Bildungspolitisch leben wir alle in Nordkorea
Bildungspolitisch leben wir alle in Nordkorea

Bildungspolitisch leben wir alle in Nordkorea

Was ist Bildung heute? Es fehlt die Vermittlung einer Gesamt-Perspektive auf die Wirklichkeit. Menschen werden um ihr Mündigwerden betrogen. Und für denjenigen, der nicht selber denkt, denken dann andere. Ein Essay.

 

Bildung ist heute im Wesentlichen zur Ausbildung vertrocknet, welche die Menschen fit für den Job machen soll. Für braves Arbeiten und Mithalten beim Konsumieren. Von einem selbstbewußten Gestalten des Lebens und der Umwelt ist nicht mehr die Rede. Schulen „bilden aus“ und dann droht eine lebenslange Ausbildungs-Weiterbildung für ein ausgedehntes Arbeitsleben.

Aufklärung war einmal

Den Menschen solche Fähigkeiten an die Hand und in den Kopf zu geben, die ihn sein eigenes Leben führen lassen, das war das große philosophische und gesellschaftspolitische Projekt der Aufklärung. Die Welt in ihren wichtigen Strukturen verstehen, um sich aus der Unmündigkeit (Immanuel Kant) herauswinden, um auf Augenhöhe mit den Machteliten Bürger sein zu können, war das Ziel. Das scheint – sieht man sich unsere Bildungssysteme an – weitgehend gescheitert. Es fehlt die Vermittlung einer Gesamt-Perspektive auf diese Wirklichkeit, stattdessen werden voneinander isoliert Detailkenntnisse vermittelt und mit Test (PISA etc.) abgefragt, Ausbildungswettbewerb angekurbelt. Selbst dieses systemkonforme Wissen bleibt jedoch dürftig, betrachtet man etwa das Wirtschaftswissen von Abiturienten – sie kennen sich mehrheitlich nicht aus.

Bildung

Bildung, insbesondere als „höhere Bildung“ hatte die Bedeutung, die Welt als Ganzes zu verstehen, sich in ihr bewegen und Benachteiligungen beseitigen zu können. Um gestaltungsfähiger Bürger:  Citoyen im Gemeinwesen zu sein, dafür brauchen Menschen ein paar grundsätzliche Kenntnisse und Fertigkeiten. Erhalten sie diese nicht, dann werden sie von der Normativität der Gegenwart betäubt und die Sphäre des Konsums gerinnt zur einzig sichtbaren Sehnsuchtszone. Auf diese Weise werden  Menschen um ihr Mündigwerden betrogen, Nordkorea ist dann überall.

 

Foto: Kollmann

Foto: Kollmann

Was den herrschenden Eliten offensichtlich nur recht ist, denn damit ist die subjektive Widerständigkeit, die Interessensartikulation und autonome Individualität eher klein gehalten, die politischen Parteien und Lobbyeinrichtungen bleiben weiter unter sich. Die Mehrzahl der Medien spielt hier selbstverständlich mit – das Gerede von der kritischen Vierten Macht des Journalismus ist im Großen und Ganzen nur  Selbstbeweihräucherung und Täuschung. Das mediale System kollaboriert mit den Systemen Wirtschaft und Politik und inszeniert Spektakelkapitalismus.[i] Aber zurück zur Bildung

Grundbausteine für einen mündigen Umgang mit der Welt

Man benötigt kein jahrelanges Studium, um sich mündig zu machen, sondern nur einen an ein paar Grundbausteinen geschärften Verstand. Das leistet heute eine in Fachgebiete aufgespaltene Pädagogik mit ihrer ängstlichen Grundhaltung „politischer (und fachlicher) Korrektheit“ nicht. Und die auf das Gesamte hin konzipierten Pädagogiken, wie etwa die Waldorfpädagogik, sind viel zu sehr vom Gutmenschentum narkotisiert, um Menschen für die rauhe Realität zu emanzipieren.

Wenden wir uns – obschon es ja sehr deprimierend ist, nach mehr als zweihundert Jahren wieder bei den Anfängen anzusetzen – den erwähnten Grundbausteinen zu und versuchen wir, ein paar erste Anhaltspunkte dafür zu entwickeln. Grundbausteine für Aufklärung und vernünftige Weltsicht in einer spätkapitalistisch deformierten und mit Komplexität aufgeblähten Zeit.

Es dreht sich dabei um fünf zueinander vermischte Räume, mit denen es der Einzelne zu tun hat und die man im Grundsatz kennen muß: die Natur (welche die am heftigsten einschneidende Grenze vorgibt, nämlich die Kürze, die Endlichkeit des eigenen Lebens), Politik, Wirtschaft, Medien und heute eher als Residuum behandelt „das Soziale“.

Das „Soziale“

Erstens ja, es gibt ein Naturrecht auf Widerstand gegen benachteiligende Verhältnisse, gegen Unrecht. Aber zweitens, beim Aufbegehren gegen Unrecht bleiben einem Menschen allein nur geringfügige Bewegungsräume, gemeinsam mit anderen lassen sich Dinge wesentlich wirksamer verändern. Eine „Bewegung“, auch wenn sie klein ist, ist mehr als ihre Summe; außerdem verschaffen Freunde und Gesinnungsgenossen dem Einzelnen etwas ganz Entscheidendes: Anerkennung. Menschen sind drittens, das ist ja übrigens die Substanz des Sozialen, immer schon ganz versessen auf Anerkennung durch Andere gewesen. Bei besonders aufmerksamkeitserpichten Menschen ist allerdings Vorsicht angebracht und ähnlich bei den vielen Angebern, die sich Aufmerksamkeit kaufen und konstruieren wollen.

Berliner Humboldt-Universität / Quelle: Wikipedia

Berliner Humboldt-Universität / Quelle: Wikipedia

Viertens, unter Menschen gilt, außer wenn sie gänzlich verdorben (Kultur) oder geistig schwächer entwickelt (Natur) sind, langfristig immer der reziproke Altruismus oder weniger anthropologisch ausgedrückt: die Goldene Regel des „Was Du nicht willst, das Dir man tu, das füg auch keinem anderen zu“. Noch einmal Immanuel Kant, gewissermaßen. Wer sich nicht daran hält, hasardiert in der sozialen Sphäre, denn meistens fliegt man langfristig gesehen, ziemlich zuverlässig raus. Wer hinschlägt, bekommt oft den Schlag zurück; und natürlich hat ein Mensch das Naturrecht – zumindest ein gewisses Stück davon – den Mörder seines Kindes zu eliminieren, Auge um Auge,[ii]  „Kein gesetzlich Recht kann natürlich Recht widerlegen“[iii] meist sind allerdings mildere Mittel vernünftiger.

Die „Natur“

Beim vorigen Satz sind wir klarerweise nicht in der Natur, sondern bei der Kultur, im Menschenwerk hängen geblieben. Diese Kultur könnte auch ganz anders, nämlich schlechter, jedoch auch besser aussehen;  – sie könnte.

Nun, die Natur, die natürliche Umwelt unsers Planeten, erträgt viel, wir muten ihr auch viel zu (ja wir kleinen Umweltschweine tun das ganz persönlich und immer wieder, etwa bei der letzten Flugreise)  – und wir müssen auch unsere Natur aushalten: die Krankheiten, immer wieder Leiden, Schmerzen, den Tod. Das ist alles unangenehm und daher bei den meisten recht gut und dauerhaft verdrängt. Im Verdrängen sind wir  Menschen ja gut drauf. Man sollte mehr auf die Endlichkeit des eigenen Lebens achten, viele kleine Konflikte erübrigen sich dann. Zumindest das, denn ohne massive Einschränkungen werden wir das Klima und den Planeten nicht retten, aber das ist eine andere Sache.

Die Wirtschaft

Hier ist es vergleichsweise einfach mit dem grundsätzlichen Wissen. Man muß nur einigermaßen gut zwischen Geschenk, Tausch, Geschäft und Betrug/Ausbeutung unterscheiden können; die Unterschiede mögen fließend sein, aber schwer ist es an sich nicht. Geschäfte machen, mehr bekommen als Geben, das möchten viele, denn die Gier scheint universell geworden. Zur Natur des Menschen gehört sie nicht unbedingt, da würden eher  Tausch und auf lange Sicht gemachte Geschenke oder überhaupt Teilen dazu passen.[iv] In der Wirtschaft gibt es keine Geschenke, sondern nur Geschäfte.

Und im Kapitalismus, in der schön geredeten Marktwirtschaft, ist mittlerweile vieles ein Stück komplizierter geworden. Ein Kleidungsstück kauft man kaum noch wegen des Gebrauchswerts, sondern da man damit angeben, oder einen eigenen Stil ausdrücken will. Man kauft „Lebensgefühl“, Anerkennung, Freunde. Und da bezahlen auch Sozialfälle schon einmal hundert Euro, um stilvoll ihre Marken-Sportschuhe zu zeigen. Ähnlich wie das iPhone zum Aufmerksamkeits-Gadget für Unterschichtkinder geworden ist (man muß hier nicht aus politischer Korrektheit die Sachverhalte behübschen).

Foto: Kollmann

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Wenn über Wirtschaft geredet wird, muß man auch über Wissenschaft und Technik reden. Technik sowieso, mittlerweile jedoch ist auch die Wissenschaft wirtschaftsgetrieben. Die öffentliche Hand spart, Drittmittel kommen von der interessierten Industrie (und wenn die an sich öffentliche EU fördert, muß immer die Wirtschaft mitbeteiligt sein). Der Umbau der Universitätslandschaft als Entwicklungswerkbank für die Industrie ist weitgehend abgeschlossen, ohne daß es zu gesellschaftlicher Skepsis kam. Ein kritischer Beobachte sollte stets Fragen zu den Entstehungs- und Verwertungsbedingungen stellen. Immer!

Die Technik

Technik kann hilfreich, jedoch auch ziemlich destruktiv sein. Technikentwicklung hat viel mit Macht oder Geld zu tun, wenig mit Menschenwürde, Ethik oder Menschenliebe. Oft war und ist das Militär die Triebkraft technischer Entwicklungen, da geht es um bessere Waffen, auch das nette Internet beruhte auf militärischen Zielen. Und bei den anderen schönen zivilen Absichten geht es stets um Geld, egal ob Wärmedämmung, Hybridautos oder dem neuesten Smartphone: Entwicklung um Geld zu verdienen, für den Auftraggeber Verdienstmöglichkeiten zu schaffen.

Hundertausende Wissenschafter, die für viele Milliarden an Euros nanotechnologische oder neurowissenschaftliche Errungenschaften ausbauen, oder hunderte Milliarden Dollar für Weltraum- oder Teilchenforschung in den Sand setzen, tun dies für Geld, Macht, Erfolg, Ruhm oder aus persönlicher Verbohrtheit, und nicht um den Menschen was Gutes zu tun. Gerade bei den besonders Technikengagierten wäre nachhaltiges Mißtrauen angebracht. Ebenso bei jeder neuen Technik, die auf Menschen losgelassen wird, ein menschenfreundliches Vorsorgeprinzip (nur sichere Technik dürfte dann ins Freie) ist heute nicht einmal bei Arzneimitteln realisiert. Selbst so banale Dinge wie die Wärmedämmung, sind eine hochgefährliche Angelegenheit, sieht man genauer hin.[v]  Und die neuen Technik- und Wissenschaftsfelder (Biotechnologie, Neurowissenschaft, Nanotechnik, Robotik, usw.) sind transhumanistisch[vi] orientiert: Mensch kombiniert mit Technik, der rundumtransplantierte und implantierte Cyborg als technikfasziniertes Monster.

Politik

Politische Parteien verstanden sich als Organisationen zur Bündelung gesellschaftlicher Interessen. Nicht aus Menschenliebe, denn Politikern ging es persönlich natürlich stets auch um Macht, Anerkennung und ihr materielles Auskommen. Die Sprachrohr-Funktion war gewissermaßen die Geschäftsidee im System der repräsentativen Demokratie.

Foto: Kollmann

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Aber „Übrig geblieben ist der kühl kalkulierende Pragmatiker, der schon beim geringsten Gegenwind aus den politischen Schuhen kippt und seine politischen Vorstellungen der jeweiligen Stimmungslage anpasst. Einerseits. Andererseits der stromlinienförmig, stets mit der Masse schwimmende Populist, der vor allem die Förderung seiner eigenen Karriere im Auge hat.“[vii] Und, „…nur bestimmte Seilschaften und Cliquen, die sich durch Wohlverhalten auszeichnen, (haben) Aufstiegschancen in den Parteien.“[viii]

Außerdem: Politik, Wirtschaft und Medien sind eng verflochten. Die Skepsis der großen Mehrheiten gegenüber der Politik besteht zu Recht. Politik könnte allerdings mit partizipativen Elementen zu einer gewissen Achtung des Souveräns, als der Bürger gezwungen werden – an sich traurig genug. Ein hübsches Beispiel dafür ist die aktuelle Schweizer „Abzocker-Initiative“[ix], ausgehend von einer Handvoll Leute, erhielt sie schweizweit mehr als zwei Drittel Zustimmung. Engagierte Bürger machen, unabhängig vom Parteienfilz, einfach selbst ihre Gesetze – vielleicht eine der tragfähigen Ideen.

Die Medien

Medien, egal ob große Zeitungen, Funk oder Fernsehen, sind Wirtschaftsunternehmen. Sie informieren, um Geld zu verdienen. Und sie nehmen Geld durch Werbung ein. Viele (Gratisblätter, kommerzielles Fernsehen) leben nur von Werbung. Glaubt da jemand noch, die können unabhängig sein? Ohne Rücksicht auf ihre gut bezahlenden Werbekunden?

Im Nichtwerbungsteil leben diese Medien von ihren Zuschauer- und Leserzahlen. Sie müssen deshalb noch ein paar Inhalte bringen, welche die Leser bei Laune halten, sonst gehen die Werbeeinnahmen bergab und aus ist es. An sich eine Vernichtungsspirale für Aufklärung, wenn Leser und Seher permanent zu müde, zu abgekämpft, zu uninteressiert und zu ungebildet für das große Ganze sind. Um was es wirklich geht, zeigen die den Zeitungen beigelegten Magazine heute druckfrisch wöchentlich aufs Neue: Konsum, Distinktion, Anerkennung durch Geldausgeben.

Foto: Kollmann

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Das G-M-S-A-Syndrom

Die wesentlichen Triebkräfte für Menschen sind Geld, Macht, Sex und dann Anerkennung bzw. Aufmerksamkeit. Vier große interessensgeleiteter Stränge. Es gäbe noch was anderes: Conviviality – interesseloses, angenehmes Miteinander; sich wohlfühlen mit anderen Menschen, Gemeinschaft, Solidarität. Geschenkkultur statt Geschäft. Das blitzt selten, aber doch noch durch, und sei es nur in einer Fußgängerzone wo ein Einzelner zu singen oder Gitarre zu spielen beginnt.

Mit dem interesselosen Wohlgefallen (für dieses Gemeinsame gibt es gar nicht so viele passende Worte) nimmt so etwas wie Menschenwürde Platz unter uns. Es geht nicht mehr um Geld, Macht, die Triebstruktur oder Anerkennung, sondern einfach um ein angenehmes Leben oder die Durchsetzung gemeinsamer Interessen. So war das in den Konzerten der 68er Ära, so war das wahrscheinlich im „Occupy Wallstreet“ – Zeltlager[x], bei den Indignados auf der Plaza del Sol in Madrid,[xi] den Castor-Demonstrationen[xii] in Deutschland oder dem Arabischen Frühling in Nordafrika im Jahr 2011.

Alles ist im Fluß

Natur und Gesellschaft: Politik, Wirtschaft, Technik, Medien und das eingetrocknete Sozialleben sind nach wie vor im Fluß. Und damit sind alle diese Bereiche auch gestaltbar. Wer nicht mitgestaltet, wird von anderen gestaltet: „Schweigen heißt Zustimmung“ – ungewöhnlich, daß man heute dafür sogar schon kommerzielle Werbung zitieren kann; mit „Make Yourself Heard“ bewarb der frühere schwedische Mobiltelephonhersteller Ericsson Anfang der 2000er Jahre seine Geräte: Verschaff dir Gehör. Wenn nicht, gehst du unter. Denk selber nach, sonst denken andere für dich. Das wollen Menschen auch nicht. Vielleicht sollte man es mit ein paar kritischen Bausteinen erneut probieren?



[i] Markus Metz, Georg Seeßlen: Kapitalismus als Spektakel. Berlin 2012.

[ii] Der Fall Marianne Bachmeier, vgl.  Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Bachmeier

[iv] Vgl. dazu Tomas Sedlacek: Die Ökonomie von Gut und Böse. München 2012.

[v] Wolfgang Horch: Vorsicht, Wärmedämmung! Teuer und risikoreich. in: Hamburger Abendblatt, 2. 3. 2013, http://www.abendblatt.de/wirtschaft/article114064380/Vorsicht-Waermedaemmung-Teuer-und-risikoreich.html .

[vi] Vgl.  Wikipedia Transhumanismus http://de.wikipedia.org/wiki/Transhumanismus .
Im Schönsprech heißt das dann: „Humanity+“ http://humanityplus.org/ .

[vii] Rudolf Maresch: Beherzte Politik. Massenhysterie, Opportunismus, Energiewende. Deutschland nach Fukushima, telepolis, 17. 04. 2011. http://www.heise.de/tp/artikel/34/34576/3.html .

[viii] So der österreichische Ex-ÖVP-Politiker Heinrich Neisser, in: Salzburger Nachrichten, 27. 9. 2011, S 3.

[xi] Spain’s indignados mark anniversary with protests – in pictures, The Guardian, 13. 5. 2012, http://www.guardian.co.uk/world/gallery/2012/may/13/spain-indigado-anniversary-protests-in-pictures

[xii] Ole Reißmann:  Anti-Castor-Demo im Wendland: Atomkraftgegner feiern Protest-Party, Spiegel-online,
6. 11. 2010, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/anti-castor-demo-im-wendland-atomkraftgegner-feiern-protest-party-a-727684.html

Über Karl Kollmann

Karl Kollmann, Titularprofesser der WU-Wien, Vorsitzender des österreichischen Verbraucherrates (ASI), viele Jahre in der Verbraucherpolitik tätig, früher auch Berater der Europäischen Union in Verbraucherfragen. Beschäftigt sich mit Konsum- und Haushaltsökonomie sowie Technikökonomie. Weitere Artikel