Charles III. und die politischen Leiden Großbritanniens

BOULEVARD ROYAL

Koenig Charles III. / Foto: Steven West Koenig Charles III. / Foto: Steven West

Großbritanniens Zustand gleicht dem eines Schwindsüchtigen. Wie gut, dass es den König, Rishi Sunak und Keir Stamer gibt. Aber da ist noch ein Heilsbringer.

Die Geburtstagsparade für den Monarchen ist einer der Höhepunkte im sommerlichen London. Zu Trooping the Colour eingeladen zu sein, ist eine große Ehre, vor allem für die politische Elite. Dieses Jahr richteten sich alle Augen auf den rekonvaleszenten Charles III., dessen Krebsbehandlung laut offizieller Angaben gute Fortschritte mache. Anders als im Vorjahr nahm er die Parade nicht hoch zu Ross, sondern schonend auf einem Podium am Paradeplatz ab.

Für die britische Presse ist das farbenprächtige Spektakel ein Seismograf wie es um den Zustand der Monarchie und der Politik steht. Hoch erfreut zeigten sich die Kommentatoren, dass die ebenfalls krebskranke Princess of Wales mit ihren Kindern an dem Ereignis teilnahm. Gorgeous und terrific – großartig und wunderbar – waren die beliebtesten Beschreibungen in den Medien für die Wiederauferstehung von Kate. Die Windsors bieten dem verunsicherten Volk wieder vereint, was ihre Aufgabe ist: Identität sowie Pomp and Circumstances. Und mittendrin winken und lächeln die beiden Rivalen für die Parlamentswahl Anfang Juli: Premierminister Rishi Sunak von den Tories und Labour-Chef Keir Stamer.

Wolkenbruch und Abneigungen

Als Sunak überraschend Neuwahlen ankündigte, goss es wie aus Kübeln, was böse Zungen als schlechtes Omen werteten. Traditionell tritt der Premier bei wichtigen Ereignissen vor seinem Sitz in Downing Street No. 10 an die Presse. So auch an diesem Tag, als der Himmel seine Schleusen öffnete und Sunak ohne Regenschirm stoisch den Medienmachern den Wahltermin verkündete. Pitschnass und ohne Fragen zu beantworten, verschwand er wieder hinter die Türen seines Amtssitzes. Als begossener Pudel gilt der Konservative seit längerem durch Haushaltsdefizite, eine keuchende Wirtschaft, das marode öffentliche Gesundheitssystem und nicht zuletzt wegen der Migrationskrise.

Vollmundig erklärte Sunak das Abkommen mit Ruanda zur Lösung des weltumspannenden Problems. Bei genauerem Hinsehen passiert bisher: nichts! Der ostafrikanische Staat gilt als vergleichsweise stabil und soll abgelehnte Asylbewerber aus Großbritannien gegen Gebühren aus London aufnehmen. Bisher ist kein Flug mit Migranten in Kigali eingetroffen, und die Unzufriedenheit darüber durchzieht Sunaks Tories wie einen Großteil der Bevölkerung.

Dass König Charles hinter vorgehaltener Hand von diesem Abkommen nichts hält, das er aber als Staatsoberhaupt unterzeichnen musste, ist in die Öffentlichkeit durchgedrungen. Seine Kritiker sehen sich bestätigt, dass der Monarch hinter den Kulissen politisch agiert und seine öko-humanitäre Agenda durchsetzen will. Gegenüber Sunaks kurzzeitiger Vorgängerin Liz Truss hat Charles ganz unverhohlen seine Abneigung gezeigt und sie bei einer Audienz ganz unroyal mit „Back again? Dear, oh dear“ abgekanzelt. Anders als seine betont apolitische Mutter Elizabeth II. sucht er sich Verbündete im politischen London.

Werber versus Langweiler

In Sunak und den Konservativen findet er sie nicht. Was ist mit dem Chef seiner „most loyal opposition“? Oppositionsführer Keir Stamer gilt Beobachtern und nach Umfragen als glanzloser Langweiler: Er habe kein Charisma, er habe keine Visionen für eine Erneuerung des Landes. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für einen Wahlsieg seiner Labour Party. Doch so ziemlich jeder geht von einem Sieg aus, mache sogar von einem erdrutschartigen. Die letzten Kommunalwahlen deuten bereits darauf hin. Die Torys wurden abgestraft, sie verloren traditionell konservative Wahlkreise an die Arbeiterpartei und taumeln dem Abgrund entgegen.

Der smarte Mr. Sunak, indischstämmig und gläubiger Hindu, wirkt wie ein geschliffener Werbemanager, der auch den schlimmsten Schrott noch als hochwerte Ware verkauft. In wirtschaftlich guten Zeiten würde dieser Politikstil funktionieren, doch die Briten sind die hübschen Verpackungen leid. Sie wollen wieder Inhalte, und zwar mehr im Portemonnaie, bezahlbare Wohnungen und eine gute Gesundheitsversorgung.

Sunak ist vom Typus vergleichbar mit Macron, die beide vor der Politik in der Finanzbranche gearbeitet haben. Sunak ist damit reich geworden und soll ein geschätztes Vermögen von 730 Millionen Pfund besitzen. Damit spielt er in der Liga seines Chefs, des Königs.

Über Keir Stamer gibt es vergleichbare ökonomische Superlative nicht zu berichten. Er stammt aus einer klassischen Arbeiterfamilie, die ihren Sohn nach dem ersten Vorsitzenden von Labour, Keir Hardie, benannte. Sozialdemokratisches Erbgut ist dem Herausforderer Sunaks also mitgegeben. Was zeichnet ihn noch aus?

Anders als der Tory hat sich Stamer für die Staatslaufbahn entschieden, die zwar nicht reich macht, aber einflussreich. Stamer hat es als Spitzenjurist bis zum Kronanwalt gebracht, nach deutschem Verständnis vergleichbar mit dem Generalbundesanwalt. Dafür wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen, eine Ehre, die mit dieser Position automatisch verknüpft ist. Damit ist er der erste Anwärter auf den Posten des Premiers, der bereits vor einer Amtszeit als Sir auftreten kann. Doch Stamer gilt als wenig eitel, bescheiden in der Lebensführung und anders als Sunak oder Boris Johnson keiner Geld- oder Adelselite angehörig. Läuft also alles auf den Labour-Vorsitzenden zu?

Ausgeblutete Polit-Kaste

Selbst konservative Journalisten sehen die Tories nach 14 Jahren am Ruder als ausgebrannt. Nach der Schlacht um den Brexit, die mehrere Tory-Premiers zerschliss, muss Sunak sich mit dem Scherbenhaufen plagen. Es ist inzwischen klar, dass dieser nicht vom aktuellen Premier weggeräumt wird. Bei Umfragen meinen viele Briten, dass nun Stamer diese Arbeit erledigen müsse, aber sie klingen dabei nicht sonderlich begeistert. Viele sind mit der politischen Klasse nicht nur unzufrieden, sondern regelrecht fertig. Zeit für eine neue Partei oder Bewegung?

Diesen Anspruch erhebt ein altbekanntes Gesicht der britischen Politik: Neigel Farage, Mr. Brexit höchstpersönlich. Mit seiner Brexit-Partei, die inzwischen Reform UK heißt, tritt er bei den Unterhauswahlen als Spitzenkandidat an. Der schillernde Politiker, der bei früheren Auftritten gerne lachend meinte, er wisse, wie perfide die Deutschen sein können und damit auf seine damalige deutsche Frau anspielte, kann das Zünglein an der Waage sein.

Erste unzufriedene Konservative sind medienwirksam zu ihm übergelaufen, wie der ehemalige Co-Vorsitzende der Tories, Lee Anderson. Auch in den nationalen Umfragen liegt Farages Partei mal auf Platz zwei, mal auf drei. Er geistert wieder als Faktor durch die britische Politik und nimmt den Tories empfindlich Stimmen weg. Gefallen dürfte das Farage, der ein begnadeter Populist und Spieler ist und darin Boris Johnson sehr ähnlich. Perfide argumentiert der oberste Brexiteer, wenn es um die Folgen des Ausstiegs aus der EU geht. So wirft er den Tories vor, völlig zu versagen: „Wir haben den Schutz der Grenzen nicht hingekriegt, wir haben Brexit nicht hingekriegt, die Tories haben uns arg im Stich gelassen.“ Ob die Briten seinen Vorwürfen glauben und vor allem, würde er es besser machen?

Es zählt die Tradition

Am 4. Juli fallen die Würfel, die sehr wahrscheinlich Charles III. einen neuen Premier bescheren dürften. Das Ritual, das der Monarch den Sieger der Wahl mit der Regierungsbildung beauftragt, indem jener kniefällig um Erlaubnis bittet, wird sich auch bei Keir Stamer vollziehen. Elizabeth II. soll mit den Labour-Chefs besser zurechtgekommen sein, als mit den Konservativen. Sehr wahrscheinlich kommt Nigel Farage in einer künftigen Regierung erneut nicht zum Zuge, um seine Managerqualitäten zu beweisen. Weder die Tories noch Labour wollen mit dem schwer berechenbaren Schaumschläger koalieren. Und sehr Wahrscheinlich ist beim erwarteten Erdrutschsieg von Labour keine Koalition nötig. Charles III. muss dann nicht beim Anblick eines Minister Farage ausrufen: „Back again? Dear oh dear“.

Wenn alles scheitert im Vereinigten Königreich, dann ist eines zumindest sicher: Es paradieren auch im nächsten Jahr die königlichen Garden zu Trooping the Colour.

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Kane
Kane
25 Tage her

da fallen Parallelen zu Deutschland auf. Reform UK und deren Anspruch ähneln dem der AfD, die sich aus Konservativen etablierte Alternative anbietet und ebenfalls zweit- oder drittstärkste Kraft werden kann. In Europa bewegt sich etwas und ich denke das ist nach 14 Jahren Tories und 16 Jahren Merkel auch dringend nötig!

Nathan
Nathan
23 Tage her

Schwacher Artikel in Feuilleton-Manier = überheblich und nur lächerlich machend. Sagt nichts darüber aus, was die Kandidaten wollen.

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