Der Mensch als Teil eines Systems
Der Mensch als Teil eines Systems

Der Mensch als Teil eines Systems

Rembrandt van Rijn: Jakob segnet seine Enkel / Rembrandt [Public domain], via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ARembrandt_Harmensz._van_Rijn_-_Jacob_Blessing_Ephraim_and_Manasseh_-_Schloss_Wilhelmsh%C3%B6he_Kassel.jpg Rembrandt van Rijn: Jakob segnet seine Enkel / Rembrandt [Public domain], via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ARembrandt_Harmensz._van_Rijn_-_Jacob_Blessing_Ephraim_and_Manasseh_-_Schloss_Wilhelmsh%C3%B6he_Kassel.jpg
Die Familie ist nicht nur die Keimzelle der Gesellschaft, sie ist auch Ort von Konflikten, an denen viele zerbrechen. Helfen Therapien? Ein Erfahrungsbericht.

Niemand ist allein krank. Der US-amerikanische Psychologe Kenneth Gergen zum Beispiel beschreibt in der Zeitschrift Publik Forum die soziale Bezogenheit von Gefühlen wie folgt:

„Meine Depression entsteht aus der Art und Weise meiner Beziehung zu anderen. Sie ist vergleichbar mit der Tanzbewegung zweier Tänzer, die nur aus dem Zusammenhang des komplexen Tanzes heraus Sinn macht. Es ist daher ‚unsere Depression‘; ich bin nur ihr Träger.“

So weit so gut. Ein weiterer Ansatz für eine systemische Betrachtungsweise wäre die konservative Wertvorstellung, nach der alle Mitglieder einer Familie durch positive Emotionen miteinander verbunden zu sein haben. Hass darf nicht sein, aus welchem Grund auch immer. Um die „natürliche Ordnung“ wieder herzustellen, führen systemische Therapeuten Familienaufstellungen durch. – Ich bat einen Bekannten um einen Erfahrungsbericht:

Menschen als Teil eines Systems

„Für mich fühlt es sich im Moment so an, als ob ich morgen allein sein möchte“, sagt Dominic. Ich staune, als ich diesen meiner Wirklichkeit so fremden Satz im Vorbeigehen aufnehme. Dominic und Nikola – er Schauspieler, sie Studentin der Theaterwissenschaften – beratschlagen, wie sie den Sonntag verbringen wollen. Auf dem Rückweg von der Toilette noch einmal: „Für mich fühlt es sich im Moment so an, als ob ich morgen allein sein möchte.“ Der identische Satz! So wie ich mit meinem Kopf denke, scheinen manche mit ihren Gefühlen zu denken, räsoniere ich auf dem Weg zurück zum Veranstaltungsraum einer Frankfurter Jugendherberge.

Die Pause ist zu Ende. Wahrnehmungstherapeutin Doris Quest veranstaltet mit ihrem Ehemann Christoph Quest, einem Regisseur an der hiesigen Alten Oper, im Rahmen eines Wochenendseminars in Frankfurt am Main eine „systemische Aufstellung“. Die Grundidee dabei ist, dass Menschen Teil eines Systems sind, in dem jeder auf jeden wirkt. Diese Verstrickungen, die meist im Unterbewusstsein wirken und über Generationen andauern können, sollen sichtbar und fühlbar werden, indem einzelne Gruppenmitglieder stellvertretend für den Aufsteller Anliegen und Konflikte verbalisieren bzw. ausagieren.

Das ist schon alles, was ich an Wissen mitbringe und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass ich unbefangen bin, ist doch die von Bert Hellinger bekannt gemachte Methode der „systemischen Aufstellung“ umstritten. Die Grenze zum Esoterik-Kitsch sei fließend, meinen Kritiker. „3-Sat-Kulturzeit“ warf Familienaufsteller Bert Hellinger sogar Nähe zur faschistischen Gedankenwelt vor.

Jetzt bin ich dran. Ich formuliere einen Grundkonflikt und positioniere anschließend drei Personen so in den Raum, wie es meiner subjektiven Realität entspricht. „Möchtest du meine Mutter sein?“, frage ich eine Teilnehmerin, während meine Hände auf ihrer Schulter liegen. „Möchtest du mein Vater sein?“, frage ich Christoph Quest. „Möchtest du mein Bruder sein?“, frage ich Dominic. Uups, vertan! Ich meinte selbstverständlich: „Möchtest du „Ich“ sein?“ Doch drei Sekunden scheinen Dominic ausgereicht zu haben, um sich in die Rolle meines Bruders einzufinden, von dem er nichts weiß. Nach meiner Korrektur muss er durchschnaufen und neustarten; ich bin verblüfft.

 Im Folgenden spielt sich vor meinem Auge das Theaterstück meines Lebens ab. Dominic spielt exakt meine Gedanken, die ich gerade einen Tag vorher gedacht habe. Er wird zum Punk! Bin ich nicht gerade wütend? Dominic liegt wie ein Mehlsack auf dem Boden. Er kann nicht mehr. Habe ich nicht ständig Schmerzen? Meine Stellvertretermutter präsentiert sich „mir“ gegenüber in einer Art, die meine schlimmen Annahmen grundsätzlich bestätigen. Es fasziniert mich. Christoph Quest ist der Nächste, der zu Boden sinkt. Was für eine Familie! Es sieht aus wie nach einem Bombenanschlag. Perfekt!

„Mein Vater“ äußert Kummer. Doris Quest wechselt Nikola ein, die den Kummer symbolisieren soll. Sie legt sich zu ihm. Später liegt sie minutenlang auf seinem Bauch. Sie ist seine Geliebte, die ihn verlassen hat und die er so sehr vermisst, meint Doris Quest. Trauer umwölkt beide. Mein armer Vater! Wenn in seinem Alter eine Beziehung zerbricht, dann ist das bestimmt nicht einfach, fühle ich mit ihm.

Anderntags rufe ich meinen Vater (72) an und frage ihn: „Wie ist deine Gemütsverfassung? Hast du Kummer auf dem Herzen?“ Er stutzt und zögert. Sicherlich hat er diese Fragen noch nie von mir gehört. Aber wenn es der Wahrheitsfindung dient, denke ich. „Nein, nein, mir geht es blendend! Gestern war ich im Kino. Die glorreichen Sieben. Ein toller Film! “, antwortet er.

Er war mit seiner neuen Bekannten dort. Danach Essen gehen, zu ihm gehen und dann mal sehen. In seinem Alter sei es ja nicht mehr so einfach, er sei ja noch fit, aber die anderen eben (…)

Doch will ich nicht das Ende meiner Familienaufstellung verschweigen: Doris Quest hat mich längst eingewechselt und zu einem weiteren Akteur gemacht. Trotz zwischenzeitlichen Bombeninfernos stehen „meine Mutter“ und „mein Vater“ jetzt vor mir. Beide salbungsvoll. Ich habe meine Eltern wieder und bin genervt.“

Fazit

Meiner Meinung nach sind die Esoterik-Vorwürfe an den klassischen Familienaufsteller Bert Hellinger berechtigt, sagt er doch selbst, dass die „Stellvertreterwahrnehmung“ durch ein „wissendes Feld“ entstehe: Demnach erhalte jeder Stellvertreter durch die Position, die er während der Aufstellung einnimmt, „Zugang“ zu den Gedanken und Gefühlen des Familienmitglieds, das er repräsentiert – unabhängig davon, ob dieses noch lebe oder bereits vor langer Zeit verstorben sei.

Zudem ist es anmaßend, wenn eingebildete Stellvertreter ihre subjektive Erfahrung als Erkenntnis ausgeben. Die Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) schlägt als neuen Ansatz vor, „die Aussagen von Stellvertretern als Hypothesen zu werten, die der Klient als nützlich einschätzen, aber auch als nicht passend oder nicht nützlich verwerfen kann.“[1]

Aber sehen Sie selbst, warum sich Bert Hellinger laut wikipedia vom Versuch einer Verwissenschaftlichung seiner Methode distanziert hat:

 

Anmerkung

[1] therapie.de https://www.therapie.de/psyche/info/index/therapie/familienaufstellung/die-familienskulptur/

 

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