Alter Ruhm, der längst verblasst. Die Lage der USA rund um die Jubelfeiern.
Donald Trump steht seit dem Iran-Konflikt innenpolitisch unter Druck. Seine Umfragewerte trudeln abwärts, und die Feierlichkeiten stehen unter keinem guten Stern. Von ausgeprägter Feststimmung ist in den Vereinigten Staaten kaum etwas zu spüren.
Yippie Yippie Yeah!
Inhaltsverzeichnis
Am 4. Juli 1976 sandte Elizabeth II. ihre allerherzlichsten Glückwünsche an die frühere Kolonie zum Bicentennial, dem 200. Geburtstag der USA. US-Präsident Gerald Ford hatte die Ehre, am Unabhängigkeitstag im Hafen von New York die Freiheitsglocke läuten zu lassen und beim großen Galaempfang einige Tage später, Gäste aus aller Welt im Weißen Haus zu empfangen. Darunter war auch die Herrscherin der ehemaligen Kolonialmacht, mit der er im Ballsaal seines Amtssitzes übers Parkett schwebte. Im ganzen Land herrschte ausgelassene Feierstimmung, die das Jubiläumsjahr von März 1975 bis Dezember 1976 prägte. Geschätzt rund 25 Millionen Amerikaner beteiligten sich auf allen Ebenen begeistert an den Festlichkeiten. Für sie war es eine willkommene Flucht aus der wirtschaftlich depressiven Stimmung, die eng mit der ersten großen Ölkrise zusammenhing.
Gedrückt ist die Stimmung 50 Jahre später ebenfalls. Wie vor einem halben Jahrhundert amtiert ein unbeliebter Präsident, der wie Gerald Ford damals vor wichtigen Wahlen im November steht. Der einzige nie gewählte Präsident verlor die Präsidentschaftswahl im November 1976 klar gegen seinen demokratischen Rivalen Jimmy Carter, der, anders als Trump, in seiner Amtszeit tatsächlich keinen Krieg führte und zwischen Ägypten und Israel als Friedensstifter wirkte. Entpuppen sich die Zwischenwahlen 2026 für den „Stable Genius“ zu einem vergleichbaren Debakel wie die Abstimmung vor fünf Jahrzehnten für Ford?
Die Feiern von 1976 hallten positiv nach und entzündeten einen neuen Optimismus unter den Amerikanern. Die Feiern von 2026 stehen hingegen unter weniger günstigen Vorzeichen. Für geplante Veranstaltungen am 4. Juli hagelte es Absagen wie die „Freedom 250“-Konzerte. Selbst Trump-Fan Fab Morvan, Überlebender des 80er Skandal-Duos Milli Vanilli, gab seinem Idol einen Korb. Trump sah sich genötigt, die Megasausen in Washington einzudampfen, zumal sein rasch gezimmerter Triumphbogen bereits bröckelt und das Bassin vor dem Lincoln-Memorial nicht in amerikanisch-blau, sondern in Algen-giftgrün schillert.
Kurzfristig hat sich der Präsident entschlossen, zum 4. Juli am Mount Rushmore eine Rede zu halten. Er ist sich des historischen Schauplatzes bewusst, vor der Riege seiner bedeutendsten Vorgänger zu sprechen. Und sich womöglich nach seinem Wirken, ebenfalls dort in Stein gemeißelt zu sehen. Vor diesen Hinter- oder wahlweise Abgründen stellt sich die Frage, in welchem Zustand sich die Vereinigten Staaten nach 250 Jahren befinden und wie ihre gegenwärtige Entwicklung zu bewerten ist.
Vieles anders als gedacht
Gründungsakte sind oft von Mythen umrankt. Das war bei der Unabhängigkeitserklärung der dreizehn Neuengland-Staaten 1776 nicht anders als im antiken Rom oder kaiserlichen China. Und mit einem Mythos bei der Gründung der USA muss aufgeräumt werden: Die Vereinigten Staaten wurden nicht als Demokratie gegründet, sondern als Republik. Als Gegenentwurf zum verhassten Monarchen in London, der ihre Steuern verprasste. Außerdem war für die Gründerväter Demokratie keineswegs ein uneingeschränkt positives Ideal. Sie orientierten sich am Staatsdenken des Aristoteles, der zwischen einer vernünftigen Volksherrschaft und ihren entarteten Formen unterschied: der Herrschaft des Pöbels beziehungsweise der Tyrannis. Demokratie galt vielen der Gründerväter als Gefahr, weil sie leicht in eine Herrschaft wechselnder Mehrheiten, Demagogie und Parteienstreit umschlagen konnte.
George Washington warnte deshalb in seiner Abschiedsrede von 1796 eindringlich vor der zerstörerischen Wirkung politischer Parteien. Fraktionen könnten die Republik spalten und letztlich den Weg in den Despotismus ebnen. Die amerikanische Verfassung wurde daher bewusst so gestaltet, dass unmittelbare Mehrheitsentscheidungen gebremst und politische Macht verteilt wurde. Später entwickelten sich daraus die „Checks and Balances“, bis heute ein zentrales Element des amerikanischen politischen Systems.
Wer galt überhaupt als „Mensch“?
Der universal klingende Satz der Unabhängigkeitserklärung, alle Menschen seien gleich geschaffen, war von Anfang an nur eingeschränkt gemeint. Tatsächlich bezog sich das politische Menschenbild der Gründergeneration vor allem auf weiße, protestantische, besitzende Männer angelsächsischer Herkunft, die sogenannten WASPs, die nach wie vor überwiegend die Elite des Landes bilden. Frauen, Schwarze, Indianer sowie wirtschaftlich abhängige Menschen blieben von politischen Rechten ausgeschlossen. Die Geschichte der USA ist deshalb zugleich die Geschichte einer fortwährenden Auseinandersetzung darüber, wer überhaupt zur politischen Gemeinschaft gehört. Diese Debatte ist bis heute offen und wird vom amtierenden Präsidenten mit seiner MAGA-Bewegung befeuert.
Demokratisierung der Republik
Erst nach der Revolution gegen die Briten begann der eigentliche Demokratisierungsprozess. Der Historiker Gordon S. Wood beschreibt die amerikanische Geschichte als schrittweise Verwirklichung der egalitären Ideen der Revolution. Im frühen 19. Jahrhundert entstand mit der Jackson-Ära, auf die sich Trump gerne beruft, eine neue politische Kultur. Der „common man“ rückte in den Mittelpunkt: Politiker warben direkt um Wähler, gesellschaftliche Reformbewegungen entstanden, und immer mehr öffentliche Ämter wurden durch Wahlen vergeben, wie etwa Richterposten oder das Amt des Sheriffs. Zugleich lockerte sich die Bindung des Wahlrechts an den Grundbesitz. Dadurch öffnete sich das politische System zunehmend für breitere Bevölkerungsschichten. Diese Demokratisierung war jedoch keineswegs geradlinig. Trotz wachsender politischer Beteiligung blieben Frauen, Schwarze und andere Gruppen weiterhin ausgeschlossen.
Nach dem Bürgerkrieg wurde zwar die Sklaverei abgeschafft. Jedoch ersetzte das rassistische Jim-Crow-System, benannt nach einer erfundenen stereotypen Figur des „animalischen“ Schwarzen, vielerorts das Sklavenhalter-System durch gesetzlich verankerte Diskriminierung. Erst die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre erreichte mit dem Civil Rights Act und dem Voting Rights Act die rechtliche Gleichstellung der Afroamerikaner. Auch im „Mutterland der Demokratie“ war und ist die Demokratisierung kein natürlicher, kontinuierlicher Fortschritt, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Konflikte. Jede Erweiterung politischer Rechte musste gegen bestehende Machtverhältnisse erkämpft werden.
Beste Demokratie der Welt?
Trotz der Ausweitung demokratischer Rechte enthält die amerikanische Verfassung bis heute institutionelle Elemente, die Mehrheiten nicht unmittelbar abbilden. Besonders deutlich wird dies im Senat, in dem bevölkerungsarme Bundesstaaten genauso viele Senatoren entsenden wie bevölkerungsreiche. Dadurch erhalten kleine Staaten ein überproportionales politisches Gewicht.
Hinzu kommt das Electoral College bei Präsidentschaftswahlen. Präsident wird nicht zwingend der Kandidat mit den meisten Stimmen landesweit, dem Popular Vote, sondern derjenige, der die Mehrheit der Wahlmänner gewinnt. Mehrfach in der amerikanischen Geschichte, zuletzt im 21. Jahrhundert, führte dies dazu, dass ein Präsident ohne Mehrheit der Wählerstimmen gewählt wurde, wie beispielsweise George W. Bush bei seiner ersten Wahl. Diese Mechanismen entsprachen ursprünglich dem Misstrauen der Gründergeneration gegenüber unmittelbarer Mehrheitsdemokratie, erzeugen heute jedoch erhebliche Legitimationsprobleme.
Gegenwärtig verschärfen sich diese institutionellen Schwächen durch eine zunehmend polarisierte Parteienlandschaft. Die Verfassung war ursprünglich nicht für ein stabiles Zweiparteiensystem konzipiert. Heute nutzen die Parteien jedoch die institutionellen Besonderheiten strategisch aus. Innerhalb der Parteien setzen sich häufiger ideologisch zugespitzte Kandidaten durch, während moderatere Stimmen an Einfluss verlieren. Die politische Konkurrenz wird dadurch immer weniger als demokratischer Wettbewerb verstanden, sondern zunehmend als existenzieller Konflikt wahrgenommen. Nicht allein „America first“, sondern MAGA first oder Democrats first. Donald Trump greift diese Dynamiken instinktiv auf und verweist dabei unter anderem auf George Washingtons Warnung vor dem „Parteigeist“, der das Land spaltet.
Die Vereinigten Staaten sind nie als voll entwickelte Demokratie gegründet worden. Sie entstanden als Republik gegen die britische Monarchie, also den Tyrannen, mit bewusst eingebauten Sicherungen gegen unmittelbare Volksherrschaft, die den frühen US-Eliten als Schreckbild erschien. Erst die folgenden zweieinhalb Jahrhunderte brachten eine schrittweise Demokratisierung, getragen von sozialen Bewegungen und politischen Kämpfen. Dieser Prozess ist jedoch unvollendet. Institutionelle Besonderheiten der Verfassung, das Wahlsystem und die starke parteipolitische Polarisierung erzeugen heute neue Demokratiemängel. Die amerikanische Geschichte nach 250 Jahren ist daher weniger die Erzählung von einem abgeschlossenen demokratischen Erfolg als vielmehr ein fortdauernder Konflikt darüber, wie Demokratie organisiert werden soll und wer tatsächlich gleichberechtigt an ihr teilhaben darf.
Tragischer Ausgang des Bürgerkriegs?
Niemand verkörpert diesen Konflikt stärker als der Instinktpolitiker Donald Trump. Ist das tragisch für das Land? Und tragisch für die Welt? Tragisch war etwas anderes. Als Hegemon, der durch den Aufstieg Chinas unter Druck geraten ist, verteidigen die USA seit 1945 unter allen Regierungen, ihre ökonomische und politische Vorherrschaft verbissen. Dafür sind ihnen bevorzugt militärische Mittel recht. Seit dem amerikanischen Bürgerkrieg ist fast kein Jahr vergangen, in dem die USA nicht direkt oder indirekt in militärische Konflikte verwickelt waren. Das hängt eng mit den ungelösten innenpolitischen Spannungen zusammen, die auf den Bürgerkrieg zurückgehen.
Kontrafaktische Geschichte ist zwar immer nur ein Gedankenspiel, beim Jubiläumsland USA jedoch umso spannender. Wäre der Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 anders ausgegangen, etwa mit einem Patt oder einem Sieg der Südstaaten über die Yankees im Norden, dann wäre die Sezession erfolgreich gewesen. Es wäre sehr wahrscheinlich nicht zu einer Weltmacht USA gekommen und auch nicht zu der von ihr nach 1945 in die Welt getragenen Pax Americana, die doch immer in erster Linie den Vereinigten Staaten Vorteile bringen sollte.
„Make America Great Again“ ist keine Erfindung Donald Trumps. Es ist der Leitgedanke der USA von Anfang an. Amerikas Zenit ist dennoch überschritten – auch der 47. Präsident kann die Zeit nicht zurückdrehen. Am 250. Geburtstag der Unabhängigkeit steht die Erkenntnis, dass der Abstieg längst im Gange ist.

Am 250. Geburtstag der Unabhängigkeit steht die Erkenntnis, dass der Abstieg längst im Gange ist. Ja so sehen dies einige… jedoch vermute ich, dass dies falsch ist, weil in Wahrheit sich die Weltordnung verändert. Es entwickelt sich eine multipolare Welt und die USA stecken ihren Einfluss darin ab. Die Veränderung wird darin bestehen, dass das 21. Jahrhundert nicht mehr von einer einzigen Supermacht geprägt wird, sondern von mehreren großen Machtzentren. Die USA wären dann nicht „abgestiegen“, sondern eine dominante Macht ( die beiden Amerikas und Grönland) unter mehreren, statt die nahezu unangefochtene Führungsmacht wie in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren.… Read more »
Einer von vielen „Dead man walking“. Die Einsicht steht wie ueblich noch aus.
Franzesca Albanese in ihrem Buch „Wenn die Welt schlaeft“ ueber die Kriegsverbrechen Israels und deren Unterstuetzung durch westliche Konzerne… sie benutzt dieselbe Formulierung… „Dead man walking“, seelenlose Gestalten deren einziges Motiv der Profit ist.
Den link spare ich mir denn wenn es ans Eingemachte geht wird zensiert. Nur noch eins…scheint’s braucht es Figuren die aus der Tradition des Katholizismus kommen, wie Italien, Spanien… nicht des Protestantismus… und die die Welt noch aus dem Blickwinkel christlicher Moral sehen, unabhaengig von institutionalisierter Religion.
Man kann sich immer selbst feiern, was aber nichts an den realen Verhaeltnissen aendert. Auch die Politiker der EU verleihen sich gegenseitig Karlspreise, Putin feiert den heroischen vaterlaendischen Sieg ueber Nazideutschland …
Drei Verlierer … sie dominieren die Aufmerksamkeit und der Gewinner ist …