Das Gute muss immer wieder neu errungen werden

Volk / Quelle: Pixabay, lizenezfrei Bilder, open library: https://pixabay.com/de/menschen-publikum-masse-volk-334110/ Volk / Quelle: Pixabay, lizenezfrei Bilder, open library: https://pixabay.com/de/menschen-publikum-masse-volk-334110/
 

Das Böse ist allgegenwärtig. Ist es auch das Gute? Während das Böse ungerufen an uns herandringt, muss das Gute aber immer wieder errungen werden.

Das Böse ist allgegenwärtig. Ist es auch das Gute? Während das Böse in allerlei Gestalt ungerufen an uns herandringt, muss das Gute aber immer wieder errungen werden. Was Wilhelm Busch in das Bild brachte: „Gute Tiere muss man züchten, muss man kaufen, doch die Ratten und die Mäuse kommen ganz von selbst gelaufen.“ Haben wir es nur mit bösen Gedanken, Gefühlen und Willensimpulsen der Menschen zu tun, oder auch mit unbemerkt dahinter stehenden mächtigen geistigen Wesenheiten?

Ursprung der Angst

In der gegenwärtigen Corona-Krise hat in der Gesellschaft eine seelische Erscheinung ganz besonders bedrohliche Dimensionen angenommen: die Angst. Woher kommt die Angst, also die Angst als solche, unabhängig davon, wodurch sie ausgelöst wird. Angst ist nicht etwas, das der Mensch selbst erfinden könnte. Sie dringt in ihn ein. Er bildet sie nicht, er erleidet sie und kann in ihrer panischen Steigerung gar von ihr völlig überwältigt werden. Sie muss also irgendwo außerhalb des Menschen ihren Ursprung haben.

Das Wort Angst hat sich aus indogermanisch anghu „beengend“ über althochdeutsch angust entwickelt. Er ist verwandt mit lateinisch angustus bzw. angustia für „Enge, Beengung, Bedrängnis“ (siehe auch Angina) und angor „Würgen“ (s. Wikipedia).

In der urpersischen Überlieferung wird dem Lichtgott Ahura Mazdao der Geist der Finsternis Angra Mainyu feindlich gegenübergestellt. Wir sehen, dass der erste Teil des Namens Angra an die indogermanischen Wörter für Angst anklingt. In der Avesta, einer Textsammlung der von Zarathustra gestifteten Religion des Zoroastrismus, wird er auch als der „Angst verursachende Geist“ bezeichnet. Im Mittelpersischen erscheint der Name Angra Mainyu zu Ahriman zusammengezogen.

Die Angst, die unsere Brust zusammenpresst, eng macht, so dass der Lebensatem stockt und das Herz still zu stehen droht, ist eine reale, dem Menschen feindliche Kraft, die nicht aus dem Menschen selbst stammt, sondern von außen in ihn eindringt. Sie kann auch nicht irgendwie aus dem Nichts, sondern muss von einem entsprechenden mächtigeren Wesen kommen.

Ahriman, der dem biblischen Satan entspricht, ist allen Religionen und Weltanschauungen, die aus Einblicken von Eingeweihten in die übersinnliche, geistige Welt entstammen, genau bekannt – nur nicht dem modernen Materialismus, der auf einer Verengung der sinnlichen Wahrnehmung beruht, die er abergläubisch für das Ganze hält.

Ahriman, der Geist der Finsternis, ist der Ursprung aller zusammenziehenden, verengenden, erstarrenden Kräfte und damit der Kräfte des Todes. Daher wirkt er auch verengend in das menschliche Erkenntnisvermögen hinein, so dass der Einblick in die geistig-göttliche Welt, aus der alles Materielle hervorgeht, verdunkelt und die Wahrnehmung auf die äußere physische Welt reduziert wird. So ist er auch der große Geist des Irrtums, der Lüge und Täuschung und entzieht sich damit selbst der Wahrnehmbarkeit, so dass der Mensch seine Existenz genauso wie die aller anderen höheren geistig göttlichen Wesen, die nicht einen äußerlich sichtbaren physischen Leib annehmen, leicht bestreiten kann. Deshalb ließ Goethe in seinem Faust-Drama den Lügengeist, den er Mephistopheles nannte ((hebr. von mephiz = der Verderber und tophel = der Lügner), voller Spott und Hohn über die Menschen sagen: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie am Kragen hätte.“

Das zweifache Böse

 Angst und Furcht wirken lähmend auf die Seele des Menschen, auf sein Denken, Fühlen und Wollen, wie wir gegenwärtig in der Corona-Panik auch beobachten können. Er verhält sich vollkommen still in der bangen Hoffnung, dass bloß nicht eintritt, was zu befürchten ihm permanent vor Augen geführt wird, und lässt die umfassendsten obrigkeitsstaatlichen Einschränkungen seiner freiheitlichen Grundrechte klaglos über sich ergehen. Angst ist also immer mit Feigheit verbunden. Das besonnene Handeln, das Mut erfordert und kühn das Notwendige und Richtige tut, ist weitgehend ausgeschaltet.

Doch der extremen Verhaltensweise der Feigheit steht ein anderes seelisches Extrem gegenüber, das man als Tollkühnheit bezeichnen könnte. Hier gerät der Mensch in eine Art Rausch, in dem er alle vernünftigen Überlegungen hinter sich lässt, gleichsam ohne rechte Prüfung der Realität den Boden unter den Füßen verliert und sich blindwütig in den Kampf stürzt, ohne die Verhältnisse in realistischer Weise abzuschätzen.

Eine solche Tollkühnheit kommt ebenfalls nicht aus dem Menschen selbst, sondern ergreift und überwältigt ihn in heftiger emotionaler Aufwallung. Sie muss von einer anderen antimenschlichen Macht und Wesenheit stammen, die der ahrimanischen polar entgegengesetzt ist und in der religiösen Überlieferung als Luzifer bezeichnet wird. Luzifer, (lat.) der „Lichtträger“, ist der durch den Schein lockende und schmeichelnde Verführer, in der Bibel durch die sich windende Schlange symbolisiert. Im christlichen Sprachgebrauch wurde Luzifer gleichbedeutend mit dem Begriff des Teufels.

Der allgemeine Gegensatz von Gut und Böse muss also genauer differenziert werden in einen Gegensatz von zwei ganz polar zueinander stehenden Kräften des Bösen, zwischen denen das Gute in der Mitte steht. Schon der große griechische Philosoph Aristoteles hat in seiner „Nikomachischen Ethik“ aufgezeigt, dass die wahre Tugend immer als Mitte zwischen zwei Abirrungen und Einseitigkeiten hergestellt werden muss. Auf den griechischen Tempeln fand sich vielfach die Inschrift „metron ariston“ – das Maß ist das Beste, von dem man durch Untertreibung oder Übertreibung abweichen kann.

Alles menschliche Seelenleben verläuft in dieser Spannung. So liegt der richtige Umgang mit dem Geld in der Mitte zwischen dem Geiz auf der einen Seite und der Verschwendung auf der anderen. Die Ordnungsliebe bewegt sich zwischen Pedanterie und Chaos, die Tugend der Selbstbeherrschung zwischen Selbstverkrampfung und Zügellosigkeit. Das rechte Selbstbewusstsein hält die Mitte zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Überheblichkeit, zwischen Kleinmütigkeit und Hochmut.

Oft sprechen wir daher vom „goldenen Mittelweg“, der zwischen den Einseitigkeiten hindurchführt. Auch die körperliche Gesundheit liegt in der Mitte zwischen verhärtenden, (sklerotisierenden) und auflösenden (fiebrigen) Tendenzen des Leibes. Jede Erkrankung stellt daher in der einen oder anderen Richtung eine Abweichung vom gesunden Gleichgewicht der Kräfte dar. Überall wirken von zwei entgegengesetzten Richtungen starke Kräfte, die zur Einseitigkeit und damit zur Zerstörung führen. (Vgl. Hans-Werner Schröder: Der Mensch und das Böse, Stuttg. 1984, S. 23 f.)

Die Wirkungen Luzifers äußern sich also in einem Drang, uns über uns selbst hinauszuführen und illusionär zu erheben, den Boden unter den Füßen zu verlieren, das Irdische gering zu achten und zu fliehen. Ahriman dagegen wirkt in dem Drang, uns in uns selbst zu verhärten, sich in der Einseitigkeit des Irdischen zu verkrampfen und der Materie zu verfallen.

Zur Erkenntnis des Bösen

Es kann sich nicht darum handeln, die Kräfte des zweiseitigen Bösen zu fliehen, denn sie wirken in jedem Fall, und wir würden ihnen erst recht verfallen. Es kommt alles darauf an, sie detailliert zu durchschauen und in einen mittleren Zustand des Ausgleichs zu bringen, in dem ihre zerstörende Einseitigkeit aufgehoben und zum Guten gewendet ist. Das Durchschauen dieser Kräfte ist aber in ihrem vollen Ausmaß nur möglich, wenn sie als real wirkende übermenschliche Wesen erkannt und ernst genommen werden. Das aber setzt voraus, dass die heutige Reduktion der Erkenntnis auf die materielle Oberfläche des Daseins überwunden wird, hinter der diese Wesen natürlich händereibend verborgen sind. Denn sie können umso mächtiger wirken, je mehr sie unerkannt bleiben.

Wenn es böse Wesen gibt, muss es natürlich auch gute geistige Wesen geben. Das Böse ist ohne das Gute nicht möglich, von dem es sich eben als Böses unterscheidet. Und in unserem tiefsten Innern sind wir mit den guten Mächten als unseren Schöpfern auch verbunden. Denn wie sollten wir das Böse als Böses erkennen und vom Guten unterscheiden, wenn wir nicht den Maßstab des Guten in uns trügen. Goethe lässt im Prolog seines Faust-Dramas den Herrn zu Mephistopheles gewendet sprechen: „Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“

 Wenn wir uns der Einwirkung übermenschlicher Wesen auf uns bewusst sind, werden wir eine viel größere Aufmerksamkeit auf unseren Seeleninnenraum richten, welche Gefühle oder Gedanken dort aufsteigen und welcher Art sie sind. Wir können allmählich unterscheiden lernen, welche Gedanken wirklich unsere eigenen sind und welche uns auf einmal „ein-fallen“, und diese zu prüfen beginnen, wie sie geartet sind und ob sie etwa von einem ahrimanischen, einem luziferischen oder einem Wesen des Guten inspiriert wurden. Da eröffnet sich ein weites Feld seelischer Aufmerksamkeit auf sich selbst und das ganze soziale Leben der Menschen.

Die Verkörperung des absoluten Guten

 Die Geschichte und das soziale Leben der Menschen zeigen, dass es ihnen aus eigenen Kräften nicht möglich ist, den versucherischen und zerstörenden Kräften der übermenschlichen Wesen des Bösen voll zu widerstehen. Seit dem „Sündenfall“, der durch Luzifer hervorgerufenen allmählichen Sonderung von der geistig-göttlichen Welt, und dem damit verbundenen Abstieg durch die Inkarnationen in eine immer dichtere materielle Verkörperung, verbunden mit Krankheit und Tod, war der Mensch schließlich so stark den Kräften des Bösen verfallen, dass er sich nicht mehr hätte daraus befreien können.

Nach christlicher Auffassung verkörperte sich daher Christus – nach dem Johannes-Evangelium der Schöpfergott, aus dem alles entstanden ist – in einem menschlichen Leibe, um den Menschen aus der göttlichen Welt unmittelbar höchste Kräfte des Guten zu bringen, mit denen er, wenn er sie ergreift, die Kräfte des beidseitigen Bösen immer mehr beherrschen kann. Die Menschwerdung Christi ist die göttliche Antwort und der Anfang der Rückgängigmachung des luziferischen Sündenfalls. Der italienische Maler Fra Angelico hat diesen Zusammenhang in einem Bild der Verkündigung des Engels an Maria dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er links hinten die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies darstellt (s. hier).

Christus ist die Verkörperung des absoluten Guten selbst, des Lichtes, der Liebe, des Lebens und der Wahrheit. Davon kann sich jeder in den Evangelien ein Bild machen. Durch seine Inkarnation in Jesus von Nazareth reinigte er dessen seelisch-physisches Menschwesen von allen Einflüssen des Bösen, entzog den ersten physischen Leib eines Menschen den ahrimanischen Todeskräften und führte ihn zur Auferstehung, d.h. stellte ihn in seiner ursprünglichen Reinheit wieder her. Die ungeheure Bedeutung dieses Vorganges besteht darin, dass das volle Ich- und Welt-Bewusstseins unseres Geistes nur am Spiegel des physischen Leibes entstehen kann. Das merken wir jeden Morgen, wenn Seele und Geist aus dem Schlafe in das lebendige Leibesgefüge wieder eintauchen und wir zum Bewusstsein kommen. In der durch den Sündenfall den zerstörerischen Todeskräften anheimgefallenen Form des physischen Leibes, darauf hat Rudolf Steiner immer wieder hingewiesen, wäre dies aber immer weniger möglich gewesen und eine Weiterentwicklung der Menschheit schließlich verhindert worden.

Die Auferstehung

Die Auferstehung Christi im physischen Leibe stellt die höchsten Anforderungen an die menschliche Erkenntnis, an der auch die meisten Menschen scheitern, da sie aller gewöhnlichen Erfahrung und naturwissenschaftlichen Erkenntnis radikal widerspricht: Ein gestorbener Leib, der unaufhaltsam in die Verwesung übergegangen ist, kann nicht nach drei Tagen wieder lebendig werden.

Aber wir müssen uns bewusst machen, dass all unsere gewöhnliche Erkenntnis heute auf die Sinneswahrnehmung und ihre verstandesmäßige Verarbeitung reduziert ist, und dies auf den ahrimanischen Einflüssen der Verengung unseres Bewusstseins beruht. Wir schauen den Menschen nur von seiner materiellen Außenseite an. Diese für das Ganze zu halten, ist eine ahrimanische Täuschung, und ohne sie zu überwinden, kommen wir nicht in die volle Wirklichkeit hinein, in der sich das Christusgeschehen abgespielt hat.

Die Materie für die einzige Wirklichkeit zu halten, führt zu dem Aberglauben, dass der lebendige Leib des Menschen irgendwie aus einem komplizierten Zusammenspiel der Materieteilchen entstehe. Dabei hat noch niemand konkret nachweisen können, dass sich anorganische Teile von selbst aus der Schwere erheben und zum  lebendigen Organismus einer Pflanze, eines Tieres oder Menschen emporranken könnten. Das wird auch niemals gelingen können. Es ist buchstäblich eine geistige Beschränktheit.

Wir müssen schon nach der gewöhnlichen Logik eine höhere Kraft, eine übersinnliche Lebenskraft voraussetzen, die zwar für die Sinne unsichtbar, aber real wirksam ist, durch welche die leblosen Stoffe aus der Umgebung zusammengezogen und in die Gestalt einer lebendigen, der Schwere entwachsenden Pflanze eingebaut, quasi hineingezwungen werden.

Und wir müssen beim Tier noch höhere, seelische Kräfte voraussetzen, die den rein lebendigen Organismus zusätzlich zu einem beseelten Bewegungsorganismus erheben, und beim Menschen noch weitere geistige Ich-Kräfte, die den seelisch-tierischen Organismus aus der Horizontalen in die Vertikale, die Aufrechte, erheben, ihn dadurch weitestgehend den irdischen Schwerekräften entziehen und das Haupt mit seinem Denkorgan frei schwebend dem Himmelsgewölbe entgegenhalten, um dessen Kräfte in sich nachzubilden.

Wir haben es daher beim irdischen Menschen mit hinter und in dem physischen Leib wirkenden drei weiteren übersinnlichen Wesensgliedern zu tun, die Rudolf Steiner Lebenskräfte- oder Ätherleib, Seelenkräfte- oder Astralleib und Ich-Organisation nennt, ohne die der physische Leib überhaupt nicht zu denken und zu verstehen ist (vgl. genauer hier).

Genau genommen haben wir es beim physischen Leib auch nicht nur mit irdischen Stoffen, sondern mit einer ganz bestimmten menschlichen Form zu tun, in welche die Stoffe eingebaut und auch nach naturwissenschaftlicher Erkenntnis ca. alle 7-8 Jahre nahezu vollkommen ausgetauscht werden. Trotzdem bleibt der Leib derselbe. Die Form selbst ist geistig, sie ist der eigentliche Leib, der nur mit Materie ausgestopft und dadurch für die Sinne wahrnehmbar wird. Sie rutscht aus dieser Form mit dem Tode wieder heraus.

Was Christus den Zerstörungs- und Todeskräften entrissen hat, ist die Formgestalt des physischen Leibes, aus der die Materie herausgefallen ist. Sie blieb für die Sinne daher unsichtbar, so dass es kein Wunder war, dass er durch geschlossene Türen gehen konnte. Und diese physisch-geistige Formgestalt wurde von ihm noch mit einem ebenfalls erneuerten Lebenskräfte- oder Ätherleib, seinem Seelenkräfte- oder Astralleib und seinem Geiste durchdrungen. Und so trat er unter die Jünger und, wie Rudolf Steiner aus seiner eigenen übersinnlichen Forschung schildert, verdichtete durch die Macht seines Geistes den Lebenskräfteleib bis an die Grenze physischer Sichtbarkeit, so dass er von diesen von ihm geschulten und vorbereiteten Menschen wahrgenommen werden konnte.

„… So dass der auferstandene Christus umhüllt war mit einem bis zur physischen Sichtbarkeit verdichteten Ätherleib. … Er war nicht für alle sichtbar, weil es eigentlich nur ein verdichteter Ätherleib war, den der Christus nach der Auferstehung trug.“ Und der zweifelnde Thomas konnte seine Wundmale tasten, weil an jeder Wunde sich der Ätherleib etwas zusammenzieht und eine Art Narbe bilde. „Und in dem besonders zusammengezogenen Ätherleib, dem entnommen sind die Bestandteile zu dem neuen Ätherleib, mit dem sich die Christus-Wesenheit umkleidete, da waren zur Sichtbarkeit gebracht diese Wundmale, waren besonders dichte Stellen, so dass auch der Thomas fühlen konnte, dass eine Realität da ist.“

Auch habe durch die Macht des Christus eine Auflösung der von ihm genossenen irdischen Speisen unmittelbar durch die Lebenskräfte, die ja überhaupt die Verdauung bewirken, ohne Mitwirkung stofflicher Organe erfolgen können.1

Ob man dem jetzt folgen kann oder nicht, klar ist, dass diese Vorgänge nur durch eine Erweiterung der ahrimanisch beschränkten Sinneserkenntnis in das Übersinnliche hinein in ihrer vollen Wirklichkeit wahrgenommen und erkannt werden können, wie sie durch eine Schulung möglich ist, die sich mit den Christus-Kräften des Guten verbindet.

Der Weg der Selbsterkenntnis

 Jeder Mensch, der nicht vollkommen im äußeren Tand des Lebens aufgeht, sondern immer wieder Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Existenz Gottes nachgeht, ist zwei großen Gefahren ausgesetzt, die ein tiefer Geist, der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (1623-1662) in seiner Schrift „Gedanken über die Religion“ u.a. beschrieben hat.2

Wenn der Mensch sich von der Welt zurückzieht und Gott in seiner eigenen Seele sucht, dann stößt er darauf, dass sein höheres geistiges Wesen nicht von der Erde sein kann, sondern von Gott abstammen, selber ein Göttliches sein muss. Und er lebt in der Gefahr, sich selbst mit Gott zu identifizieren, Menschenerkenntnis mit Gotteserkenntnis gleichzusetzen. Dies führt zu Stolz, Übermut und Hochmut, in die er sich immer mehr versteigt und abschließt.

Oder er ist von all der Not und Zerstörung, dem Elend, den endlosen Kriegen und dem unendlichen Leid im Leben der Menschen so beeindruckt, dass er an keinen Gott glauben, geschweige denn, ihn suchen kann. Und daraus folgt notwendig die menschliche Verzweiflung.

Wenn Christus nicht in die Menschheitsentwicklung eingegriffen hätte, müsste der Mensch im Sinne unseres Themas entweder in der ersten Versuchung Luzifer verfallen oder in der zweiten Versuchung Ahriman. Diese zwei Wege wären dann nur möglich, sagt Pascal: Stolz und Hochmut – oder Verzweiflung.

Mit dem Christusereignis ist aber eine Kraft in die Menschheit eingezogen, die der Mensch in seiner Seele unabhängig von jeder Kirche finden kann und die ihn nicht nur das Göttliche, den Gott empfinden lässt, sondern denjenigen Gott, der mit den Menschen gleich gewesen ist, als Mensch unter den Menschen gelebt und Erdenleid, Not und Tod mit ihnen geteilt hat.

Das ist die einzige Heilung von Stolz und Hochmut, wenn man den Blick auf den Menschen-Gott richtet, der sich aus freien Stücken und in unendlicher Liebe dem Tode am Kreuz gebeugt hat. Doch das ist keine Demut, die schwach macht, sondern überwindet, die zugleich eine göttliche Kraft gibt, über alle Verzweiflung heilend und tatkräftig hinauszuwachsen.

Wörtlich heißt es bei Pascal:

„Die Erkenntnis Gottes ohne diejenige der des (menschlichen) Elends schafft Hochmut. Die Erkenntnis des Elends ohne diejenige Gottes schafft Verzweiflung. Die Erkenntnis des Jesus-Christus schafft die Mitte, weil wir in ihr sowohl Gott als unser Elend finden.“

 

Anmerkungen  
1   Vgl. R. Steiner: Gesamtausgabe. 130, S. 93 f., 123 f.)

2   Den Hinweis verdanke ich Rudolf Steiner in GA 131, S. 91 f.

Print Friendly, PDF & Email
0
0
vote
Article Rating

Unser Newsletter – Ihr Beitrag zur politischen Kultur!

Über Herbert Ludwig

Herbert Ludwig war viele Jahre Lehrer an einer Freien Waldorfschule. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit den inneren und äußeren Bedingungen der Entwicklung des Menschen zur Freiheit und mit den Hintergründen der „europäischen Integrationsbewegung“, woraus seine Schrift „EU oder Europa?“ und Artikel auf seiner Webseite hervorgegangen sind Kontakt: Webseite | Weitere Artikel

1 Kommentar
Inline Feedbacks
View all comments
Rosi
Rosi
6 Monate her

Vielen Dank, Herr Ludwig, für Ihren tiefgehenden und besinnlichen Artikel.

Man sollte ihn nicht nur einmal lesen.

Auch Ihnen einen schönen Ostermontag.