Benins König Ewuare II., Annalena Baerbock und das Drama um die Bronzen

BOULEVARD ROYAL

Annalena Baerbock in Prag / Quelle: 26th Forum 2000 Conference Annalena Baerbock in Prag / Quelle: 26th Forum 2000 Conference

Nach der Rückgabe der Berliner Benin-Bronzen herrscht am Königshof von Ewuare II. Heiterkeit und im Außenministerium von Annalena Baerbock Katzenjammer.

Annalena Baerbock und Claudia Roth in ihrer Eigenschaft als Kulturstaatsministerin strahlten bei der Rückgabe wertvoller Benin-Bronzen an Nigeria um die Wette. Nach jahrelangen Verhandlungen sind Prunkstücke aus deutschen Sammlungen an das westafrikanische Ölland übereignet worden. In Benin City, der Regionalhauptstadt der nigerianischen Provinz Benin, soll ein Museum für die Bronzen mit deutscher Unterstützung entstehen.

Claudia Roth war begeistert, und Annalena Baerbock feierte die deutsch-nigerianische Zusammenarbeit auf kulturellem Gebiet. Allerdings haben die beiden Grünen die Rechnung ohne den Oba Ewuare II., den König von Benin gemacht.

Stammeskönig mit Einfluss

Ewuares Palast in Benin City ist nicht vergleichbar mit europäischen Palästen und wirkt eher wie ein Stilmix aus großem Gutshof in fachwerksähnlicher Holzbauweise mit griechischen Säulengängen und könnte so ähnlich auch auf dem Peloponnes oder in Niedersachsen stehen. Der König verfügt über einen Hof mit Lakaien und Gardisten mit goldbetressten Uniformen.

Das höfische Protokoll ist streng und erinnert in Teilen an jenes von Byzanz. Zum Beispiel dürfen sich Besucher dem Monarchen nicht direkt nähern und müssen vor ihm niederknien und „Lang lebe der König“ ausrufen. Ähnlich wie am byzantinischen Hof stellen die Bittsteller über einen Logotheten, also eine Art Übersetzter, dem König ihre Anliegen vor. Die europäischen Monarchen dürften ob solcher Untertänigkeit glatt erblassen.

Auch sind am Beniner Hof strenge Kleidervorschriften zu beachten: keine schwarze Kleidung bei der Audienz! Zwar ist der Oba von Benin kein souveränes Staatsoberhaupt mehr wie noch im historischen Königreich Benin. Jedoch ist er ein einflussreicher Regionalherrscher, der von der nigerianischen Zentralregierung eine Kostenpauschale erhält für seine Aufgaben als traditioneller Stammesfürst.

Priesterkönig zum Volksglück

Benin-Bronze / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library; Wikimedialages: https://pixabay.com/de/photos/mädchen-leopard-plakette-bronzen-835600/

Ewuare ist das Oberhaupt des Volks der Edo, das eine gewichtige Rolle im Bundesstaat Nigeria spielt. Als Monarch spricht er in seiner Region Recht bei Fragen des Gewohnheitsrechts. Ewuare ist gut verdrahtet mit der Zentralregierung in Abuja, und diese Kontakte halfen sicherlich für den Akt, der nicht im deutschen Drehbuch zur Rückgabe der Bronzen stand: die Weitergabe an den König.

Über die Vermögensverhältnisse des Königs gibt es unterschiedliche Angaben. Einige behaupten, er sei im dreistelligen Bereich millionenschwer, andere wiederum raunen von einigen Milliarden auf der hohen Kante. Zumindest lässt er sich in seiner Hauptstadt in einem Rolls Royce Phantom umherchauffieren und trägt bei offiziellen Anlässen den traditionellen Korallenschmuck, der teilweise so alt ist wie die berühmten Bronzen.

Für sein Volk der Edo ist der Monarch unverzichtbar, ist er doch die sakrale Verbindung zur Welt der Vorfahren. Ewuare ist ein animistischer Priesterkönig, der für Einklang, Wohlergehen und Glück seines Volks wirken soll. Damit hat eine vergleichbare Stellung und Funktion wie der König der Zulu in Südafrika.

Vielleicht haben Baerbock und Roth diese kulturellen Besonderheiten bei ihren Verhandlungen mit der nigerianischen Regierung ausgeblendet, vergessen oder sträflich missachtet. Für die Edo zeigt sich ihr Glück auch im Wohlergehen des Herrschers, der mit der Übergabe einiger Bronzen durch den nigerianischen Staatspräsidenten einen stattlichen Vermögenszuwachs verzeichnet. Man kennt sich, man hilft sich. Der König war vor seiner Thronbesteigung Diplomat bei den UN, Botschafter Nigerias unter anderem in Schweden, Finnland und Italien. Seine Majestät ist also mit allen diplomatischen Wassern gewaschen.

Feministische Außenpolitik trifft auf royale Machtpolitik

Einigermaßen hilflos ist die Bundesregierung angesichts des Coups des Präsidenten mit dem König. Offizielle Linie in Berlin ist weiterhin, dass die Bronzen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Ewuare II. sieht das differenzierter und spricht vom Bau eines Palastmuseums, das mit dem geplanten Museum vor den Palastmauern, dem „Edo Museum of West African Art“, nicht identisch ist. Der König betont zwar, dass er nicht alle bei einer britische Strafaktion 1897 geraubten – Rule Britannia! – Bronzen zurückhaben möchte. Und er unterstreicht die Bedeutung der Bronzen als Kulturbotschafter seines Volkes weltweit. Doch durch die nigerianische Regierung erhält er den Anspruch auf rund 5000 Kult- und Kunstobjekte, die weltweit verstreut aus beninischer Herkunft sind.

Mit der Weitergabe einiger wertvoller Artefakte an den Herrscher ist die Bundesregierung kalt erwischt worden. Der nigerianische Staatspräsident argumentiert, dass seine Regierung mit den Bronzen letztlich machen könne, was sie wolle, und sie gehörten ohnehin dem Herrscherhaus von Benin. Kenner der politischen Szene in Nigeria-Benin sehen darin den Auftakt für eine Art neuen Raub: Die Bronzen verschwinden hinter den Palastmauern oder werden auf dem Kunstmarkt zu Höchstpreisen feilgeboten. Es gibt sogar Kritik an der Rückgabe der Bronzen von den Nachfahren von Sklaven, die der nigerianischen Regierung Probleme mit Menschenhandel vorwerfen.

Ewuare und die Echos der Vergangenheit

Das ist sicherlich nicht im Sinne der Bannerträgerinnen der feministischen Außenpolitik Roth und Baerbock, über das ein Mitglied der königlichen Familie Benins,  Prinz Okpame-Edward Oronsaye, sagte: „Es tut mir leid, aber Ihre Außenministerin ist zu jung. Sie hat keine Erfahrung, und manchmal merkt man das, wenn sie spricht.“ Da war sie wieder, Fettnäpfchen-Annalena.

König Ewuares II. Vorgänger Ewuare I. ist übrigens mit Sklavenhandel reich geworden. Ob deshalb die deutsche Außenministerin so unwirsch dem Königshaus gegenüber ist? Möglicherweise weiß sie davon nichts, der König aber schon. Er gilt als Kämpfer gegen den modernen Menschenhandel – die Aufarbeitung in die Verstrickungen seiner Vorfahren lässt indes auf sich warten. Ob die feministische Außenpolitik dabei helfen kann? Baerbock und Roth kennen die Antwort.

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2 Comments
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Wolfgang Wirth
Wolfgang Wirth
10 Monate her

Danke, ein durchaus lohnender Artikel! – – – Ergänzend hierzu noch: https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2023/das-duo-und-die-bronzen/ Daraus dieses Zitat von Thorsten Hinz: „Das vermeintlich rechtmäßige Erbe des Obas stammt aus den Erlösen der Sklavenverschiffung. Von den elf Millionen Afrikanern, die zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert nach Amerika verschleppt wurden, war ein knappes Fünftel von den Benin-Fürsten, seinen Vorfahren, gefangen und an die Europäer verkauft worden. Sogenannte Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind also keine Exklusivität der Weißen. Sie machten das schwarze Königreich zu einer führenden Regionalmacht.“ Daraus folgt dann, dass diese Bronzeplastiken vermutlich ohne die Gewinne der Edo-Könige aus dem Sklavenhandel wohl gar… Read more »

fufu
fufu
10 Monate her

Die Peinlichkeiten auf allen Ebenen der gegenwaertigen politischen Szene/Inszenierung wirken quasi irreal. In Italien wurde gerade der ukrainische Komiker mit allen hoechsten Ehren empfangen, vom Staatspraesidenten, der Regierungschefin, sogar vom falschen Papst. Und sogar in einer vielbeachteten Fernsehsendung durfte er sich praesentieren.

Augenscheinlich ist man in gewissen Kreisen im overdrive um die oeffentliche Meinung umzudrehen. Auch eine Art von Realitaetsverlust. Das koennte nach hinten losgehen.

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