Bin Laden ist tot, aber das Terror-Virus lebt weiter

Sechs Tage nach den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001 fragte ein Journalist den damaligen US-Präsidenten George W. Bush: „Wollen Sie den Tod von Osama Bin Laden?“ Bush antwortete: „Das will ich – Ich will Gerechtigkeit.“ Nach fast zehn Jahren wurde Bushs Wunsch erfüllt. Eine US-Spezialeinheit tötete den Al-Qaida-Chef in einem mehrstündigen Feuergefecht. Aber ist Bin Ladens Tod auch ein Sieg über den Terror? In der Welt des Terrors ist Bin Laden nach dem 11. September 2001 zur Ikone des blutigen Kampfes gegen den Westen geworden. Jetzt werden ihn seine Anhänger als Märtyrer verehren – er starb im Kampf mit seinen Feinden. Das letzte gesicherte Lebenszeichen von Bin Laden stammte aus dem Jahre 2004. Damals zeigte er sich in einem Video mit goldenem Umhang. Er trug einen langen grauen Bart. Drei Jahre später wurde zum Jahrestag der Terroranschläge in den USA erneut ein Video veröffentlicht. Darin tritt ein Mann mit kurzem, dunklen Bart auf, der angeblich Osama Bin Laden sein sollte. Hatte er sich den Bart gestutzt und gefärbt? Färben ist in arabischen Ländern durchaus üblich. Aber warum tat er es nicht schon drei Jahre zuvor? Oder war der Mann auf dem letzten Video gar nicht Bin Laden?

Für seine Anhänger ist er jetzt jedenfalls ein Märtyrer, und als solcher vielleicht eher Brandbeschleuniger denn die Lösung des Problems.

Es sei weiter „höchste Wachsamkeit“ geboten, sagt denn auch der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die verschiedenen Terrornetzwerke den Tod Bin Ladens rächen wollen.“

Das glaubt auch der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz und ehemalige deutsche Botschafter in Washington, Wolfgang Ischinger. Er rechnet nun mit terroristischen Vergeltungsschlägen gegen die USA und Pakistan. Der Tod von Osama Bin Laden bedeute in keinem Fall, dass man jetzt aufatmen und davon ausgehen könne, dass der Spuk vorbei sei.

in Ladens Tod sei „nicht das Ende des internationalen Terrorismus“, warnt Ischinger. Ob al-Qaida tatsächlich durch den Verlust geschwächt werde, müsse sich erst noch herausstellen.

Mark Kimmit, ein Analyst der US-Streitkräfte, spricht vom „Ende eine Kapitels“ des Al-Qaida-Terrors. Der Tod Bin Ladens sei von symbolischer Bedeutung, da der Al-Qaida-Chef schon seit Jahren nicht mehr die alltägliche Kontrolle über die Terroraktionen besitze. „Diese Organisation ist mehr als Bin Laden, sie mag von ihm symbolisiert werden, aber sie ist definitiv mehr“, sagt Kimmit.

Immerhin ist da noch Scheich Ayman al-Zawahiri, Bin Ladens Stellvertreter. In den vergangenen Jahren trat er mehr und mehr aus dem Schatten des Terror-Fürsten heraus. Er, nicht Bin Laden, repräsentierte die Organisation nach außen.

Der ehemalige Muslimbruder aus Ägypten war es, der zuletzt immer wieder mit neuem Terror gedroht hatte. Seit Jahren gilt er als strategischer Kopf der Organisation. Er ist die ideologische Quelle der islamistischen Terroristen. Und mehr muss er auch gar nicht sein.

Im weltweiten islamistischen Netzwerk war Bin Laden nämlich längst marginalisiert. Er war das Leitbild mutmaßlicher Täter. Aber organisiert haben die sich selbst. Eine ihrer wichtigsten Bastionen ist der Jemen. Von dort verschickten sie die in Großbritannien sichergestellten Paketbomben über Deutschland an jüdische Adressen in den USA. Im Jemen wurde der als „Unterhosenbomber“ bekanntgewordene Nigerianer Umar Farouk Mutallab ausgebildet.

Al-Qaida im Maghreb hat in den vergangenen neun Monaten zweimal zugeschlagen. Sie nahmen Mitarbeiter einer Firma, die Uran für französische Reaktoren aufbereitet, als Geiseln. Einige ließen sie inzwischen frei, für die restlichen vier Franzosen verlangen sie 120 Millionen Dollar Lösegeld. Vor wenigen Tagen erst explodierte eine Bombe in einem beliebten Touristen-Café im marokkanischen Marrakesch.

Bin Ladens todbringende Botschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren wie ein Virus über die ganze Welt verbreitet. Und obwohl die meisten aus der alten Al-Qaida-Führung schon tot sind oder in Gefängnissen der CIA sitzen, werden weiter Attentate geplant, wie die Festnahmen am Wochenende in Nordrhein-Westfalen belegen.

Günther Lachmann am 2. Mai 2011 für Welt Online

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel