Feiertagsreden ohne Überraschungen. Die Rituale zum Tag der Deutschen Einheit langweilen. Es stellen sich Fragen.
In meinem Ethik-Kurs diskutierten wir 1989/90 das Für und Wider der sich abzeichnenden Einheit. Als damaliger Vorsitzender der Schüler-Union war ich ein glühender Befürworter – im Gegensatz zu vielen Mitschülern, die skeptisch bis ablehnend waren. Jahrzehnte später verstehe ich die Kritiker von damals besser.
Blühende Landschaften
Inhaltsverzeichnis
Am 3. Oktober feiert Deutschland alljährlich eine Behauptung. Sie heißt Deutsche Einheit. Fahnen werden gehisst, Reden gehalten, Gemeinsamkeiten beschworen. Das Ritual hat etwas von einer Ehejubiläumsfeier, bei der die Gäste längst wissen, dass die Eheleute getrennte Schlafzimmer bewohnen. Nur ausgesprochen werden darf es nicht. Die staatliche Einheit ist eine Tatsache. Die gesellschaftliche Einheit dagegen bleibt ein Regierungsprogramm ohne Fertigstellungstermin. Vielleicht wäre es nach sechsunddreißig Jahren Zeit, nicht länger nach den Verzögerungen zu fragen, sondern nach der Plausibilität des Vorhabens.
Natürlich existiert das gemeinsame Deutschland: als Rechtsraum, als Wirtschaftsraum, als alltägliche Selbstverständlichkeit für Millionen Menschen. Menschen ziehen um, heiraten, arbeiten zusammen und interessieren sich erfreulicherweise immer weniger dafür, auf welcher Seite der früheren Grenze jemand geboren wurde. Aber daraus folgt noch keine gemeinsame Vorstellung davon, was dieses Land sein soll. Ein Staat kann eine Verwaltung besitzen und trotzdem mehrere politische Wirklichkeiten beherbergen. Deutschland hat die Mauer beseitigt. Die Erfahrungen, die sie hervorgebracht hat, konnte es nicht mit abreißen.
Der grundlegende Irrtum von 1990 bestand womöglich darin, historische Gemeinsamkeit für eine Garantie künftiger Zusammengehörigkeit zu halten. Gleiche Sprache, gemeinsame Literatur, dieselbe ältere Geschichte: Das musste doch reichen. So dachten sich das Helmut Kohl und viele Westdeutsche. Doch vier Jahrzehnte unterschiedlicher Herrschaft verschwinden nicht mit der Einführung einer gemeinsamen Währung. Sie prägen Erwartungen an Autorität, Vorstellungen von Sicherheit und das Verhältnis zwischen Bürger und Staat. Die einen hatten gelernt, sich innerhalb einer westlichen Demokratie einzurichten. Die anderen mussten eine Diktatur abschütteln und anschließend nahezu sämtliche Gewissheiten ihres gesellschaftlichen Lebens neu verhandeln.
Beidseitige Missverständnisse
Dass dieser Umbruch Verletzungen hinterließ, ist weder rätselhaft noch lächerlich. Wer seine Arbeit verlor, seinen Beruf entwertet sah oder erlebte, wie andere fortan die eigene Lebensleistung beurteilten, hatte Gründe für Verbitterung. Zur westdeutschen Ehrlichkeit gehört, den Hochmut mancher damaliger „Sieger über den Sozialismus“ zu benennen. Nicht jeder, der mit einem Aktenkoffer nach Osten fuhr, brachte Kompetenz mit. Manche brachten vor allem die Überzeugung mit, ihre Herkunft sei bereits ein Qualifikationsnachweis. Der Westen hat sich seine spätere Rolle als unermüdlicher Erklärer auch durch frühere Selbstgerechtigkeit eingehandelt.
Aber aus der Anerkennung historischen Unrechts folgt kein zeitlich unbegrenztes politisches Entgegenkommen. Eine Demokratie kann Biografien respektieren, ohne jede daraus abgeleitete Forderung zu erfüllen. Irgendwann muss der Satz erlaubt sein: Wir haben verstanden, dass ihr Ostdeutschen andere Erfahrungen gemacht habt. Deshalb müssen wir eure Schlussfolgerungen noch lange nicht teilen. Wer Unterschiede ernst nimmt, darf Widerspruch nicht ständig als mangelnde Empathie behandeln. Gerade darin liegt etwas Entmündigendes: den politischen Gegner nicht beim Wort zu nehmen, sondern ihn fortwährend aus seiner Vergangenheit heraus zu entschuldigen.
Die öffentliche Einheitsbeschwörung hat eine eigentümliche Arbeitsteilung begünstigt. Sobald ostdeutscher Unmut zum Thema wird, beginnt die Suche nach einem westdeutschen Versäumnis. Es wurde zu wenig zugehört, zu wenig anerkannt, zu wenig verstanden. Mitunter stimmt das. Als universelle Erklärung wird es bequem. Dann erscheint jede politische Entscheidung als Symptom einer Kränkung, für deren Behandlung jemand anderes zuständig ist. Aus Bürgern mit Verantwortung werden Patienten der Geschichte. Und der Westen sitzt dauerhaft im Wartezimmer seiner eigenen Schuldgefühle.
Rheinische Vernunft
Dabei besitzt auch er eine Geschichte, die mehr ist als die Vorgeschichte der Wiedervereinigung. Die alte Bundesrepublik war provinziell, widersprüchlich, manchmal unerträglich selbstzufrieden. Aber sie entwickelte eine politische Lebensform, deren Errungenschaften nicht gering waren: die Bindung an westliche Demokratien, die europäische Integration, den parlamentarischen Interessenausgleich und ein allmählich wachsendes Misstrauen gegen nationale Erlösungsversprechen. Ihre angenehmste Eigenschaft war vielleicht ihre Unfähigkeit zur Größe. Bonn versprach keine geschichtliche Sendung. Bonn versprach, dass am Montag wieder der Ausschuss tagte.
Diese politische Nüchternheit verdient eine eigene Loyalität. Der Westen muss sich für sie nicht entschuldigen. Er darf an Europa festhalten, ohne sich als geschichtsvergessen belehren zu lassen. Er darf die amerikanische Schutzmacht kritisch beurteilen und dennoch die Westbindung verteidigen. Er darf einer Vorstellung von nationaler Souveränität widersprechen, die Zusammenarbeit mit anderen Staaten, mit der EU vor allem als Demütigung empfindet. Und er darf gegenüber autoritärer Macht skeptisch bleiben, auch wenn deren Bewunderer ihre Sehnsucht nach einem starken Mann als besondere Friedensliebe ausgeben.
Keine dieser Haltungen lässt sich sauber auf einer Landkarte verteilen. Es gibt autoritäre Sehnsüchte im Westen und überzeugte westliche Demokraten im Osten. Wer das unterschlägt, ersetzt Analyse durch Himmelsrichtung. Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen politischen Vorstellungen. Gerade deshalb wäre es absurd, Menschen aufgrund ihres Geburtsorts unter einen kollektiven Verdacht zu stellen. Doch ebenso absurd ist die Erwartung, der Westen müsse seine politische Prägung zurücknehmen, damit eine vermeintlich gemeinsame deutsche Identität genügend Platz bekommt.
Zurück nach Bonn?
In diesem Sinne sollte sich der Westen wieder unabhängig machen: zunächst vom Zwang, jeden gesamtdeutschen Konflikt durch Selbstrevision zu lösen. Er braucht keinen neuen Nationalismus mit rheinischem Akzent. Er braucht die Fähigkeit, seine Interessen und Überzeugungen ohne betretenen Blick auf die Familiengeschichte auszusprechen. Wer einen liberalen, europäischen, parlamentarischen Staat will, muss darum streiten können, ohne zuvor den Nachweis hinreichender Wiedervereinigungssensibilität zu erbringen. Zusammengehörigkeit kann kein Anspruch darauf sein, dass der andere seine politischen Maßstäbe ablegt.
Und ja, auch die weitergehende Frage darf gestellt werden: Warum sollte staatliche Gemeinsamkeit grundsätzlich unkündbar sein? Wenn Bevölkerungen dauerhaft unvereinbare politische Ordnungen anstreben sollten, wäre eine demokratisch ausgehandelte Trennung zumindest diskutierbar. Sie wäre allerdings ein gewaltiges Unternehmen: mit Fragen nach Grenzen, Vermögen, Schulden, Renten, wirtschaftlichen Verflechtungen und der Zugehörigkeit jener, die auf der vermeintlich falschen Seite leben. Wer daraus ein munteres Scheidungsfest macht, wiederholt die Leichtfertigkeit jener, die einst glaubten, mit einem Staatsakt seien alle Schwierigkeiten erledigt.
Die überzeugendere Unabhängigkeit beginnt deshalb vor einer neuen Grenze. Sie beginnt mit dem Ende der emotionalen Erpressbarkeit durch das Wort Einheit. Deutschland muss nicht an einer einheitlichen Seele genesen. Es könnte lernen, Unterschiede auszuhalten, Zuständigkeiten ernster zu nehmen und politische Gegensätze als solche auszutragen. Der Westen wäre dabei kein Vormund und kein Zahlmeister mit moralischem Überlegenheitsanspruch. Er wäre eine politische Stimme mit dem Recht, deutlich Nein zu sagen.
Vielleicht gäbe es auf dieser Grundlage sogar mehr Zusammengehörigkeit: weil niemand mehr behaupten müsste, sie sei längst vollendet. Bis dahin sollte der Westen aufhören, sich als unvollständige Hälfte zu betrachten, deren Daseinszweck in der Herstellung deutscher Ganzheit liegt. Er hatte schon vor 1990 eine demokratische Existenzberechtigung. Er besitzt sie weiterhin. Einheit ist ein möglicher Rahmen der Freiheit. Sie ist nicht deren Ersatz. Und wo das gemeinsame Dach nur zusammenhält, weil niemand über getrennte Wohnungen sprechen darf, ist ein offenes Gespräch längst überfällig.
