Operetten-Putsch, Kaiserheirat und Pop-Ehe: Die Dynastie des Prinzen Reuß

BOULEVARD ROYAL

Prinz Reuß, Jagdschloss Waidmannsheil / Quelle: Wikipedia, Urheber unbekannt, gemeinfrei: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Jagdschloss_Waidmannsheil.jpg Prinz Reuß, Jagdschloss Waidmannsheil / Quelle: Wikipedia, Urheber unbekannt, gemeinfrei: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Jagdschloss_Waidmannsheil.jpg

Unzählige Heinrichs, die Hermine schlechthin und eine weltberühmte Anni-Frid der Pop-Gruppe ABBA: Wer ist die Dynastie des Putsch-Prinzen Heinrich XIII. Reuß?

Wie ein Lindwurm mit Fackeln in den Händen zieht eine schwarz gewandete Festgesellschaft in der Dunkelheit der Nacht den Weg zu einer Burg hinauf. In einer düsteren, neo-romanischen Halle scharen sich die Gäste um den Hausherrn und seine streng dreinblickende Gattin, die neben einer Bronzebüste Adolf Hitlers stehen. Gebannt lauschen die Versammelten den Worten des Gastgebers, eines schwäbischen Industriellen, der unveröffentlichtes Material aus den vermeintlichen geheimen Tagebüchern des „Führers“ mit bewegter Stimme und umflorten Blickes vorliest. Ein alter SS-Mann steht neben einem nicht minder alten Kunsthistoriker, der angeblich zur Entourage Hitlers gehörte, und kommentiert die erstaunten Worte des alten Kameraden ob des Fundes: „Was, das haben Sie nicht gewusst?!“

Realität des Prinzen Reuß schlägt Satire

Diese Szene aus der Film-Satire „Schtonk“ über die gefälschten Hitler-Tagebücher könnte so oder so ähnlich bei den jüngsten Geheimtreffen der Möchtegern-Staatsstreichler um den Operetten-Prinzen Heinrich XIII. Reuß abgelaufen sein. Wahrscheinlich stand keine Hitler-Büste im Verschwörerzimmer, sondern eine von Wilhelm II. oder gar von Hermine?

Prinz Heinrichs Drang zur Staatsspitze über einen Umsturz als neuer Reichsmonarch ist der in zwei Linien geteilten Altadelsfamilie – Reuß ältere und Reuß jüngere Linie – nicht ganz fremd. Seine entfernte Verwandte, Hermine, Prinzessin Reuß ältere Linie, verwitwete Schoenaich-Carolath, wieder verheiratete Kaiser Wilhelm II., wie es in traditionellen Adelskreisen heißt, hat fast eine Blaupause geliefert. Hermine wollte nicht die zweite Geige im Exil, sondern die erste Dame des Reichs spielen. Aus der Zuflucht im holländischen Doorn versuchte die Majestät ohne Thron konservative, monarchietreue und am Ende nationalsozialistische Kreise in der Weimarer Republik für eine Rückkehr des Ex-Kaisers auf den Thron zu gewinnen. Wer war diese Majestät?

Hermine die Letzte

Ihr Titel war bereits umstritten. Die viel geliebte Kaiserin Auguste Victoria, von den schnoddrigen Berlinern wegen ihres eifrigen Kirchenbauprogramms auch „Kirchenjuste“ genannt, starb 62-jährig im Doorner Exil. Wahlweise an gebrochenem Herzen über den Verlust der Krone oder über die nicht sehr warmherzige Behandlung ihres entthronten Gatten während ihrer vierzigjährigen Ehe. Seine Majestät tröstete sich recht schnell mit eben jener Hermine aus altem thüringischen Adel, der noch in Nebenlinien wie Greiz und Schleiz mäandert und Genealogen mit der Zunge schnalzen lässt vor Verästelungsglück. Hermine hatte einen schweren Stand!

Dem Ex-Monarchen nahmen viele Standesgenossen und die konservative deutsche Presse die allzu schnelle Wiederheirat übel. Gut und schön, Hermine galt mit ihrer Herkunft aus dem Reußschen Alt- und Hochadel als ebenbürtig, aber ihr Ehrgeiz war allzu offensichtlich und ihr Verhältnis zu den Kaiserkindern, nun ja, angespannt. Aber eine Kaiserin Hermine? Im Exil?! Etwas operettenhaft!

Hermine hat am Ende ihrer langjährigen Werbetour für Willi Zwo einem gewissen Hermann Göring die Exiltüren zu Doorn geöffnet. Vergeblich! Am Ende führte sie in Frankfurt/Oder ein auskömmliches Dasein unter sowjetischer Militärverwaltung und hinterließ das Rätsel über angeblich gestohlenes Geschmeide aus dem preußischen Kronschatz in Millionenhöhe. Ein erster, handfester Skandal im Jahre 1947 – der westdeutsche Boulevard war geboren.

Pop-Prinzessin und Dancing Queen

Nicht minder boulevardhaft ging es mit einer anderen Reußschen Familienangelegenheit in den 1980er Jahren weiter. Anni-Frid, Prinzessin Reuß, Gräfin von Plauen – eine weitere dynastische Verästelung, die Genealogen das Herz wärmt – sinniert über ihre Zukunft. Anni-Frid hat einen deutschen Vater, Alfred Haase, aus dem fränkischen Gunzenhausen. Er war Wehrmachtssoldat in Norwegen. Sie lernte ihn 1977 über eine investigative Bravo-Story kennen. Nein, jener Herr Haase entpuppte sich nicht als unehelicher Sprössling – Bastard (!) – eines seitenspringenden Reuß. Er war lediglich der leibliche Vater.

Anni-Frid Synni Lyngstad, so ihr ursprünglicher Name nach der Mutter, ist durch Talent und die Göttin Fortuna eines der Mitglieder der erfolgreichsten Pop-Band aller Zeiten: ABBA. Irgendwann Mitte der 1980er lernte sie auf dem Höhepunkt ihres musikalischen Erfolgs Heinrich Ruzzo Prinz Reuß, Graf von Plauen kennen und lieben. Die Liebe hielt bis zum Tode des Reuß Ende der 1990er Jahre und Anni-Frid trägt nach wie vor seinen Namen, auch wenn sie derzeit mit einem englischen Adligen liiert ist. Deutscher Adel hält eben länger!

Operetten-Putsch mit Laienspielerschar

Heinrich, immer wieder Heinrich. Heinrich! Mir graut’ s vor dir, so lässt Goethe das arme Gretchen in Faust I schreckenserfüllt rufen. Das könnte man auch rufen, stöhnen oder schreien bei Heinrich XIII. Reuß und seiner Putschisten-Bande. Alle (!) männlichen Mitglieder des Reußschen Adelsgeschlechts tragen diesen Vornamen. Liebe Reußens, älterer wie jüngerer Linie, selbst die immer noch gekrönten Häupter Europas haben mehr Sinn für Varianten bei den Vornamen ihren Dynasten.

Die Zählung der unendlichen Heinriche innerhalb der weitestverzweigtesten Dynastie aller Zeiten ist so unübersichtlich wie die Putschisten-Kameraden des schwärzesten Schafes der Dynastie selbst. Verschwörertreffen auf Jagdschloss Waidmannsheil im Thüringer Wald könnte sich kein Drehbuchautor besser einfallen lassen. Eigentlich fehlte bei dieser mit viel Staatsschutz-PR vermarkteten Posse nur noch, dass der Prinz non-binär schwul, die Ex-Abgeordnete eine Trans-Lesbe und der erbarmungswürdige Rest Ex-Mitglieder des IS oder der Taliban sind.

Ein Sprecher des Hauses Reuß hat den missratenen Spross als verwirrt und schon lange nicht mehr als dazugehörig bezeichnet. Richtig so! Steinmeier bleibt im Amt. Als Bundespräsident. Das mit Abstand langweiligste und überflüssigste Amt weltweit. Alles ist besser als eine Reußsche Monarchie. Gott bewahre!

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