Silvester und Konstantin – die Gründer der Papst-Monarchie

BOULEVARD ROYAL

Silvester / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: geralt; https://pixabay.com/de/illustrations/silvester-feuerwerk-neujahr-3882231/ Silvester / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: geralt; https://pixabay.com/de/illustrations/silvester-feuerwerk-neujahr-3882231/

Zum Jahreswechsel erinnert heute niemand mehr an den Todes- und Namenstag des Heiligen Silvester, mit dem die römische Kirche als älteste Weltmacht entstand.

Die Webseite des Vatikans hat über den Namensgeber des letzten Tages im Jahr wenig zu berichten: Pontifikatsbeginn 31.I.314, Pontifikatsende 31.XII.335, Herkunft römisch. Für das vierte nachchristliche Jahrhundert sind das sogar recht viele Informationen über einen Inhaber des Stuhles Petri. Vor allem die genauen Pontifikatsdaten überraschen, die wie die frühen Päpste historisch genau genommen mehr oder weniger im Nebel der Geschichte liegen.

Eine Schlacht mit einem Neuanfang

Silvester I. wäre wohl in den Nebeln des Frühchristentums entschwunden, hätte er nicht Konstantin als römischen Kaiser an seiner Seite gewusst. Ein Machtmensch von scharfem Verstand, militärischem Geschick und politischer Weitsicht. Nachdem er sich gegen seine Konkurrenten durchgesetzt hatte und in der entscheidenden Schlacht an der Milvischen Brücke 312 in Rom – von Mussolini pompös ausgebaut – gegen seinen letzten Rivalen Maxentius siegte, lag ihm das Imperium zu Füßen.

Ein letztes Mal für einen Imperator, denn das Reich kriselte seit Langem. Der römische Staatskult mit seinen Auguren, Vogelschauen, Vestalinnen und Tempeln war erschöpft. Er wirkte zusehends hohl und verbraucht, da das Reich seine äußeren Feinde mithilfe der Götter nicht mehr zu bändigen schien. Eine Sinnsuche nach etwas Neuem bewegte die Römer, und es gab eine Alternative zum Alten: das Christentum.

Helena gräbt aus und sammelt

Nach dreihundert Jahren der Verfolgung wendete sich das Blatt für die Christen in Rom wie im ganzen Imperium. Konstantin erkannte, dass sich eine einflussreiche Macht im Leben der Römer etabliert hatte. Neben einer anderen Spiritualität, die den Menschen in Verbindung mit einem einzigen Gott in den Mittelpunkt stellt, kam die soziale Fürsorge für Arme, Kranke und Alte hinzu. Ein Aspekt, der dem alten Staatskult fehlte, und das war entscheidend für den Aufstieg des Christentums.

Daneben spielte die Mutter des Kaisers, Helena, eine für den Sohn wichtige Rolle. Sie hat ihn angetrieben, unterstützt und beraten – und sie war eine glühende Christin. Hinter jedem erfolgreichen Mann steht angeblich eine starke Frau. Bei Konstantin stimmt das für seine Mutter auf jeden Fall. Ihre Reisen nach Palästina sind legendär, war sie doch die erste prominente Reliquiensammlerin und hat damit ein in der katholischen Kirche bis heute anhaltende Glaubenspraxis gestiftet.

Die Pontius Pilatus-Treppe, auf der Jesus mit dem Statthalter nach seiner Verurteilung entlanggegangen sein soll, brachte sie aus Jerusalem mit nach Rom. Dort ist sie noch heute Fixpunkt für Pilger als Scala Sancta – heilige Stiege – in der alten Papstkapelle im Lateran. Wer sie auf Knien und den Rosenkranz betend hinaufsteigt, besser gesagt rutscht, dem wird vergeben. Helenas unermüdlicher Einsatz für das Christentum dankte ihr die Römische Kirche mit ihrer Heiligsprechung.

Der Dan Brown des Mittelalters

Silvester erfuhr ebenfalls die Gnade der Erhebung zur Ehre der Altäre, aber weshalb? Jacobus de Voragine hat viel Anteil an der Legendenbildung Silvesters. In seinem Werk Legenda aurea – vom Leben der Heiligen – beschreibt er den Papst als einen Heiligen mit „engelhaftem Aussehen, seine Rede gefiel, er war von unberührter Reinheit, war in seinem Glauben katholisch und seine Nächstenliebe umfasste alle.“

Kaisermutter Helena muss verzückt gewesen sein ob solch eines leuchtenden Vorbilds. Sie wird ihn ihrem Sohn für höhere Aufgaben empfohlen habe. Für Voragine, den Dan Brown des Mittelalters, ist Silvester die göttliche Vorsehung für Konstantin. Bei der berühmten Schlacht an der Milvischen Brücke sollen ihm in der Nacht zuvor Engel oder Jesus selbst mit dem Kreuz in der Hand erschienen sein und dem Versprechen, dass er in diesem Zeichen siegen werde. So kam es, und die Dankbarkeit des Kaiser und seiner frommen Mutter kannte keine Grenzen mehr.

Die Legende um Silvester als geniale Fälschung

Um Silvester ranken sich so manche Legenden, wie es bei Heiligen zum Pflichtprogramm gehört. Eine bedeutende ist die von der Heilung und der anschließenden Taufe Konstantins. Dafür soll er Silvester und all seinen Nachfolgern das Patrimonium Petri, den Kirchenstaat, geschenkt haben.

Heute wissen wir, dass es sich dabei um eine der wirkmächtigsten Fälschungen des frühen Mittelalters handelt. Für die Erhebung zur Königsdynastie durch den Papst haben die Karolinger sich diesen raffinierten Kunstgriff ausgedacht. Dankbarkeit zahlt sich eben doch oft aus und die Kirche sprach aus Konstantin heilig.

Der Papst als Monarch

Konstantin zeigte sich Silvester und der Kirche gegenüber besonders dankbar, indem er die Verfolgungen gegen Christen verbot und das Christentum de facto zur neuen Staatsreligion machte. Den Papst als Monarchen – im Prinzip dem Kaiser mit seiner Hofhaltung und Liturgie gleichgestellt, – kreierte er gleich mit. Gewänder, Zeremonien, Titel stammen bis heute aus dieser Zeit.

Ein erstes intensives Kirchenbauprogramm setzten Konstantin und Silvester ins Werk. Dazu gehören die Lateranbasilika San Giovanni in Laterano, die erste Peters Basilika auf dem Vatikan mit dem Grab Petri, Sante Croce in Gerusaleme mit den von Helena aus Jerusalem mitgebrachten Kreuzreliquien und nicht zuletzt und heute wenig von Rom-Besuchern beachtet: San Clemente.

Tief unten aus alten römischen Zeiten befindet sich ein Mithras-Heiligtum, das noch heute zu besichtigen ist. Dieser Kult war in der Zeit Konstantins der schärfste Rivale um die Gläubigen im Reich. Hier hat der Kaiser mit Silvester nach seinem großen militärischen Sieg eine erste Kapelle errichten lassen. Als Symbol für den religiös-politischen Sieg des Christentums und seine kommende überragende und dann unangefochtene Stellung im Reich. Eine Art Exorzismus über das Überkommene, Verbrauchte und Alte.

Wie passend zum Todes- und Namenstag des Heiligen Silvester. An jedem 31. Dezember verabschieden wir mit Feuerwerk das Alte und hoffen auf das Neue. Silvester war mit seinem kongenialen Kaiser der Schöpfer dieser Tradition, die so viel mehr ist als nur Raketen und Böller: die Erschaffung des Papstes als irdischen König der Könige und der Römischen Kirche als älteste Weltmacht.

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