugtuung erst dann, wenn sie die trauernden Unterlegenen ein bisschen quälen. Das macht die Peinlichkeit zum Ärgernis. Wer Kinder hat, überlegt, wie er ihnen diese Geste erklären soll. Soll man den Kindern beibringen, dass es zum wahren Glück dazu gehört, nicht nur andere zu besiegen, sondern diese hinterher auch auszulachen? In den Ärger mischt sich Trauer über so viel Dummheit. Und so beschleicht einen am Ende eine Ahnung: Vielleicht wird es auch das sein, was von dieser Weltmeisterschaft in den Köpfen vieler Menschen außerhalb Deutschlands bleibt.“

Die deutschen Spieler „quälen“ also trauernde Unterlegene. Stimmt das denn? Ihnen das zu unterstellen, wäre noch irgendwie nachvollziehbar, wenn man den „Tanz“ direkt im Stadion von Rio in Anwesenheit der argentinischen Spieler aufgeführt hätte. Aber als Einlage während der Feier in Berlin? Nichts verdeutlicht mehr, wie hier gearbeitet wird: Die Mücke wird krampfhaft zum Elefanten aufgeblasen. Viele Kommentatoren dieses Artikels sehen es ähnlich, z. B. Zorro1804, abrazzo oder Bruchpilotin:

„Gauchotanz: Herr Lehming, das Einzige, was an dem Gauchotanz peinlich war, ist Ihr Bericht darüber. Völlig daneben und an den Haaren herbeigezogen. Wenn Sie sich künftig ins Rampenlicht stellen wollen, wählen Sie bitte ein Thema, in dem Sie sich auskennen. ….. Peinlich: Meine Güte, was für ein peinlicher Kommentar. Ich habe nichts mit Fußball am Hut, das einzige, was ich gesehen habe ist die letzte halbe Stunde des Endspiels, und die Sondersendung der ARD abends, den Bericht vom Brandenburger Tor. Und es war mir auch egal, wer denn nun Weltmeister wird. Aber gefreut habe ich mich über all die, die sich gefreut haben. Irre, dass so viele Menschen zusammen kommen, um zu feiern, oder anderen beim Feiern zu zusehen. Schön auch, dass sich die Spieler auf offener Bühne so freuen und Unsinn treiben. Aber halt – man ,darf sich ja nur noch so geben, wie sich das politisch korrekte Deutschland das so vorstellt. Sonst kriegt man direkt eins auf die Mütze. So dünn ist die Argumentation des Autors, dass er tief in die ,hätte, wäre, würde-Kiste greifen muss. Hätte, hätte Fahrradkette, kann ich da nur sagen. Und natürlich, so wird Kindern beigebracht, wie sie andere Menschen ,quälen´. Albern. Wer nichts zu sagen hat, tut es wenigstens mit reißerischen Worten. Ich ärgere mich sehr, dass ich mit meinem Abo-Geld Autoren unterstütze, die so etwas schreiben: ,…sie finden volle Genugtuung erst dann, wenn sie die trauernden Unterlegenen ein bisschen quälen´. Das ist nichts als eine Unterstellung, gepaart mit alberner Übertrei-bung. Die Jungs freuen sich aus dem Bauch heraus über ein Ereignis, was sie in die Fußball-Geschichtsbücher katapultiert. Und das war so genau richtig. Peinlich sind die Deutschen, die zum Lachen in den Keller gehen. ….. Sudelede: Mich erinnert die ganze Diskussion an einen ehemaligen Fernsehmoderator im Osten, Karl Eduart v. Schnitzler. Der hat auch aus Nichtigkeiten Skandale produziert. Im Osten wurde er von der Mehrzahl der Menschen ignoriert. Machen wir es genau so, Ignorieren wir das ganze Geschwafel und sehen es als das an, was es war und auch gemeint wurde, Spaß.“

„Gigantisches Eigentor“

Auf den Onlineseiten der FAZ wird ein Artikel veröffentlich, den man in einem ersten durchsehen fast als Satire ansehen will, der aber leider wohl ernst gemeint ist. Der Autor des Artikels spricht von einem „gigantischen Eigentor“, das die Spieler hier angeblich geschossen haben, und mit einem gigantischen Rückbezug in die Geschichte geht es auch weiter, wenn es zur Beschreibung des aus seiner Sicht bösartigen Vorfalls kommt:[5]

„Es ist nicht ohne historische Ironie, die Siegesfeier für den „4. Stern“ auf den Trikots der Nationalmannschaft an diesem Ort abzuhalten. In unmittelbarer Nähe zu jenen Denkmälern, wo an Triumphe und Katastrophen der deutschen Geschichte erinnert wird. (…) Dort wird jene Darbietung einiger Nationalspieler ihre Spuren hinterlassen, die den Unterschied zwischen Argentiniern, Gauchos genannt, und Deutschen deutlich machen. Die Gauchos gehen gebückt, zwischen Niedergeschlagenheit und Demütigung, während Deutsche aufrecht wie Hermann, der Cherusker, den Pokal gen Himmel strecken. ,So sehen Sieger aus, wird dazu gesungen. (…). Diese Bilder, man ahnt es schon, werden nicht nur in Argentinien zum Symbol für den Umgang der Deutschen mit diesem Sieg werden. Die seit Wochen zu hörenden Floskeln vom ,neuen Deutschland´, das sich im Spiel dieser Mannschaft verkörpere, werden zum Gespött geraten. Man muss die angebliche ,Weltoffenheit´ und ,Toleranz´ nur mit den ,gehenden Gauchos´ der Nationalspieler kontrastieren. (…). So kam dieser Auftritt zustande, der alle Grenzen überschritt. Die zwischen öffentlichem Raum und Privatsphäre wie die zwischen Journalismus und PR. Der hypertrophe Anspruch auf Sinnstiftung, der seit Sonntag die Berichterstattung in den Medien prägt, geriet dabei unter die Räder. Oder will jemand das deutsche Wir-Gefühl in einem Video namens ,So gehen Deutsche’ verkörpert sehen?“

Alle Grenzen sind also überschritten? Der Autor spricht von Demütigung der Argentinier und nennt bewusst im selben Atemzug Hermann, den Cherusker. Im 19. und 20. Jahrhundert war der Sieger in der Varusschlacht ein wichtiges nationales Symbol der Deutschen, was zwischen den Zeilen nichts anderes ist als ein vehementer Vorwurf des Nationalismus, der sich in der Untat des „Gaucho-Tanzes“ offenbart habe. Der Autor jener Zeilen sieht außerdem die Weltoffenheit und die Toleranz in Deutschland gefährdet, wenn übermütige Fußballer und ihre Fans ein mildes Spottlied auf die argentinische Verlierermannschaft singen.

Wie weit darf ein Journalist gehen?

Ja, geht es noch? Man muss einmal umgekehrt fragen, ob hier nicht ein Journalist zu weit geht, indem alle Äußerungen im Überschwang bei einer Siegesfeier mit einer Bedeutung belegt, die ihnen niemals zukommen können. Nicht das Verhalten der Fußballer ist peinlich, sondern diese aus einem sauertöpfischen Political-Correctness-Denken heraus erfolgte Überhöhung von Einzelszenen bei der Fanmeilen-Feier. So sehen es viele der 249 Kommentatoren auch (z. B. Felix Palmen, Angelika Stein, Monica Biedermann):

„Wirklich lächerlich machen wir uns als Nation … wenn wir jetzt ernsthaft beginnen, die ,politische Korrektheit´ dieser Szene zu diskutieren. Es ist eine Siegesfeier! Der Spiegel hat es eigentlich ganz treffend zusammengefasst: ,Das war jetzt nicht so nett.´ Ja, ,nicht so nett´, in der Tat, aber weder wurden irgendwelche nationalen Klischees bemüht noch wurde jemand persönlich beleidigt. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass wir in der umgekehrten Situation sehr viel ,schlimmeres´ ertragen müssten (und, auch problemlos, könnten). ….. Peinlich … ist dieser übermoralische Kommentar. Im Überschwang des Sieges wird im Sport hin und wieder etwas über die Strenge geschlagen, aber unsere Nationalspieler haben die Argentinier in meinen Augen nicht verspottet, sondern eher einen Scherz daraus gemacht. Die Konnotation ist eine ganz andere. Aus diesem Gegenstand überhaupt eine Diskussion zu machen und dieses Aufzublasen ist peinlich. Kein Kommentator einer anderen Nation würde sich deswegen echauffieren. Unsere Nationalmannschaft steht m.M.n. für Weltoffenheit sowie Toleranz und ist eine der fairesten Mannschaften. ….. Schämen soll ich die FAZ und nicht ein paar Fußballer im Freudentaumel …So ein Theater wegen etwas, das man höchstens als NICHT NETT einstufen kann. Es handelte sich übrigens um FUSSBALLER und nicht den Bundespräsidenten!!!! Mir ist dieser Artikel der FAZ zutiefst peinlich!!“

„Kriegerische Überhöhung“

Nachdem die bürgerliche FAZ unsere Kicker über ihren Gaucho-Tanz als üble Nationalisten entlarvt hat, kommt noch zu guter (oder besser: zu schlechter) Letzt das Online-Portal der taz, in dem eine Journalistin (die Leiterin von taz.de) ihr Bestes gab, um eine nun linkskritische Bewertung der Feier auf der Berliner Fanmeile abzuliefern.[6] Kritisiert wird der „Marketing-Fan-Meilen-Truck-Korso“, den der DFB und die ARD inszeniert haben, der, ach ja, einen „perfekte(n) Rahmen für die Sponsoren“ geboten hat. Das ist natürlich reine Geschmackssache, niemand musste sich das ansehen, wenn er nicht unbedingt mitfeiern wollte. Die Deutschen sind verpflichtet GEZ-Gebühren zu zahlen, werden aber bislang nicht gezwungen, sich die zwangsgekaufte Fernsehunterhaltung auch noch anzusehen. Das Ganze wäre als Kritik trotzdem etwas lasch gewesen, aber gottseidank gab es ja den Gaucho-Tanz. So konnte die taz-Journalistin den polemischen und kritischen Abschluss ihres Artikels finden:

„Die absurde Inszenierung des Marketing-Fan-Meilen-Truck-Korsos findet ihren Höhepunkt im Auftritt der deutschen Mannschaft, die dann eher nichts mehr von Bescheidenheit hat. Die Würdigung einer sportlich besonderen Leistung gerät da im Siegesrausch zu einer kriegergleichen Überhöhung des eigenen Selbst, in der man auch dem ,Gaucho-Verlierer´ keinen Respekt mehr zollen muss. Und die Kameras halten drauf. Da bleibt nicht mal mehr Platz für Sponsoren-Dank. Am Ende ist vielleicht das der einzig annähernd authentische Moment: die Spieler unverfälscht vorm Brandenburger Tor. Ist gut jetzt. Wirklich.“

Der Gaucho-Tanz als „Siegesrausch“ und „kriegerische Überhöhung des eigenen Selbst“. Um so etwas zu formulieren, braucht es schon ein Studium. Und die „kriegerische Überhöhung“, so wird vermutet, sei auch noch der einzige authentische Moment der ganzen Feier. Will heißen: Alle gezeigte Freude über den Sieg des WM-Titels, über die überstandenen Strapazen, über die gemeinsame Leistung, all das sind nur gespielte Gefühlausbrüche. Aber wenn es darum geht, den besiegten Gegner zu verhöhnen, dann erst sind echte Gefühle im Spiel. Das ist ziemlich hinterhältig und mies.

Insgesamt ist der Artikel von der taz-Leserschaft über die Kommentarfunktion heftig kritisiert worden. Eine kleine Auswahl (z. B. Tatjana Schraepler, Marie Haar, JessJ, Jules, Jonas Welcher, Schui, Peter Lustig, Max von Meidling, willanne):

„,Ist gut jetzt. Wirklich. Das ist wohl der einzig stimmige Satz in dem Beitrag von Frau Havertz… und das auch nur, wenn man ihn auf den Blödsinn bezieht, den sie davor geschrieben hat ! Wäre Argentinien Weltmeister geworden, dann hätte sich die argentinische Nationalelf genauso über uns lustig gemacht, das ist doch im Sport ganz normal . Und daraus eine ,Fremdenfeindlichkeit zu stricken, darauf muss man erst mal kommen! Darf man sich als Deutsche Nationalelf noch nicht mal mehr über den hart erkämpften Weltmeistertitel freuen ? Im Übrigen spielten, und feierten danach, in unserer Mannschaft Fussballer aus aller Herren Länder- Seite an Seite als super Team ! Haben sie das gar nicht bemerkt Frau Havertz ???? (…) Wenn euer Nationalstolz bei unter 0 liegt okay…aber dann verderbt doch den ganzen Nation bitte nicht die gute Laune. So und nun zum wesentlichen… DANKE and die Jungs für diese überragende Leistung. Und noch was an den / die AutorIn des Artikels… Nur weil du irgendwie keinen Spaß verstehst darf die ganze Welt nicht feiern?? Also bitte…dein Artikel ist einfach nur lächerlich…Du magst kein Fußball ??? Okay dann lass doch beim nächsten mal deinen TV aus… es zwingt dich schließlich niemand dir dieses überaus schreckliche Ereignis anzugucken…..!!! (…) Liebe Frau Havertz, wenn Sie nicht mitfeiern möchten – gut, dann lassen Sie es, aber verderben Sie nicht allen anderen die Party! Dieses Lied habe ich schon als kleines Mädchen gesungen, wenn ich ein Spiel/Turnier gewonnen habe. Sie waren offensichtlich noch nie in einem Stadion und möchten sich jetzt an der Fußball Diskussion beteiligen um Leser zu bekommen?! (…) Wovon die taz und sämtliche anderen Betroffenheitsmedien, soweit ich das überblicken kann, (natürlich) nicht berichten ist etwa, dass Mesut Özil die Kosten für die Operationen von 23 brasilianischen Kindern übernimmt; wieviele bezahlt ihr? Ist gut jetzt Frau Havertz! Wirklich!“

Am Ende wir die Kommentarfunktion von einer offensichtlich genervten Moderatorin Paula noch am Tag der Veröffentlichung geschlossen mit den Worten: „Eine Diskussion ist offenbar nicht mehr möglich. Wir schließen die Kommentarfunktion für diesen Artikel.“ Das war eine gute Entscheidung, weil es die Diskussion eines unsäglichen Artikels, der es eigentlich nicht wert war, weiter diskutiert zu werden, kurz und knapp beendet hat.

Geolitico-Medien-Debatte:

Teil 1: Hasso Mansfeld, „Vom Journalismus zum Narzissmus

Teil2 : Konrad Kustos, „Radio ist das primäre Fluchtmedium

Teil 3: Grinario: „Wenn Journalismus peinlich wird“

Auch unsere Leser können sich an der Debatte mit Gastbeiträge beteiligen. Schreiben Sie uns!

Anmerkungen

[1] Marco Plein, „Zoff um „Gaucho Dance“! Dieser Weltmeister-Spaß sei gegönnt“, Focus: http://www.focus.de/sport/fussball/wm-2014/deutsches-team/siegesparty-nach-wm-erfolg-gaucho-dance-dieser-weltmeister-spass-sei-gegoennt_id_3992132.html

[2] Spiegel Online, „Siegestrunkene Nationalspieler: Götze, Klose und Co. verhöhnen die Argentinier“: http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-party-in-berlin-nationalmannschaft-verhoehnt-argentinien-a-981132.html

[3] Sven Flohr, „Der deutsche Gaucho-Dance war eine Schnapsidee“, Die Welt: http://www.welt.de/sport/fussball/wm-2014/article130195251/Der-deutsche-Gaucho-Dance-war-eine-Schnapsidee.html

[4] Malte Lehming, „Der Gaucho-Tanz auf der Fanmeile war geschmacklos“, Der Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/meinung/wm-party-in-berlin-der-gaucho-tanz-auf-der-fanmeile-war-geschmacklos/10205842.html

[5] Frank Lübberding, „So gehen Gauchos“, FAZ: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik-empfang-der-weltmeister-so-gehen-gauchos-13047240.html

[6] Rieke Havertz, „Respektlos im Siegesrausch“, taz: http://www.taz.de/Weltmeister-Party-in-Berlin/!142470/