Vom Wert der Familie in der Politik

Ronald Pofalla verlässt das Kanzleramt, Jörg Asmussen die EZB: Die Familie wird immer häufiger zum Argument für Karriere-Entscheidungen in der Politik.

 

Ronald Pofalla zählt zu den engsten Vertrauten der Kanzlerin. In der CDU diente er Angela Merkel als Generalsekretär, zuletzt im Kanzleramt. Auf ihn konnte sie sich hundertprozentig verlassen. Jetzt zieht es ihn in die freie Wirtschaft, heißt es. Andere wiederum sagen, es gebe noch einen weiteren Grund, und der heißt Nina Hebisch.  Seit einigen Jahren ist er mit der 22 Jahre jüngeren Rechtsanwältin liiert. Er wolle mehr Zeit für die Beziehung haben, heißt es.

Wäre das so, gäbe der CDU-Mann seine erfolgreiche Politik-Karriere für eine Frau auf. Er zieht das Privat dem Beruflichen vor. Immerhin ist Pofalla bereits zweimal geschieden. Und wer weiß, vielleicht war die Politik schuld, die weder geregelte Arbeitszeiten noch sichere Berufsperspektiven kennt. Vielleicht will er einfach verhindern, dass ihm so etwas noch einmal passiert.

Entfernung von der Familie

Auch Jörg Asmussen gibt etwas auf. Er tauscht seinen Posten im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) gegen den eines Staatssekretärs im Arbeitsministerium. Am Sonntag ließ er mitteilen, dass er seinen Vertrag mit der EZB, der eigentlich bis Ende 2019 läuft, nicht erfüllen werde. Seine Entscheidung habe „definitiv“ private Gründe, sagt Asmussen und erklärt das so: „Der Dienstsitz Frankfurt und die häufigen Dienstreisen sind mit dem Familienwohnsitz Berlin und insbesondere meinen beiden sehr jungen Kindern auf Dauer nicht zu vereinbaren.“ Nicht wenige, die ihn seit Jahren können, staunen über diese Entscheidung. Asmussen war der Karriere-Typ schlechthin. Sein Wechsel ins Arbeitsministerium wird als Karriererückschritt angesehen.

Schließlich diente er bereits als Ministerialdirektor und Staatssekretär gleich drei Finanzministern, begann bei Hans Eichel (SPD), arbeitete dann Peer Steinbrück (SPD) zu und wurde, obgleich er ein SPD-Parteibuch hat, von Wolfgang Schäuble (CDU) übernommen. Anfang 2012 wechselte er dann zur EZB nach, wo er der deutsche Hüter des Euro wurde. Er war auf einem der wichtigsten Posten der Finanzwelt angekommen. Gibt einer wie er das einfach so auf?

Politik verlangt Machtstreben

Verzicht ist im politischen Geschäft ein ungewöhnlicher Vorgang. Wie in der Wirtschaft wird die Rücksichtnahme auf Privates leicht als Leistungsunwille oder gar Schwäche ausgelegt. Das politische Geschäft verlangt gemeinhin andere Tugenden, allen voran Machtstreben. Wer in der politischen Bürokratie etwas werden will, muss paktieren und Strippen ziehen. Er muss anpassungsfähig, geschmeidig sein. All das ist Asmussen. Über Jahre hinweg war er einer der wichtigsten Gestaltet in der deutschen Finanzpolitik. Kein anderer Name ist so eng mit der Deregulierung der Finanzmärkte verbunden wie der seine. Er ist ein typischer Aparatschick, aber einer der erfolgreichsten der letzten zehn Jahre. Und nun gibt er den hart erkämpften Erfolg wieder her, nur um näher und häufiger bei der Familie sein zu können?

Warum eigentlich nicht? Schließlich wird er oft mit seinen beiden Töchtern auf dem Spielplatz oder beim Einkaufen gesehen. So hart wie er als Verhandlungspartner im politischen Geschäft auftrete, so herzlich sei er im Kreise der Familie, sagen diejenigen, die ihn länger kennen.

Schritt schon lange geplant

Außerdem gibt es Hinweise, dass er diesen Schritt geplant haben könnte. Seit zwei Jahren sitzt der 47 Jahre alte Volkswirt nun im Direktorium der EZB, doch schon im Frühjahr 2013 soll er immer wieder den Wunsch angedeutet haben, nach Berlin zurückkehren zu können. Immer häufiger habe er nicht zuletzt auch wegen der vielen Auslandsreisen über die Distanz zu seiner Familie geklagt. Und nun tut er offenbar das, was die wenigsten von ihm erwartet hätten: Er stellt das Private über das Berufliche. Er nimmt einen Job an, in den er sich erst einarbeiten und in dem er seine Qualitäten ganz neu beweisen muss.

Allerdings deutet sich schon seit Jahren ein Wandel im Selbstverständnis von Politikern an. Augenfällig und breit diskutiert wurde dies bei der Familienministerin Kristina Schröder (CDU), die die ihr Ministeramt aufgab, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Freilich mag bei ihr die heftige und nicht nachlassende Kritik dazu beigetragen haben. Letztlich aber steht ihr Schritt in gewisser Weise auch in der Kontinuität ihres politischen Wirkens. Schröder vertrat immer ein eher konservatives Frauenbild, was ihr zuletzt auch in der eigenen Partei mehr und mehr übel genommen wurde. Sie trieb den Ausbau von Betreuungsplätzen voran, verteidigte aber gleichzeitig das auf Druck der CSU eingeführte Betreuungsgeld.

Seehofers Liebschaft

Politiker wie der SPD-Vorsitzende und künftige Superminister Sigmar Gabriel oder der frühere Gesundheitsminister nahmen sich eine Babypause. Sie alle, von Pofalla bis Bahr, senden das Signal aus: Politik ist nicht alles. Gleichwohl verhalten sie sich nicht so, wie der unrühmlich aus dem Amt geschiedene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich durchaus auch im Kreise seiner Familie inszenierte. Er zog das Private ins Politische hinein. Nicht einmal Altbundeskanzler Gerhard Schröder, dessen Privatleben seit seinem Bundestagswahlkampf 1998 beständig Teil seiner öffentlichen Wahrnehmung war, tat das in dieser Konsequenz.

Ein unfreiwilliges, dafür umso innigeres Bekenntnis zur Familie legte einst Horst Seehofer ab. Damals war der Familienvater noch Abgeordneter in Berlin und wurde Vater eines unehelichen Kindes. Sein Berliner Liebesleben war eine der schlagzeilen-trächtigsten Boulevard-Geschichten des Jahres 2007. Schließlich trennte er sich aber von der Geliebten und entschied sich für seine Familie. In gewisser Weise hat also auch Seehofer zu einer neuen Wahrnehmung des Familiären in der Politik beigetragen.

Ein Stück Normalität

Wenn sich Persönlichkeiten aus dem politischen Leben heute für einen Rückzug aus der Politik oder für einen Karriererückschritt entscheiden, werten sie die Familie damit ungeheuer auf. War die Familie früher bestenfalls ein unverzichtbarer Schmuck des Machtmenschen – die Familie wurde für Foto-Termine herausgeputzt, ansonsten aber hatte sie einfach nur irgendwie existent zu sein –, so bekommen sie und das Leben in einer Partnerschaft durch Leute wie Ronald Pofalla, Jörg Asmussen oder Kristina Schröder ein Stück Normalität zurück, die ihnen von einer durch Karrierismus und Selbstverwirklichung bestimmten Welt genommen war.

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel