Montezumas Rache erreicht die Cancel Culture

BOULEVARD ROYAL

Chichen Itza Pyramide / Montezuma / Mexiko / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: Makalu; https://pixabay.com/de/photos/mexiko-chichén-itzá-pyramide-3774303/ Chichen Itza Pyramide / Montezuma / Mexiko / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: Makalu; https://pixabay.com/de/photos/mexiko-chichén-itzá-pyramide-3774303/

Einzigartig, unbezahlbar und höchst fragil. Wie eine aztekische Federkrone zum Zankapfel zwischen Mexiko und Österreich wird.

Hernan Cortés soll beim Gestank der Leichenberge schlecht geworden sein. Der spanische Eroberer hat mit seinen Truppen und indigener Verbündeter am 13. August 1521 die aztekische Hauptstadt Tenochtitlán erobert. Seine Soldateska wütete grausam gegen die letzten Azteken und ließ das einst große Reich in Schutt und Asche versinken. Sein letzter Herrscher Moctezuma, wie er auf Aztekisch richtig heißt, geriet in Gefangenschaft und nahm ein schlimmes Ende. Die Spanier nahmen mit, was nicht niet- und nagelfest war. Darunter befand sich auch eine prächtige Federkrone, die lange als Montezumas Kopfschmuck betrachtet wurde.

Holprige Rückholmission

Beatriz Gutiérrez Müller war 2021 im Auftrag ihres Mannes, des mexikanischen Präsidenten Andrés López Obrador, auf Europareise. Was als Rückholtour gedacht war, geriet zu einem Misserfolg. Hauptsächliches Ziel sollten in Wien Verhandlungen über eine Leihe der berühmten Federkrone sein. Sie ist im Weltmuseum eines der Prachtstücke und sollte anlässlich des 500. Jubiläums der Eroberung des heutigen Mexiko-City dort ausgestellt werden. Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen sprach mit der mexikanischen First Lady und zeigte Verständnis für ihr Anliegen. Jedoch seien ihm die Hände gebunden, denn er sei von Gegnern umgeben!

Wer diese Gegner sind, das ist klar: kleingeistige Kulturimperialisten, die das Raubgut mit wachsweichen Gründen nicht herausrücken wollen. Zu fragil sei der Kopfschmuck, nicht transportfähig. Das haben allerdings bereits zehn Jahre zuvor mexikanische Wissenschaftler bei ihren Untersuchungen in Wien genauso festgestellt.

López Obrador ficht das nicht an und forderte kürzlich erneut die Federkrone zurück. Diesmal nicht mehr als Leihgabe, sondern für immer. Der Linkspopulist möchte alles zurückerhalten, was die Spanier aus dem Land der Azteken geraubt haben. Dabei ist es auch einerlei, dass Experten inzwischen davon ausgehen, dass nicht Montezuma die Federn auf dem Kopf hatte, sondern ein hoher Priester. 

Gute Staaten, schlechte Staaten

Bei Papst Franziskus stieß Obradors forsche Gattin, eine studierte Historikerin, auf mehr Gehör. Auf päpstliche Weisung hin durchforsten Kustoden die vatikanischen Sammlungen nach aztekischem Kulturgut. Aus mexikanischer Sicht zumindest ein kleiner Erfolg. Bei einer Pressekonferenz nach der Reise lobte Präsident Obrador den Papst und stellte Wien an den Pranger. Er sprach von Anmaßung und Arroganz ganz im Gegensatz zu den bereits seit Jahren einsichtigen Staaten wie Frankreich, Italien und nicht zuletzt Spanien.

Jene Länder sind nicht allein zur Rückgabe aztekischer Schätze bereit – sie arbeiten sogar für die mexikanische Sache bei Auktionen. Laut Lopéz Obrador beschlagnahmen Experten dieser Länder Exponate, zu denen es keine Dokumente gibt und bei denen es sich um Diebesgut aus Mexiko handeln könnte. Warum nur ist das kleine Österreich so halsstarrig und wie kam die Federkrone in dessen Besitz?

Eine Frage der Moral?

Die Frage nach dem Besitz ist entscheidend auf dem gesamten Minenfeld der Restitutionen. Auf den ersten Blick ist die Antwort einfach: Die Spanier gliederten das Gebiet der Azteken in das spanische Reich ein und hatten die Verfügung über sämtliche Güter. Über einige Umwege kam die Krone in die Sammlung eines österreichischen Erzherzogs Ende des 16. Jahrhunderts. Da die Habsburger bis Anfang des 18. Jahrhunderts auf dem spanischen Thron saßen, kamen Schätze aus den lateinamerikanischen Besitzungen an die Höfe in Spanien und Österreich.

Nach damaliger rechtlicher Auffassung war das eben rechtens und kein Raubgut. Ein bürgerliches Gesetzbuch oder ein verbindliches Völkerrecht gab es zu der Zeit nicht. Daher ist die Haltung der österreichischen Regierung verständlich, da für sie die Besitzverhältnisse klar sind. Natürlich möchte letztlich auch kein Museum von Rang herausragende Exponate herausgeben, selbst wenn es moralische Einwände gibt. Und damit sind wir beim Kernproblem der Rückgabeforderungen – einerlei ob es sich um Federkronen, Benin-Bronzen oder andere Artefakte handelt.

Cancel Culture und der Widerstand

Es geht um die moralische Ebene und die sagt, dass es sich um Unrecht handelt, das gesühnt werden muss. Überlegungen, dass koloniale Güter gerettet, restauriert, erhalten, wissenschaftlich erforscht und einem interessierten Publikum zugänglich gemacht werden, dürfen keine Rolle mehr spielen. Mexiko sieht sich als Nachfolgestaat des Azteken-Reichs und pflegt seit einiger Zeit die Erinnerung an diese Zeit. Am Staatswappen wird es deutlich, das auf die Gründungslegende Tenochtitláns zurückgeht.

Den Azteken wurde durch ihren Sonnengott Huitzilopochtli eine Stadt in einem See geweissagt. Sie sollten nach einem Adler schauen, der auf einer Kaktee sitzt und eine Schlange verspeist – und so ist es auf dem Wappen Mexikos dargestellt.

Inzwischen gibt es in Mexiko-Stadt große Ausgrabungen zur aztekischen Periode und das Brauchtum des indigenen Volkes erfreut sich einer Renaissance. Außerdem gibt es immer wieder seitens Mexikos einen gewissen Groll gegen Frankreich und Österreich. Beiden Ländern verdanken die Mexikaner das Desaster mit dem Habsburger Kaiser Maximilian in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts.

Daher will der mexikanische Präsident nicht kleinbeigeben und pocht auf die Ansprüche seines Landes, was er jüngst bei einer Pressekonferenz noch einmal betonte. Wien verhalte sich weiterhin sehr arrogant und die mögliche Zerstörung der Federkrone durch den Transport sei unbegründet. Wie es mit anderen Rückgaben, wie beispielsweise den Benin-Bronzen aussieht, ist weiterhin unklar. Bislang gibt es kein Museum dafür in Benin City und der Oba des Stammes hält die Köpfe in seinem Palast unter Verschluss. Mahnendes Beispiel für die Forderungen aus Mexiko? Wien muss sich entscheiden – gibt es dem moralischen Druck nach oder pocht es auf Recht und Gesetz.

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4 Comments
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fufu
fufu
6 Monate her

Moral gegen Recht und Gesetz, seltsame Vorstellung. Der Autor geht scheint’s von der Vorstellung aus, dass man ein Land besetzen und alles was nicht niet und nagelfest ist mitnehmen darf. Und dieses sei auch noch Recht und Gesetz, ich nenne es Diebstahl, so wie der Diebstahl syrischen Oels und syrischer Kulturgueter durch die USA.

Steffen
Steffen
Reply to  fufu
6 Monate her

Fufu, eher unterliegen Sie einer falschen Vorstellung. Moral muss nichts mit Recht und Gesetz zu tun haben und umgekehrt. Der Autor versucht, aus der (rechtlichen) Situation der damaligen Zeit zu argumentieren. Er spricht es doch an, dass es eine moralische Komponente gibt und die dürfte für Mexiko sein. Natürlich kann Mexiko aztekische Kulturgüter zurückfordern. Aber es gibt doch auch ein Gewohnheitsrecht und die Ösis haben die Krone seit Jahrhunderten und haben sie letztlich vor Verfall gerettet. Soll zum
Beispiel Nofretete an Ägypten zurückgegeben werden? Die Besitzverhältnisse sind klar: rechtmäßig erworben.

fufu
fufu
Reply to  Steffen
6 Monate her

Schon klar, nur fragt es sich ob man bei den zweifellos rechtlosen Zustaenden nach dem Fall des Aztekenreichsargumebtieren sollte mit Recht und Gesetz

fufu
fufu
Reply to  fufu
6 Monate her

…. mit Recht und Gesetz argumentieren sollte.

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