„China strebt nicht nach der Weltherrschaft“

China Peking Polizisten / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: laborge7; https://pixabay.com/de/photos/polizei-pflicht-offizielle-china-754567/ China Peking Polizisten / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: laborge7; https://pixabay.com/de/photos/polizei-pflicht-offizielle-china-754567/

Der Grandseigneur der Weltpolitik, Henry Kissinger, mahnt eine Verständigung zwischen den USA und China an und warnt vor einem „katastrophalen Konflikt“.

Was Henry Kissinger sagt, hat Gewicht. Kaum einer hat mehr diplomatische Erfahrung im Gepäck, kaum jemand analysiert die weltpolitische Entwicklung mit so viel Weitsicht wie der frühere Außenminister und nationale Sicherheitsberater der US-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford. Folglich kann es nicht überraschen, dass er längst über die Welt nach Corona nachdenkt, während sich nicht wenige Staats- und Regierungschefs im Kleinklein der Pandemiebekämpfung verheddern.

Im Gespräch mit dem ehemaligen britischen Außenminister Jeremy Hunt in einem Chatham House Webinar betrachtete der 97 Jahre alte Diplomat nun das Verhältnis zwischen den USA und China mit großer Sorge. Er mahnte beide Seiten rasch zu einer Verständigung in internationalen Angelegenheiten zu kommen. Wenn dies nicht gelinge, drohe ein „katastrophaler“ Konflikt, der weder den Chinesen noch den USA nutzen werde, berichtet das Magazin „Newsweek“.

Kissinger ist ein exzellenter China-Kenner

Kissinger sagte, der „endlose“ Wettbewerb zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt riskiere „eine unvorhergesehene Eskalation und einen anschließenden Konflikt, mithin eine Situation, die durch künstliche Intelligenz und futuristische Waffentechnik noch gefährlicher werde“.

In Washington ist die Furcht vor China groß. Dort sieht man China inzwischen längst nicht mehr als eine kommerzielle Chance, sondern als Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Und nicht nur national gesinnte Republikaner bangen um die Hegemonie der USA.

Chinas rasantem wirtschaftlichen Aufstieg haben die USA tatsächlich so gut wie nichts entgegenzusetzen. Mit diesem Aufstieg einher gehen explodierende chinesische Militärausgaben, hohe Investitionen in Atomwaffen und ein rasanter technologischer Fortschritt. All das hat China zur neuen Supermacht gemacht. So mag die Nervosität in Washington nicht verwundern.

Doch Kissinger mahnt zur Vernunft. Kaum jemand kennt China so gut wie er, und kaum jemand ist dort so gut vernetzt. Aus dieser tiefen Kenntnis des Landes heraus sagte er, Peking strebe nicht nach der „Weltherrschaft“, sondern werde versuchen, die in der chinesischen Gesellschaft vorhandenen Fähigkeiten maximal zu entwickeln.

Seine Botschaft ist klar: Wir können mit den Chinesen reden. Ob sie gehört wird, ist eine andere Frage. Präsident Joe Biden hat einen harten Kurs gegenüber China angekündigt. Sein Außenminister Antony Blinken und andere haben China beschuldigt, die von den USA geführte internationale Ordnung zu bedrohen und die demokratischen Nationen auf der ganzen Welt zu untergraben.

Kissinger hingegen warnt vor diesem Konfrontationskurs. Beide Seiten müssten lernen, miteinander zu leben, um den Frieden zu erhalten, sagte er.

Kissingers Mahnung zur Kooperation

„Ist es notwendig, eine kohärente Auffassung von Regierungsführung zu haben, um eine friedliche Ordnung zu schaffen?“, fragt Kissinger. „Oder ist es möglich, eine internationale Ordnung zu erarbeiten, in der die grundlegenden innenpolitischen Prinzipien bis zu einem gewissen Grad variieren, es aber eine Einigung darüber gibt, was notwendig ist, um einen Zusammenbruch der internationalen Ordnung zu verhindern?“

Eindringlich warnte er davor, dass sich die Welt „auf einen endlosen Wettbewerb einlässt, der auf der Dominanz dessen basiert, der im Moment überlegen ist“. In diesem Fall sei „ein Zusammenbruch der Ordnung unvermeidlich, und die Folgen des Zusammenbruchs wären katastrophal“.

Erstmals in ihrer Geschichte müssten die sich die USA entscheiden, „ob es möglich ist, mit einem Land von vergleichbarer Größe – und vielleicht in mancher Hinsicht knapp voraus – aus einer Position heraus umzugehen, die zuerst das bestehende Gleichgewicht analysiert!“, sagte Kissinger.

„Situation wie vor dem Ersten Weltkrieg“

Auch müssten sich die USA daran erinnern, sagte er, dass internationale Probleme keine „endgültigen Lösungen“ hätten, und dass jede scheinbare Lösung „die Tür zu einer anderen Reihe von Problemen öffnet“.

Die Amerikaner müssten sich fragen, so Kissinger: „Ist es für uns möglich, eine Außenpolitik zu entwickeln, die gemeinsam mit Verbündeten denkt und von anderen Ländern verstanden wird, und die auf der Grundlage einer solchen Analyse nach einer Weltordnung sucht?“ Und er fügt eine dramatische Warnung hinzu:  „Wenn wir nicht zu diesem Punkt kommen, und wenn wir nicht zu einer Verständigung mit China in diesem Punkt kommen, dann werden wir in einer Situation wie vor dem Ersten Weltkrieg sein, in der es immerwährende Konflikte gibt, die sofort gelöst werden. Aber einer von ihnen gerät irgendwann außer Kontrolle.“

Nur sei die Situation heute „unendlich viel gefährlicher“ angesichts von Waffen, „die auf sich selbst zielen können und die den Konflikt selbst beginnen können, ohne eine Vereinbarung über irgendeine Art von Zurückhaltung“. Das könne nicht gut ausgehen, warnte Kissinger. Und das sei eher noch untertrieben.

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Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel

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Argonautiker
Argonautiker
3 Jahre her

Wenn die, die die Sache eingebrockt haben, auf einmal wissen was zu tun ist.   Zur Erinnerung, Kissinger war der, der die Loslösung des Dollars vom Gold ermöglichte und das als Lösung aus der Krise verkaufte. Dadurch wurde es finanzpolitisch ermöglicht Wirkung vor Ursache zu setzen. Dadurch konnten Konzerne ohne entsprechende reale wirtschaftliche Leistung erbracht zu haben, Konkurrenten ausschalten und auf Einkaufstour gehen, sodaß globale Konzerne überhaupt erst entstehen konnten, die nun so groß geworden sind, daß sie die nationalen Staaten zur Einen Weltordnung drängen können.   Und nun sagt der, der das ermöglicht hat, wenn wir seinen Fehler nicht… Read more »

Kröte
Kröte
Reply to  Argonautiker
3 Jahre her

Man schafft ein Problem und bietet dann die Lösung an. Die Methode kenne ich doch von Bertelsmann? Ist der Ideengeber etwa derselbe?

fufu
fufu
3 Jahre her

Warum sollte sich jemand fuer die Meinung eines greisen, narzistischen Selbstdarstellers interessieren ? Der gemeine Mensch haette naeherliegende Themen.

Peter Meier
Peter Meier
3 Jahre her

Lieber Herr Lachmann, das Zeitgeschehen, die in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen, haben Henry Kissinger unmissverständlich disqualifiziert. Das Elend in Ost-Timor, in Kambodscha/Vietnam und in Chile tragen seine blutige Handschrift. Wenn er noch irgendwo erwähnt werden sollte, so wäre es m.E. höchstens vor dem Intern. Strafgerichtshof in Den Haag. Dass er gut vernetzt sein soll, haben Sie natürlich recht. Das ist aber keine Qualifikation, sondern der Umstand wirft höchstens ein miserables Licht auf diese Beziehungs-Netze.

Konrad Kugler
Konrad Kugler
3 Jahre her

Eines übersieht Kissinger leider, den „missionarischen“ Charakter des Kommunismus. Wieviele Einflußagenten hat China weltweit in alle Verwaltungen implantiert?

Frido
Frido
Reply to  Konrad Kugler
3 Jahre her

Um ihre Macht zu sichern und auszuweiten, nicht um den Kommunismus in die Welt zu bringen. Eigentlich ist China nur dem Namen nach kommunistisch, reich werden kann und darf jeder, aber er muss sich der Staatsmacht beugen. Das System in China ähnelt eher dem Nationalsozialismus als dem Stalinismus.