Ursula Dorn, das Wolfsmädchen von Königsberg

Buchmarkt / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: Marisa_Sias; https://pixabay.com/de/photos/b%c3%bccher-bibliothek-lesen-regale-1617327/ Buchmarkt / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: Marisa_Sias; https://pixabay.com/de/photos/b%c3%bccher-bibliothek-lesen-regale-1617327/

Der Historiker und Autor Christian Hardinghaus beschreibt das Überleben des „Wolfsmädchens“ Ursula Dorn in der Königsberger Hungerhölle im Jahr 1946.

Die Ereignisse in Königsberg im Jahr 1946 zählen zu den vergessenen Dramen nach dem Zweiten Weltkrieg. In der vom Rest der Welt abgeschnittenen Stadt starben seit Kriegsende 70.000 Deutsche durch Hunger, Krankheiten und Gewalt.

Mit seinem neuen Buch schließt er an seine vorherigen Publikationen „Die verratene Generation“ und „Die verlorene Generation“ an, in denen er persönliche Einzelschicksale von Wehrmachtssoldaten, Kindersoldaten und „Trümmerfrauen“ nachzeichnete. Im „Wolfsmädchen“ kombiniert Hardinghaus geschickt historische Fakten mit den emotionalen Schilderungen der heute 88-Jährigen Ursula Dorn und schafft so eine lebendige Erinnerung an dieses bislang wenig beleuchtete Leiden in dem von russischen Soldaten besetzten und ausgehungerten Königsberg.

1946 sind die dort verbliebenen Frauen und Kinder einem Martyrium ausgesetzt. Russische Soldaten vergewaltigen bis aufs Skelett abgemagerte Frauen, erfrorene Säuglinge bleiben in ihren Kinderwagen zurück. Hungernde Kinder betteln ums Überleben, sie stehlen, schlafen in Ställen und in den Wäldern, wo sie sie zum Teil von Bauern unter Lebensgefahr versteckt und für ein paar Tage ernährt wurden.

Die elfjährige Ursula lässt ihre Familie in den Ruinen Königsbergs zurück, um sich selbst vor dem Hungertod zu retten. Sie schleicht sich in einen russischen Güterzug und fährt bis nach Kaunas, wo litauische Familien sich um deutsche Kinder kümmern. Ursula kommt zu Kräften, reist zurück und kann ihre Mutter befreien. Ihre Geschwister allerdings muss sie zurücklassen. Und auch das gelobte Land verändert sich, denn nun tobt ein erbarmungsloser Partisanenkrieg.

Fortan werden Familien, die Vokietukai (litauisch: kleine Deutsche) verstecken, nach Sibirien in sowjetische Gulags transportiert. Die hungernden Kinder nur noch die Möglichkeit, sich in die Wälder zurückzuziehen und dort wie Wölfe zu hausen. So entstand der Begriff „Wolfskinder“.

Am ehesten überlebten die kleinen Kinder, die sich in Litauen rasch anpassten, Litauisch lernten und ihren deutschen Hintergrund vergaßen. Einige Überlebende bauten sich dort ein Leben auf. Etwa 200 siedelten nach Deutschland um.

Das Buch ist eine bewegende Lektüre zur deutschen Geschichte von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in den neunziger Jahre hinein.

Zum Buch: Christian Hardinghaus, Das Wolfsmädchen – Flucht aus der königsberger Hungerhölle 1946, Europa-Verlag, ISBN 978-3-95890-402-6, 22 €

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