Der Militär-Coup in Niger und die Technik des Staatsstreichs

Staatsstreich / Curzio Malaparte / Quelle: Wikipedia, public domain; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Malaparte_Lipari_1934.jpg Staatsstreich / Curzio Malaparte / Quelle: Wikipedia, public domain; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Malaparte_Lipari_1934.jpg

Trotzki war ein Virtuose des Staatsstreichs, Mussolini ein gelehriger Schüler und Bokassa setzte ihm die Krone auf: der Putsch als Mittel zur Macht.

Der jüngste Militär-Coup in Niger gehört zu einer langen Reihe von Umstürzen in afrikanischen Ländern seit deren Unabhängigkeit ab den 1960er Jahren. Auch in Südamerika gehören Staatsstreiche lange zum guten Ton mit idealtypischen Beispielen wie in Brasilien oder Chile. Was gehört zu einem erfolgreichen Umsturz und was zeichnet ihn aus?

Trotzki putscht und Stalin herrscht

Sergej Eisensteins Stummfilm „Oktober“ von 1928 anlässlich des 10. Jahrestages der Machtübernahme der Bolschewiki war ganz nach dem Geschmack seines Auftraggebers Josef Stalin. Wehende rote Fahnen, eine mit Fackeln und Bajonetten bewehrte Volksmenge stürmt den Winterpalast in St. Petersburg und nimmt die Residenz des verhassten Zaren in Besitz. Eine perfekte Choreografie suggeriert dem Zuschauer, dass das Volk sich im Oktober 1918 in einem gemeinsamen Entschluss von der Zarenherrschaft befreit hätte. Dass es sich dabei allein um eine sozialistische Revolution handeln konnte, wundert mit Blick auf Stalin und sein Politbüro nicht. Doch ganz so, wie Eisenstein es inszenierte, war es dann doch nicht.

Leo Trotzki war das Gehirn des Staatsstreichs von Oktober 1918. Es war keine Revolution, die gab es bereits im Februar 1917. Das Zarenreich fiel in Trümmer und die erste, kurzlebige bürgerliche Regierung unter Alexander Kerenski amtierte mehr schlecht als recht. Trotzki und Lenin erkannten schnell, dass die bourgeoisen Kreise schwach und korrupt waren und holten zum entscheidenden Schlag aus.

In einer von Trotzki generalstabsmäßig geplanten Aktion besetzte er mit politisch geschulten, militärisch nach westlichem Standard trainierten Soldaten die Schaltstellen der Macht in St. Petersburg und folgend in Moskau. Diese zum Teil auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs abgehärteten Männer bildeten den Kern der Roten Armee, der späteren Sowjet-Armee.

Militär und Medien zwei Seiten einer Medaille

Mit dem Sieg der Bolschewiki begann die eigentliche Revolution: der Umbau Russlands und seiner Satrapen zur sozialistischen Gesellschaft. Trotzki war klar, dass allein militärische Macht zu einem erfolgreichen Staatsstreich nicht ausreichte. Neben Kasernen und Ministerien musste vor allem die öffentliche Meinung für die neuen Machthaber gesichert werden. 1918 waren das die Zeitungen und Verlage, die beschlagnahmt auf Kurs gebracht wurden. In den folgenden Jahrzehnten gehören Rundfunk, Fernsehen und jüngst das Internet dazu. Wer über diese Medien die Kontrolle ausübt, ist im Besitz der Macht. Die Erfolgsformel für den Putsch lautet: Militär und Medien in einer Hand.

Mussolinis Werk und Malapartes Beitrag

Curt Erich Suckert aus Prato in der Toskana interessierte sich sehr für Staatsstreiche. Der 1898 geborene Italo-Deutsche mit einem Vater aus Zittau und einer Mutter aus Mailand führte ein schillerndes Leben. Es brachte ihn als Kämpfer auf italienischer Seite in den Ersten Weltkrieg, anschließend kurzzeitig in den diplomatischen Dienst und 1921 zum Partito Nazionale Fascista Benito Mussolinis.

Begeistert nahm Suckert am Marsch auf Rom 1922 teil, der ihn zu einem Buch inspirierte: Die Technik des Staatsstreichs – Politische Essays. Ein lesenswertes schmales Bändchen, in dessen Zentrum der selbst erlebte Putsch Mussolinis steht, aber auch auf Trotzkis große Leistung als Umstürzler in Russland eingeht.

Nach Suckert, der sich das Pseudonym Curtio Malaparte zulegte, unter dem seine Werke erschienen sind, war Trotzki für Mussolini das Vorbild für dessen Putsch. Der legendenumwobene Marsch – ein Produkt der faschistischen Propaganda – war in Wahrheit eher eine Fahrt im Schlafwagen zur Macht, im wahrsten Sinne des Wortes. Malapartes Begeisterung war echt, seine Beschreibung des Geschehens jedoch analytisch.

Wie schon bei Trotzkis Putsch ging es auch bei Mussolini um die Kontrolle der Medien. Unter Mussolini wurde 1924 die RAI gegründet, bis heute der Staatsfunk Italiens. Sehr zum Verdruss Mussolinis, beschrieb Malaparte den Marsch zu nüchtern, der „Duce“ wünschte sich mehr Pathos. Die Beziehung der beiden verschlechterte sich über die Jahre und führte zur zeitweiligen Verbannung Malapartes auf die Äolischen Inseln nördlich von Sizilien – sozusagen von der römischen Hölle zu den vulkanischen Abgründen.

Accessoire Nr. 1 beim Staatsstreich: die Sonnenbrille

Erstmal ist auf Bildern aus der Mussolini-Ära der Machthaber mit Sonnenbrille zu sehen. Sie entwickelte sich zu einem fast schon unverzichtbaren Accessoire von Putschisten und Diktatoren. Nicht allein, weil anscheinend unter südlicher Sonne bevorzugt Staatsstreiche stattfinden. Die Erklärung ist ziemlich einfach: Das Volk soll die Augen der Potentaten nicht sehen! Außerdem verleiht die Sonnenbrille Distanz zum Volk, und die Machthaber können geschützt den Anblick der Menge genießen.

Hitler indes sah das anders. Er ist folglich auch nur auf wenigen Bildern mit Sonnenbrille zu sehen, meist auf Wanderungen in seinem Refugium am Obersalzberg. Er hatte sogar ein Foto-Verbot erlassen, dass ihn mit Sehhilfe zeigt. Die Sonnenbrille war für ihn kein Instrument der Inszenierung.

Bei afrikanischen Putschisten alter Schule, wie beispielsweise Bokassa, spielt die Sonnenbrille jedoch eine Rolle. Eine Soldateska setzt eine andere ab oder hin und wieder eine gewählte Regierung wie beim Putsch gegen den Präsidenten des Niger. Brennende Autos und johlende Männergruppen mit Macheten sowie Fahnen gehören ebenfalls zum beliebten Bouquet eines afrikanischen Staatsstreichs – so auch jüngst in der nigrischen Hauptstadt Niamey.

Die Klassiker sterben aus

Immer weniger gehören bewegende Fluchtszenen der entmachteten Herrscher und ihrer Clique zum Bild. Ikonografisch dafür waren zwei Staatsstreiche: Iran und Haiti. Am 16. Januar 1979 spielten sich am Teheraner Regierungsflughafen dramatische Szenen ab. Mohammed Reza Pahlavi und seine Kaiserin Farah Diba versammelten sich mit ihrem verbliebenen Hofstaat, um sich von den letzten Getreuen zu verabschieden. Loyale Generäle, Minister und Hofbeamte küssten die Hände des Schahs, warfen sich der Kaiserin zu Füßen, weinten und baten sie zu bleiben, zu kämpfen!

Nichts half, zu spät. Der Putschist Ajatollah Chomeini war bereits auf dem Weg nach Teheran. Schüsse fielen, die Herrscherfamilie hob ab und kehrte nie wieder zurück.

Ganz ähnlich erging es den Duvalliers: Am 7. Februar 1986 ging auf dem Aéroport de Porte au Prince die jahrzehntelange Diktatur der Kleptokraten-Dynastie Duvallier zu Ende. Filmaufnahmen zeigen, wie dienstbare letzte Getreue Koffer und Taschen prallgefüllt mit Geld und Geschmeide in den Privatjet einladen. Madame Duvallier, ein besonders elegantes Beispiel einer Diktatoren-Gattin, winkt kurz ein letztes Mal in Richtung Kameras und besteigt in feinster Garderobe den Flieger in Richtung französisches Exil. Und was ist bei beiden Abschieden gleich: Man trägt Sonnenbrille.

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2 Comments
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fufu
fufu
6 Monate her

Karlchen warnt schon. Wahrscheinlich sieht man bald die Gruenen mit Sonnenbrille, wegen dem Klima. Mit Scheibenwischer. Maske nicht vergessen wegen der Ausbreitung neuer Viren.

Wolfgang Wirth
Wolfgang Wirth
6 Monate her

Ein durchaus interessanter Artikel. — Irgendwie scheint mir, dass wir in Europa oder überhaupt im Westen die Möglichkeit von Militärputschen – oder überhaupt von irregulären gewaltsamen Machtwechseln – ein wenig ausgeblendet haben. Und wenn irgendwo ein Putsch passiert, wie jüngst in Niger, dann gilt das als ein seltenes Geschehen, das eben nur in rückständigen Ländern der Peripherie möglich sei. In Europa, so meint man, seien die Instrumentarien zur Befriedung, Überwachung, Steuerung und Einhegung so ausgeklügelt und entwickelt, dass derartiges gar nicht möglich wäre. Wir sind ja heute sooo sehr zivilisiert und an das regelgebundene Funktionieren staatlicher Abläufe gewöhnt, dass wir… Read more »

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