Ökonomen bescheinigen Europa den politischen Bankrott

Zypern sei nicht nur ein Warnschuss. Zypern sei ein Desaster, das Europa über die Menschheit bringe. Und einer vergleicht das Zypern-Hilfspaket gar mit dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand, das als Auslöser des Ersten Weltkriegs gilt.

 

Wie tröstlich, dass nicht nur die Menschen auf Zypern große Probleme haben. Selbst im reichen Deutschland  gibt es so einiges, was die Bürger bedrückt. So sehr sogar, dass es bis zur Schlagzeile im Spiegel reicht. Ich wusste gar nicht, dass Weltmeister Paul Breitner um die Thuja-Hecken auf seinem Grundstück im bayerischen Oberpframmern kämpfen muss. Und das gegen den renitenten Bürgermeister.

Breitner will Sichtschutz. Im Rathaus fürchtet man Nachteile für die Vogelbrut. – Und das geht natürlich nicht. In diesen Titanen-Kampf in der süddeutschen Provinz hat sich jetzt der Gemeinderat eingeschaltet.

Wenigstens wird in Bayern demokratisch verfahren. Auf Zypern hätte man Breitners Gartenhecke kurzerhand von der Troika entfernen lassen. Die Notenbank hätte  dann das Geld für den Gärtner gleich zusammen mit dem Restbetrag über 100.000 Euro vom Konto eingezogen.

Die gute Nachricht ist: Wir brauchen den Thuja-Trouble des weiß-blauen Ex-Weltmeisters gar nicht, um die Webseite des Spiegel zu füllen. Das liegt vor allem an den wirtschaftlichen Bremsspuren, die in diesen Wochen zunehmen. Wir können sie bis nach Amerika sehen.

Vertrauen gesunken

In den USA fiel im laufenden Monat laut dem Conference Board der Vertrauens-Index der Verbraucher gegenüber dem Vormonat. Grund sind die Zwangseinsparungen im Bundeshaushalt. Und ganz sicher auch die erneut aufflammende Krise im Euroland, die wegen der Konfiszierung von Bankguthaben selbst auf der anderen Seite des Atlantiks besorgte Blicke und Kommentare provoziert.

Der Konsum-Index liegt jetzt bei 59,7, nach 68 im Februar. Von der Marke bei 90 Zählern, ab der eine gesunde Konjunktur signalisiert wird, ist das noch satte 50 Prozent entfernt.

Natürlich würde das in der größten Volkswirtschaft der Erde mit ihrer ausgeprägten Sieger-Mentalität nie jemand so schroff eingestehen. Daher macht sich der Aktienmarkt in New York unbeeindruckt zu immer neuen Höchstständen auf.

Einwände wie die vom Chef des U.S. News & World Report, Mortimer Zuckerman, die US-Wirtschaft habe seit 2010 trotz einer Expansion der Geldmenge von 1 Billion Dollar – und trotz der expansivsten Budgetpolitik in der Geschichte – an Schwung verloren, lässt man nicht gelten.

Die „Große Illusion“

Zuckerman nennt die aktuelle Phase in den USA nach der Großen Rezession die “Große Illusion.” Im Wall Street Journal erklärte er gestern, warum er das so sieht: Rosiges Gerede und kosmetisch aufbereitete Statistiken “ergeben ein besseres Bild, als es die Fakten erlauben.”

Das wäre in diesem Blog nicht einmal eine Nachricht. Und in den USA ? Ignorieren macht glücklich.

Nach jeweils 2,4% BIP-Wachstum 2010 und 2011 habe sich der Zuwachs im vergangenen Jahr auf 1,5 Prozent verlangsamt, so Zuckerman. Damit betrage das addierte BIP-Wachstum der letzten 12 Quartale lediglich 6,3 Prozent. Das ist die langsamste Erholung nach allen 11 Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Wall Street kann so eine pingelige Nabelschau nicht brauchen. Anstatt die eigene Lage kritischer zu inspizieren, wird auf die Europäer eingedroschen. Und zwar heftig. Die Europäer liefern für diese Show derzeit genügend Nachrichten und Gründe.

„Euopa politisch bankrott“

An vorderster Front bei dieser transatlantischen Dresche steht oft der Business Insider. Auf dessen Webseite können wir heute – obwohl das Establishment in Washington seit zwei Jahren vergeblich nach einer dauerhaften Lösung für das Budget-Debakel sucht – lesen, Europa sei politisch bankrott. In der zurückliegenden Woche habe sich die Führung der EU selbst so viel Schaden zugefügt, dass dieser nicht mehr repariert werden könne.

Hier der Original-Ton des Business Insider:

“Over the past week, Europe, or rather the present EU leadership, has done damage to itself it will never be able to repair. It seems to escape everbody, but that doesn’t make it any less true: people from Portugal to Spain to Italy to Greece to Cyprus and Ireland are worse off today than they were when they first adopted the euro. Moreover, their economies are all getting worse as we speak and projected to plunge further. The once highly touted blessings of the common currency are by now lost on most of southern Europe; for them, the euro has been a shortcut to disaster.“

Auf CNBC warnte der Finanzexperte James Grant, Herausgeber des Interest Rate Observer, Zypern sei ein Warnschuss, der rund um den Globus zu hören sei. Man könne die Konfiszierung von Bankeinlagen rückgängig machen, aber die Idee bleibe wie ein Monster im Raum stehen und entsetze die Menschen. Die entsetzliche Botschaft aus Zypern laute, „Dein Geld ist nicht Dein Geld, wenn der Staat es braucht.”

Und Milliardär Steve Forbes sieht im Zypern-Deal ein Desaster für alle, das Europa über die Menschheit bringe: “The idea is out there that now in a crisis politicians won’t hesitate to seize any asset they can lay their hands on. So it just guarantees more fear in the future when a crisis comes, which it will come.”

Und Washington Post-Kolumnist Charles Krauthammer vergleicht Zypern, dessen Hilfspaket einen vergleichsweise “trivialen” Betrag darstelle, mit dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand, das als Auslöser des Ersten Weltkriegs gilt.

Vielleicht – und das wäre endlich eine gute Nachricht – macht ja die halsstarrige Rally am Aktienmarkt der Wall Street in diesem Lichte betrachtet endlich Sinn.

Wir sollten den zum Himmel stürmenden Dow Jones Index nicht mehr als schreienden Ausdruck der Ignoranz verstehen, sondern als Beruhigungsmittel genießen. Ich werde mich heute den ganzen Tag vor die Bloomberg-Glotze setzen und einfach nur die schönen Kurse bewundern.

Und wehe, wenn Ihr Pump-Affen bei der Fed heute Eure Hausaufgaben nicht ordentlich macht und mir den Tag versaut, wo ich endlich auf den Trichter gekommen bin !

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Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel