Frankreichs Feldzug folgt kolonialistischen Großmachtfantasien

„Das Ziel ist die völlige Rückeroberung Malis“, sagt Verteidigungsminister Jean Yves Le Drian. Tatsächlich stehen französische Spezial-Trupen bereits in Niger. Und die USA haben großes Verständnis für diese Form der „Interessenvertretung“.

Man mag mir verzeihen, aber als ich jetzt im Zusammenhang mit dem Krieg in Mali die Meldung las, dass die französische Armee Spezialeinheiten zum Schutz der Uranminen in den  Niger geschickt hat, wurden unweigerlich Erinnerungsfetzen reanimiert: Zum einen waren es Textfragmente einer bestimmten Marschmusik zu Großmachtfantasien aus unsäglichen Zeiten deutscher Geschichte, zum anderen war es George Carlin’s bissige Kritik an US-Militär-Interventionen – hier ein Video-Beispiel:

Angesichts der bisherigen Entwicklungen in Algerien, Mali und Niger erscheint mir eine Bemerkung von Hillary Clinton recht unklug, aber typisch für amerikanische Militär-Terminologie zu sein:

“You can’t say because they haven’t done something they’re not going to do it!” (Ihr könnt nicht behaupten, dass sie nichts tun werden, nur weil sie es bisher noch nicht getan haben.“)

Erhebt sich an der Stelle nicht die Frage nach den Folgen solcher Agitation? Kaum vorstellbar, dass die al-Qaida im Maghreb (AQIM) solche Worte kritiklos ihrer Sammlung amerikanischen Humor’s beifügen wird. Der Dame scheint nicht klar zu sein: „Wer Hass sät, könnte Terror ernten”.

Mit dem “vorsorglichen” Niger-Einmarsch französischer Truppen dürfte zwischenzeitlich jedem klar geworden sein, dass Hollande mit seiner „Erste-Hilfe-Zusicherung“ die wahren Gründe militärischen Eingreifens (Support des Areva-Investments und Sicherung von Rohstoffen für die französische Industrie) nur temporär verschleiern wollte. Hollande:

„Wir sehen uns einem brutalem Angriff gegenüber. Deswegen habe ich entschieden, dass Frankreich, gemeinsam mit seinen afrikanischen Partnern auf die Bitte Malis antworten wird. Wir werden das im Rahmen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen tun. Wir werden bereit sein, die terroristische Offensive zu stoppen, sollte sie weiter fortgesetzt werden. Denn das ist unsere Pflicht im Hinblick auf unsere Solidarität und Verantwortung gegenüber Mali.”

Wie überall auf der Welt, wenn signifikante wirtschaftliche Interessen einer Gefährdungslage ausgesetzt sind und eventuell eingesetzte “Economic-Hit-Man” unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten, schickt man mit “Doppel-Null-Lizenzen” ausgestattete Berufs-Blechtrommler in solche Krisengebiete!

Die Sahara-Region / Quelle: Wikipedia: Peter Fitzgerald

Die Sahara-Region / Quelle: Wikipedia: Peter Fitzgerald

Wie wäre es denn, wenn die Boni-Abgreifer und ihre gierigen Anteilseigner lange bevor es zu solchen Gewalt-Exzessen kommen kann, darauf verzichten würden, hunderte von Millionen an korrupte Polit-Banden für den Erhalt von Schürfrechten und Lizenzen zu zahlen und stattdessen in infrastrukturelle Maßnahmen zu investieren, die den dort lebenden Menschen statt sklavenähnlicher Ausbeutung menschenwürdige Zukunftsperspektiven aufzeigen könnte?

Ich hoffe dieser Ausflug in vermutlich unerfüllbare Träume sei mir gestattet, zumal zu befürchten ist, dass sich die nunmehr mit US-Drohnen unterstützte militärische Schnitzeljagd auch auf andere hübsche Ausflugsgebiete wie Tschad, Kamerun, Burkina Faso oder Benin ausdehnen könnte.

Der weltweit erkennbare Verteilungskampf um kostbare Rohstoffe – als innenpolitisches Ablenkungsmanöver für eklatantes Polit- und Staatsversagens – dürfte in die nächste Runde gehen: einer mit teilweise fadenscheinigen Argumenten betriebenen Re-Kolonialisierung schein-souveräner afrikanischer Staaten!

Vermutlich werden in diesen Zusammenhang auch die an die Adresse von US-Präsident Barack Obama gerichteten fromme Worte des in Kapstadt ansässigen Erzbischof’s Stephen Brislin nicht wirklich weiterhelfen:

„Wir haben mehr von ihm erwartet – auch angesichts seiner afrikanischen Wurzeln. Wir hatten gedacht, er interessiert sich für die Zukunft des afrikanischen Kontinents, für sein Schicksal.“

Bereits im Juni 2012 erläuterte Barack Obama seine künftige Afrika-Strategie: Ziel sei es, so der amerikanische Präsident, für Verbesserung, Sicherheit und Demokratie auf dem Kontinent, der vor Bedrohungen durch al-Qaida und inmitten einer chinesischen Wirtschafts-Offensive steht, Sorge tragen zu wollen.
Aufmerksame politische Beobachter konnten bereits damals erahnen, mit welchen Mitteln man solch hehren Ziele umsetzen könnte. Die aktuelle Lage bestätigt solche Befürchtungen.

Aus dem Pentagon war gerade von dessen Sprecher, George Little, ganz im Sinne Clinton’scher Semantik zu hören:

“AQIM poses a threat in the region, and I can’t rule out the possibility that AQIM poses a threat to US interests.”(„AQIM stellt eine Bedrohung für die Region dar, und ich kann die Möglichkeit nicht ausschließen, dass AQIM auch führ die US-Interessen eine Bedrohung darstellt.“)

Und Monsieur Hollande? Sein Verteidigungs-Minister Jean-Yves Le Drian sagt:

„Das Ziel ist die völlige Rückeroberung Malis.”

Folgt man diesen Einschätzungen, könnte der Eindruck entstehen, dass die Träume des Französischen Präsidenten von einer Renaissance französischer Kolonialherrschaft geprägt sein könnten.
Weitere Beiträge vom Oeconomicus finden Sie hier!

Print Friendly, PDF & Email
Über Oeconomicus

Der Oeconomicus beschäftigt sich, wie der Name schon sagt, mit allen Themen rund um die Ökonomie. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel