Luckes eiskalte Eroberung der AfD

Zu nachtschlafender Zeit feuert AfD-Chef Bernd Lucke seinen verdienstvollen Bundesgeschäftsführer Pazderski. Parteimitglieder sind schockiert ob Luckes Kälte.

Es war schon Schlafenszeit, als bei Georg Pazderski das Telefon klingelte und er in eine eilig einberufene Telefonkonferenz des AfD-Bundesvorstandes geriet. Der da anrief, war AfD-Chef Bernd Lucke. Es war nicht viel, was Lucke seinem Bundesgeschäftsführer da in ganz kleinem Kreis zu sagen hatte, aber es war gewichtig – und menschlich vernichtend. Denn Pazderski, der von Anfang an dabei ist und dem niemand bis heute das geringste Fehlverhalten vorwirft, erhielt auf diesem Wege in knappen Worten die Kündigung, berichten AfD-Mitglieder. In einer weiteren, für den heraufziehenden Morgen angesetzten Telefonkonferenz, werde er in größerer Runde einen entsprechenden Vorstandsbeschluss beantragen, ließ Lucke seinen Mitarbeiter demnach wissen. Warum? Er könne ihn nicht mehr bezahlen.

Georg Pazderski / Quelle: Privat

Georg Pazderski / Quelle: Privat

Das klingt, als sei die AfD pleite. Das ist sie freilich nicht. Aber einen Bundesgeschäftsführer kann oder will sich die Partei nicht mehr leisten, die für Millionen-Beträge Euro Gold verkauft und in Wahlkämpfen Plakate klebt, als wachse das Geld dafür an Bäumen. Angeblich sind die Beschlüsse des Bremer Parteitages an Pazderksi Kündigung schuld.[1] Denn die neue Satzung sehe ab dem Sommer nicht nur die Festanstellung eines Generalsekretärs, sondern auch die eines „Finanzdirektors“ vor.

Motive des Parteivorsitzenden

AfD-Pressesprecher Christian Lüth sagte dazu: „Der Aufhebung des Vertrages mit Herrn Pazderski liegt zugrunde, dass sich die Partei nach der Neuwahl des Bundesvorstands nicht zwei hochbezahlte Führungsämter leisten kann. Nach der Neuwahl des Bundesvorstands und der Wahl eines Generalsekretärs ist vielmehr eine Restrukturierung der Führungsspitze der Bundesgeschäftsstelle erforderlich, für die der Bundesvorstand mit dem jetzigen Beschluss die nötige Handlungsfreiheit schafft.“ Selbstverständlich danke der Bundesvorstand Pazderski „ausdrücklich für die geleistete Arbeit“.

Da die AfD immerhin monatelang um die neue Führungsstruktur rang, stellt man sich in der erweiterten Führung die Frage, warum Lucke während der Debatte nie die Position des Bundesgeschäftsführers infrage gestellt habe. Schließlich dürften ihm, der als Wirtschafts-Professor leidenschaftlich über die Finanzierungsprobleme der Europäischen Union doziert, die Finanzen der eigenen Partei doch nicht fremd sein. Oder sei ihm tatsächlich nie bewusst geworden, dass er da mit all seiner Macht zwei hochdotierte Posten in der neuen Satzung durchsetzte? Weil ihnen das wenig wahrscheinlich erscheint, glauben die AfD-Mitarbeiter an andere Motive ihres Parteivorsitzenden.

Kündigung im Auto

Pazderski sei immer loyal gewesen, habe aber in vertraulicher Runde offen Kritik geäußert, wenn er diese für angebracht hielt. Mit Pazderski hatte Lucke einen Oberst im Generalstabsdienst an Bord, sprich einen Mann mit reichlich Führungserfahrung und ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein. Pazderski war unter anderem sicherheitspolitischer Berater des Ständigen Vertreters der Bundesrepublik bei der EU. Er leitete fünf Jahre eine internationale Planungsruppe im Hauptquartier des Zentralkommandos der US-Streitkräfte in Tempa, Florida. Außerdem war er „Director Ressources“ beim „Allied Joint Force Command“ der Nato in Lissabon.

„Er hat sich immer vor seine Mitarbeiter gestellt“, heißt es in der AfD-Spitze. Und: „Was einen noch mehr schockiert als der Rausschmiss selbst, ist die Kälte, mit der Lucke solche Entscheidungen exekutiert.“ Lucke fehle jede Empathie für seine Mitmenschen.

In der AfD-Führung erinnert man sich an eine vergleichbare Begebenheit: Ein verantwortlicher Mitarbeiter habe sich angeboten, Lucke zum Bahnhof zu bringen, weil dieser es eilig hatte. Lucke habe das Angebot gerne angenommen und dem Betreffenden, der ihm gerade einen Gefallen tat, dann während der Fahrt erklärt, dass er dessen Stelle demnächst öffentlich ausschreiben lasse. Mit anderen Worten: Er sei so gut wie gekündigt. Solche Erfahrungen machten es schwer, mit Lucke zusammenzuarbeiten, klagen Mitarbeiter der AfD.

Eine andere Partei?

Pazderski selbst mag sich zu seinem Abgang nicht äußern. Es heißt, werde er seine Aufgabe bis zur Wahl des Generalsekretärs und des Finanzdirektors pflichtbewusst zu Ende bringen. Angeblich hätten sich vier Vorstandsmitglieder für ihn verwendet, doch sieben seien Luckes Empfehlung gefolgt. Die vier waren demnach Konrad Adam, Alexander Gauland, Frauke Petry und Beatrix Diefenbach. Damit hätten Adam, Gauland und Petry erneut eine Niederlage erlitten. Zum Jahreswechsel waren sie damit gescheitert, die neue Satzung zu verhindern. Nun verlieren sie mit Pazderski einen von ihnen hochgeschätzten Mitarbeiter.

Ganz offensichtlich stehen sie dem Umbau der Parteiführung durch Lucke machtlos gegenüber. Lucke wird sich seinen Generalsekretär selbst aussuchen, beim Finanzdirektor dürfte es nicht anders sein. Als Generalsekretär ist Luckes enger Vertrauter Gustav Greve im Gespräch, ein alter CDU-Mann wie Lucke.[2] Derzeit leitet er den Arbeitskreis Europa im AfD-Bundesvorstand. Als gleichberechtigte Vorsitzende soll Lucke Frauke Petry durch die EU-Abgeordnete und schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Ulrike Trebesius ersetzen wollen. Außerdem habe er seinen Vertrauten Parteivize Hans-Olaf Henkel zu einer weiteren Amtszeit überredet, heißt es.

Lucke bestelle sein Feld, er richte die Partei ganz auf sich und seine Bedürfnisse aus. Sollte er damit Erfolg haben, könnte die AfD schon bald eine andere sein.

 

Anmerkungen

[1] Siehe Günther Lachmann, „Lucke triumphiert über die AfD“, GEOLITICO vom 2. Februar 2015

[2] Günther Lachmann, „Riss zwischen Petry und Lucke“, GEOLITICO vom 28. Februar 2015

Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel