Leopoldine von Habsburg und die Unabhängigkeit Brasiliens

BOULEVARD ROYAL

Leopoldine als Regentin 1822 mit ihrem Mann Pedro I. Das Bild befindet sich Museu Histórico Nacinal in Rio de Janeiro / Quelle: Wikipedia, public domain; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maria_Leopoldina_regent.jpg Leopoldine als Regentin 1822 mit ihrem Mann Pedro I. Das Bild befindet sich Museu Histórico Nacinal in Rio de Janeiro / Quelle: Wikipedia, public domain; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maria_Leopoldina_regent.jpg

Wie die Wiener Erzherzogin Leopoldine von Habsburg Brasilien von Portugal löste und die Grundlage legte für eine der größten botanischen Sammlungen tropischer Pflanzen weltweit.

Am Anfang war Napoleon. Der prägnante Satz im ersten Band des Standardwerks Deutsche Geschichte 1800-1918 von Thomas Nipperdey gilt für die europäischen Umwälzungen. Aber auch für außereuropäische Gebiete wie Brasilien. Die portugiesische Kolonie war der Rettungsanker für die Königsfamilie der Braganza, die nach Napoleons Einmarsch aus Lissabon floh. In Rio de Janeiro schlug sie ihre Zelte auf mit Folgen, die bis ins heutige Brasilien reichen.

Brasiliens Karten werden neu gemischt

Beim Wiener Kongress fielen nach dem Ende des Kaisers der Franzosen die Würfel neu. Jedoch bestimmte das Gipfeltreffen nicht allein über Grenzen, Armeen und Einflusssphären – es wurde auch eifrig getanzt und verkuppelt. Für die Habsburger sollte sich eine Verkupplung auszahlen: Kaiser Franz I. vermähle seine Tochter Leopoldine mit dem portugiesischen Thronerben Pedro Braganza.

Für Portugal bedeutete die Verbindung vor allem einen Prestigegewinn, denn die Habsburger standen an der Spitze der europäischen Adelspyramide. Österreich erhoffte sich von der Heirat einen Zugang zu den Bodenschätzen Brasiliens, vor allem Kautschuk, Eisen, Edelsteine und Holz. Diese Rechnung ging allerdings nicht ganz auf.

Prinzessin mit Forscherdrang

Leopoldine zeigte sich bereits als Kind als äußerst wissbegierig mit einem Faible für Flora und Fauna. Durch ihren Privatlehrer darin unterrichtet, hatte die Prinzessin eine vergleichsweise umfassende Bildung über die für ihren Stand übliche. Selbst Goethe nahm die junge Prinzessin bei einer Begegnung in Karlsbad als ausgesprochen intelligent wahr und widmete ihr mehrere Gedichte.

Sie galt zudem als politisch interessiert und als Freigeist. Ein Charakterzug, der damals bei Frauen generell als anstößig galt, zumal bei jungen Damen des Hochadels. Für ihr neues Heimatland sollte sich dieser Wesenszug noch auszahlen.

Ihre Familie schwankte, wie sie die neue portugiesisch-brasilianisch-österreichische Allianz bewerten soll. Die einen plagten düsteren Gedanken, ob sie je wiedergesehen werde und es vorkomme, wie der Abschied von einem Sterbenden. Die anderen erfasste Begeisterung, dass sie in Brasilien ihrer Leidenschaft für Pflanzen und Mineralien nachgehen könne und auf einem der größten Throne der Welt sitze. Aber was war das für ein Thron? Und wieso nicht jener in Lissabon?

Brasilien emanzipiert sich

Den brasilianischen Thron gab es streng genommen nicht. Er war ein Notbehelf für die Exil-Zeit der Königsfamilie. Die Braganzas fanden allerdings großen Gefallen an ihrer größten Kolonie, und sie setzten auch nach der Befreiung Portugals von Napoleon ihren Aufenthalt in Rio fort. König Joao VI. baute die brasilianische Hauptstadt zur glanzvollen Residenz aus und legte die Fundamente für die heutige Metropole.

Brasilien hatte für die Königsfamilie einen großen Vorteil – sie konnte ungestört durch liberal-konstitutionelle Kräfte schalten und walten. Und die Sippe konnte sich kräftig die Taschen füllen mit dem Handel. Der König ließ die Häfen für den internationalen Handel öffnen, die bisher nur für Portugiesen zugänglich waren.

In Lissabon wehte inzwischen ein neuer Wind, und die wirtschaftlichen Aktivitäten des Königs blieben nicht unbemerkt. Besitz- und Bildungsbürger zimmerten an einer neuen Verfassung, die den König in seiner Macht empfindlich beschneiden sollte. Keine guten Aussichten für eine Rückkehr.

Jedoch wollte Joao VI. nicht kampflos aufgeben. Er ließ seinen Sohn Pedro mit seiner Leopoldine in Rio zurück und segelte nach Portugal. Die bürgerlichen Konstitutionalisten ließen dem Monarchen keinen großen Spielraum mehr: Akzeptieren oder abdanken! Er entschied sich fürs erste und sicherte sich die Krone.

Lissabon wollte Brasilien nun wieder an die kurze Leine legen und die Autonomie durch die Napoleon-Zeit beenden. Nicht zuletzt um die Warenströme hauptsächlich nach Portugal zu lenken. Das missfiel den dortigen bürgerlichen Kräften, sie sich vor allem aus wohlhabenden Plantagenbesitzern zusammensetzten und von der wirtschaftlichen Öffnung Brasiliens profitierten. Es behagte aber auch Leopoldine nicht, die den Ernst der Lage erkannte, anders als ihr Gatte Pedro.

Ein Playboy auf dem Thron

Pedro Braganza war cholerisch, häufig unbeherrscht, selbst kleinste Ungeschicklichkeiten seiner Diener konnten ihn in Rage bringen. Auch in Sachen Bildung konnte er es nicht mit seiner Frau aufnehmen. Zudem litt er wie viele in seiner Familie an Epilepsie, was wahrscheinlich mit einer gewissen Neigung zu Verwandtenehen zusammenhing. Auf der anderen Seite galt er als stattlicher Mann und konnte charmant sein – zumindest gegenüber Frauen. Auf Leopoldine wartete ein royaler Playboy.

Nachdem die Habsburgerin in Rio mit ihrer großen Wiener Wissenschaftsdelegation begeistert begrüßt wurde, nahm die Ehe in den ersten Jahren eine glückliche Entwicklung. Nach Zeitzeugnissen konnten die beiden kaum die Finger voneinander lassen, was sich in den zahlreichen Schwangerschaften zeigte.

Mit den aufkommenden politischen Problemen kam die dunkle Seite Pedros hervor. Sein einmal gegebenes Wort nahm er kurz darauf wieder zurück, er enttäuschte seine politischen Berater mit ständigem Schwanken in seiner Haltung zur Unabhängigkeit. Dazu kamen immer mehr seine gefürchteten Wutanfälle, die auch nicht mehr vor Leopoldine halt machten. Sein Verhalten galt bei Hofe als völlig erratisch. Nun musste und wollte es die Habsburgerin retten, ansonsten wäre für die Braganzas in Brasilien alles verloren.

Politikerin, Kaiserin, Botanikerin

Pedro wich vor dem zunehmenden politischen Druck nach Sao Paulo aus und ließ Leopoldine in Rio zurück. Da sie sich für ihren Mann als politische Ratgeberin unentbehrlich gemacht hatte und von den Eliten ernstgenommen wurde, schuf Leopoldine Fakten. Lissabon schickte Truppen, um die aufsässige Kolonie unter Kontrolle zu bringen. Doch der Widerstandsgeist der brasilianischen Unabhängigkeitsbewegung war inzwischen zu stark.

Leopoldine bereitete mit den Beratern Pedros und den Vertretern der Bourgeoisie die Erklärung der Unabhängigkeit vor. Im September 1822 war es dann soweit: Brasilien formiert sich als souveräner Staat. Leopoldine gestaltete auch die Repräsentation der neuen Nation. Die bis heute verwendeten Farben in der Flagge gehen auf sie zurück: grün für das Haus Braganza und das Habsburger Gelb.

Der neue Staat litt jedoch an einem entscheidenden Geburtsfehler – die fortbestehende Sklaverei. Sie blieb als sozialer Missstand, als ökonomischer und politischer Faktor ein Sprengsatz. Leopoldine wusste das, traute sich aber nicht, gegen die sklavenhaltenden Großgrundbesitzer vorzugehen, waren sie doch das wirtschaftlich-politische Rückgrat Brasiliens.

Die neue Kaiserin sollte ihr Amt nicht lange genießen können. Ihr liederlicher Gatte führte eine Mätresse bei Hofe ein, die er Leopoldine demonstrativ vorzog. Sie flüchtete sich in ihre botanische Forschung, die sie regelmäßig in die Urwälder des Landes führte. Mit der österreichischen Brasilien-Expedition von 1817-1835 hat sich die Kaiserin als Schirmherrin große wissenschaftliche Verdienste erworben. Die Tausende von Exponaten mit vielen neuen Pflanzen und Tieren und ihrer systematischen Erforschung bildeten den Grundstock des heutigen Weltmuseums in Wien. Nach ihr ist die Palmengattung der Leopoldinae benannte und viele ihrer exakten Zeichnungen beeindrucken noch heute Botaniker.

Die Bombe platzt

Leopoldine starb 11. Dezember 1826 knapp 30-jährig in Rio de Janeiro, wahrscheinlich wegen eines Bauchtritts durch ihren verhaltensgestörten Ehemann während einer erneuten Schwangerschaft. Die dramatischen Ereignisse bei Hofe und der jähe Tod der beliebten Kaiserin empörten viele Brasilianer. Für Pedro bedeutete es den Ruin seines ohnehin schlechten Images. Leopoldines positiver Nachklang hält in Brasilien bis heute an. Für etliche brasilianische Historiker ist sie die wahre Gründerin der Nation und wäre sicherlich das weitaus bessere Staatsoberhaupt gewesen als ihr überforderter Gatte.

Pedro selbst übernahm nach dem Tod seines Vaters den portugiesischen Thron und starb 1834 in seinem Geburtsort Queluz bei Lissabon. Leopoldines Sohn Pedro II. herrschte über 50 Jahre umsichtig und wie seine Mutter wissenschaftlich hoch gebildet über Brasilien. Doch den Sprengsatz der Sklaverei vermochte auch er nicht zu entschärfen und mit der (zu) späten Abschaffung durch seine Tochter Isabella 1889 als letztem Land weltweit ging er hoch. Brasilien wurde Republik.

In den 1990er Jahren gab es im Rahmen allgemeiner Wahlen eine Volksabstimmung über die Staatsform: weiter mit der Republik oder wieder die Monarchie. Die Monarchisten mussten sich mit einem Ergebnis von rund 12 Prozent bescheiden. Die Braganzas nahmen es gelassen.