Als die britische Monarchie ihre deutschen Wurzeln kappte

BOULEVARD ROYAL

Monarchie / Park Windsor Castle / Quelle: Pixabay, lizenzfrei Bilder, open library: ahundt; https://pixabay.com/de/photos/london-park-windsor-castle-792448/ Monarchie / Park Windsor Castle / Quelle: Pixabay, lizenzfrei Bilder, open library: ahundt; https://pixabay.com/de/photos/london-park-windsor-castle-792448/

1917 in London: Eingeworfene Schaufenster vor deutschen Läden und Schmähschriften über die Deutschen. Die Monarchie muss sich buchstäblich neu erfinden.

Am 17. Juli 1917 machen die britischen Zeitungen mit einer sensationellen Neuigkeit auf: “The Name of Windsor is to be borne by His Royal House and Family and Relinquishing the Use of All German Titles and Dignities.” Was für ein Paukenschlag! Das Haus Windsor ist geboren und der König und seine gesamte Familie legen sämtliche deutschen Titel und Würden nieder. Was ist der Grund – und wieso sitzen auf dem Thron Britanniens Deutschstämmige?

Britanniens fremde Herrscher

Die Begeisterung im Deutschen Bundestag ist groß. König Charles III. spricht in seiner Rede abwechselnd Englisch und Deutsch und kennt sogar den Silvester-Klassiker Dinner for One, den in England so gut wie niemand kennt. Charles kann nicht grundlos Deutsch. Sein Vater Prinz Philip ist deutscher Herkunft und seine Langzeitmutter Elizabeth II. ebenfalls.

Die Briten schauen mit ihren Windsors auf eine lange Reihe fremder Dynastien auf dem Thron. Seit der Eroberung Englands durch die Franco-Normannen 1066 haben die Engländer nur ein einziges Mal ein royales Eigengewächs hervorgebracht: die Tudors. Nach knapp 120 Jahren geht mit der glorreichen Elizabeth I. die Krone an die schottischen Stuarts über, die vor allem durch seifenopernhafte Dramen, dem ersten geköpften Monarchen und Ränkespiele im Stundenrhythmus von sich reden machen.

Normannen, Schotten und dann schon wieder Ausländer – Deutsche! Ausgerechnet aus dem heutigen Niedersachsen: Lower Saxony. Na, wenn das mal nicht an die gute alte angelsächsische Zeit erinnert.

Niedersachsen schwingen das Zepter

Kurfürst Georg I. von Hannover, aus dem uradligen Stamm der Welfen, traut seinen Ohren nicht. Eine hochnoble britische Delegation verkündet ihm: Nun sei er König der Briten – als George I. Ganz überraschend kommt die neue Krone nicht über Georg. Durch die Heiraten, Erbfälle und Staatsverträge der Geschichte ist absehbar, dass mit der kinderlosen Stuart, Queen Anne und dem Zwang eines protestantischen Monarchen auf dem britischen Thron es auf den nächsten nicht-katholischen Erbberechtigten zulaufen muss.

Und der sitzt in Hannover und hat schlechte Laune. Er kann kein Englisch, weiß nicht um Sitten und Gebräuche seiner neuen Untertanen und muss auch noch umziehen. Nach London! Auch damals halten sich hartnäckige Gerüchte, dass die Themse-Metropole aus allen Nähten platzt, es praktisch immer regnet und die Londoner den König eher dulden als ihm huldigen. Georg macht außerdem ernsthaft den Vorschlag, er könne doch Britannien von Hannover aus regieren und seinen ältesten Sohn als Statthalter über den Kanal entsenden. Da traut die britische Delegation ihren Ohren nicht: No chance, your Majesty!

Britannien am Abgrund

Schlechte Laune hat auch Georgs Nachfahre George V. als er von den anti-deutschen Protesten in London und anderen Städten des Landes hört. Für ihn als Enkel Queen Victorias, der letzten britischen Welfin und ihrem deutschen genialischen Gatten Albert von Sachsen-Coburg und Gotha dreht sich die Stimmung. Es geht um nichts Geringeres, als um das Überleben der Monarchie.

Dass seine Untertanen ebenfalls schlechte Laune hatten, hätte George nicht verwundern sollen. Der Erste Weltkrieg läuft für die Briten, bevor die USA in den Kriegsverlauf eingreifen, nicht sonderlich gut. Überall Mängel: an Waffen, einsatzfähigen Soldaten, strategischem Geschick. Die Lebensmittel sind rationiert, die Aussichten schlecht. Dann fällt mit der russischen Februar-Revolution und dem bolschewistischen Staatsstreich 1917 auch noch der östliche Alliierte aus.

Bei so viel Pech, wendet sich die Volksstimmung routinemäßig auf einen Feind im Inneren. Wie gut, dass es eine deutsche (Händler-) Gemeinschaft in London gibt. Aber sitzt da nicht auch ein fremdländischer König im Palast? Just a second – what’s his name? Yes, Hannover Saxe- Coburg Gotha! Ein Zungenbrecher für jeden patriotischen Briten. Das kann nicht länger gut gehen.

Zu viele Krauts in der britischen Monarchie

Arthur John Bigge, 1. Lord Stamfordham, ist eine Figur, die der Erfolgsserie Downton Abbey entsprungen sein könnte: aufrecht, edel, schrullig, überheblich und unbedingt loyal. Kurzum – ein wahrer Brite. Er hat bei Queen Victoria die Geheimsekretärs-Laufbahn eingeschlagen und erlebt als Privatsekretär Georges V. bewegte Zeiten. Der stets etwas gehemmte, leicht linkische König braucht Rat. Was soll er, der sich als durch und durch britisch sieht, gegen die Vorwürfe, er sei Deutscher unternehmen?

Nun gut, er spricht Deutsch, in der Familie wird seit Alberst Zeiten auch deutsche Weihnachten gefeiert, inklusive Tannenbaum und Bescherung an Heiligabend, statt am in Britannien üblichen 25. Dezember. Und ja, er hat einen deutschen Cousin namens The Kaiser Wilhelm., der dummerweise der aktuelle Oberschurke ist. Na ja, seine Frau Mary, eine gebürtige schwäbische von Teck, ist auch nicht so richtig britisch. Ach so, alle seine Vorgänger seit 1714 sind deutschstämmig und mit deutschen Prinzessinnen verheiratet.

Doch halt, Moment mal, seine eigene Mutter, Queen Consort Alexandra ist doch Dänin! Tja, auch nicht so richtig. In Kopenhagen regiert die Familie Schleswig-Holstein Sonderburg-Glücksburg. Klingt auch irgendwie deutsch. Und last but not least: der König hält Teckel (Dackel). Deutscher geht es nun wirklich nicht. Als auch noch ein angebliches Zitat des Premierministers David Lloyd George an die Öffentlichkeit gerät, als er zur königlichen Audienz eilt, beben die Palastmauern: „Möchte wissen, was mir mein kleiner deutscher Freund zu sagen hat“. Das setzt der Krise die Krone auf!

Die lustigen Weiber von Sachsen-Coburg und Gotha

Lord Stamfordham beruft eine streng geheime Kommission ein, die dieses royale Existenzproblem lösen soll. Diese kleine Runde aus Historikern, Diplomaten und Heraldikern sieht nur eine Lösung: Ein neuer Name muss her. Die Köpfe rauchen, die Ahnentafeln werden akribisch seziert, die heraldischen Möglichkeiten ausgeleuchtet.

Wie wäre es mit Tudor? Echtes englisches Blut. Ah, zu blutig, allein schon wegen Heinrich VIII., und dann sind sie de facto durch einen Militär-Coup an die Macht gekommen. Gut ja, Elizabeth I., Begründerin Englands als See- und Großmacht, ist eine verdiente Herrscherin. Aber sie hat sich keinen Mann genommen, es gibt merkwürdige Gerüchte über seltsame Affären, Auftritte wie eine Ordensoberin und dann das unglückselige Drama mit ihrer Cousine Maria Stuart. Letztlich hat Elizabeth Verhalten den Engländern die schottischen Stuarts eingebrockt. Tudor, Stuart, gar Plantagenet – die französisierte Normanne-Sippe? No, no, no!

Dann der Geniestreich des Lord Stamfordham. Die Kommission tagt auf Windsor Castle, wo sich Teile des königlichen Archivs befinden. Die zur repräsentativen Burg ausgebaute Festung geht auf den Normannen Wilhelm den Eroberer zurück und liegt in dem altenglischen Städtchen Windsor. Englischer geht es kaum. Der Name ist gefunden: Windsor. Der König ist begeistert. Die Monarchie ist gerettet.

Die Erklärung vom 17. Juli 1917 findet spontan viel Beifall bei den Briten. Zudem trennen sich der König und seine Familie von allen deutschen Titeln. Die erste und bislang einzige britische Dynastie ist geschaffen – nein, sie ist erfunden. Nur einem gefällt der Name nicht: The Kaiser, wie die britische Presse ihn nennt. Er soll zum Namenswechsel seiner feinen englischen Verwandtschaft gesagt haben: „Ich freue mich schon auf die Operette „Die lustigen Weiber von Sachsen-Coburg und Gotha“. Schenkelklopfer royal. 

Schatten auf der neuen Dynastie

Gut ein Jahr später ist die Welt König Georges V. und seiner frisch getauften Windsors wieder in Ordnung. Der Einfachheit halber heißen seine engen Verwandten aus dem Hause Battenberg nun Mountbatten – ein einfacher Namensdreher ins Englische mit schönen englischen Titeln wie Marquess of Milvord Haven.

Außenpolitisch geht es auch aufwärts: Der Erste Weltkrieg geht dank aktiver US-Hilfe in seine finale Phase gegen Deutschland und seine Verbündeten. Die Windsors touren mit einer Charme-Offensive als nun wahre britische Dynastie durch die Lande und werden begeistert empfangen. Alles richtig gemacht?

Wenn da nicht der arme Nicki wäre! Zar Nikolaus II. sitzt in Sibirien und bibbert mit seiner Familie um sein Leben. Im Sommer 1918 sitzen Lenins Bolschewiki an den Hebeln der Macht, und anders als die bürgerliche Regierung Kerenskis der Februar-Revolution verfolgen sie gegenüber der Zaren-Familie düstere Absichten. Dass die Romanovs in dieser für sie letztlich tödliche Situation sitzen, verdanken sie Lord Stamfordham.

Telegramme gehen zwischen London und St. Petersburg hin und her. Kerenskis schwache Regierung der Februar-Revolution will die Romanovs, die in Zarskoje Selo unter Hausarrest stehen, so schnell wie möglich ins Exil schicken. Ziel: die britische Verwandtschaft. Georges VI. und Nikolaus II. verbindet nicht allein, dass sie Cousins ersten Grades sind. Sie kennen sich seit Kindertagen und sind eng befreundet. Dazu ähneln sie sich noch, als ob sie eineiige Zwillinge wären.

Was liegt also näher für die Kerenski-Regierung, als bei der verbündeten britischen Regierung um Exil für den Ex-Zaren nachzusuchen? Lord Stamfordham ist wieder gefragt, hat er sich doch hervorragend bewährt bei der Dynastie-Krise im Jahr zuvor. Und erneut beruft der gewiefte Privatsekretär Georges VI. eine Krisenrunde ein.

Die Krone schwebt über allem

Schnell ist man sich einig: kein Exil für den Ex-Zaren und seine Familie. George schwankt, er will doch seinem lieben Nicki helfen. Doch in der Monarchie ist Blut nicht immer dicker als Wasser – zumindest, wenn es um die Macht geht. Stamfordham legt seinem König kühl dar, dass die Aufnahme der russischen Herrscherfamilie die eben erst gefundene Lösung für Georges Dynastie und deren Fortbestand auf dem Thron gefährden könne. Außerdem seien die Romanovs Autokraten, haben sich mit zu viel Blut ihrer Untertanen besudelt, und die Regierung Kerenski sei von London nicht offiziell anerkannt. Schweren Herzens gibt George V. nach. Das Ende seiner russischen Verwandtschaft ist besiegelt. In der Verfilmung von Shakespeares Richard III. aus dem Jahr 1955 springt in der Eröffnungsszene Laurence Olivier als künftiger König in einem leeren Thronsaal umher. Über ihm eine stilisierte Krone, auf die er deutet und sagt: Das ist, was ich will. Sie bedeutet Macht. Alles Streben ist auf sie gerichtet. Lord Stamfordham ist ein gelehriger Schüler Shakespeares und die Windsors bis heute auf dem Thron. 

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Wolfgang Wirth
Wolfgang Wirth
2 Monate her

Dass viele Dynastien letztlich Wurzeln in Deutschland haben, liegt am Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das einerseits einen ungewöhnlich umfangreichen und hierarchisch stark gestuften Adel besaß und andererseits eben nicht wie etwa Frankreich oder England revolutionären Brüchen ausgesetzt war, sodass die diese „Adelslandschaft“ über ein Jahrtausend hinweg kaum beeinträchtigt erhalten blieb und eben durch Heiraten, Ernennungen usw. auch auf viele andere Länder ausstrahlte. – Man kann auch sagen, dass der Adel im deutschen Raum deshalb so ausgeprägt war, weil es der königlichen Zentralmacht hier nicht gelang, eine so starke und dominante Stellung zu erreichen, wie sie der englische, französische oder… Read more »

Ketzerlehrling
Ketzerlehrling
2 Monate her

Es liegt an der Vergangenheit und der Heiratspolitik des europäischen Hochadels. Ausserdem haben Deutsche durchaus Qualitäten, wenn man Peter den Großen, Katharina die Große, Nikolaus Zarin Alexandra, Prinz Philip usw. ansieht. Ob die Briten die Wurzeln kappen, oder nicht, interessiert mich jedenfalls einen Dreck. Sie sollten besser andere Gene einbringen, dann können sie ihr deutsches Erbe auslöschen.

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