Sprachsäuberer des Mainstreams
Sprachsäuberer des Mainstreams

Die Sprachsäuberer des Mainstreams

Diese Sprachverdreher sind die geistige Plage des 21. Jahrhunderts. Aus alten Kinderbüchern streichen sie „Neger“, aus dem Allmächtigen soll „das Gott“ werden.

Als George Orwell Ende der 40er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts seine bis heute unerreichte Dystopie „1984“ verfasste, fügte er ihr auch einen Anhang über „Die Grundlagen des Neusprech“ bei. Hier beschrieb er, wie man sich Sprachsteuerung und Sprachbereinigung in einer totalitären Diktatur der Zukunft vorzustellen hat. Die Diktatur bestimmt nicht nur den Lebensalltag ihrer Untertanen, sie will durch eine bis in die Grammatik, Wortgestalt und Wortwahl reichende Sprachregulierung auch ihr Denken steuern.

Den brutalen politischen Säuberungen innerhalb der Einheitspartei entsprechen die oft in Windeseile durchgeführten Säuberungen der Sprache. Nicht nur aktuelle Texte müssen entsprechend umgeschrieben werden. Die Zahl der erlaubten Wörter wird derart eingeschränkt, dass, wie Orwell sarkastisch schreibt, die berühmten Eingangsworte der amerikanischen Verfassung im Neusprech nur noch mit einem einzigen Neusprech-Wort ausgedrückt werden könnten: „Deldenk“ (Gedankendelikt). George Orwell kam allerdings noch nicht auf die Idee, dass Entfernen unliebsamer Wörter und Vorschreiben der „richtigen“ Begriffe und Bezeichnungen einmal Themen der offiziellen Politik in den westlichen Demokratien sein könnten.

Die Ministerin und „das Gott“

Die Realität ist an „1984“ herangerückt. In politischen Strukturen, in denen Freiheit des Denkens und der Meinung mit als oberste Menschenrechte angesehen werden, wird versucht, über sprachliche Regulierung und Bereinigung vorzuschreiben, wie kommuniziert werden soll. Ausgehend von der political correctness in den USA gibt es immer obskurere Vorstellungen von der „richtigen“ Sprache, von der „richtigen“ Wortwahl in einer Demokratie. Natürlich geht Deutschland auch da vorweg.

Die deutsche Sprache soll zum Beispiel im Nachhinein von allen Ausdrücken gereinigt werden, die bestimmte Bevölkerungsgruppen wirklich oder angeblich diffamieren. Kinderbücher werden nun umgeschrieben, weil in ihnen das Wort „Neger“ enthalten ist, das nach Meinung des maßgeblichen linken Mainstreams auch im Deutschen zu einem Schimpfwort für Menschen mit afrikanischen Wurzeln geworden ist.[1] Auch das Wort „Mohr“ für die Bezeichnung eines Menschen mit dunkler Hautfarbe ist nicht mehr gelitten.

Eine Familienministerin der CDU regte Ende 2012 gar an, ob man nicht statt „der liebe Gott“ eher „das liebe Gott“ sagen sollte.[2] Hier sind wir dann schon im weiterhin tobenden Kampf um die Säuberung der deutschen Sprache von geschlechtsspezifischen Begriffen.

Den Vogel abgeschossen hat unlängst der Mitarbeiter am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin, Lann Hornscheidt, der für Wörter wie „Mitarbeiter“ oder „Professor“ geschlechtsneutrale Bezeichnungen in die deutsche Sprache einführen will: Professx (gesprochen als Professiks), Mitarbeitx (gesprochen als Mitarbeitiks).[3] Es stellt sich die berechtigte Frage, ob es Hornscheidt noch darum geht, durch eine geschlechtergerechte Sprache die Gleichstellung der Geschlechter auch sprachlich auszudrücken, oder ob hier die Sprache als Zwangsmittel benutzt werden soll, um eine neue Form der linken Utopie durchzusetzen.

„Das Wort Blume traumatisiert mich“

Hornscheidts Ansatz fußt auf der Theorie, dass erst dann eine wirklich gewaltfreie und gleiche Gesellschaft entstehen könne, wenn in ihr eine „nicht-diskriminierende“ Sprechweise durchgesetzt würde. Denn „Diskriminierungen wie Sexismus und Rassismus“ seien, so Hornscheidt, in unserer Sprache bereits eingeschrieben. Ist die Gewalt aus der Sprache entfernt, dann ist sie, so die Utopie der linken Linguisten, auch in der Gesellschaft nicht mehr vorhanden. Das ist eine mehr als fragwürdige Ansicht.

Ein weiterer Punkt der Fragwürdigkeit ist, wer denn definieren soll, was zu welchem Zeitpunkt eine Diskriminierung ist. In Orwells Anti-Utopie ist die letzte Instanz zur Entscheidung von „Sprachproblemen“ der „Große Bruder“. Hornscheidt drückt sich um dieses Problem herum, indem er das völlig subjektive Empfinden jedes einzelnen Menschen als Maßstab für Änderungen hin zu einer „nicht-diskriminierenden“ Sprechweise nimmt:

„Ich erkläre es meinen Studierenden manchmal so: Wenn mir eine Person sagt, das Wort Blume traumatisiert mich, aus welchem Grund auch immer, dann höre ich auf, das Wort zu benutzen. Da muss ich mich nicht mal mit Macht- und Diskriminierungsstrukturen beschäftigen.“

Letztendlich würden gut organisierte und lautstarke Gruppen, wie es ja jetzt schon ansatzweise erkennbar ist, der Mehrheit in einer Sprachgemeinschaft ihre Sicht von der „richtigen“ Sprache, vom politisch-korrekten Neusprech aufzwingen. Es entstände eine Art Sprachdiktatur der sich diskriminiert Fühlenden, ganz abgesehen davon, dass diese Gesellschaft ebenso wenig gewaltfrei wäre wie alle vorausgegangenen.

Geistige Plage des 21. Jahrhunderts

Eigentlich sollte man sich nach einem solchen wissenschaftlichen Offenbarungseid nicht weiter mit Hornscheidt beschäftigen müssen. Hier spielen wohl auch Allmachtsfantasien eine Rolle, um es noch milde zu formulieren. Eine weitere Förderung solcher fundamentalistischen Gender-Theorien wird Deutschland endgültig zum Gespött in der wissenschaftlichen Welt machen. Den gleichen Effekt könnte man nur noch erzielen, wenn man in den Seminaren für Alte Geschichte flächendeckend Erich-von-Däniken-Lehrstühle einrichten würde.

Sprachsäuberer der beschriebenen Art, vor allem auch, wenn sie an deutschen Universitäten vom Steuerzahler finanzierte Stellen besetzen, sind keine Bereicherung, sondern eine geistige Plage des 21. Jahrhunderts. Leider steht zu erwarten, dass mit der weiteren Durchsetzung des linken Mainstreams in unserer Gesellschaft auch erkennbar realitätsferne Theorien wie die eines Lann Hornscheidt Beachtung finden werden.

Inwieweit derartige oder ähnliche „Erkenntnisse“ irgendwann auch eine künftige Politik legitimieren werden, die Sprache in viel größerem Umfang, als es jetzt schon passiert, zu regulieren, sie zur Durchsetzung bestimmter „gesellschaftlicher“ Zielvorstellungen zu instrumentalisieren, wird man sehen müssen.

Polemisch kann gefragt werden, wie weit Gesinnungs-Sprachwissenschaftler der beschriebenen Art denn gehen würden, um unserer Sprache angebliche Macht- und Diskriminierungsstrukturen auszutreiben? Muss man irgendwann Wörter wie „Dummkopf“ in „Dummkox“ ändern, „Rollmops“ in „Rollmox“, „ach Gott“ in „ach Gox“, nur damit sich niemand, aber auch wirklich niemand diskriminiert fühlt? Auch bei der Bereinigung der deutschen Literatur hätte man dann einiges zu tun. Als Beispiel ein Gedichtanfang: „Frühlx lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“. Gox sei Dank müsste Mörike das nicht mehr mit ansehen.

Westverschiebung des Deutschen

Wenn man aber erst einmal begonnen hat, die Politik in vollem Umfang als Instanz für Sprachregulierung zu legitimieren, könnten nicht nur dezidiert linke Themen umgesetzt werden. Das sollte allen klar sein, die Sprachsäuberung und -regulierung gut finden; eine Instrumentalisierung der Sprache kann von jeder Seite erfolgen.

Versuchen wir deshalb am Jahresanfang einen spekulativen Blick in eine Zukunft, in der die Sprache auch in den Demokratien endgültig zum Spielball der jeweils Herrschenden geworden ist. Wohin könnten die verschiedenen Vorstellungen über das Neusprech-Deutsch der Zukunft treiben? Wie könnte eine finale Säuberung der deutschen Sprache aussehen, in der unterschiedliche politische Befindlichkeiten zum großen Teil Beachtung gefunden haben.

Gehen wir einmal davon aus, dass in einer vielleicht nicht allzu fernen Zukunft die Christlich-ökologische Allianz für ein Europa der Solidarität (CAES), in der sich alle fortschrittlichen Kräfte der deutschen Gesellschaft zusammengeschlossen haben, einen erdrutschartigen Sieg bei den Wahlen zum deutschen Bundestag errungen hat, auch im Bundesrat hat sie das Übergewicht. Mit einer verfassungsändernden Mehrheit kann sie nun daran gehen, die deutsche Sprache endlich so zu gestalten, wie sie laut maßgeblichen Positionen der zu dieser Zeit gültigen political correctness aussehen sollte.

Neben den selbstverständlich absolut notwendigen Eingriffen für eine geschlechtergerechte und diskriminierungsfreie Sprache gibt es noch ein weiteres Feld zu beackern, auf dem gezielte Änderungen eine reiche Ernte einfahren könnten. Vielen der Europapolitiker ist nämlich ein Dorn im Auge, dass der so unheilvolle deutsche Sonderweg in Europa, der mit der Herauslösung des Hochdeutschen aus der westeuropäisch-westgermanischen Sprachgemeinschaft begann, immer noch nicht korrigiert wurde. Zwar ist inzwischen Englisch als zweite Amtssprache eingeführt, aber leider ändert das nichts daran, dass viele Deutsche immer noch deutsch sprechen. Mit der nun fälligen finalen Bereinigung ist das Übel an der Wurzel zu packen und eine sprachliche Westverschiebung des Deutschen durchzuführen.

Die Säuberung

Den Anfang machen einige leichte Veränderungen in der Schreibweise. Das „ß“ soll aus der Schrift verschwinden, es mutet doch irgendwie östlich und kyrillisch an und verwirrt nur unnötig. Das „e“ und das „h“ als Anzeige für die Dehnung von Wörtern sollen ebenso aus dem Schriftbild verschwinden, das erleichtert das Verständnis. Aus dem „sch“ machen wir das „sh“, diese Angleichung an das Englische ist leicht durchzuführen.

Weiterhin in Angleichung an das Englische werden die Fall-Unterscheidungen bis auf den Nominativ bei Adjektiven und Substantiven aufgegeben, die Pluralformen bei Substantiven sollen beibehalten werden:

Durch dise klein technish Tricks wird unsere Sprache shon ser vil einfacher und lesbarer. Aber das ist ja nur eine ser oberflächlich Behandlung, di durch ergänzend Massnamen entsprechend zu vertifen ist. Eine immer noch ser ärgerlich Shwirigkeit des Deutsch sind seine Umlaute „ä“, „ö“, „ü“ und „äu“. Si sind sprachgeshichtlich im Mittelalter entstanden, als ein ursprünglich im Wort enthalten Endungs-i di vorausgegang „a“, „o“, „u“ und „au“ in di Umlaute abgeschwächt hat. Das soll jetzt ein Ende haben, di Umlaute entfallen und haben wider den ursprunglich Lautwert. Um den konjunktivisch Charakter beizubehalten wird allerdings „würde“ zu „wirde“ (man muss auch Kompromisse eingehen konnen).

Damit sind wir doch bei der Einbettung des Deutsh in den europaisch Mainstream ganz shon weit gekommen. Vile argerlich Abweichungen sind nun bereinigt. Aber hir ist noch lang nicht Schluss. Denn jetzt mussen wir in einem kunen Shwung tif in di Lautgeshichte gehen, um den Sonderweg der deutsh Sprache weiter zu korrigiren.

Dat neu Deutsh

Es get um di hochdeutsh Lautverschibung, di schon im fruhen Mittelalter zur Abspaltung des sudlich Deutsh furte und uns von den westlich Sprachen der ander Germanen ausgegrenzt hat. Di hochdeutsh Vershibung machte „p“ zu „f/ff“ oder „pf“, „t“ zu „s“ oder „ts/z“ und „k“ zu „ch“. Das muss jetzt ruckgangig gemacht werden. Sprachgeshichtlich ist das etwas selektiv, aber bei der final Bereinigung handelt es sich shlisslich um einen politish Vorgang, da muss man sich nicht sklavish an die Realitat halten. Vor allem di ander Europaer sollen den gut Wille bei diser Rucksetzung sehen. Und um eine einheitlik und verlattlik Norm tu setten, wird auk dat autlautend „ch“ tu „k“.

Jett hat auk unsere Sprake den lang Weg nak Westen endlik tustande gebrakt. Ein Seitenlaup der Geshikte ist in ein betteres Farwatter gemundet. Dat neu Deutsh klingt nun ein bittken berlinerish, aber dat makt nikts und get vollik in Ordnung, da ja von dort dat Likt der politish-korrekt Aufklarung hell und kraftik erstralt.

Naturlik gibt et auk weiterhin vile Shwirikkeiten, di Fremdsprakler immer nok dat Leben shwer maken, wenn si sik an unsere Sprake wagen. Dok mutt man tugestehen, dat mit disen klein Kunstgrippe einige Sprakfallen aut dem Weg geraumt wurden. Villeikt erfullt sik di Hoppnung, dat durk di Westvershibung des Deutsh auk wider mer Interesse aupkommt, dise Sprake tu spreken. Tumindest werden Niderlander und Englander in Europa und naturlik di Englishsprekenden in aller Welt jett ser vil leikter deutsh Zeitungen lesen konnen, wenn et da nur etwat gabe, wat tu lesen sik lonen wirde.

Ik danke allen Lesx, di in disem Beitrag bis hirhin durkgehalten haben, und wunsche inen ein erfolgreik und glucklik Neu Jar 2015!

 

 

Anmerkungen

[1] „Die kleine Hexe“ künftig ohne „Neger“, Die Welt: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article112415425/Die-kleine-Hexe-kuenftig-ohne-Neger.html

[2] Antje Sirleschtov, „Der, die, das – wieso, weshlab,warum?“, Zeit Online: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-12/familienministerin-schroeder-gott

[3] Sonja Eismann, „Sexismus in der Sprache“, Frankfurter Rundschau: http://www.fr-online.de/kultur/professx-lann-hornscheidt-sexismus-in-der-sprache,1472786,29404464.html