Die Mitte sind lauter feige Memmen

Die saturierte deutsche Mittelschicht ist in ihrer Trägheit und Lauheit der Sargnagel der Demokratie. In Dantes göttlicher Komödie wäre ihr die Vorhölle sicher.

In einem seiner jüngsten Kommentare geißelt Jakob Augstein die deutsche Mittelschicht als das Epizentrum der politischen Trägheit und Lauheit in Europa[1]:

„Eine Revolution ist im Gange. Eine große Umwälzung. Ob sie zum Guten oder zum Schlechten führt, ist noch nicht ausgemacht. Die Waffe dieser Revolution ist der Populismus. Ihr Medium ist das Internet. Wie jede Revolution hat auch diese ihre Ziele und ihre Opfer. Das Ziel ist die Erneuerung der Demokratie. Sie hat es dringend nötig. Das Opfer ist das politische System der Mitte. Wir sollten ihm nicht zu viele Tränen hinterherweinen. Noch spürt Deutschland, der schläfrige Riese im Herzen Europas, vom kommenden Sturm nur einen leisen Hauch. Aber hoffentlich bläst auch hier bald ein frischer Wind den Mehltau fort, der das politische System erstickt. Es ist der Mehltau der Mitte.

(…).

Das Elend der Deutschen liegt darin, dass sie Apathie mit Stabilität verwechseln. Und dieses Elend hat einen Namen: Mitte.

Die Mitte ist der Ort der politischen Korruption. Die Demokratie stirbt in der Mitte. Wir vergessen leicht: Mit der reinen Demokratie haben wir es im Westen ohnehin nicht zu tun. Sondern mit gemischten Staatsformen, in denen die Macht von Repräsentanten des Volkes und einer neuen Aristokratie gemeinsam ausgeübt wird. Das erfordert eine feine Balance. Aber eine aristokratische Elite in Firmen, Finanzen und Verwaltung entzieht sich mehr und mehr der demokratischen Kontrolle.“

Unheimliche Ruhe

Man kann Augsteins Befund über die deutsche Mitte, in der bis zum heutigen Tag die Politik der AGK (Allumfassende Große Koalition) aus CDU, CSU, SPD, Grünen und dem größten Teil der Linkspartei unter Kanzlerin Merkel mehrheitlich hingenommen und abgenickt wird, ein Stück weit zustimmen. Die politische Ruhe in Deutschland hat langsam etwas Unheimliches an sich.

Augstein zitiert sogar (was ihm sicherlich nicht leicht fällt) einen „konservativen Denker“ wie Herfried Münkler, um eine die Demokratie gefährdende politische Horizontverengung in Deutschland zu konstatieren. Und er hat nun einmal Recht, wenn er schreibt:

„Es sind die Politiker der Mitte und ihr Argument der Alternativlosigkeit, die der Demokratie das Leben austreiben.“

Leider ist Jakob Augstein im Zweifel immer links, als linker Kreuzritter des deutschen Journalismus reitet er seine Attacken, so dass er die durchaus vorhandenen Ansätze eines Aufbegehrens zumindest eines winzigen Teils der Mittelschicht, wie sie sich in den Pegida-Märschen oder der in verschiedene Landtagsparlamente gekommenen AfD äußert, nur als einen durch Ressentiments erzeugten „Aufstand der Ohnmächtigen“ sehen kann. Ein unproduktives Getue, in der das „Nein“ zur einzigen schöpferischen Tat geworden sei.

Immerhin: er verunglimpft die Pegida-Proteste bzw. die Protestwähler der AFD nicht durchweg als Phänomene des braunen Rands, sondern sieht sie wohl als Anzeichen einer ersten Unruhe innerhalb der ansonsten weiter im politischen Winterschlaf verharrenden deutschen Mitte. Aber hier passt ihm halt die ganze Richtung nicht.

Das richtige, weil linke „Nein“

Dagegen überhöht er die Protest-Bewegungen in Griechenland, Spanien und Italien sowie einen gewissen Linksrutsch innerhalb der englischen Labour-Party zu einem allgemeinen Aufstand der politischen Mitte im übrigen Europa. Hier, bei Syriza, Podemos und MoVimento 5 Stelle (Fünf-Sterne-Bewegung) sowie bei Jeremy Corbyn, stimmt einfach die Richtung: Man ist gegen Atomwaffen, NATO, Sparen und Privatisierungen. Das ist zwar auch alles „Nein“, aber in der Sicht Augsteins eben das richtige „Nein“.

Nun gut, sei‘s drum.

Denn insgesamt ist Augsteins Unbehagen an einer Situation, in der ein inertes, also untätiges, unbeteiligtes Wahlvolk der Mitte und eine in ihrer Alternativlosigkeit beinahe peinlich wirkende Politikerschicht keine zukunftsträchtige Politik mehr zustande bringen, nachvollziehbar.

Würde Jakob Augstein noch an den alten Glaubensvorstellungen festhalten, dass die Menschen nach ihrem Tod entsprechend ihres irdischen Verhaltens den Weg in das Paradies bzw. die Hölle gehen werden, würde er der „apathischen“ deutschen Mittelschicht fast durchweg mit der Vorhölle drohen. In Dante Alighieris „Die göttliche Komödie“ (zitiert nach der Übersetzung von Robert Zoozmann) besucht der Ich-Erzähler, bevor er dann Fegefeuer und Paradies besichtigt, zuerst die Hölle. Dort sieht er die armen Sünder gar schrecklich und vor allem ewig leiden.

„Die lauen Seelen“

Aber bevor er in die eigentliche Hölle einfährt, macht er einen kurzen Abstecher in die Vorhölle. Und dort schon hört er ein „kläglich-banges Schmerzgewimmer“. Und so fragt er seinen Führer durch die Unterwelt, wofür denn diese armen Sünder, die immer einem dauernd die Richtung wechselnden Fähnchen hinterherliefen, hier gepeinigt würden. Er bekommt über dieses „schmerzgequälte Volk“ folgende Auskunft (Hölle, Dritter Gesang):

„Und er: ,Nach diesen Chören, schmerzgewoben,

Ziehn hier die lauen Seelen ihren Reigen,

Die ohne Lob und Schande lebten droben.

Gesellt sind sie der Rotte jener Feigen,

Der Engel, die sich weder für , noch gegen

Den Herrgott, doch gesondert wollten zeigen!’

(…).

Die „lauen Seelen“ wollten sich in ihrem irdischen Leben aus allem heraushalten, neutral bleiben und keine Stellung beziehen. Veränderungen mögen sie nicht, eine eigene Meinung haben sie nicht, denn all das könnte unbequeme Auswirkungen haben. Der Status-quo ist ihnen der liebste Ort. Ihre Trägheit und Gleichgültigkeit hat in der Sicht Dantes nicht für das Paradies gereicht. Denn in der Johannesapokalypse 3/16 heißt es: ,Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.’ Und so wird Dantes Höllenbesichtiger klar, welch Pack hier gemäß der Bibel sein Dasein fristet:

Da war mir’s deutlich, ohne noch zu fragen,

Dass dieses wär der Memmen feige Schar,

Die Gott und Gottes Feinden mißbehagen.

Dies Jammervolk, das nie rechtlebend war,

(…)

 

 Anmerkung

[1] Jakob Augstein, „Deutschland, dein Elend ist die Mitte“, Spiegel Online vom 6. August 2015