Die Church of England islamisiert sich selbst

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Eine Erzbischöfin ohne Gespür, falsche Ökumene und ein sprachloser König. Die Church of England in der Krise.

Wir sollten der Church of England fast dankbar sein. Selten hat eine altehrwürdige Institution so anschaulich vorgeführt, was passiert, wenn moralische Selbstgewissheit auf mangelnde Sorgfalt trifft. Ein Preis und seine Folgen.

Blinde Flecken

Am 11. September 2026, dem 25. Jahrestag der islamistischen Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten, versammelte man sich im Lambeth Palace zur Preisverleihung. Am Londoner Sitz der Erzbischöfe von Canterbury überreichte die neue Erzbischöfin, Sarah Mullally, Hafiz Muhammad Tahir Mehmood Ashrafi den Hubert-Walter-Preis für „Versöhnung und interreligiöse Zusammenarbeit“. Die Kirche würdigte damit seinen Einsatz für religiöse Minderheiten in Pakistan, insbesondere für Christen. Frieden. Versöhnung. Dialog. Religiöse Verständigung. Die großen Wörter standen Spalier. Nur die Recherche in Lambeth Palace,, hatte offenbar frei.

Denn kaum waren die offiziellen Fotografien veröffentlicht, tauchten jene Informationen auf, die man möglicherweise besser vor einer Preisverleihung hätte zur Kenntnis nehmen sollen. Bereits 2007 war Ashrafi wegen Äußerungen über Osama bin Laden aufgefallen. Nach damaligen Berichten hatte der Imam erklärt, bin Laden habe gegen Russen, Amerikaner und Briten „für den Islam“ gekämpft, und vorgeschlagen, ihm den Ehrentitel „Saifullah“, „Schwert Gottes“, zu verleihen. Ashrafi erklärt heute, diese Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Er habe damals auf die britische Ritterwürde für Salman Rushdie reagiert und einen Vergleich zwischen westlichen und muslimischen Ehrungen gezogen. Man mag diese Erklärung überzeugend finden oder nicht. Für eine wichtige englische Institution, die einen solchen Preis vergibt, hätte allein die Existenz solcher Äußerungen jedenfalls ein reizvoller Anlass für die eine oder andere Nachfrage sein können. Stattdessen kamen die Nachfragen hinterher.

Lambeth Palace erklärte schließlich, die früheren Aussagen seien erst nach der Ehrung bekannt geworden. Am 17. September zog die Kirche den Preis zurück. Das ist der eigentlich bemerkenswerte Aspekt dieser Affäre. Heikel genug, dass eine christliche Kirche einen umstrittenen muslimischen Geistlichen auszeichnet. Zwar besteht Dialog vor allem darin, mit Menschen zu sprechen, die nicht das eigene Weltbild teilen. Aber dass eine Kirche mit weltweiter Anhängerschaft offenbar erst nach der Verleihung eines Preises für interreligiöse Versöhnung herausfindet, was der Preisträger in der Vergangenheit über den berühmtesten islamistischen Terroristen der Neuzeit gesagt haben soll, irritiert doch sehr. Lambeth Palace verfügt über Jahrhunderte kirchlicher Tradition, eine Bibliothek von Weltrang und einen ganzen Apparat von Mitarbeitern. Was offenbar fehlte, war eine Suchmaschine.

Ausgerechnet am 11. September

Die ganze Sache wäre schon an jedem gewöhnlichen Freitag peinlich gewesen. Doch man hatte sich ausgerechnet den 11. September für die Verleihung ausgesucht. Fast 3000 Menschen wurden an diesem Tag 2001 ermordet, darunter 67 Briten. Genau ein Vierteljahrhundert später überreicht die Erzbischöfin von Canterbury einem Mann einen Versöhnungspreis, dessen frühere Äußerungen über Osama bin Laden anschließend zu einem öffentlichen Skandal führen. Symbolpolitik kann grausam sein. Vor allem dann, wenn ihre Urheber die Symbolik selbst nicht bemerken. Natürlich dürfte niemand vernünftigerweise behaupten, Erzbischöfin Mullally habe Terrorismus verherrlichen wollen. Das Problem ist viel banaler und gerade deshalb interessanter: Offenbar wollte man unbedingt eine schöne Geschichte über interreligiöse Verständigung erzählen, dass niemand gründlich genug überprüfte, ob der Protagonist auch in diese Geschichte passt. Das ist kein böser Wille. Es ist die sehr zeitgenössische Form des institutionellen Versagens: gute Absicht bei ausgeschaltetem Warnsystem.

Verschleierte Fotos

Auch optisch produzierte Lambeth Palace eine Szene, die Kritiker geradezu bestellen würden. Sarah Mullally ist die erste Frau an der Spitze der Church of England. Bei ihrem Amtsantritt hatte sie angekündigt, sich öffentlich gegen Frauenfeindlichkeit zu stellen. Auf den offiziellen Bildern der Preisverleihung steht sie nun neben Ashrafi. Daneben befinden sich zwei vollständig beziehungsweise weitgehend verschleierte Frauen, vermutlich seine Ehefrau und seine Tochter. Kritiker fragten daraufhin, welche Botschaft dieses Bild etwa an Frauen sende, die im Iran oder in Afghanistan gegen staatlich oder gesellschaftlich erzwungene Verschleierung kämpfen. Und dafür gehängt oder zu Tode gesteinigt werden.

Die Kleidung dieser Frauen erlaubt selbstverständlich keine Aussage darüber, ob sie freiwillig gewählt wurde. Wer das behauptete, würde aus einem Foto mehr herauslesen, als es hergibt. Aber politische und religiöse Führung besteht nun einmal nicht nur aus Absichten. Sie besteht vor allem aus Symbolen. Und wer sich professionell mit Symbolen umgibt, darf sich hinterher nicht darüber wundern, wenn die Öffentlichkeit sie genau betrachtet.

Elastizität der Toleranz

Ashrafis Biographie ist dabei vielschichtiger, als es die Empörung vermuten lässt. Er setzte sich etwa für die christliche Pakistanerin Rimsha Masih ein, die 2012 der Blasphemie beschuldigt worden war. Genau dieses Engagement für religiöse Minderheiten war ein Grund für die Ehrung. Gleichzeitig weisen Kritiker darauf hin, dass Ashrafi die pakistanischen Blasphemie-Gesetze unterstützt. Insbesondere solche Widersprüche hätten eine interessante Debatte ermöglicht. Wann ist ein problematischer Gesprächspartner ein wichtiger Mittler? Wann wird Dialog zur Aufwertung? Wo endet Verständigung und wo beginnt die demonstrative Blindheit gegenüber den Überzeugungen des Gegenübers? Das wären Fragen gewesen.

Doch die Church of England ersparte sich die schwierige Debatte zunächst, indem sie dem Imam eine schöne Urkunde überreichte. Das ist überhaupt eine bemerkenswerte Eigenart westlicher Institutionen: Sie sind inzwischen ausgesprochen geübt darin, die eigenen Gesellschaften nach problematischen Formulierungen, historischen Verfehlungen und symbolischen Mikrodetails zu durchleuchten. Kein Denkmal ist zu alt, kein Straßenname zu unscheinbar und kein Wort zu beiläufig, um nicht auf moralische Qualität überprüft zu werden. Bei einem islamischen Dialogpartner kann die gleiche Sensibilität plötzlich erstaunlich elastisch werden. Dann heißt das Schlüsselwort nicht mehr „Kontextualisierung“. Dann heißt es „Dialog“.

Ernster Prüffall

Die Church of England hat den Preis inzwischen zurückgezogen. Damit hat sie immerhin auf die berechtigte öffentliche Kritik reagiert. Doch die Rücknahme macht das Problem noch sichtbarer. Denn entweder waren die jetzt beanstandeten Aussagen Ashrafis relevant – dann hätte man sie vorher finden müssen. Oder sie waren nicht relevant – dann hätte man den Preis nicht zurückziehen müssen. Beides gleichzeitig funktioniert schlecht. So bleibt am Ende weniger ein „Religionsskandal“ als ein Lehrstück über eine bestimmte Art institutioneller Weltfremdheit. Eine Kirche wollte zeigen, wie offen sie ist. Eine Erzbischöfin wollte Versöhnung feiern. Ein Preis sollte Brücken bauen. Und niemand scheint rechtzeitig gefragt zu haben, wer eigentlich auf der anderen Seite dieser Brücke steht.

Vielleicht liegt darin die unfreiwillige Pointe dieser Geschichte: Die Church of England hat innerhalb einer Woche den kompletten Lebenszyklus moderner Moralkommunikation absolviert: Erst Haltung zeigen. Dann Empörung ernten. Dann recherchieren. Dann Preis zurückziehen. Und schließlich erklären, dass man die entscheidenden Informationen vorher leider nicht gekannt habe. Früher nannte man so etwas mangelnde Sorgfalt. Heute könnte man es beinahe für einen liturgischen Ablauf halten. Ob die erst seit März 2026 amtierende Oberhirtin nun so beschädigt ist, dass sie zurücktreten muss?

Wahrscheinlich wollen die klerikalen und politischen Eliten die erste Frau an der Spitze der Church of England nicht nach so kurzer Zeit fallen lassen. Vom weltlichen Oberhaupt der Anglikaner, Charles III., hört die Öffentlichkeit dazu bislang nichts. Der König legt seit langem viel Wert auf den Dialog der Religionen und sieh sich als Verteidiger nicht mehr nur des anglikanischen Glaubens. Er sieht sich als Defender of all Faith, also aller Glaubensrichtungen. Bei seiner Krönung standen am Ende der Prozession aus der Westminster Abtei auch muslimische Geistliche parat, um ihn zu segnen. Sicherlich gut gemeint, aber sein Königreich leidet bereits länger unter massiven Problemen mit muslimischen Gruppen. Dabei insbesondere durch Pakistanis, die beispielsweise in Nordengland einen kriminellen Sexring aufgebaut hatten. Nach der misslungenen Preisverleihung ist spätestens jetzt ein klares Wort von König Charles gefordert, wenn Anglikanische Kirche und Monarchie noch eine Zukunft haben wollen.

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3 Kommentare
fufu
fufu
24 Tage her

Der naechste Artikel ist bestimmt uber die Zionisierung… bin gespannt.

dragaoNordestino
24 Tage her

Am 11. September 2026, dem 25. Jahrestag der islamistischen Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten

der islamischen Terroranschläge…… hmmm, ein Artikel der so anfängt, braucht man nun wirklich nicht weiter zu lesen

fufu
fufu
Reply to  dragaoNordestino
21 Tage her

Wer geolitico kennt weiss woher der Wind weht. Die AfD-Waehler werden sich noch wundern… neues Spiel, altes Pech.