Eine Nation redet sich um den Verstand!
Eine Nation redet sich um den Verstand!

Eine Nation redet sich um den Verstand!

Endlich: Eine aktuelle Studie hat die Talkshows im deutschen Fernsehen analysiert. Ihr Ergebnis schmeichelt den Machern keineswegs: "Zu viel Show, zu wenig Substanz".

Es ist jeden Abend das gleiche Ritual. Sie sitzen bei Günther Jauch, Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Anne Will,  Maybritt Illner oder Markus Lanz. Politiker, Wirtschafts-Größen, Schauspieler oder irgendwelche auf die merkwürdigste Art und Weise irgendwie „prominent“ gewordene Selbstdarsteller werden vor die Kamera gezerrt, damit sie reden, reden und nochmals reden. Kontrovers soll es zugehen. Gegensätzlich. Provozierend. Aufwühlend.

Zu diesem Zweck wird die Runde zusammengestellt. Hier ein Rechter, da ein Linker, dazwischen ein Anarcho und ein Bankmanager – die ideale Runde ist dann gefunden, wenn Menschen aufeinandertreffen, die sich eigentlich gar nichts zu sagen haben und schon deshalb konsequent aneinander vorbeireden.

Um Inhalte geht es schon lange nicht mehr. Inhalte dienen allenfalls als Alibi für die Fragen, die wiederum nur die Runde auflockern sollen, damit der Moderator einem anderen das Wort erteilen kann.

Themen sind wichtig. Sie sind der Köder fürs Publikum. Also wird immer das Thema angekündigt, was die Menschen nach Ansicht der Talkshow-Macher gerade zu bewegen scheint. Worüber die Gäste dann tatsächlich reden, ist letztlich egal. Hauptsache der Moderator kommt gelegentlich drauf zurück.

Im vergangenen Jahr wurden am häufigsten Sendungen über die Finanzkrise angekündigt. Wirklich zu sagen hatten da nur wenige etwas. Zu den Wenigen gehörten Dirk Müller oder Sahra Wagenknecht. Der Rest hat herumgeschwafelt. Der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gestand die Mitschuld der Banken bei der europäischen Finanzkrise ein, und sein Gegenüber Daniel Cohn-Bendit von den Grünen merkte es ebenso wenig wie der Moderator Jauch.

Geradezu unterirdisch waren übrigens die Jauchschen Talk-Runden zu Christian Wulff. Erinnern Sie sich noch, wie Renate Künast und andere sich öffentlich über dessen finanzielle Lage nach der Scheidung von seiner ersten Frau ausließen?

Zu den häufigsten Gästen im vergangenen Jahr gehörten Ursula von der Leyen und Wolfgang Kubicki (beide 9 Auftritte), Sahra Wagenknecht, Wolfgang Bosbach (je 8 Auftritte) und Jakob Augstein mit 7 Auftritten.

Mit diesem ganzen Talkshow-Irrsinn haben sich 35 Studenten der Universität Koblenz-Landau nun wissenschaftlich beschäftigt. Heraus kam eine 290 Seiten lange Dokumentation „Die Talk-Republik“. Ihr Ergebnis:

„Zuviel Gleichförmigkeit bei Köpfen und Konzepten, zu wenig Tiefe bei der Präsentation der Argumente, zu viel Meinungsabfrage und zu wenig echter Gedankenaustausch. Kurz: Zu viel Show und zu wenig Substanz.“

Oder anders ausgedrückt: Eine Nation redet sich um den Verstand!

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel