Europas gefesselte Arbeitsmärkte

In fast allen Ländern müssen Betriebe höhere Abfindungen zahlen als in Deutschland. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sich auch die Mittelstandsstrukturen angleichen.

Im Februar 2012 hat Spanien eine Arbeitsrechtsreform in Kraft gesetzt. Das ist jetzt über zwei Jahre her und es ist Zeit die ersten Auswirkungen zu analysieren. Kern von Arbeitsmarktreformen sind immer die Abfindungen. Sind sie zu teuer, stellt niemand einen Arbeitnehmer ein, es sei denn, er ist ein Monopolist wie zum Beispiel eine Kommune oder der Staat. In Italien, Frankreich und Spanien mit ihrem restriktiven Kündigungsschutz dominieren deshalb Einmann- und Familienbetriebe.

In Spanien arbeitet derzeit in etwa 52 Prozent aller Betriebe der Chef alleine, nur 5 Prozent haben mehr als 10 Mitarbeiter. Im Mittelfeld dominieren die Familienunternehmen, was wörtlich zu nehmen ist. In Deutschland werden darunter nämlich familiengeführte Unternehmen verstanden, im Süden Unternehmen ohne familienfremde Mitarbeiter. Zum Vergleich: In Deutschland arbeiten nur 30 Prozent der Chefs für sich und über 20 Prozent der Betriebe haben mehr als 10 Angestellte, viele deutlich mehr.

Eine Viertelmillion für eine Kündigung

Das spanische Parlament hatte beschlossen, dass die Abfindung eines Arbeitnehmers nach neuem Recht 33 Tage pro Arbeitsjahr beträgt, gedeckelt mit 24 Monatslöhnen als Höchstsatz. Wenn der Arbeitnehmer 2.500 € verdient hat, sind das immerhin 60.000 € in der Spitze. Viel mehr als in Deutschland, viel weniger als in Italien. In Betrieben mit bis zu 10 Arbeitnehmern fällt in Deutschland keine Abfindung an, in Italien kostet die erste Kündigung auch nach der Montischen Reform etwa eine Viertelmillion. Das neue Arbeitsrecht gilt in Spanien nicht für die bestehenden Arbeitsverträge. Diese werden in Bezug auf die Entschädigung noch nach dem alten Recht behandelt und führen zu sündhaft teuren Kündigungen.

Die Arbeitslosenquote in Spanien betrug zum Zeitpunkt der Rechtsänderung im ersten Quartal 2012 24,4 Prozent. Im April 2014 beträgt sie 25,1 Prozent, hat sich also nicht fühlbar verändert. Die Zeiten, wo wie nach der deutschen Währungsreform von 1948 sofort die Post abgeht, wenn das Recht geändert wird, sind überall vorbei. Die spanische Reform erfolgte in einer Zeit allgemeiner privater und staatlicher Verschuldung, vor der Kulisse eines kranken Geldsystems. Sie war nicht so radikal, dass der spanische Arbeitgeber mit dem deutschen wirklich konkurrieren kann. Und sie änderte die Gewohnheiten der spanischen Arbeitgeber nicht auf Knopfdruck.

Der mentale Faktor wird immer unterschätzt, ist aber der entscheidende. Ein 50-jähriger spanischer Unternehmer, der sich 30 Jahre an ein System der Eigenarbeit oder des Familienbetriebs gewöhnt hat, wird seinen Betrieb nicht mehr umkrempeln. Er besitzt weder die Erfahrung als Arbeitgeber, hat also noch nie Mitarbeiter angeleitet und geführt, noch ist er mit den rechtlichen Randbedingungen, wie Sozialabgaben vertraut. Er wird vielmehr die steuerliche Grauzone schätzen, die ein Betrieb mit sich bringt, wo kein Fremder über die Schulter schaut.

Quälend langsame Wachstumsprozesse

Es bedarf einer neuen Generation, die die Industrie, das Handwerk und die Dienstleistungen umkrempelt.  Ob sie das nach der halbherzigen Arbeitsmarktreform tun wird, kann nur ein ganzes Jahrzehnt zeigen oder zwei davon.

Wir haben in Deutschland in den 90er Jahren etwas ähnliches erlebt. Im Osten fehlten 1990 die erfahrenen Persönlichkeiten, die die westlichen Märkte kannten, die westliche Sprachen beherrschten, die Mitarbeiter anders als mit der Aktivistennadel motivieren konnten und mit  den rechtlichen Rahmenbedingungen zurechtkamen. Die Industrie brach im Strudel stark steigender Löhne, fehlender Absatzmöglichkeiten und explodierender Abfindungsverpflichtungen innerhalb kürzester Zeit weitgehend zusammen. Im folgenden Jahrzehnt waren die meisten Industriellen im Osten Zuzüge aus dem Westen.

Nach zwanzig Jahren erst ist es soweit, dass eine eingeborene industrielle Unternehmergeneration entsteht, allerdings langsam. Zu den individuellen Fähigkeiten muß ja noch das Geld finden, welches in der Industrie unumgänglich nötig ist. Es wird voraussichtlich ein Jahrhundert brauchen, bis sich die industrielle Balance zwischen Ost und West einstellen wird.

Wir werden uns auch in Spanien auf quälende Langsamkeit der Wachstumsprozesse einstellen müssen. Wenn die Politiker darauf hoffen, dass die Überschuldung sich in absehbarer Zeit  durch Wachstum in Nichts auflöst, so werden sie sich mit Sicherheit verspekulieren.

Hoffnungsschalmeien statt Alarmglocken

Das Maastricht-Kriterium von 60 Prozent Gesamtverschuldung und drei Prozent Neuverschuldung kam durch folgenden Überschlag zusammen: Wenn bei fünf Prozent Wachstum drei Prozent Neuschulden gemacht werden, bleibt die Gesamtverschuldung bei 60 Prozent des BIP. Die Wachstumsluftballons der Eurokraten sind zerplatzt.

Das spanische Wirtschafts-Schiff, welches sich ein Jahrzehnt lang auf die seichte Sandbank der exzessiven Verschuldung gerettet hatte, wurde durch die Banken- und Immobilienkrise nicht etwa auf das tosende Meer der Konsolidierung oder in das erleichternde Gewitter des Bankrotts hinausgeworfen, sondern in den Hafen künstlicher Niedrigzinsen und der Kosmetik der Handelsbücher geleitet. In diesem Hafen liegt es fest, erreicht nicht die rettenden Ufer von China, Deutschland und anderen aufstrebenden Handelspartnern und rottet vor sich hin.

Im vergangenen Herbst berichteten die Wirtschaftsnachrichten von einem spanischen BIP-Wachstum von 0,1 Prozent. Früher hätten die Alarmglocken angesichts einer solchen Zahl geläutet, heute werden die Hoffnungsschalmeien geblasen. Man ist sehr bescheiden geworden. Zu bescheiden…

 

Über Wolfgang Prabel

Wolfgang Prabel über sich: "Ich sehe die Welt der Nachrichten aus dem Blickwinkel des Ingenieurs und rechne gerne nach, was uns die Medien auftischen. Manchmal mit seltsamen Methoden, sind halt Überschläge... Bin Kommunalpolitiker, Ingenieur, Blogger. Ich bin weder schön noch eitel. Darum gibt es kein Bild." Kontakt: Webseite | Weitere Artikel