Corona beschleunigt das Aussterben der deutschen Innenstädte

Fuer den Autoverkehr gesperrte Friedrichstraße in Berlin Mitte. © GEOLITICO Fuer den Autoverkehr gesperrte Friedrichstraße in Berlin Mitte. © GEOLITICO
 

An der Berliner Friedrichstraße vollzieht sich nach der Corona-Lockdown-Krise beispielhaft jener Niedergang, der nun allen deutschen Innenstädten droht.

Berlin legt einen Teil der bekannten Friedrichstraße für den Autoverkehr still.  Auf einem Abschnitt zwischen U-Bahnhof Stadtmitte und der Französischen Straße, also mitten in der Stadt, soll nun eine „Flaniermeile“ entstehen. Es fragt sich nur, was an dieser Friedrichstraße noch zum Flanieren einladen soll. Denn in den vergangenen Jahren hat sie erheblich an Attraktivität sowohl für Berliner als auch für Touristen verloren.

Nicht wenige bekannte Modegeschäfte hatten bereits vor der Coronakrise aufgegeben oder waren an den Kurfürstendamm umgezogen. Schon durch den Weggang dieser Läden waren Kunden abgewandert, die den verbliebenen Geschäften fehlten. Dann kam der Lockdown mit seinen bekannten wirtschaftlichen Schäden. Seither stehen weiter Geschäftsräume an der Friedrichstraße leer. Einzig verbliebener Besuchermagnet ist nun wohl die Filiale des französischen Luxuskaufhauses „Galeries Lafayette“.

50.000 Ladenstandorte bedroht

Im „Quartier 205 Stadtmitte“ hat die Schuhkette „Görtz 17“ nach Corona einen Schlussstrich gezogen und Geschäft dort geschlossen. Gegenüber hatte der schwedische Modekonzern H&M bereits vor längerer Zeit seine letzte Filiale an der Friedrichstraße geschlossen. Beide Ladenlokale stehen leer. Vor zehn Jahren hatten die Schweden hier in unmittelbarer Nähe zum Gendarmenmarkt sogar drei gutgehende Geschäfte. Doch das ist lange her.

Auch die guten Zeiten der Friedrichstadt-Passagen zwischen Lafayette und „Quartier 205“ sind längst vergangen. Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts begleitete ein Pianist nach dem Einkauf bei einer der großen italienischen oder französischen Modemarken den „Absacker“ an der Bar. Heute füllt nur das leise Motorengeräusch der menschenleeren Rolltreppe den schwarz-weiß gefliesten hohen Raum. Viele Ladenlokale sind seit einer gefühlten Ewigkeit verwaist.

In der Berliner Friedrichstraße vollzieht sich beispielhaft jener Wandel, der in allen großen Städten bereits mehr oder weniger stark eingesetzt hat oder noch einsetzen dürfte. Denn die Coronakrise hat jenen Trend zum Online-Einkauf verstärkt, der schon vorher die Existenz vieler Geschäfte bedrohte.

So sieht der Handelsverband Deutschland (HDE) nach Corona 50.000 von 450.000 deutschen Ladenstandorten akut bedroht. In einer Umfrage gaben 27 Prozent der Händler an, sie sähen sich in ihrer Existenz gefährdet. Es trifft aber nicht nur die Kleinen, sogar die Elektro-Riesen Mediamarkt und Saturn wollen Geschäfte aufgeben, weil die Kunden ins Internet abwandern. „Angesichts rückläufiger Kundenfrequenzen“ könnten schon bald „europaweit in begrenztem Umfang defizitäre Stores schließen“. Im Gespräch sind angeblich 20 Filialen.

„Schon die erste Pandemiewelle hat viele Handelsunternehmen an den Rand der Insolvenz gebracht“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stafan Genth. „Eine zweite Welle würde auf einen extrem geschwächten Einzelhandel treffen.“ Am stärksten betroffen sind derzeit die Bekleidungsgeschäfte.

Beispielloses Geschäftesterben

Die schwedische Kette Gina Tricot, die ebenfalls mit einem großen Store in der Berliner Friedrichstraße vertreten war, ist bereits insolvent. Im Mai kündigte der Laufschuhspezialist „Runners Point“ seinen kompletten Rückzug aus Deutschland an. Alle 80 Läden werden geschlossen, betroffen sind 720 Mitarbeiter. Die bei Jugendlichen beliebte Schweizer Modekette „Tally Weijl“ schließt ein Viertel ihrer 800 Filialen. Und das Unternehmen Inditex, der Mutterkonzern der Modekette „Zara“, will weltweit 1200 unrentable Geschäfte abwickeln. Auch „Zara“ ist mit einem Geschäft an der Berliner Friedrichstraße vertreten. Die Frage ist, wie lange noch.

 

 

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Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel

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Hans
Hans
1 Monat her

Tja, so ist das, die Realität. War so vorherzusehen, nicht nur von denjenigen, die noch über ein Quentchen Resthirn verfügen. Auch den Politstern kann das nicht komplett entgangen sein, diese Verblödung kann ich einfach nicht annehmen. Vielmehr befürchte ich einen Plan dahinter, der den Transfer von Immobilien “anregen” soll und wird. Wenn immer mehr Leerstände zu verzeichnen sind, werden diese zu Schnäppchenpreisen an diejenigen verkauft (zwangsversteigert) werden, die genau das so wollen. Und das dürften m.E. die Bankster sein. Die Politster sind nur noch deren willfährige Helferlein, die ihre eigenen Befindlichkeiten so gut als möglich gestalten wollen – auf das… Read more »

frank
frank
Reply to  Hans
1 Monat her

Sie überbewerten die Interessen der Banken und Investoren an den wertlos werdenden Immobilien! Deren Wert resultiert aus dem realisierbaren Umsatz aus der Geschäftstätigkeit, die jetzt durch den Onlinehandel verfällt. Die Innenstädte werden dadurch voraussichtlich drastisch an Attraktivität verlieren und die Städte in Folge verarmen.In der Folge wird Kriminalität und Gewalt dort zunehmen und eine Landflucht einsetzen.

asisi1
asisi1
Reply to  frank
1 Monat her

Der Michel hat noch gar nicht bemerkt, das ihm von seinem sauer verdienten Geld ca. 70-80% weggenommen wird. Dies sind Steuern und Abgaben, welche dann von den Politikern in alle Weld rausgefeuert werden. Diese Politiker wird er bis zum bitteren Ende wählen, um dann wieder zu sagen: Ich habe von Nichts gewußt!

Peter Kluegel
Peter Kluegel
Reply to  asisi1
24 Tage her

Das habe ich schon 1965 gewusst und bin damals nach Australien ausgewandert. Dabei ist mir die Umerziehung auch erspart geblieben. Ich bin niemals
nach D. zu Besuch gefahren. Warum sollte man gutes Geld auslegen um sich zu ärgern?

Hans Werner
Hans Werner
1 Monat her

Sicher hat Herr Lachmann das richtig beobachtet. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, daß das die Situation in kleineren Gemeinden schon seit 10, 15 Jahren ist.
Mit dem Unterschied, daß die Ladenpacht da 5 Euro beträgt und nicht 50 oder 70.
Es wäre gut, wenn sich ein Journalist fände, der das auch mal aufbringt

Wolfgang Wirth
Wolfgang Wirth
1 Monat her

Die Behauptung, in der Friedrichstraße eine Flaniermeile schaffen zu wollen, ist m.E. nur eine vorgeschobene Schutzbehauptung. Dahinter steht im Grunde etwas anderes, nämlich eine weitere ideologische Maßnahme der rotrotgrünen Stadtregierung zur Benachteiligung von Autofahrern und zur Bevorzugung des Fahrradverkehrs. Weil die in Wahrheit zutiefst provinziellen Vertreter der Berliner Politik aber selbst von den ökonomischen und logistischen Erfordernissen von Wirtschaft und Handel kaum eine Ahnung haben, wissen sie nicht, dass sie mit ihrer Verwandlung der Stadtquartiere in ein romantisch-ökologisches Biotop zugleich Kernelemente von “Stadt” zerstören. Eine Stadt ist eben mehr als bloß eine Ansammlung von Häusern und von Menschen, die vom… Read more »

Konrad Kugler
Konrad Kugler
Reply to  Wolfgang Wirth
1 Monat her

Mich stört Ihr Wort “provinziell”, weil es um ganz Anderes geht, eine ideologische Verblödung ohne Beispiel.
Dem Klima”schutz” wird alles andere geopfert. Das ist aber nur ein Punkt unter vielen.

Wolfgang Wirth
Wolfgang Wirth
Reply to  Konrad Kugler
1 Monat her

Natürlich stimme ich Ihnen zu, dass es eine ideologische Verblödung ist und dass der Monstranz “Klimaschutz” die Vernunft – und die Stadt – geopfert wird. Die Welt wollen unsere üblichen Verdächtigen natürlich auch in der Friedrichstraße retten und ebenso in der Kreuzberger Bergmannstraße, wo ein verstrahlter Bezirksstadtrat Parkplätze durch Findlinge blockieren ließ. In anderen Straßen wird der Autoverkehr durch handstreichartig aufgeklebte neue Radfahrerspuren (sog. Popup–Radspuren) diskriminiert. Es kommt aber noch mehr hinzu, denn die Mentalität und der Lebenshintergrund vieler heute in Berlin Lebender ist eben nicht nicht nur ökologisch und visionär verblendet, nicht nur linksextrem, sondern auch provinziell. Das (nicht… Read more »

Alblbo
Alblbo
30 Tage her

Aber das hat doch nichts mit Corona zu tun. Die Rückläufigkeit der gesamten Geschäftstätigkeiten nach nur 12 Jahrn weiterer Zockerei nach 2008 hat es doch längst vor Corona gegeben.Das war doch längst erkennbar, nach Nullzinsen und schon jahrelanger Gelddruckerei aus dem Nichts heraus, also einer schieren Falschgeldwirtschaft. Corona ist deshalb von den Schuldigen dieses neuen Zusammenbruchs “geschaffen worden”, ja die haben es in die Welt gesetzt, damit man selber von der eigenen Schuld an diesem neuen eigenen Versagen ablenken konnte und sich sogar als erneuter “Retter” aus dieser Katastrophe wieder anbieten konnte. Wenn die Menschen gemerkt hätten, dass sie die… Read more »

waltomax
waltomax
29 Tage her

Im Lande der Traumtänzer und Nachtwandler

Real waren für die Berliner Demonstranten am Wochenende jedenalls die Übergriffe der Bullen, die von Merkel angeordnet waren. Telephonisch und ohne Aktennotiz.

Die Wirtschaft geht ihrem beschleunigten Ende entgegen und der Staat ist pleite.
Da gibt es auch keinen Spielraum mehr für die Umsetzung von allerlei Systemdebatten, so überfällig sie sind.

Die Querdenker kommen zu spät. Wir sind angelangt im Lande der Traumtänzer und Nachtwandler.

Bleibt zu ahnen, wie die Berliner Masse reagiert, wenn das Geld ausbleibt und die Versorgung knapp wird. Dann bekommen nicht nur die Bullen Dresche…

mimi c.
mimi c.
28 Tage her

Die Schließung von Straßen ist nur einer der vielen Schritte, die gemacht werden, bis es kein Zurück mehr gibt. War noch die ,,Soziale Marktwirtschaft” der goldene Mittelweg und Gegenspieler zum blanken Kommunismus, hat sich nach dessen Wegfall der Raubkaputalismus seinen Weg gebahnt, der nun alles frisst und ein großer Teil der Menschheit in Not und Elend versinkt. Georgia Miles Stones, da ist es in Stein gefräst.

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