Was will Sahra Wagenknecht?

Sarah Wagenknecht / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: pxel_photographer;https://pixabay.com/de/photos/sahra-wagenknecht-deutscher-politiker-6718228/ Sarah Wagenknecht / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: pxel_photographer;https://pixabay.com/de/photos/sahra-wagenknecht-deutscher-politiker-6718228/

Sahra Wagenknecht und Die Linke liegen über Kreuz. Sie werden kaum noch einmal zusammenfinden. Darum spricht vieles dafür, dass sie eine neue Partei gründet.

Was will Sahra Wagenknecht? Seit Monaten geistern Spekulationen über die Zukunft der Linken-Politikerin durch die Medien. Angefacht werden sie ein ums andere Mal von den heftigen Abwehrkämpfen ihrer eigenen Partei, für die Wagenknecht längst so etwas wie ein Fremdkörper geworden ist. Linkssein ist heute nämlich etwas ganz anderes als das, was Sahra Wagenknecht 1989 in die SED eintreten ließ, obwohl die autoritäre DDR-Einheitspartei ihr das Studium verboten hatte.

In der untergehenden DDR war Linkssein noch erfüllt vom Geist des Marxismus-Leninismus, vom Festhalten an eine eigenständige Zukunft der DDR und der bedingungslosen Unterwerfung unter das Diktat der kommunistischen Führung in Moskau.

Sahra Wagenknecht und die soziale Marktwirtschaft

Heute ist Linkssein erfüllt von identitätspolitischem Denken und befasst sich primär mit rassistischer und sexueller Diskriminierung. Wer links ist, will „woke“ (wachsam) sein. Im Grunde ist das Wort das neue Synonym für die moderne Linke, die sich vor allem kulturell definiert und mit marxscher Kapitalismuskritik ebenso wenig am Hut hat wie mit demokratischem Sozialismus.

Freilich ist Sahra Wagenknecht heute auch nicht mehr die Kommunistin, die sie 1989 noch war. Ihr neues Glaubensbekenntnis setzt sich zusammen aus der von Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard entworfene soziale Marktwirtschaft und dem Ordoliberalismus Walter Euckens. Wagenknecht ist alles andere als „woke“. Sie will es auch nicht sein. Schlimmer noch: Sie verachtet diese „woke“ Kulturlinke zutiefst und hat es ihr vor der Bundestagswahl 2021 in dem Buch „Die Selbstgerechten: Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt“ sogar schriftlich gegeben. Spätestens seit dem Erscheinen dieses Buches ist die Partei Die Linke mit Wagenknecht durch und umgekehrt. Beide haben sich nichts mehr zu sagen.

So etwas eröffnet natürlich Raum für Spekulationen, die Wagenknecht selbst gern durch vage Andeutungen noch befeuert. Seither geistert die Frage nach einer neuen Wagenknecht-Partei durchs krisenerschütterte politische Berlin. Und geradezu elektrisiert nahmen Kulturlinke und ihr rechter Antipoden im Spätsommer Umfragen aus dem Erfurter Institut INSA zur Kenntnis, die der Bild-Zeitung das Zahlenmaterial für eine regelrechte Wagenknechtkampagne lieferten.

Großes Potenzial für eine Wagenknecht-Partei

Laut INSA würden 68 Prozent der AfD-Wähler und 67 Prozent der Linke-Wähler für eine Wagenknechtpartei stimmen. Unter den CDU-Wählern sind es immerhin 25 Prozent, und sogar sieben Prozent der Grünen-Wähler wären dabei. In einer Civey-Umfrage gaben 30 Prozent an, sie könnten sich die Wahl einer Wagenknechtpartei vorstellen. Aber sind all diese Daten so belastbar, dass sie eine Parteigründung rechtfertigen?

Fest steht bisher nur eines, Wagenknecht wird bei der kommenden Bundestagswahl 2025 nicht noch einmal für Die Linke kandidieren. Auch Gregor Gysi habe sie in einem langen Gespräch nicht zum Bleiben überreden können, schrieb der „Spiegel“. Wenn Sarah Wagenknecht danach gefragt wird, ob sie eine Partei gründen will, sagt sie weder „Ja“ noch „Nein“. Bis heute hat sie das bundespolitische Scheitern der von ihr gegründeten Sammlungsbewegung „Aufstehen“ nicht verwunden. Einen solchen Fehler will Wagenknecht nicht wiederholen.

Sie habe daraus gelernt, heißt es in ihrem Umfeld. Außerdem sei „Aufstehen“ ja auch gar nicht als Partei konzipiert worden. Und so werden Hintergrund Pläne für die mögliche neue Partei entworfen. Sie soll die Leerstelle füllen, die SPD, Grüne und Linke im Mittelstand, in der Mittelschicht und der Unterschicht gerissen haben. Dort leben immer mehr Wähler, die sich von keiner Partei mehr vertreten fühlen und der AfD keine soziale Kompetenz zuschreiben.

Primadonna im politischen Berlin

Starten könnte die neue Partei zur Europawahl 2024, bei der sie nicht an einer Fünf-Prozent-Hürde scheitern kann. Gelingt ihr da ein achtbarer Erfolg, dürfte es nicht schwer sein, im Jahr darauf mit dem Geld aus der ihr dann zustehenden Parteienfinanzierung und Spenden einen Bundestagswahlkampf zu finanzieren.

Wenn Sarah Wagenknecht 2025 aus dem Bundestag ausscheidet, braucht sie eine neue Bühne. Ihr Youtube-Kanal kann mittel- und langfristig kein Ersatz für Reden im Bundestag sein. Auf YouTube und mit ihren Büchern ist sie vor allem auch deshalb so erfolgreich, weil sie als Primadonna im politischen Berlin reüssiert. Niemand weiß das besser als sie selbst. Und dieses Wissen wird ihr Handeln bestimmen.

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Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel

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Wolfgang Wirth
Wolfgang Wirth
9 Tage her

Ein interessanter Artikel. Es ist natürlich Tatsache, dass durch den Verrat der Linken und Sozialdemokraten an ihrer ehemaligen Stammwählerschaft eine politische Leerstelle entstanden ist. Andererseits würde durch eine neue Partei aber die Gesamtzahl derjenigen, die oppositionell zum herrschenden Kartell stehen, ja nicht oder nur etwas zunehmen. Das ist der Punkt! Und das weiß sie ja auch. Wagenknechts Partei nähme von der AfD, nähme auch von der Linken und außerdem wohl noch von Nichtwählern, die früher vielleicht mal SPD gewählt haben, aber mehr als etwa 7% traue ich ihrer Partei zunächst nicht zu. Die AfD würde gleichzeitig schwächer werden und vielleicht… Read more »

Ketzerlehrling
Ketzerlehrling
7 Tage her

So sehr ich Wagenknecht und ihre Intelligenz schätze, so sehr lehne ich ab, für was sie steht. Sie vertritt zwar vernünftige Ansichten, aber sie ist eine Vollblut-Linke und mit ihr, oder mit einer eventuell neuen Partei, die Deutschland ganz sicher nicht braucht, denn links herrscht ein derartiges Gedränge, würde sich an den tatsächlichen Problemen in diesem Land nichts, oder nur marginal, etwas ändern. Denn auch Wagenknecht und die Linken stehen für Massenmigration, für volle Sozialleistungen, deutsche Staatsangehörigkeit usw. und sofort. Links ist nun mal links und das bedeutet keinerlei kapitalistisches Denken, wobei kapitalistisch zwar durch die linksgrün Verstrahlten ein sehr… Read more »

R.Schuster
R.Schuster
5 Tage her

Insgesamt ein sehr guter Artikel der aber sicherlich auch für den Leser fragen aufwirft. Für was letztendlich Frau Wagenknaecht steht, kann eigentlich niemand wirklich sagen. Ich erinnere mich noch als sie in den Bundestag einzig mit gefärbten Haarsträhnen und heute Business. Ihre Ansagen sind klar und deutlich da kann der böseste Mensch kein Haar in der Suppe finden. Allerdings weiß auch jeder Mensch vor der Wahl kann man über vieles reden und viele Aussagen treffen, nach der Wahl sieht das schon anders aus. Stichwort Herr Gysi Berliner Senat. Vielleicht ist es notwendig ein ehrlicheren Ansatz zu finden und Parteien grundsätzlich… Read more »

Voltaire
Voltaire
Reply to  R.Schuster
3 Tage her

Für mich wirft sich schon lange die Frage auf, wie sich der Souverän – nämlich das deutsche Volk – von der Unterjochung seitens der „Parteisoldaten“ aller im Bundestag vertretenen Parteien befreien soll. Dies kann meiner Meinung nach nur gelingen, indem der Politik ein Handlungsspielraum vorgegeben wird, welcher einer durch das deutsche Volk gem. Art. 146 beschlossenen Verfassung vorgegeben wird. Hierzu einige meiner Vorschläge, was meiner Meinung nach in einer Verfassung zu verankern ist: a) dass Grundrechte nicht verhandelbar sind und weder durch Gesetze, Rechtsverordnungen, Erlasse, Verfügungen oder sonstigen juristischen Texten eingeschränkt werden können b) Die Gewaltenteilung der Organe Gesetzgebung (Legislative),… Read more »

fufu
fufu
1 Tag her

Links-rechts, oben-unten, klar gibt es… im Strassenverkehr im Parlament, der Apfel am Baum. Im uebertragenen Sinne bedeutungslos. Hier gibt es nur Sklaven und Freie. Wagenbach scheint mir eine politische Ausnahme, frei von ueberkommenen Kategorien, soweit man dies eben dem Publikum zumuten kann.

fufu
fufu
10 Stunden her

Wen interessiert es schon ob Wagenbach links war oder ist oder, oh graus, nach rechts offen ist. Scheint’s befuerchtet jemand, dass hier jemand in fremden Gaerten wildert. Zumindest sollte dieser Kinderkram niemanden interessieren. Zwar weiss ich nicht ob Wagenbach mit die Position Lafontaines vertritt, der es auf den Punkt gebracht hat : „Amis go home“, mitsamt der Kolonne der Transatlantiker die alle Parteien durchsetzt. Den Rest kann man sich vorerst sparen.

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