Die drei Leben des Helmut Berger

BOULEVARD ROYAL

Helmut Berger als König Ludwig II. / abfotografiertes Filmplakat / Quelle: Steven West Helmut Berger als König Ludwig II. / abfotografiertes Filmplakat / Quelle: Steven West

Er war Schauspiellegende, Visconti-Muse und Enfant terrible des Jet-Sets: Der österreichische Schauspieler Helmut Berger ist tot.

In seiner Autobiografie „Ich“ beschreibt er seine erste Begegnung mit dem italienischen Meisterregisseur, Kommunisten und Aristokraten Luchino Visconti Mitte der 1960er-Jahre in Pisa. Berger war als Sprachenstudent an der dortigen Universität und Visconti war mit Dreharbeiten beschäftigt, die den jungen Berger faszinierten. Intensive Blicke sollen hin und her geflogen sein, und Visconti konnte sich der Anziehungskraft des Salzburgers nicht mehr entziehen.

Andere Quellen berichten, dass sich Berger und der Nachfahre der Herzöge von Mailand in der römischen Schickeria kennengelernt haben sollen, in die den damals als Fotomodell und Filmstatist arbeitenden Berger magisch hinzog. Wie auch immer es tatsächlich war, aus der schicksalhaften Begegnung entspann sich für beide in den späten 60er und frühen 70er-Jahren eine höchst produktive künstlerische Zusammenarbeit. Und bis zu Viscontis Tod 1976 eine intensive private Beziehung mit der ewigen Suche nach der Liebe.

Durchbruch mit Marlene Dietrich

In der Eröffnungsszene von „Die Verdammten“ von 1969 hat Berger als Marlene Dietrich-Travestie einen fulminanten Auftritt. In der Geschichte über die Verstrickungen einer nicht ganz fiktionalen Industrie-Dynastie aus dem Ruhrgebiet in den Nationalsozialismus durchlebt Berger alias Martin von Essenbeck die Wandlung vom dekadenten Jüngling zum abgründigen Magnaten über Stahl-Konzern und Familien-Clan. Mit dem Film schaffte Berger den internationalen Durchbruch und erhielt für seine Leistung zurecht einen Golden Globe.

„Glückwunsch, Du warst besser als ich!“, soll ihm Marlene Dietrich am Telefon zu seinem Erfolg bei der Verleihung der Golden Globes gratuliert haben. Seine Reminiszenz an Dietrichs Durchbruch im Film „Der blaue Engel“ schien die alternde Schauspiel-Ikone schwer beeindruckt zu haben. Immer wieder erzählte der Österreicher solche Anekdoten in seinen zahlreichen TV-Auftritten wie bei Harald Schmidt, der den Star regelmäßig in seine Late-Night-Show einlud.

Exzentrik als Lebensmotto

Spätestens ab den 1990er-Jahren zehrte der Schauspieler vom einstigen Ruhm und den früheren Erfolgen, an die er nach Viscontis Tod nicht mehr anknüpfen konnte. Berger machte als Skandalnudel Schlagzeilen mit seinen Sex- und Drogenbeichten, deren Höhepunkte jedoch Jahrzehnte zurücklagen. Ob es um Affären mit Mick und Bianca Jagger, um seine erotischen Verwicklungen mit Elizabeth Taylor oder seine Intimfeindschaft mit Alain Delon ging – der Champagner floss in Strömen, das Kokain kam n Lkw-weise, die Gläser flogen, und die gut informierten Paparazzi drückten begeistert ihre Auslöser. Doch nicht seine legendären Eskapaden und römischen Bad Taste-Partys machten ihn zur Legende, sondern eine Rolle, ein Film: „Ludwig“.

Als Bayern-König zum Weltstar

Titelbild des Films Ludwig / abfotografiertes Filmplakat / Quelle: Steven West

Filmhistoriker sind ein spezielles Völkchen, bei denen es heißt: Frag einen und du bekommst mindestens drei Meinungen. Jedoch sind sich die allermeisten einig, dass Viscontis Drama um den bayerischen König Ludwig II. zu den besten Filmen aller Zeiten gehört. Das Meisterwerk ist mit Helmut Berger in der Titelrolle ideal besetzt und besticht durch seine tiefenpsychologische Deutung des Bayern-Kini sowie eine filmische Opulenz, die sich bis in Details wie Blumenarrangements und historische Kostüme beeindruckt.

Viscontis freundschaftliche Beziehungen sowie weitläufige Verwandtschaft mit den Wittelsbachern öffneten ihm die Tore zu Schlössern wie Linderhof und Neuschwanstein für die Dreharbeiten. Berger verkörpert den König brillant in dessen Zerrissenheit zwischen Pflicht und Sehnsucht nach Erlösung durch Kunst und Schönheit.

„Ludwig“, wie der Film im Original heißt und nicht Ludwig II., ist gleichzeitig der Abgesang auf die Welt der Belle Epoque und deutet das Heraufziehen einer neuen Zeit an. Selbst wenn Berger anschließend keine weiteren Rollen gespielt hätte – er wäre allein mit Ludwig in die Filmgeschichte eingegangen.

Nicht jeder Schauspieler kann das von sich behaupten. Und nicht jeder hat Exzentrik so gnadenlos ausgelebt: Heutige Phänomene des Zeitgeists wie queer, non-binär, polyamourös, gender-fluid hat Berger ironisch gebrochen vorweggenommen. Pop-Star Madonna bezeichnete ihn und David Bowie als androgyne Vorbilder für ihr eigenes Schaffen und Regie-Legende Billy Wilder meinte über Berger in „Die Verdammten“: „Außer Helmut Berger gibt es heutzutage keine interessanten Frauen mehr.“

Hollywood versteht ihn nicht

Helmut Berger hatte mit der Rolle des Ludwig den Höhepunkt seines filmischen Schaffens erreicht und nach Viscontis Tod seinen Bändiger verloren, was ihn aus der Bahn warf. In den 1980er Jahren durfte er zwar mit Nebenrollen wie in der „Pate III“ und einer Staffel in der US-Soap „Denver Clan“ noch einmal seine schauspielerische Qualität bewiesen. An die glanzvollen Leistungen der Visconti-Ära reichte er jedoch nicht mehr heran.

Über das Casting für „Denver Clan“ beim Produzenten Aaron Spelling meinte er: „Er wollte für die Rolle unbedingt einen verruchten Europäer, und er hat meine Filme ,Die Verdammten‘ und ,Ludwig‘ gesehen. Aber er hat sie nicht verstanden. Wie die Amis eben sind, aber egal, ich habe gutes Geld mit „Dynasty“ (Anm. d. Red.: Titel im US-Original) verdient.“ Berger als Virtuose des europäischen Kunstfilms wurde mit der Gelddruckmaschine Hollywood nicht glücklich. Es blieb bei einem Gastspiel für eine Saison.

Sieben Leben

Der einst als schönster Mann der Welt verehrte und als erster Mann auf dem Titelbild der Vogue prangende Mime verfiel vor laufenden Kameras in den letzten Jahren immer mehr. Mit Entzügen in Kliniken, Rückfällen, einer skurrilen Kurzzeitehe mit einem von Botox entstellten Möchtegern-Influencer kam er nochmals in die Schlagzeilen. Dies alles und sein kurzer Auftritt im Dschungelcamp, das er auf ärztliche Anordnung schnell wieder verlassen musste, waren Tiefpunkte seiner langen Karriere. Die Gage soll ihm gerüchteweise stark gekürzt worden sein.

Seine Vermögensverhältnisse blieben bis zuletzt nebulös. Aus dem reichen Erbe seines einstigen Mentors soll er durch Intrigen der Familie Visconti nichts gesehen haben. Drei Leben habe er gelebt, so sein Credo. Aber drei reichen für seine schillernde Achterbahnfahrt durchs Leben eigentlich nicht aus. Es müssen wie bei einer Katze sieben gewesen sein. Helmut Berger starb 78-jährig am 18. Mai 2023 in Salzburg.