Napoleon III. und Maximilian von Mexiko: Der erste Regime Change

BOULEVARD ROYAL

Édouard Manet: Exekution von Kaiser Maximilian von Mexiko am 19. Juni 1867 / Quelle: Wikipedia, public domain: Https://commons.wikimedia.org/wiki/file:edouard_manet_022.jpg Édouard Manet: Exekution von Kaiser Maximilian von Mexiko am 19. Juni 1867 / Quelle: Wikipedia, public domain: Https://commons.wikimedia.org/wiki/file:edouard_manet_022.jpg

Vor 140 Jahren wollte Paris Washington als Hegemon stoppen und versuchte den Machtwechsel (Regime Change) in Mexiko von außen. Ein tragisches Lehrstück, das immer wieder Nachahmer findet.

In dem Western-Klassiker Vera Cruz von 1956 sind die Rollen klar verteilt: die Franzosen als Schurken, das einfache Volk als edle Widerständler, und zwei Amerikaner, Gary Cooper und Burt Lancaster, sind Abenteurer, die sich zu Helfern des freien Mexiko aufschwingen. Der sehenswerte Film ist zwar weitgehend fiktiv, erzählt aber historisch richtig die Grundkonstellation Mexikos zu Beginn der 1860er Jahre. Frankreich befand sich unter Napoleon III. im Kampf gegen die aufstrebenden USA, die sich mit der Monroe-Doktrin europäische Einmischungen auf dem amerikanischen Doppelkontinent verbaten.

Dass die Amerikaner nicht allein aus Edelmut gegenüber den anderen jungen unabhängigen Staaten handelten, liegt auf der Hand. Insbesondere beim großen südlichen Nachbarn Mexiko, gegen den die USA mehrere Kriege um Land erfolgreich führten. Washington wollte seinen Einfluss wirtschaftlich, politisch und militärisch ausbauen und schuf frühzeitig Fakten, die bis in die Gegenwart nachwirken. Frankreich und die anderen Europäer sollten eine erste Lektion lernen, die ebenfalls bis heute nachwirkt.

It’s the economy, stupid!

Nach langem Zögern gab Maximilian von Habsburg nach. Er akzeptierte das Angebot der mexikanischen Delegation, ihn als Kaiser von Mexiko zu berufen. Seine ehrgeizige belgische Gattin Charlotte schilderte ihm in glänzenden Farben sein neues Reich. Sein älterer Bruder, Kaiser Franz Joseph von Österreich, riet ihm ab anzunehmen. Zu vage schien dem erfahrenen Staatsmann die Offerte und zu heikel der Finanzier dahinter. Frankreichs Napoleon III., der wie sein Onkel Napoleon ein französisches Imperium errichten wollte, sah im fragilen Mexiko ein Einfallstor, um seine Interessen in Nordamerika durchzusetzen.

Frankreich hatte in den 100 Jahren zuvor massiv an Macht und Territorium in dieser Weltgegend eingebüßt. Sein Onkel bescherte den USA mit dem „Louisiana Purchase“, dem Verkauf großer Gebiete eine riesige Ausdehnung des Staatsgebiets: von Montana über Nebraska bis nach Louisiana. Frankreich bescherte der Verkauf üppige Gelder für die durstige Kriegskasse des Korsen. Sein Neffe empfand den Verkauf als Verlust und als Schmach. Mexiko mit seinen Grenzstreitigkeiten mit den USA sollte Paris zu neuem Einfluss in Nordamerika und weiter nach Süden sichern.

Für Frankreich öffnete sich mit dem amerikanischen Bürgerkrieg eine Chance, zuzuschlagen. Washington war mit der Rettung der staatlichen Einheit beschäftigt und überließ Mexiko seinem Schicksal. Der gewählte Präsident Benito Juarez, Abkömmling spanischer Einwanderer und aztekischer Indigener, musste sich mit ultra-konservativen Parteien plagen, die eine spanisch-geprägte weiße Oberschicht über Mexikos Geschicke bestimmen lassen wollten. Diese Gruppen nahmen das Angebot des Franzosen dankbar an, es musste nur noch ein Monarch gefunden werden. Maximilian von Habsburg schien ideal: Europäer, katholisch, aus altem Adel und ein Abkömmling Karls V., der auch Herrscher über die spanischen Kolonien inklusive Mexiko im 16. Jahrhundert war. Eine vermeintlich ideale Wahl. Nur hatten die mexikanischen Royalisten die Rechnung ohne Maximilian gemacht.

Die falsche Wahl für Mexiko

Bei seiner Ankunft im Mai 1864 in Veracruz erschien dem Kaiserpaar alles trist. Nur eine kleine Delegation war zum Empfang erschienen. Das Volk jubelte nicht und bestand nur aus spärlichen Neugierigen. Zudem wüteten die damaligen Geißeln der Menschheit in der Gegend: Malaria, Gelbfieber und Typhus. Für das neue Herrscherpaar ging es in einem kargen Militärzug und dann über Stock und Stein mit den Kaleschen bis ins 400 Kilometer entfernte Mexiko-Stadt weiter. Dort erwartete sie eine künstliche Welt des Hofes, abgeschottet von den realen Zuständen im Land.

Maximilian bemühte sich, durch Reisen in das von französischen Truppen gesicherte Gebiet, das nur Zentralmexiko bis zur karibischen Küste umfasste, sein Volk zu verstehen und sich bekannt zu machen. Im Norden, Westen und Süden standen die republikanischen Truppen der Regierung Juarez, die landesweit die mehrheitliche Unterstützung des Volkes genoss.

Genossen hatte der kaiserliche Hof in der Hauptstadt das Leben, das angefüllt war mit Empfängen, Bällen und Staatsbanketten. Alle Luxusgüter aus Frankreich eingeschifft, alles auf Pump. Mittendrin die prestigesüchtige Kaisern Charlotte, oder spanisch Carlotta, wie sie sich dann nannte, die ihren Mann immer wieder antrieb, die aufmüpfigen Anhänger Juarez‘ auszulöschen. Und natürlich die Franzosen mit ihren Truppenführern, Beratern und Diplomaten – permanent verstrickt in Ränkespiele, von denen Maximilian völlig abhängig war. Napoleon III. war über seine Emissäre stets bestens informiert. Das Engagement in der Ferne sollte sich für Paris ja auszahlen.

In den Verträgen mit Maximilian verpflichtete dieser sich, die Kredite in fast schon schamloser Höhe mit horrenden Zinsen nach der Festigung seiner Herrschaft zurückzuzahlen. Doch die in ihn gesetzten Erwartungen zerstoben sehr schnell. Maximilian sah sich als aufgeklärter Monarch, der mit der rigiden katholischen Kirche Mexikos und den reaktionären Konservativen in seiner Regierung nichts anfangen konnte. Er wollte wie Napoleon I. ein Volkskaiser sein mit Bürgerrechten für die Menschen in seinem Land. Zur Überraschung aller in Mexiko wie in Paris meinte er das ernst. Ein Sakrileg, das böse Folgen hatte.

Washington ohne Europa

Inzwischen war der amerikanische Bürgerkrieg zugunsten der Unionisten entschieden, und der Blick Washingtons richtete sich wieder auf die Vorgänge in Mexiko. Getreu der Monroe-Doktrin „America first and Europe out“ belieferten die USA die Truppen von Juarez mit Waffen, und arbeitslose Söldner der geschlagenen Konföderierten stellten sich in den Dienst der republikanischen Truppen. Juarez war dankbar für die amerikanischen Haudegen und nicht zuletzt für das ausrangierte Kriegsgerät.

Maximilian lebte mehr und mehr in einer Traumwelt, die 1865 platzte. Ganz im Stil doppelzüngiger PR sicherte Napoleon III. seinen mexikanischen Verbündeten Anfang des Jahres noch seine volle Unterstützung zu. Doch längst hatte er, über die desolate Situation Maximilians informiert, entschieden, ihn fallenzulassen. Die französischen Truppen sollten bis Frühjahr 1867 aus Mexiko abgezogen werden und Paris signalisierte Maximilian, dass er noch Zeit hätte, ehrenvoll abzudanken und sicher eskortiert nach Europa zurückkehren zu können.

Seine Kaiserin mochte sich das nicht vorstellen und unternahm in eigener Regie einen Rettungsversuch beim Hegemon in Paris. Zu tief saß der Neid auf ihre bereits zu Lebzeiten legendäre Schwägerin Elisabeth, Sisi, von Österreich. Kaiserin bin nun auch ich – Kaiserin will ich bleiben! Ihre Mission in Paris bei Napoleon III. scheiterte kläglich. Der Franzose nahm bereits ein anderes, noch wichtigeres Ziel in den Blick: die Einhegung Preußens und die Verhinderung einer entstehenden deutschen Großmacht.

Kaiserin Charlotte kam mit diesen Zurückweisungen und dem bevorstehenden Untergang ihres Kaiserreichs nicht zurecht. Phasen der Umnachtung wechselten sich ab mit Phasen kurzer Klarheit, die sich über Jahrzehnte bis zu ihrem späten Tod 1927 bei ihrer ursprünglichen Familie in Brüssel abwechselten. Was geschah mit ihrem Mann, dem größten Unglücksraben unter den damaligen Herrschern?

Blutiges Ende ohne Erkenntnisgewinn

Sein Ende war drastisch. Nachdem er mit letzten getreuen Truppen im Mai 1867 vor der Kleinstadt Querétaro den zahlenmäßig überlegenen Truppen Juarez‘ unterlag, wurde er gefangengenommen, abgeurteilt und mit zweien seiner Generäle erschossen. Er soll vor seinem Ende gerufen haben: „Lang lebe Mexiko. Lang lebe die Unabhängigkeit“. Er schien sich tatsächlich als Mexikaner gefühlt zu haben, was Benito Juarez und viele seiner Landsleute völlig anders wahrnahmen. Juarez‘ Hass saß tief: Er soll am offenen Sarg Maximilians seine Genugtuung offen gezeigt haben, ohne Mitleid für den Gerichteten und schickte den Leichnam postwendend an dessen Familie nach Wien.

Franz Joseph sah sich in all seinen Befürchtungen bestätigt und machte dem unglücksseligen Bruder im Tod noch Vorwürfe. Édouard Manets Ölgemälde „Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“ hat den Monarchen zumindest kunstgeschichtlich unsterblich gemacht. Von seiner Herrschaft geblieben sind nur die von seiner Frau prunkvoll gestalteten Appartements im Palast Chapultepec in Mexiko-Stadt. Heute ein Anziehungspunkt für Mexikaner und Touristen. Und die Erkenntnis, dass ein „Regime Change“ von außen ob im 19. Jahrhundert oder heutzutage meist zum Scheitern verurteilt ist. Das Schicksal ereilte dann 1870/71 doch noch Napoleon III.: als strafende Gerechtigkeit in Gestalt von Bismarck.

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