Björn Höcke auf den Spuren der SED

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Typewriter / nano-banana-2026-03-04T08-21-24
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Was ist deutsch? Und wer ist deutsch? Mit seinen Antworten auf diese Fragen hat der Thüringer AfD-Chef mal wieder Schlagzeilen gemacht.

Der AfD-Politiker Björn Höcke sei ein deutscher Nationalromantiker, so hat Alexander Gauland den Thüringer einst wegen seiner zugespitzten Aussagen zum “Deutschnationalen” verteidigt. Aber Höcke wäre nicht Höcke, wenn es nicht noch einen Zacken schärfer ginge.

Nationale Verspannungen

Es gibt Sätze, die in Berlin, Hamburg oder Köln Stirnrunzeln auslösen und in Erfurt, Gera oder Pirna zustimmendes Nicken hervorrufen. Als Björn Höcke jüngst erklärte, im Westen lebten „deutsch sprechende Amerikaner“, während im Osten „deutsch sprechende Deutsche“ wohnten, wurde die Aussage sofort als Beleg für eine angeblich völkische Weltsicht gewertet. Dabei lohnt es sich, den Satz zunächst als Diagnose zu lesen, bevor man ihn verurteilt. Denn unabhängig davon, ob man Höckes Wortwahl teilt, verweist sie auf eine reale Erfahrung: Deutschland ist kulturell, politisch und mental keineswegs so homogen, wie es auf dem Papier erscheint. Und das Land war es auch nie.

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Einheit unterscheiden sich die politischen Vorlieben zwischen Ost und West erheblich. Während große Teile Westdeutschlands die gesellschaftlichen Umbrüche der letzten Jahrzehnte als Ausdruck von Modernisierung verstehen, betrachten viele Ostdeutsche dieselben Entwicklungen mit Skepsis. Diese Differenz lässt sich nicht allein mit wirtschaftlichen Faktoren erklären. Die DDR verschwand 1990 von der Landkarte. Die Menschen, die in ihr aufgewachsen waren, fanden sich in einem neuen Gesellschaft wieder. Die Folgen waren ihnen damals nicht klar.

Deutsch-Ost schüttelt sich

Viele Ostdeutsche haben die Wiedervereinigung als Erfolg erlebt. Zugleich entstand bei nicht wenigen das Gefühl, dass ihre eigene Lebensgeschichte nach 1990 vor allem als Defizitgeschichte erzählt wurde. Die Institutionen, die Eliten, die Medien und die kulturellen Leitbilder kamen überwiegend aus dem Westen. Wer dazugehören wollte, hatte sich anzupassen. In diesem Kontext ist die Rede von einer „Ersatzidentität“, die Höcke verwendet, nicht bloß eine Provokation. Sie beschreibt die Wahrnehmung vieler Menschen, dass nationale, regionale oder kulturelle Bindungen zunehmend durch globale und transnationale Selbstverständnisse ersetzt wurden.

Man muss diese Sicht nicht teilen. Aber man sollte verstehen, warum sie Resonanz findet. Der eigentliche Konflikt verläuft heute nicht zwischen Ost und West. Er verläuft zwischen zwei Vorstellungen davon, was Deutschland sein soll. Auf der einen Seite steht ein Verständnis, das die (alte) Bundesrepublik vor allem als liberales Projekt begreift: als Verfassungsstaat, eingebunden in Europa und den Westen, offen für Migration und kulturelle Vielfalt. Auf der anderen Seite steht die Auffassung, dass Nation mehr ist als eine Rechtsordnung und dass kulturelle Kontinuität, historische Traditionen und kollektive Identität nicht beliebig austauschbar sind.

Die politische Klasse reagiert auf diese zweite Position häufig mit moralischer Abwehr. Wer auf kulturelle Verluste hinweist, wird schnell in die Nähe des Nationalismus oder Schlimmeres gerückt. Doch damit beantwortet man die Frage nicht, die viele (Ost-) Bürger bewegt. Was bleibt von einer Nation, wenn ihre Geschichte zwar museal gepflegt, aber politisch entwertet wird?

Ami go home?

Deutschland verdankt seinen Erfolg nicht nur seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Es verdankt ihn auch einem kulturellen Fundament, das über Generationen gewachsen ist: Sprache, Bildungstraditionen, Vereinswesen, föderale Vielfalt, regionale Identitäten und ein historisches Bewusstsein, das weit älter ist als die Bundesrepublik. Und schon immer vielfältig ist.

Die Nachkriegsordnung hat (West-) Deutschland Frieden, Freiheit und Wohlstand gebracht. Darüber besteht kaum Streit. Die Frage lautet vielmehr, ob die Bindung an den Westen zwangsläufig bedeutet, die eigene nationale Identität aufzulösen. Konrad Adenauer hätte diese Frage vermutlich verneint. Seine Westbindung war kein Projekt kultureller Selbstaufgabe, sondern ein Versuch, deutsche Interessen unter den Bedingungen der Nachkriegszeit zu sichern. Auch Willy Brandts Ostpolitik war keine Absage an Deutschland, sondern der Versuch, nationale Interessen durch Verständigung zu verfolgen. Gerade deshalb wirkt die heutige Debatte oft merkwürdig verengt. Wer nationale Identität betont, gilt rasch als verdächtig. Wer sie relativiert, gilt als aufgeklärt.

(Ost-) deutsche Fieberträume

Doch politische Gemeinschaften leben nicht allein von Gesetzen und Institutionen. Sie leben auch von gemeinsamen Erinnerungen, Symbolen und Erzählungen. Ohne sie wird Demokratie zu einem Verwaltungsakt. Das für die alte Bundesrepublik vom Heidelberger Staatsrechtler Dolf Sternberger postulierte Gebot eines Verfassungspatriotismus hat nie richtig funktioniert. Retrospektiv lässt es sich als bemühter Versuch deuten, den Westdeutschen nationale Gedanken auszutreiben und das Grundgesetz als Ersatz anzunehmen.

Bei den Ostdeutschen hat dieses Angebot nie richtig verfangen, und wir kommen zum Kern des ostdeutschen Widerstands. Viele Menschen dort haben den Eindruck, dass ihre Erfahrungen, ihre kulturellen Prägungen und ihre Vorstellungen von Heimat im öffentlichen Diskurs nur noch als Problem vorkommen. Die Zustimmung für die AfD speist sich deshalb nicht allein aus Protest gegen Migration oder wirtschaftliche Sorgen. Sie speist sich aus dem Wunsch nach Anerkennung einer Identität, die viele verloren glauben. Ob der im westfälischen Lünen geborene Höcke dafür die richtigen Antworten hat, ist eine andere Frage.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die nationale Identitätsfrage weder den Nostalgikern noch ihren Verächtern zu überlassen. Deutschland muss nicht zwischen Weltoffenheit und kultureller Selbstbehauptung wählen. Es braucht beides. Wer den Osten verstehen will, sollte deshalb weniger über Höcke sprechen und mehr über die Ursachen seines Erfolgs. Denn die politische Sprengkraft liegt nicht in seinen Formulierungen, sondern in den Erfahrungen und Gefühlen, auf die sie treffen.

Höcke folgt der Linie der SED: Jenseits der Mauer war “amerikanische Plastikkultur”. Dieseits der Mauer bewahrte der Sozialismus die “wahre deutsche Kultur”. Das war bis zum Ende der DDR das kulturpolitische Leitbild. Der Thüringer AfD-Chef setzt mit seiner Identitätspolitik den deutschnationalen Kurs der DDR-Genossen fort und erweitert ihn um die Systemfrage. Und genau deshalb ist die (ost-) deutsche Frage noch lange nicht beantwortet.

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14 Kommentare
dragaoNordestino
29 Tage her

Das Zurückbleiben des Ostens bei Löhnen, Vermögen und Infrastruktur ist kein gefühltes, sondern ein statistisch bewiesenes Faktum.

Insofern spricht Höcke reale Missstände an – die wirtschaftliche Benachteiligung, den Verlust von Infrastruktur und das Gefühl vieler Ostdeutscher, Bürger zweiter Klasse zu sein.

Aus dieser Sicht ist es die Aufgabe eines Oppositionspolitikers, diese Wunden zu benennen. Die heftige Kritik der anderen Parteien und Medien kann man nur als ideologische Schaumschlägerei bezeichnen die verdecken soll, dass die realen Probleme des Ostens in den letzten 35 Jahren nicht gelöst wurden.

Last edited 29 Tage her by dragaoNordestino
fufu
fufu
Reply to  dragaoNordestino
29 Tage her

Die Ossis wollten doch der BRD beitreten, insofern sollten sie aufhoeren zu jammern. Sie wussten es doch, die Propaganda der DDR-Fuehrung hat ihnen doch beschrieben wie der Westen funktioniert.

dragaoNordestino
Reply to  fufu
29 Tage her

Als Gejammer würde ich die Rede Höckes nicht bezeichnen…. eher als Feststellung. … und ja, die ideologische Schaumschlägerei, die jedes Wort das von den Nationalsozialisten gebraucht wurde, als nicht erwünscht erklärt, ist doch tatsächlich hirnrissig…

dem orwelschen Neusprech heutiger Politdarsteller kann ein halbwegs intelligenter Mensch nun wirklich nichts abgewinnen..

Last edited 29 Tage her by dragaoNordestino
fufu
fufu
29 Tage her

Hoecke muesste einsehen, dass Deutschland vor 90 Jahren und Westdeutschland und dann das vereinigte Deutschland fuer Resteuropa im Rahmen der EWG und dann der EU nichts anderes war als die Amerikaner gegenueber Deutschland, Europa und der Welt von heute. Ein Zerstoerer der Kulturen. Die heute begruendete Antipathie gegen Amis sieht Hoecke, die ebenfalls begruendete Antipathe Resteuropas gegen Deutschland nicht.

Insofern sollte man einen der tumben Nationalismus im Interesse des Systems verbreitet nicht hochschreiben.

Nathan
Nathan
Reply to  fufu
27 Tage her

Zitat: „begründete Antipathie Resteuropas gegen Deutschland“? Den Deutschenhaß gab es ja schon zu Kaiser Wilhelm’s Zeiten. Die Kleinstaaterei Deutschlands war den Großmächten jahrhundertelang recht: ließen die sich doch gut beherrschen. Aber allein die Existenz eines nun geeinigten starken Reiches machte diese dagegen minderwertig, denn wir waren nun der Zeit voraus. Das hat nichts mit verhaßtem „Deutschtum“ zu tun, sondern ein Komplex der alten Großmächte nun gegen uns. Das ist so und das wird auch so bleiben. Da hilft noch so häufiges Sich-Verbiegen, Selbstverachtung und Unterwerfung nichts – um so mehr wird auf uns herumgetrampelt. Da hilft nur „Aufrecht gehn“, denn… Read more »

fufu
fufu
29 Tage her

Im Zusammenhang wuerde ich Steeck von vor Jahren zitieren.

„Es gibt Anzeichen dafür, dass die Vereinigten Staaten auf einen zweiten, alternativen Ansatz zusteuern um den westlichen Stellvertreterkrieg der Ukraine gegen Russland zu führen, den wir die Europäisierung und in der Tat die Germanisierung des Krieges nennen können“.

Der Billionaersdarsteller (frei nach dragao) Musk hat die Hintergedanken in seiner Daemlichkeit schon gegen Weidel angedeutet… „die Germanen waren gute Kaempfer..“

Man moege verstehen weshalb solche Figuren wie Hoecke ans Licht gezerrt werden.

dragaoNordestino
Reply to  fufu
29 Tage her

ja richtig…. : Steek untersucht die Hypothese, dass Deutschlands Remilitarisierung und seine wachsende Rolle im Krieg den Auftakt zu einer „Germanisierung“ des Konflikts bilden könnten, wobei die Hegemonialmacht in Europa die Unterstützung der Ukraine von den Vereinigten Staaten übernimmt und somit die Rolle eines „politischen und militärischen Subunternehmers“ einnimmt.

Genau was wir heute sehen. In soweit stimmt ja dann die Aussage Höckes über die Amerikanisierung vor allem Westdeutschlands

fufu
fufu
28 Tage her

Dieser Artikel ist gefaehrlicher Schmarrn. Die SED-Fuehrung sieht die DDR als Bewahrer der deutschen Kultur ? Der Nazi-Faschismus war also ein Fliegenschiss der Weltgeschichte, Nazis gab es in ihrem Terrain nicht ? Die Juden, wesentliche Traeger der deutschen Kultur hat man nicht enteignet, vertrieben oder ermordet, zumindest auf ihrem Terrain nicht ? Und heute in der Ex-DDR, der Enklave der deutschen Kultur… Neonazis die Jagd auf Auslaender machen gibt es auch nicht…

dragaoNordestino
Reply to  fufu
28 Tage her

schade… Sie verdrehen so ziemlich alles, was möglich ist zu verdrehen….

fufu
fufu
Reply to  dragaoNordestino
27 Tage her

Dann ist ja alles ins rechte Licht gerueckt. Falls es einer immer noch nicht versteht… der Nazi-Faschismus lebt…

dragaoNordestino
Reply to  fufu
27 Tage her

natürlich..ist ja auch völlig normal… aber eben nicht wie Sie beschreiben in Ostdeutschland oder der rechten, finanzkapitalistischen AFD…

wenn Sie allerdings in die Ukraine schauen, da finden Sie noch echte „Bandeira da Ucrânia“ Art-Genossen und Ähnliches…

Last edited 27 Tage her by dragaoNordestino
fufu
fufu
Reply to  dragaoNordestino
27 Tage her

Ich muesste ihnen mit einem Spruch der geschaetzten Ossis antworten „Nachtigall ick hoer dir trapsen „… was wollte Musk Weidel gegenueber sagen oder bezwecken mit „die Germanen waren gute Kaempfer“ ? Und nochmal… der echte Nazifaschismus ist heute woanders, nicht in der Ex-DDR, nicht in Deutschland. Vielleicht bedauert das einer weil der Ukraine die Kaempfer ausgehen ? Hab ich die AfD ueberhaupt oder insgesamt genannt …? vielleicht gewisse Stroemungen… vielleicht U-Boote… hat man einen Hoecke in der Partei um gewisse Stimmen einzufangen oder steckt mehr dahinter ? wie relevant sind diese Stroemungen und welche Ziele verfolgt man eventuell mit diesen… Read more »

Nathan
Nathan
Reply to  fufu
27 Tage her

Ihre Phantome bereiten nur Ihnen Schmerzen. Haben Sie die damalige Zeit mal aus der damaligen Sicht (= Freude und endlich Selbstbewusstsein) betrachtet und nicht hirngewaschen? Die Identitären leben, weil sie bitter nötig sind! Im Osten fühlt man eben Identität. Im Westen nur Ami-shithole. Etwa stolz darauf? Für das Shit-hole etwa kämpfen und verteidigen?

fufu
fufu
Reply to  Nathan
26 Tage her

Kommen Sie doch runter. Ihre Traeumereien verstellen ihnen die Sicht fuer die Realitaet.

Die AfD ist eine Systempartei und steht fuer NATO und Aufruestung. Der Rest ist blabla.

Wie das letzte mal werden die notorisch dummen Deutschen fuer das shit-hole kaempfen. Sie haben ja damals auch nicht verstanden wofuer sie kaempfen… und scheints immer noch nicht… also. Die Ossis wollten in die BRD… also.

Die deutsche Frage hat sich dann wohl entgueltig erledigt. Sie interessiert ja schon heute keinen mehr… ach, bald ist Fussball, ist Deutschland dabei ?… keine Ahnung.