Joachim Gauck – Ein Präsident und Frauenversteher

Eine neue Biographie gibt Einblicke in das Leben von Joachim Gauck. Demnach ist Gauck im Amt überfordert und eine Ex-Geliebte seine Präsidenten-Beraterin.

 

Er war der Wunschpräsident vieler Deutscher. Nach wie vor ist er beliebter als Angela Merkel – aber stimmt das Bild, das die Deutschen von Joachim Gauck haben? Eine am 6. Oktober im Suhrkamp-Verlag erscheinende Biografie jedenfalls bestätigt es weitgehend. Geschrieben hat das Buch Mario Frank, einst Geschäftsführer des Spiegel-Verlages. Rund zehn Mal traf er sich zu Gesprächen mit Gauck, der an das Manuskript allerdings auch selbst mit Hand anlegte. Denn immer dort, wo seine Beurteilung zeitgeschichtlicher Vorgänge von der des Autors abwich, fügte er seine Sicht der Dinge in das Buch ein. Das ist ein zumindest ungewöhnlicher Vorgang, der die Souveränität des Autors und des Verlags wie die Kritikfähigkeit Gaucks in Zweifel zieht.

In seinen Gesprächen mit Gauck gewann Frank den Eindruck eines mit seinem Amt überforderten Staatsoberhauptes. Die Arbeit könne „nicht in diesem Tempo und in dieser Intensität weitergehen“, schreibt er. Die „intellektuelle und körperliche Bürde des Amtes“ belaste den 73-Jährigen, der im März 2012 gewählt wurde.

Eine Ex-Gelibete im Präsidialamt

Frank schreibt Gauck ausführlich eine besondere Beziehung zu Frauen zu. „Er kann unheimlich flirten. Und dabei ist es ihm ganz egal, in welchem Alter die Frau ist“, zitiert er eine Jugendfreundin. Ausgiebig kommt auch Gaucks frühere Geliebte Helga Hirsch zu Wort. Mit ihr war das Staatsoberhaupt bis 1998 liiert. Verheiratet ist der Bundespräsident seit 1959 mit Gerhild Gauck. Gemeinsam haben sie vier Kinder. Obwohl Gauck heute mit der Journalistin Daniela Schadt zusammenlebt, wurde die Ehe bisher nicht geschieden.

Gaucks Ex-Geliebte Hirsch trennte sich nach acht Jahren Beziehung von Gauck. Über die Gründe wird sie in dem Buch mit den Worten zitiert: „Es war mir zu viel Nähe, das hat mich in Panik versetzt.“ Frank führt die Aussage auf Gaucks Ehe zurück. Hirsch habe es nicht ertragen, dass Gauck sich nicht von seiner Ehefrau scheiden ließ.

Gerüchte über Homosexualität

Aus dem Leben des Joachim Gauck verschwand Helga Hirsch gleichwohl nicht. Sie arbeite heute „als Beraterin“ des Bundespräsidenten. Als solche stellt sie bei ihrem früheren Geliebten nun bereits eine Ermattung im Amt fest. „er hat in den letzten hundert Tagen bestenfalls einen Tag pro Woche frei gehabt“, wird Helga Hirsch zitiert. Und weiter: „Irgendwann führt das natürlich zu Ermüdungserscheinungen.“

An anderer Stelle berichtet Frank gar über Gerüchte, wonach Gauck homosexuell sei und 1990 mit seinem damaligen Pressesprecher nicht nur zu tun gehabt habe. Er und sein früherer Sprecher hätten darüber gelacht, soll Gauck dazu gesagt haben. Im Übrigen sei das Muster von der Stasi bekannt.

Gauck ist als Pfarrer in Rostock von der Stasi überwacht worden. Seine Kinder waren in der DDR Repressionen ausgesetzt. So verweigerten die Behörden seinen beiden Söhnen das Abitur. Allerdings durften sie Ende 1987 mit ihren Ehefrauen und Kindern aus der DDR in die Bundesrepublik ausreisen. Sein Sohn Christian studierte daraufhin in Hamburg Medizin und arbeitet bis heute in der Hansestadt als Arzt.

Unzählige West-Reisen

All das ist lange bekannt. Neu ist wohl, dass Gauck freizügig in den Westen reisen konnte. So war er Ende der 1970er-Jahre für zehn Tage privat in West-Berlin, 1981 und 1982 zweimal dienstlich in Schweden und erhielt von 1987 bis zur Wende 1989 weitere elf Mal die Erlaubnis für Westreisen. Solche Reisen waren auch in der Endphase der DDR nur Leuten erlaubt, die dem System sehr nahestanden. Gauck behauptet in dem Buch hingegen, keine dieser Reisegenehmigungen sei „untypisch“ gewesen. Wörtlich: „Ich habe keine einzige Reise als ,untypische’ Genehmigung erhalten. Diese Zunahme von Privatreisen passte in den achtziger Jahren in die Szene.“

Doch während die meisten DDR-Bürger überhaupt keinen Reisepass besaßen, besaß Gauck gleich zwei, einen für Besuche im Westen, den anderen für Dienstreisen, so Frank.

Unwidersprochen bleibt in dem Buch Gaucks Rolle 1989 in Rostock. „Erst Mitte Oktober tritt Joachim Gauck als Akteur auf die Bühne der Herbstrevolution“, schreibt Frank. Weder habe Gauck damals an der Besetzung des Stasi-Zentrale teilgenommen noch an der Abwicklung des Ministeriums für Staatssicherheit mitgewirkt. „Als er anfing, sich intensiv mit der Staatssicherheit zu beschäftigen, war das Ringen um den Nachlass längst im Gange“, so Frank.

Gauck selbst sieht der Reaktion der Öffentlichkeit auf die Biographie gelassen entgegen. „Wir sind ein freies Land“, sagte er am Rande eines Ausstellungsbesuchs in Berlin. Den Vorwurf der Überlastung im Amt kommentierter er nicht.

Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel