Wird Marine Le Pen Co-Fürstin von Andorra?

GEOLITICO ROYAL

Marine Le Pen / Andorra / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder: gregroose; https://pixabay.com/de/photos/begegnen-verwaltung-chef-menschen-3288133/ Marine Le Pen / Andorra / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder: gregroose; https://pixabay.com/de/photos/begegnen-verwaltung-chef-menschen-3288133/

Was kaum jemand weiß: Marine Le Pen hat nicht nur Chancen Frankreichs Präsidentin zu werden, sondern auch Co-Fürstin von Andorra. Das ist eine lange Geschichte.

Andorra liegt eingebettet in den Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien abseits der Touristenströme und des großen Weltgeschehens. Wie ein verwunschenes Bergland mit großartiger, weitgehend unberührter Natur, zählt es als Fürstentum zu den europäischen Monarchien. Den einen oder anderen dürfte es überraschen, dass dieser Kleinstaat eine fürstliche Staatsspitze hat.

Anders als die Mini-Monarchie Monaco mit ihrer glamourös-skandalumwitternden Fürstenfamilie, wissen wahrscheinlich nur eingefleischte Andorra-Fans, dass in der Hauptstadt Andorra la Vella keine Dynastie residiert. Warum das so ist, ist lange her und geht ins Mittalter zurück, als es vertraglich geregelt wurde. Die Besonderheit des Fürstentums ist seither, dass es keine Erbmonarchie mit einer Herrscherfamilie ist. Es ist vielmehr eine Mischung aus Wahlmonarchie und klerikaler Einsetzung. Ausgehend vom 13. Jahrhundert ist der andorranische Fürstentitel über verschlungene Wege der Geschichte zum einen an den französischen König übergegangen und zum anderen an den Bischof von Urgell in Katalonien.

Keine Dynastie, keine Thronkrisen, nicht mal ein Skandälchen

Aktuell sind also der französische Präsident Emmanuel Macron und der Bischof von Urgell, Joan Enric Vives i Sicília, die beiden Kofürsten Andorras. Die Amtszeiten sind an die jeweilige Amts- bzw. Regierungszeit des Franzosen und des Katalanen gekoppelt. Für Macron heißt das, sollte er die Wiederwahl als französisches Staatsoberhaupt mit fünfjähriger Dauer schaffen, dass er längstens bis 2027 weltlicher Kofürst von Andorra ist, mit der Anrede Durchlaucht, was ihm sicherlich gefallen dürfte.

Beim katholischen Bischof kann die Fürstenherrlichkeit bis zum 75. Lebensjahr dauern, dem höchsten Renteneintrittsalter für Diözesanbischöfe der katholischen Kirche. Sollte der Papst allerdings ungnädig oder begeistert vom jeweiligen Amtsinhaber sein, dann kann er ihn auch länger in Amt und Würden belassen. Joan Vives ist damit der letzte Fürstbischof der Welt und wird von einem Statthalter in Andorra la Vella vertreten, ebenso wie der französische Staatschef. Eine Parallele zu den Generalgouverneuren Elizabeth‘ II., in den Ländern außerhalb Großbritanniens, in denen sie Königin ist, wie zum Beispiel Kanada oder Australien.

Marine Le Pen als Fürstin?

Glanzvolle Zeremonien, prunkvolle Staatsempfänge oder von den Medien international beachtete Hochzeiten, sozusagen die süßen Zutaten der Monarchien – das gibt es in Andorra alles nicht. Dazu fehlt es an der Herrscherfamilie, die den royalen Zinnober mehr oder weniger passend zum Zeitgeist inszeniert.

Allein die jeweilige Amtseinführung der Kofürsten bringt ein wenig Glanz in die andorranische Hauptstadt. Für Paris spielen das Land und der Fürstentitel eine untergeordnete Rolle, es wird als historisches Relikt wahrgenommen. Nicht einmal die Frau des französischen Präsidenten hat den Ehrentitel Fürstin, sie existiert in der Verfassung nicht. Beim katholischen Fürstenkollegen ist es ohnehin irrelevant.

Andorra in den Pyrenäen / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: carmen_carbonell;https://pixabay.com/de/photos/menschen-andorra-stein-2651246/

Aber was passiert, wenn eine Frau französische Präsidenten werden sollte? Zum Beispiel Marine Le Pen? Würde sie Co-Fürstin Marine von Andorra?? Es ist wohl so, dass in einem solchen Fall, und der wird irgendwann eintreten, die Präsidentin als geschlechtsneutrales Wesen gesehen wird und den Titel erhält. Ganz ähnlich wie bei der Queen, die als Frau die männlichen Titel Lord of Man und Duke of Normandy trägt.

Überhaupt ist Andorra ein Spätzünder, so hat es erst seit 1993 eine demokratische Verfassung und folgt dem Prinzip der Gewaltenteilung. Nach wie vor haben die beiden Kofürsten Befugnisse, die staatsrechtliche Verträge mit Spanien und Frankreich betreffen sowie Fragen der Landesverteidigung und Diplomatie.

Ein Russe auf dem Thron

Vielleicht sollte sich die andorranische Regierung und Gesellschaft eine richtige Königsfamilie zulegen, die für Aufmerksamkeit und Glanz sorgt. Auch auf den Tourismus könnte es sich positiv auswirken und Geld in die nicht gerade üppige Staatskasse spülen. Übrigens wäre es einst fast so gekommen!

Für einen knappen Monat im Juli 1934 hatte sich der Exil-Russe Boris Skossyrew zu König Boris I. von Andorra ausgerufen. Er arbeitete gut zwei Jahre an seiner Thronbesteigung und beglückte die andorranischen Politiker mit vielen Reformvorschlägen für das arme und wenig beachtete Land. In dieser Zeit waren Paris und Madrid durch innenpolitische Probleme und die Herausforderung des Faschismus sehr mit sich selbst beschäftigt.

Tatsächlich schaffte es Skossyrew im Generalrat Andorras eine Mehrheit für sich und seinen Plan zu gewinnen. Jedoch hatte die Rechnung nicht mit der einen Gegenstimme gemacht, ein gewisser Cinto. Jener drängte den bischöflichen Kofürsten in Urgell gegen den Usurpator einzuschreiten. Zudem noch ein Ausländer, ein Russe!

Exil-Odyssee endet im rheinländischen Boppard

Nachdem Kurzzeit-König Boris sich bereits ganz königlich benahm und Empfänge gab, Depeschen an andere gekrönte Häupter schrieb, um vom neuen Königtum in den Pyrenäen zu künden – machte der Bischof dem Spuk ein Ende. Vier spanische Polizisten nahmen mit Billigung Madrids und Paris‘ den Exil-Russen fest, keine Hand seiner Untertanen regte sich für ihn.

Man schickte ihn in ins Exil nach Barcelona. Dort begann Boris‘ Exil-Odyssee, die ihn über Portugal und Frankreich am Ende nach Deutschland führte, wo ihn im rheinländischen Boppard das Zeitliche segnete. Andorra blieb in fester fürstlicher Hand Frankreichs und des katalanischen Bistums von Urgell, und wahrscheinlich wird es auch weiterhin so bleiben.

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