„Fukushima ist ein nationales Verbrechen“

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Fukushima war für Japan nicht nur ein historisches Unglück, es war womöglich ein „nationales Verbrechen“. Das jedenfalls behauptet der Direktor des Hokkaido Krebs-Zentrums, Nishio Masamichi,  jetzt in einem Aufsatz  für das angesehen Wirtschaftsmagazin „Toyo Keizai“, das „The Asia Pacific Journal“  in englischer Übersetzung veröffentlicht.

Als die Atomreaktoren explodierten, war der angesehene Strahlenmediziner Masamichi einer derjenigen, die zu Ruhe und Besonnenheit mahnten. Er glaubte den Angaben des Energiekonzerns TEPCO und der Regierung. Inzwischen hat sich seine Sichtweise grundsätzlich gewandelt. Sein Aufsatz ist eine Abrechnung mit einem zweifelhaften Politik- und Wirtschaftsverständnis, das seine Bürger nicht schützt, sondern hintergeht und sogar missbraucht.

So sei die Freigabe der Daten des teuren „SPEEDI“-Systems bewusst zwölf Tage lang verzögert worden. „Es nur vorstellbar, dass die große Menge an Radioaktivität, die freigesetzt wurde, nur deshalb nicht bekannt gemacht wurde, weil sie einen Panikausbruch fürchteten“, schreibt der Strahlenmediziner.

Der frühere Innenminister Haraguchi Kazuhiro habe unterstellt, dass die tatsächliche Strahlung drei Dezimalstellen größer gewesen sei als die der Öffentlichkeit mitgeteilten Zahlen. „Wenn das wahr ist, stellt dies ein nationales Verrechen dar“, so der Strahlenmediziner.

Die Verantwortlichen des Energieunternehmens TEPCO hätten den Menschen bewusst die Wahrheit verheimlicht, weil sie Überleben des Konzerns über die Gesundheit der Bevölkerung gestellt hätten. Sämtliche Bürokraten seien nicht in der Lage gewesen, verlässliche Informationen über die Wirkung radioaktiver Strahlung zusammenzustellen und eine sinnvolle Handlungsstrategie daraus abzuleiten, schreibt Masamichi heute.  Dem Premierminister und seinem Kabinett wirft er vor, es mangele ihnen an Führungsfähigkeit und dem notwendigen Sinn für eiliges Handeln. Andere Politiker hätten die Krise sogar für inner- und außerparteiliche Streitigkeiten benutzt. Und dann leide das Land unter all den Industrielobbyisten und „akademischen Lakaien“ der Regierung, die mitgeholfen hätten, den Mythos der nuklearen Sicherheit zu schaffen.

Mit Blick auf all diese Fakten, schreibt Masamichi: „Ich sehe keinerlei Hoffnung für Japan. Diese Umstände sind schlicht tragisch.“

Aber auch die Medien zählt der Strahlenmediziner zu den Mitschuldigen. Sie seien nicht in der Lage gewesen, die Bevölkerung mit fundierten und gesicherten Informationen zu versorgen. Von den Chefredakteuren sei der Kurs vorgegeben worden, die Medien sollten alles tun, um Panik zu vermeiden. Dahinter sei der Anspruch, die Wahrheit zu kommunizieren, zurückgefallen.

Nachdem er die Arbeitsbedingungen der Rettungskräfte eingehend untersucht hat, kommt der Leiter des Krebs-Zentrums zu dem Schluss: „Sie sind nicht einmal wie menschliche Wesen behandelt worden.“ Obwohl es in der Nähe Hotels gegeben habe, mussten die Retter in Baracken ohne jede Privatsphäre schlafen. Er vermutet, TEPCO habe dies angeordnet, um eine Flucht der Arbeiter zu verhindern.

Über die Hubschrauber, die Wasser über den brennenden Reaktoren abgekippt haben, schreibt Masamichi, sie seien mit so schwachen Schutzschilden gegen Radioaktivität ausgestattet gewesen, wie sie in den Röntgensälen eines Klinikums gebräuchlich seien.

Günther Lachmann am 5. Julia 2011 für Welt Online

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel