Berlin macht mal wieder die Welle. Was soll ein provisorischer Pool für 300.000 Euro vor der linken Volksbühne?
Ich wollte immer schon Schwimmbadleiter werden und nicht Theaterdirektor, und den Wunsch habe ich mir jetzt erfüllt“, freut sich Matthias Lilienthal als neuer Chef der Volksbühne bei der Eröffnung seines Planschbeckens. Der gebürtige Neuköllner kennt sich aus mit schwierigen Freibädern. So steht in seinem Heimatbezirk ein regelrechtes Brennpunkt-Sommerbad, das Columbia-Bad. Wahrscheinlich hat er sich dort inspirieren lassen, wie man provoziert.
Dit is Balin!
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Die Berliner Volksbühne eröffnet ihre neue Intendanz nicht mit einem Theaterstück, sondern mit einem Schwimmbecken. Rund 300.000 Euro kostet das achtwöchige „Volksbad“ vor dem Haus am Rosa Luxemburg-Platz. Was als Protest gegen den Verfall öffentlicher Infrastruktur gedacht ist, gerät zur unfreiwilligen Parabel auf die Berliner Kulturpolitik. Besonders bizarr wird es, wenn aus dem angeblich „offenen Bad für alle“ zeitweise ein exklusiver Raum für bestimmte Gruppen wird.
Berlin hat bekanntlich wenig Geld. Schulen verfallen, Brücken müssen gesperrt werden, kommunale Schwimmbäder sind sanierungsbedürftig, Die klammen Bezirke müssen sparen, und auch die Kulturszene klagt seit Jahren über Kürzungen. Doch für ein Experiment mit Wasser, Chlor und Pommes vor der Volksbühne reicht es noch. Die üppige Summe für Lilienthals Badespaß ist keine Schätzung empörter Kritiker, sondern wurde vom Berliner Senat bestätigt. Planung und Aufbau wurden aus dem laufenden Haushalt der Volksbühne finanziert.
Vom 7. August bis zum 1. Oktober steht vor dem Theater ein 25 Meter langes Schwimmbecken. Der Eintritt ist kostenlos. Die Volksbühne bezeichnet das Projekt als „urbane Intervention“ und begründet es ausgerechnet mit dem Abbau öffentlicher Infrastruktur und der zunehmenden Kommerzialisierung öffentlicher Räume. Man muss diese Berliner Pointe einen Moment wirken lassen: Ein hochsubventioniertes Theater gibt Hunderttausende Euro für ein Schwimmbecken aus, um gegen die Mängel in der öffentlichen Infrastruktur sowie Etatkürzungen bei der Kultur zu protestieren. Statt ein Stück über Berliner Misswirtschaft aufzuführen, führt man sie offenbar lieber praktisch vor.
Baden als soziales Experiment
Natürlich kann Theater provozieren. Es darf experimentieren, Grenzen überschreiten und auch Unsinn wagen. Gerade die Volksbühne besitzt darin eine große Tradition. Nur stellt sich irgendwann die banale Frage: Was hat ein Freibad mit dem eigentlichen Auftrag eines staatlich finanzierten Theaters zu tun?
Das Haus selbst beantwortet sie politisch. Das Schwimmbecken soll Versammlungsort, gesellschaftliches Experiment und Kritik an den Zuständen Berlins sein. Der neue Intendant Matthias Lilienthal versteht offenbar schon das gegenseitige Nassspritzen als theatralisches Ereignis. Das kann man originell finden. Man kann darin allerdings auch die mittlerweile verbreitete Vorstellung erkennen, wonach nahezu jede gesellschaftspolitische Aktion zur Kunst erklärt werden kann, sobald eine Kulturinstitution sie veranstaltet.
Die Pointe wird noch hübscher dadurch, dass das Bad bereits wenige Tage nach seiner Eröffnung wegen technischer Probleme mit den Duschen zeitweise schließen musste. Ein Kunstprojekt gegen marode Berliner Infrastruktur scheitert vorübergehend an eigener maroder Infrastruktur. Mehr Berlin geht kaum.
„Offen für alle“. Mit Einschränkungen?
Politisch brisanter ist jedoch ein anderer Vorgang. Die Volksbühne bewirbt ihr Bad ausdrücklich als kostenlos und „offen für alle“. In der ursprünglichen Programmankündigung für den 14. August hieß es allerdings für den Zeitraum von 12 bis 18 Uhr, das Volksbad sei „exklusiv für schwarze Communitys geöffnet“.
Nach öffentlicher Kritik verschwand diese Formulierung. Nun heißt es lediglich, das Bad sei an diesem Tag für Each One Teach One (EOTO) e.V. reserviert. Der Verein beschreibt sich selbst als Bildungs- und Empowerment-Projekt, das sich für die Interessen Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen einsetzt. Das ist ein erheblicher Unterschied.
Eine geschlossene Veranstaltung eines Vereins ist etwas anderes als ein öffentlich finanziertes Schwimmbad, das den Zugang ausdrücklich anhand einer ethnisch beziehungsweise rassistisch definierten Zielgruppe beschränkt. Genau deshalb ist die ursprüngliche Formulierung politisch so bemerkenswert. Wer jahrzehntelang erklärt hat, Menschen dürften nicht nach Hautfarbe unterschieden werden, sollte jedenfalls erklären müssen, warum dieselbe Unterscheidung plötzlich progressiv sein soll, wenn sie mit dem vermeintlich richtigen politischen Vorzeichen versehen wird.
Diskriminierung gegen Diskriminierung?
Volksbühnen-Intendant Lilienthal weist die Kritik zurück. Das Landes-Antidiskriminierungsrecht sehe sogenannte positive Maßnahmen für benachteiligte Gruppen vor. Es gehe darum, diskriminierten Menschen geschützte Räume anzubieten. Auch andere soziale Initiativen erhalten reservierte Nutzungszeiten. Das ist ein im landesrechtlichen Kontext relevantes Argument und gehört zur vollständigen Darstellung. Aber es löst den politischen Widerspruch nicht auf.
Denn das Projekt wurde gerade nicht als Vereinsbad angekündigt, sondern als Volksbad. Die Volksbühne verspricht einen öffentlichen Raum ohne Eintritt und Ausweispflicht, ausdrücklich für Schüler, Rentner, Nachbarn, Theaterfreunde und alle anderen Interessierten. Wer einen solchen Ort anschließend nach gesellschaftlichen Gruppen aufteilt, muss sich die Frage gefallen lassen, welches Verständnis von Öffentlichkeit dahintersteht. Eine offene Gesellschaft sollte Menschen schließlich zusammenbringen, nicht immer neue Räume schaffen, in denen sie nach Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder Identität voneinander getrennt werden.
Der Steuerzahler badet gerne lau
Besonders pikant ist deshalb die Finanzierung. Das Volksbad wird nicht von einem privaten Mäzen bezahlt. Die rund 300.000 Euro stammen aus dem laufenden Haushalt der Volksbühne. Das geschieht zu einer Zeit, in der Berliner Kulturinstitutionen ständig über Sparzwänge klagen. Umso berechtigter ist die Frage nach den Prioritäten: Sind acht Wochen Schwimmbad tatsächlich die Aufgabe eines staatlich finanzierten Theaters?
Man muss Kultur nicht auf Shakespeare, Schiller und Brecht beschränken, um diese Frage stellen zu dürfen. Kunstfreiheit bedeutet schließlich nicht Kritikverbot. Und öffentliche Finanzierung bedeutet erst recht nicht, dass jede Ausgabe schon deshalb kulturpolitisch sinnvoll ist, weil ein Intendant sie zur Kunst erklärt.
Berlin als großes Splish Splash
Vielleicht liegt darin am Ende sogar die größte künstlerische Qualität des Volksbades. Es will den Verfall der Berliner Infrastruktur kritisieren und produziert selbst technische und soziale Probleme. Es will öffentlichen Raum für alle schaffen und reserviert ihn zeitweise für ausgewählte Gruppen. Es beklagt knappe öffentliche Ressourcen und kostet dafür rund 300.000 Euro für zwei Monate Betrieb. Damit liegt das Volksbad monatlich etwas unter den durchschnittlichen Betriebskosten für die Berliner Sommerbäder, die zwischen 200.000 bis 300.000 Euro pro Betriebsmonat verschlingen. Glückwunsch, Herr Lilienthal!
Als Schwimmbad mag das Projekt nur acht Wochen bestehen. Als Metapher für die Berliner Politik dürfte es langlebiger sein. Ein Becken voller guter Absichten, bezahlt aus öffentlichen Mitteln, politisch aufgeladen und schon nach wenigen Tagen reparaturbedürftig: Man hätte den Zustand der Hauptstadt kaum prägnanter inszenieren können. Intendant Lilienthal steuert die passende Aussage dazu bei: „Das Volksbad ist mein unprovokativstes Projekt.“ Zum unprovokativsten Bad der Saison – bitte hier entlang.

300.000 € ein kleiner Aufreger fuer Doofe und eine Gelegenheit implizit gegen „die Linken“ Stimmung zu machen…
Peanuts gegen die 120 Milliarden € fuer Aufruestung… natuerlich letztere mit Unterstuetzung der sogenannten Alternative fuer Deutschland…
… wohl ein dezenter Hinweis an BlackRock.. wir sind flexibel, mit uns in der Regierung kann man reden… keine Sorge, Adolf war ein Sozialist… und ein bischen woke sind wir auch.