Abschied von der Merkel-Partei

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) / Quelle: Pixabay, lizenezfreie Bilder, open library: https://pixabay.com/de/merkel-bundeskanzlerin-angela-merkel-2906016/ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) / Quelle: Pixabay, lizenezfreie Bilder, open library: https://pixabay.com/de/merkel-bundeskanzlerin-angela-merkel-2906016/

Die Bundestagswahl bringt ein politisch verändertes Deutschland hervor. Die zur Merkel-Partei mutierte CDU gibt es nicht mehr. Ideologische Gräben brechen auf.

Niemand kann sagen, es hätte keine Themen für diesen Bundestagswahlkampf gegeben. Das Desaster in Afghanistan, die Folgen der Flutkatastrophe, der hohe Spritpreis, die ungelöste Rentenfrage drängten sich als Wahlkampfthemen förmlich auf.

Doch je länger sich der Wahlkampf hinzieht und mit jedem Tag deutlicher die Schwächen des Unionskandidaten Armin Laschet offenbart, wird dem Land bewusst, dass sich diese Bundestagswahl grundsätzlich von allen vorhergehenden seit 2005 unterscheidet. Nun erst, in der Endphase des Bundestagswahlkampfes 2021 wird auch für die weniger politisch interessierten Bürger sichtbar, wie sehr die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel das politische Deutschland verändert hat.

Merkel ja, CDU nein

Abzulesen ist dieser Wandel an den Umfragewerten der Union. Seit Juni 2020 stürzte die CDU in den Umfragen von 40 Prozent auf heute nur noch 22 Prozent ab. Gleichzeitig erzielt Merkel weiterhin höchste Zustimmungswerte. Im aktuellen ZDF-Politbarometer zeigten sich 80 Prozent der Befragten zufrieden mit ihrer Arbeit. So gute Werte erzielt kein anderer Politiker.

Die Differenz zwischen den hervorragenden persönlichen Popularitätswerten der Kanzlerin und den schwindsüchtigen Zustimmungsraten für die Partei zeigen die Bedeutung, die Merkel für die Wahlerfolge der Union in der Vergangenheit hatte. Ihr Fleiß und ihre Hingabe an das Amt, ihre nüchterne Sachlichkeit und ihr ganz und gar unprätentiöses Auftreten nahm nicht nur die große Mehrheit der Deutschen für Merkel ein. Diese persönlichen Eigenschaften flankierte sie mit einem Regierungsstil, den sie bedingungslos auf die Demoskopie auf damit auf die Befindlichkeiten der gesellschaftlichen Mitte ausrichtete.

All das konnte an der CDU nicht spurlos vorübergehen. Unter Merkel degenerierte die Partei zwangsläufig zu einer Art Mündel einer erfolgreichen Populistin, die den eigenen Verein in den Koalitionen mit den Sozialdemokraten zu einer in den vergangenen Jahren zunehmend grüner daherkommenden Merkel-Partei umformte.

Sie schnitt nicht nur die Macht-Strukturen in der CDU auf sich zu, sondern gab auch den inhaltlichen Kurs vor. Manchmal geschah dies sogar mit brachialer Gewalt, etwa, als sie im März 2011 aufgrund demoskopischer Einschätzungen vor dem Hintergrund der Reaktorkatastrophe von Fukushima gegen alle CDU-Beschlüsse den sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie ankündigte.

Wohin geht die Mittelschicht?

So blieb von der alten CDU Helmut Kohls kaum noch etwas übrig. Ihre wenigen verbliebenen Repräsentanten wie der als Investmentbanker reich gewordene Friedrich Merz wirken heute wie aus der Zeit gefallen. In der gesellschaftlichen Mitte haben sie ihren Platz verloren.

Dort verschwimmen nämlich die Grenzen zwischen bürgerlichen Grünen- und CDU-Wählern und den klimabesorgten SPD-Wählern. In dieser neuen Mitte war die Merkel-Partei, die es nun so nicht mehr gibt, Platzhirsch. Ohne Merkel ist die CDU eine Laschet-Merz-Partei, die ihren Platz in der Gesellschaft erst wieder neu finden muss. Die sozialdemokratisch geprägte Mittelschicht, die Merkel über die Koalitionen mit der SPD für sich gewonnen hatte, verabschiedet sich jedenfalls gerade von der CDU und kehrt zurück zur SPD.

Egal, wie die Wahl am Ende ausgeht, sie wird ein politisch verändertes Deutschland hervorbringen. In den Bundestag wird eine stark geschwächte CDU einziehen, in de zudem ein heftiger Richtungsstreit ansteht. Auf der anderen Seite bekommen SPD, Grüne und Linke mehr Gewicht. So werden die ideologischen Trennlinien wieder schärfer, die trennenden Gräben tiefer. Nicht wenige werden sich nach der Stabilität der vergangenen 15 Jahre zurücksehnen.

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Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel

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Petersen
Petersen
1 Monat her

Im aktuellen ZDF-Politbarometer zeigten sich 80 Prozent der Befragten zufrieden mit ihrer Arbeit.“

Das macht mich sprachlos.

Wolfgang Wirth
Wolfgang Wirth
Reply to  Petersen
1 Monat her

Ja, da ist man fassungslos.
Andererseits stellt sich mir die ernsthafte Frage, wie glaubwürdig derartige veröffentlichte Zahlen heute überhaupt sind.
Misstrauen ist berechtigt.

Interessierter Leser
Interessierter Leser
Reply to  Petersen
1 Monat her

Boris Reitschuster von reitschuster.de konnte solche Zahlen ebenfalls nicht glauben und ließ vor einiger Zeit auf eigene Kosten ebenfalls eine Umfrage machen. Dieses Ergebnis sah ganz anders aus! Leider habe ich die konkreten Zahlen nicht mehr parat. Aber da die Wahlen bereits seit längerer Zeit in Deutschland passend gemacht werden, um die AfD unten und die CDU oben zu halten, ist davon auszugehen, daß auch bei den ständig erfolgenden Stimmungsumfragen kräftig manipuliert wird. Man braucht sich nur mal die Leserbriefe zu politischen Dauerbrennern wie Renten, „Flüchtlingen“, Coronamaßnahmen etc. selbst in konservativen Blättern wie Focus oder Welt zu Gemüte zu führen,… Read more »

Gerolf
Gerolf
1 Monat her

„Nicht wenige werden sich nach der Stabilität der vergangenen 15 Jahre zurücksehnen.“

Ja, man kann es sich schon vorstellen, wie die Merkel-Verklärung schließlich aussehen wird. Aber war das nicht eine Stabilität aufgrund einer Politik, die die wirklich schlimmen Folgen ihrer Entscheidungen konsequent auf die nächste Generation geschoben hat?

Ketzerlehrling
Ketzerlehrling
1 Monat her

Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Deutschen so einen Narren an dieser Frau gefressen haben. Sie sind ein politisch unerzogenes Volk, infantil, phlegmatisch, naiv, alles bekannt, aber so dumm, das bekomme ich nicht in den Kopf.

Voltaire
Voltaire
1 Monat her

Der ZDF-Politbarometer hat die Umfrage exklusiv im Konrad-Adenauer-Haus bei ausgewählten Besuchern durchgeführt. Was mich jedoch verblüfft ist, dass A. Merkel nur 80% Zustimmung bzgl. ihrer persönlichen Eignung, Neigung und Fähigkeiten zur Ausübung des Kanzlerjobs erhalten hat! Möge Gott die 20% Dissidenten vor staatlicher Verfolgung schützen und ihnen weiterhin ein sorgloses Leben in Unfreiheit ermöglichen.

Wolfgang Wirth
Wolfgang Wirth
1 Monat her

Nun, da die CDU nicht mehr als persönliche Machtbasis jener unseligen Person nötig ist, wird deutlich, dass es diese Partei eigentlich gar nicht mehr gibt. Ohne jene Frau ist die Partei überflüssig geworden, da die Partei ansonsten kein Alleinstellungsmerkmal mehr hat und auch nicht mehr als Basis jener Person fungiert. Gewählt wurde die Union anscheinend zunehmend nur noch von Fans jener unseligen Frau und von total uninformierten und dummen Leuten, die die Linksverschiebung der Union gar nicht gemerkt haben. … Für jene führenden CDU´ler, die die Union reorganisieren wollen, bleibt einzig der Weg, wieder bürgerlich-konservative Alleinstellungsmerkmale zu schaffen. Angesichts der… Read more »

Shinobi
Shinobi
Reply to  Wolfgang Wirth
1 Monat her

Einzig Merz, Maaßen und Otte haben nicht ihre Würde verloren.

Na na. Also Maaßen ist ein Verschwörungstheoretiker, aber kein NAZI oder Rechtsradikaler. Seine Aussagen über Snowden sind einfach Zumutung!

Aber in Ihrer Aufzählung würde ich Maaßen mit Bosbach ersetzen.
Er stellte sich schon einige Male gegen den Merkel-Kurs, vor allem während der Euro-Krise und gab nie auf. Selbst wenn er scheiterte!

Lilie58
Lilie58
1 Monat her

Ich kann mich nur anschließen, ich bin fassungslos. Höchste Strompreise, höchste Steuern, höchste Lebensarbeitszeit, hohe Spritpreise, geringste Eigentumsrate, eine der höchsten Migrantenzahlen, usw. , man mag es nicht glauben, 80% der deutschen Bürger lieben und schätzen das offenbar , oder haben wir es hier mit einem anderen Phänomen zu tun? Wären 100% Zustimmung für Merkel zuviel? Zu auffällig? Wußten die DDR Bürger damals nicht besser Bescheid über solche Ergebnisse oder sind insbesondere die Westdeutschen heute zu schläfrig? Zweifel sind bei diesem Ergebnis jedenfalls angebracht.

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