Barbie, Ken und die AfD

BOULEVARD ROYAL

Barbie / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: Erika Wittlieb; https://pixabay.com/de/photos/puppen-barbie-weiblich-m%C3%A4dchen-937519/ Barbie / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: Erika Wittlieb; https://pixabay.com/de/photos/puppen-barbie-weiblich-m%C3%A4dchen-937519/

Was der Blockbuster des Jahres mit einer irrlichternden Barbie und aufsässigen Kens mit der umstrittensten Partei Deutschlands, der AfD, zu tun hat.

Mit dem Barbie-Film ist den Machern eine überdrehte Komödie gelungen, die selbst Barbie-Ignoranten begeistert. Wie bei Hollywood-Produktionen üblich, rollt ein ausgeklügeltes Merchandising über die Kinos, das die Kassen klingeln lässt. Was macht die Begeisterung für die filmreife Spielzeugpuppe aus?

Barbie ist eine Deutsche

Auf den ersten Blick ist der Film eine Hommage an eines der erfolgreichsten Spielzeuge aller Zeiten, das der Firma Matell bis heute jährlich Millionen-Einnahmen beschert. Auf den zweiten Blick ist der Streifen eine gelungene Persiflage auf die amerikanische Gesellschaft. Matell selbst nimmt sich auf den Arm und rührt gleichzeitig perfekt die Werbetrommel. Eine Mischung, die den Charme der US-Popkultur auszeichnet und sie weltweit an der Spitze der Unterhaltungsindustrie führt.

Deutsche Kulturpessimisten mögen die Nase rümpfen ob dieses Schunds, aber Kulturpessimisten wenden sich traditionell angewidert ab von allem, was aus den USA kommt. Die Reihe dieser Pessimisten reicht von Marx über Brecht zu Adorno und der SED und kommt bei der AfD wieder heraus.

Die Ur-Barbie ist übrigens eine deutsche Idee und erblickte die Welt als die tägliche Karikatur „BILD-Lilli“ in den frühen 50er-Jahren. Daraus entwickelte sich die gleichnamige Puppe, die die Matell-Gründerin Ruth Handler bei einem Urlaub in der Schweiz entdeckte und amerikanisierte.

Hat der deutsche kulturpessimistische Widerstand gegen die Barbies dieser Welt mit ihrem Raub durch eine Vertreterin des US-Kultur-Imperialismus zu tun? Und ist Barbie womöglich eine heimliche Alice Weidel und Ken ein Björn Höcke mit Waschbrettbauch??

Risse in der Ordnung

Im ach so paradiesischen Barbie-Land kommt es zu einer Krise – einer Identitätskrise! Der Barbie schlechthin, die so genannte stereotype Barbie, gespielt von Margot Robbie, geht es plötzlich ganz schlecht. Sie ist die heimliche Regentin und fällt durch einen Riss in der wirklichen Welt erst in eine Schönheits- und dann in eine Sinnkrise.

Sie beginnt, ihre Perfektion zu verlieren: Plattfüße, Cellulite und alles hängt schlaff herunter! Nicht allein für die stereotype Barbie, sondern für alle ihre Geschlechtsgenossinnen ist das die Höchststrafe. Höchste Alarmstufe im Barbie-Staat, in dem ein mildes Matriarchat herrscht und alle Spitzenpositionen in Politik, Kultur und Wissenschaft von den Themen-Barbies besetzt werden.

Nur die Kens haben nichts zu sagen, sie sollen einfach dekorativ sein und die Frauen anhimmeln. Eine Krise in der Menschenwelt bringt die pinke Welt in Unordnung: Viele Kinder wenden sich von Barbie ab. Zu stereotyp, zu feminin, zu schön, zu chic. Und eben nicht woke. Bei Star Trek wäre die Rede von einem Riss im Raum-Zeit-Kontinuum.

Um dieses Unheil noch abzuwenden, geht Barbie mit ihrem Lieblings-Ken, gespielt von Ryan Gosling, der Sache auf den Grund. Bei ihrer Sause zu den Menschen erleben sie die umgekehrten Machtverhältnisse: Die Männer haben das Sagen – auch in der Zentrale von Matell – und die Frauen sind hier die Kens. Für Barbies Begleiter eine Erweckungserlebnis und für Barbie der harte Aufprall auf den Boden der Tatsachen.

Aber Hollywood wäre nicht die Traummaschine, wenn nicht alles wieder ins Lot käme. Kens Flucht zurück nach Barbie-Land, wo er mit seinen Geschlechtsgenossen die Verhältnisse „vermenschlicht“. Das kurzlebige Patriarchat bricht in sich zusammen, indem sich die Barbies vom betörenden Duft des Testosterons wieder befreien und die alte Ordnung wieder herstellen. Dafür helfen ihnen der leicht irre Vorstand von Matell sowie eine Barbie-begeisterte Frau und ihre Barbie-hassende Tochter, die am Ende geläutert ist. Also, Ende gut alles gut?

Rollenspiele und Sinnsucher

Björn Höcke rief die Männer sinngemäß auf, wieder mehr Männlichkeit zu wagen. Nur weg von dem feministischen Treiben in Politik und Gesellschaft, das das Land an den Abgrund führt. Feministische Außenpolitik ist im Barbie-Land undenkbar. Woke Überkandideltheiten wie Gendern und zahllose Geschlechter gibt es in diesem pinken (Alp-)Traum nicht. Ken und die anderen Kens proben den Aufstand, indem sie mehr Männlichkeit wagen. Für eine kurze Spanne suhlen sich ihre Barbies in der stereotypen Rolle: Alles für den Mann.

An der Spitze der AfD steht eine Frau, die nicht stereotyp ist. Sie scheint wie Barbie auf Identitätssuche zu sein und die wahre Ordnung wiederherstellen zu wollen. Mit ihr oder eher unter ihr arbeiten die vielen Kens der Partei, die an das patriarchale System zum Wohle aller glauben. Ergeht es ihnen womöglich so, wie den Ken-Drohnen aus dem Film? Auch sie sind Kulturpessimisten und müsse sich doch unterordnen unter das Matriarchat.

Wie dieser Kulturkampf ausgeht, steht und fällt mit dem Riss im Raum-Zeitkontinuum in unserer Welt. Wer es nicht glauben mag, dem sei Barbie empfohlen.

2.7
6
votes
Article Rating

Unser Newsletter – Ihr Beitrag zur politischen Kultur!

4 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Pittypat
Pittypat
6 Monate her

An der Spitze der AfD steht eine Frau, die nicht stereotyp ist. Sie scheint wie Barbie auf Identitätssuche zu sein und die wahre Ordnung wiederherstellen zu wollen. Mit ihr oder eher unter ihr arbeiten die vielen Kens der Partei, die an das patriarchale System zum Wohle aller glauben…..

Oder aber einfach NEBEN ihr finde ich für treffender angemessener

Lisa Hutchison
Lisa Hutchison
6 Monate her

ein elend doofer, zuckersuesser Film – sinnlos

fufu
fufu
6 Monate her

Unnoetig die amerikanische Konsumkultur, mehr ist es nicht, gegen „Kulturpessimisten“ hierzulande schoenreden zu wollen. Wobei festzustellen ist, dass dieser Kulturpessimusmus unter anderem gerade die Folge der Amerikanisierung der vielfaeltigen europaeischen Kulturen ist.

Unverstaendlich auch die seltsamen Assoziationen zu gewissen Figuren der AfD.

fufu
fufu
6 Monate her

Scheint’s gibt es auch einen italienischen trailer mit Salvini als Ken und Meloni als Barbie. Sag einer es gaebe keine Amerikanisierung und Verflachung der europaeischen Kulturen.

// require user tracking consent before processing data _paq.push(['requireConsent']); // OR require user cookie consent before storing and using any cookies _paq.push(['requireCookieConsent']); _paq.push(['trackPageView']); [...]
×