60 Jahre Kennedy-Attentat und die erst jetzt aufgetauchte letzte Kugel

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60 Jahre nach dem Mord an John F. Kennedy lüftet ein heute 88-jähriger CIA-Agent ein Geheimnis: Es gab eine bisher verschwiegene Kugel. Stirbt nun der Mythos?

Für John Connally, den frisch ins Amt gewählten Gouverneur von Texas, sollte der 22. November 1963 in Dallas eigentlich ein freudiger Tag sein. Der 35. Präsident der USA traf zum Besuch ein, mit ihm seine glamouröse Gattin Jacqueline, Spitzname Jackie, und last but not least Vizepräsident Lyndon B. Johnson. Mit ihm verband Connally eine politische und persönliche Freundschaft – mit dem 35. Präsidenten der USA mehr ein kühle parteipolitische.

Der Papst war es nicht!

Womit wir bei einer der unzähligen Konspirationstheorien rund um den Mord an Nr. 35 angelangt sind: Waren der texanische Gouverneur und sein Freund Johnson Verschwörer? Die Spannbreite an vermuteten Auftraggebern für das Attentat ist breit: die Sowjets, Fidel Castro, die Exil-Kubaner in Florida, die Chinesen, der Vietcong, der CIA, die US-Notenbank Fed, die Chicagoer oder New Yorker Mafia und sogar Außerirdische! Beim Kennedy-Attentat blühen Phantasien und Verschwörungstheorien wie bei kaum einem anderen Mordanschlag auf einen Staatsführer. Auch sechs Jahrzehnte nach den Schüssen von Dallas ist das so – nur weshalb?

Republik mit Schönheitsfehlern

Die Antwort ist recht einfach: Die Amerikaner leiden unter dem Phantomschmerz, keine Monarchie zu haben. Der in den USA bekannte konservative Journalist Robert Samuelson hat es auf den Punkt gebracht, indem er bei seinen Landsleuten eine nicht enden wollende Fixierung auf die Kennedys sieht. Diese seien der Beweis dafür, dass sich Amerika in Ermangelung einer echten Monarchie ein Behelfskönigspaar geschaffen habe.

Am Beginn der USA stand mit George Washington ein von der britischen Herrschaft und dem Königtum geprägter Politiker. So erging es ebenso den übrigen Freiheitskämpfern, die zwar die Unabhängigkeit und die Republik wollten. Jedoch fiel es ihnen schwer, alles Royale hinter sich zu lassen.

Ernsthaft diskutierten die Gründungsväter, ob das Staatsoberhaupt nicht doch den Titel eines Königs auf Zeit erhalten sollte oder zumindest der Präsident mit Hoheit anzusprechen sei. Das Ergebnis ist bekannt, aber die Sehnsucht nach monarchischem Glanz hat überdauert. Was heutzutage importierte Surrogate wie das Herzogspaar Harry und Meghan notdürftig bespielen, haben die Kennedys als ureigene royale US-Variante perfekt bedient.

Sinn und Sinnlichkeit mit den Kennedys

Mit dem strahlenden Wahlsieger vom November 1960 gegen den im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehenden Gegner Richard Nixon, zog der bis heute jüngste amerikanische Präsident aller Zeiten ins Weiße Haus. Neben ihm die attraktive, elegante First Lady Jackie, die nach Amtsantritt des Gatten die Regierungsvilla in Washington von Grund auf renovieren ließ. Der Muff der Vorgänger sollte ausziehen, und dieses Präsidentenpaar machte grundsätzlich vieles anders. Sie zeigten sich den Bürgern, wann immer es ging, sie reisten meist gemeinsam im In- und Ausland und sie nutzten das neue Massenmedium Fernsehen.

Wenn die Kennedys Hof hielten, stand die Welt Kopf. Nach den Jahren der Nachkriegszeit mit den drögen Präsidenten Truman und Eisenhower, gierten die Amerikaner regelrecht nach Glanz und Gloria. John F. Kennedy und seine Frau sorgten dafür und für noch etwas Wichtigeres: Sie belebten einen besonderen Zusatzartikel der US-Verfassung mit neuem Geist – den Persuit of happyness. Mit diesem Streben nach Glück sollte der Bürger sich im Dienst am Land selbst und die USA auf neue Höhen führen. Kennedys Ankündigung einer Mondmission ist dafür eines der besten Beispiele. Besser, Höher, Weiter – bis heute in der DNA der USA – war geboren.  

Zwei Mörder und zu viele Kugeln

Pünktlich zum 60. Jahrestag des Attentats ist ein neues Buch zu den Umständen auf dem Markt. Mit „The Last Witness – Der letzte Zeuge“ – will der 88-jährige pensionierte CIA-Agent Paul Landis Licht ins Dunkel bringen. Er war in Dallas als Leibwächter nah am Geschehen dran und sieht ein zusätzliches Projektil als Beweis, dass es kein Einzeltäter gewesen sein konnte.

Landis behauptet, dass er in einer Sesselfalte des Cabrios, in dem die Kennedys mit dem Gouverneurspaar saßen, eine Kugel gefunden haben will. Damit erschüttert er die Einzeltätererzählung, die sich auf den kurze Zeit nach dem Anschlag festgenommenen Lee Harvey Oswald konzentriert. Dessen Schicksal besiegelte nicht ein Gericht, das sicherlich die Todesstrafe verhängt hätte, sondern im Zuge der Festnahme der Kleinkriminelle Jack Ruby. Jener erschoss kaltblütig Oswald zwei Tage nach dem Attentat während dessen Gefängnisverlegung vor Polizisten und Reportern.

Mord Nr. 2 löste fast so viele Spekulationen um die Hintergründe aus wie Kennedys Ende. Ruby selbst sollte wenig Sinnvolles zur Aufklärung beitragen. Vor Gericht mäanderte er zwischen Verschwörungen über eine neue Schoa, die er als Jude verhindern wollte und der Behauptung, er habe Oswald Jackie Kennedy zuliebe getötet.

Auf Prozessbeobachter wirkte der Angeklagte häufig verwirrt, wankelmütig und in seinen Motiven rätselhaft. Sein Verteidiger plädierte auf mildernde Umstände wegen Unzurechnungsfähigkeit. Doch Rubys Schicksal war besiegelt: Zum Tode verurteilt starb er 1966 im Gefängniskrankenhaus. Er blieb bis zuletzt dabei, dass er allein für den Mord an Oswald verantwortlich sei und es keine Verschwörung mit Hintermännern gegeben habe. Wo versteckt sich nun die Wahrheit?

Alte Theorien und neue Erkenntnisse

Offiziell sind aus dem sechsten Stock eines Lagers drei Schüsse von Oswald abgefeuert worden, wovon zwei den Präsidenten von hinten trafen. Die dritte Kugel schlug in einen Brückenpfosten ein. Kennedys Leibwächter Paul Landis ist sich sicher, dass es einen zweiten Todesschützen gegeben haben muss. Wie anders sollte die Kugel ins Cabrio geraten sein?

Laut amtlichem Bericht soll dieses Geschoss eine atemberaubende Flugbahn genommen haben: Eingeschlagen in den Nacken Kennedys, am Hals wieder ausgetreten, danach in den Rücken des vor dem Präsidenten sitzenden Gouverneurs Connally eingedrungen, dann dessen Lunge und Handgelenk durchgeschlagen, bevor es im Oberschenkel des Texaners stecken geblieben sein soll. Wie kann diese Kugel dann jene von Landis gefundene im Cabrio sein? Ist diese amtliche Erklärung glaubhaft?

Nun, nicht für den Ex-CIA-Mann und auch nicht für die Mediziner, die Kennedy obduzierten. In einer TV-Dokumentation zum 60. Jahrestag brechen sie ihr Schweigen. Joe Goldstrich erklärt, dass er und seine Kollegen aus Angst vor Meuchelmördern so lange geschwiegen hätten. Mit ihren Aussagen platzte eine Bombe: Der Präsident habe neben der tödlichen Schusswunde am Hinterkopf auf der Halsvorderseite in Höhe des Krawattenkragens eine zweite Eintrittswunde aufgewiesen. Daher gibt es für die Ärzte nur eine folgerichtige Erklärung: Es muss ein zweiter Schütze auf JFK geschossen haben!

Auch Fox News befeuert die Verschwörungstheorien mit einem Bericht über aufgetauchte Akten in der John F. Kennedy-Bibliothek in Boston. Darin hat der Publizist Stephen Knott einen Augenzeugenbericht entdeckt, in dem von einem Attentatsversuch auf Kennedy bei einem Autocorso durch Springfield/Illinois im Oktober 1962 die Rede ist. Eine Parallele zur tödlichen Cabrio-Fahrt durch Dallas ein gutes Jahr später drängt sich auf. Doch wie kam es zu den vielen Verschwörungsgerüchten?

König Artus von Amerika

Noch auf dem Rückflug des präsidialen Trosses nach Washington D.C. legten einige der Protagonisten unfreiwillig die Basis für erste Gerüchte. Allen voran die neue Nr. 1: Lyndon B. Johnson ließ eilig einen Richter herbeischaffen, der ihn noch in der Air Force One zum 36. Präsidenten der USA vereidigte. Berater, die ihm rieten, damit bis zur Ankunft in der Hauptstadt zu warten und die Pietät zu wahren, wies er in die Schranken.

Die junge Witwe musste in ihrem blutverschmierten Kostüm sichtlich apathisch der Zeremonie beiwohnen, für die sie Johnson als eine Art Kronzeugin der Machtübergabe inszenierte. Noch viele Jahre später konnte Jackie Kennedy ihre Abneigung gegenüber dem Nachfolger ihres Mannes kaum verbergen, der sie noch vor dem Abflug aus Dallas gedrängt haben soll, ein sauberes Kleid anzuziehen. War also Johnsons Vereidigung real und symbolhaft mit dem Blut Kennedys besudelt?

Die Ex-First Lady strickte am Mythos Kennedy fleißig mit, indem sie gegenüber Medien rund um das hoch emotionale Staatsbegräbnis die Amtszeit ihres Mannes als die Tausend Tage von Camelot verklärte. Wie der sagenumwobene König Artus, so habe auch JFK regiert: edelmütig, weise und gütig, um die Amerikaner in eine bessere Zukunft zu führen.

Historiker zeichnen inzwischen ein differenzierteres Bild von Kennedy, und zwar das eines wankelmütigen, kränkelnden, depressiven und sexsüchtigen Politikers. Ja, er war ein begabter Kommunikator und meisterlich in seinen Inszenierungen. Aber nein, er war nicht die Lichtgestalt, als die ihn der Kennedy-Clan darstellt und als die ihn noch viele Amerikaner sehen.

JFK hat das Amt des US-Präsidenten neu definiert, als die wertvollste Marke des Landes. Mehr oder weniger alle seine Nachfolger haben sich daran orientiert, nicht zuletzt Bill Clinton und Donald Trump. 60 Jahre nach seinem Tod und viele Filme, Bücher und Dokumentationen später bleiben mehr Fragen als Antworten. Soll am Ende gar nicht alles aufgeklärt werden, damit der Mythos weiterlebt?

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dragaoNordestino
3 Monate her

<i>Historiker zeichnen inzwischen ein differenzierteres Bild von Kennedy, und zwar das eines wankelmütigen, kränkelnden, depressiven und sexsüchtigen Politikers.</i>

Ich weis nichts über Kennedy…. jedoch erstaunt dieser Satz, denn in der Zeit der allgemeinen politischen Puppet-show und Geschichtsumschreibung, kommt dieser eher schräg und manipulativ rüber.

Ketzerlehrling
Ketzerlehrling
3 Monate her

Die Wahrheit ist vermutlich immer noch zu heiss, so dass niemand erfahren wird, wer für die Ermordung von JFK tatsächlich verantwortlich war. Oswald war nur ein Handlanger, das dürfte klar sein und sein Mörder ebenfalls.

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