Unser Ziel ist ein Leben in einer manipulierten Wirklichkeit

Die Versuchung ist groß. Die Technik reift. Und die schnöde Realität offenbart in diesen Tagen, wie weit der Abstand zwischen derbem Dasein und schicken Scheinwelten ist. Und wie sehr wir danach dürsten, sie zu kreieren.

 

Was ist wirklich unmöglich? Wenn wir dem Narrenhaus der europäischen Krisenbekämpfung lauschen – oder die wachsende Unregierbarkeit in Washington beobachten – bleibt nur ein Schluss: FAST NICHTS.

Jetzt wurde auch der erste Hamburger aus einer Stammzellen-Kultur „gebraten.“ Zuhause können wir bereits Schachfiguren mit dem 3D-Drucker erschaffen. Und die Kopien von Menschen sehen auch immer verblüffender aus.

Was kommt als Nächstes? Die Wall Street schafft sich eine ewige Rally? Die Banken kreieren Monster-Überschüsse für Giga-Boni? Kanzlerämter „drucken“ Extra-Welten, in die sie „ihre“ aufmüpfigen Wähler entsorgen? Paradiese für die Familien von Landtags-Abgeordneten? Oder schwarze Löcher für kritische Blogs, in die man Meckertanten wie mich stecken kann?

Sehnsucht nach dem schönen Schein

Oder eine künstliche Ewigkeit, in die man eine frisch gewählte Regierung verfrachtet, damit sie immerdar walten kann? Mit eigener Gelddruckerei, blühenden Landschaften, Biergärten statt Untersuchungs-Ausschüssen, Käfer-Lounges für die Treffen mit den Lobbyisten sowie Doktorarbeiten, gespickt mit Zitaten, die garantiert nicht geklaut worden sein können ?

Die Versuchung ist groß. Die Technik reift. Und die schnöde Realität offenbart in diesen Tagen, wie weit der Abstand zwischen derbem Dasein und schicken Scheinwelten ist. Und wie sehr wir danach dürsten, sie zu kreieren.

Was machen wir eigentlich, wenn unser Nachbar in ein paar Jahren mit der neuesten Technik im Keller nicht mehr Marihuana züchtet, sondern einen Pitbull-Terrier, der alle attackiert, die seinem Herrchen nicht sympathisch sind?

Auf das Gute konzentrieren

Und was macht der Einzelhandel, wenn wir statt den nicht mehr beliebten Gemüsebeeten morgens einfach auf die Schnelle aus Stammzellen den frischen Salat und das Gemüse für die (künstliche) Fischpfanne erzeugen?

Oder wenn die ersten Bastler Autofabriken mit 3D-Schnelldruckern in der Garage einrichten, für Maßanfertigung im Auftrag der Nachbarn? – „Hey, Joe, der Daimler vom ollen Schmitt seim Drugger g’fällt mir abber besser als Doiner.”

Vielleicht sollten wir uns – solange das nicht droht – mehr auf das konzentrieren, was man Gutes anstellen kann mit der kommenden Technologie. Wir könnten einen Monsanto-CEO aus Stammzellen rühren, das Original ersetzen, und den Vorstand im Sinne der Verbraucher aufmischen.

Oder wir könnten Android-Demonstranten erschaffen, die für uns protestieren gehen, während wir ins Büro gehen – wenn man so etwas bis dahin noch tut. Was wäre mit einer kleinen Ideal-Republik auf dem Festplatz im Stadtpark ?

Mitleids-Gen für Parlamentarier

Wir könnten auch ein Mitleids-Gen mixen, das wir in den Parlaments-Kantinen ins Essen mischen. Dann könnte es nicht mehr passieren, dass das bankrotte Detroit weniger Hilfe aus Washington bekommt, als das arme Kolumbien.

Oder was wäre mit einem Super-App, das Insider-Informationen der Wall Street aufspürt wie die NSA in den USA verdächtige Kommunikation und sie an alle verteilt? Dann wäre künftig jeder Anleger ein Insider und George Soros müsste sich nicht mehr so einsam fühlen? Um der Wahrhaftig die Ehre zu geben: Bisher wird Soros lediglich von einem Konkurrenten angeschwärzt, es gibt weder Beweise noch eine Anklage).

Oder wir könnten mit Hilfe sozial verantwortlicher Hacker und einem modernen 3D-Drucker Mini-Spione kreieren, die wir ins öffentliche Stromnetz einschleusen, um Manipulationen der Energie-Versorgung wie jene von J.P. Morgan aufzuspüren?

„Ein unregierbares Land“

Warum sollen wir nicht wenigstens davon träumen, wenn die Eliten auf ihre Weise bereits „ihre“ Welten erschaffen, und das ohne 3d-Printer oder Stammzellen ?

Die US-Regulierer sind jetzt offenbar auch Banken auf die Schliche gekommen, die Derivate zu ihren Gunsten manipuliert haben. Die Bafin scheint sich bereits mit der möglichen Beteiligung deutscher Geldhäuser an diesem jüngsten globalen Großbetrug zu beschäftigen.

Was mich heute bei der täglichen News-Lektüre am meisten wunderte, war eine Feststellung von Paul Krugman: „Wir blicken auf ein zunehmend unregierbares Land.“ Wie kann das sein, wenn sich so vieles so leicht manipulieren lässt? Oder ist der gute alte Konsens – ein schlichter Kompromiss – eines der wenigen „Produkte“, die wir nicht einmal mehr mit Tricks und Manipulation herstellen können ?

Ist das die schöne neue Welt?

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Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel