Digitale Bildung schädigt die Entwicklung von Kindern

Lernen mit dem Computer Schueler am Laptop / Quelle: Pixabay, lizenezfreie Bilder und Grafiken, open library: https://pixabay.com/de/vectors/sch%C3%BCler-laptop-eingabe-keyboarding-776190/
 

Die digitale Bildung wird vorangetrieben, obwohl den Kindern Schäden an Leib und Seele drohen. Was sie brauchen, ist eine starke Verwurzelung in der Realität.

Ein breites System „Digitaler Bildung“, das den Lehrer überflüssig machen soll, wird in den Schulen vorangetrieben, da eine frühe Medienkompetenz erforderlich sei, um den Anschluss an die globale digitale Entwicklung nicht zu verpassen. Dabei werden jedoch die Bedingungen der verschiedenen Entwicklungsstufen des Kindes völlig außeracht gelassen – mit verheerenden Folgen. Die Kinder werden in ihrer allseitigen seelischen Entwicklung zurückgehalten und verkrüppelt, was sich irreversibel in Gehirnstrukturen niederschlägt. Hirnforscher prognostizieren geradezu eine „digitale Verdummung“.

Das Thema ist so wichtig und die Problematik so schwerwiegend – denn die Digitalisierung der Bildung beginnt bereits im zarten, bildungsfähigsten Alter, bei den Kleinkindern in den KiTas. Schon 2015 erschien ein Buch, das auf die bewusste Irreführung des Begriffs digitale „Bildung“ hinwies. Die beiden Autoren Gerald Lembke und Ingo Leipner machten im Vorwort auf die eigentlich treibenden Kräfte der „Digitalen Bildung“ aufmerksam:

„In erster Linie geht es nicht um die beste Entwicklung unserer Kinder, sondern um einen Multi-Milliarden-Markt für die IT-Industrie, pädagogische Konzepte dienen vor allem als Deckmäntelchen. Begleitet durch ein Marketing der Angst, verklausuliert mit dem Mantra der »frühen Medienkompetenz«: Eltern sollen fürchten, ihre Kinder gingen im globalen Wettbewerb unter, wenn sie nicht mit drei Jahren ihre erste App programmieren können. Das halten wir für irreführend und gefährlich, deshalb unser provokanter Titel: Die Lüge der digitalen Bildung.“ 1

«Kinder brauchen eine starke Verwurzelung in der Realität»

Das heißt ja: Die Partei-Politiker öffnen den Profitinteressen der Industrie bedenkenlos die Türen der staatlichen Schulen, die sie in ihrer verruchten Macht haben, zwingen die weisungsgebundenen Lehrer, gegen die Entwicklungsinteressen der ihnen anvertrauten Kinder zu handeln. Es ist unglaublich.

Die genannten Autoren stellen gleich zu Beginn die entscheidenden Fragen, die sich eigentlich jeder verantwortungsvolle Pädagoge vor seinem Gewissen beantworten muss:

  • Wie verläuft die physische und psychische Entwicklung des Kindes?
  • Welche pädagogischen Konzepte sind für diese Entwicklungsstufen angemessen?
  • Wie wirken die digitalen Medien auf die unterschiedlichen Stufen der Entwicklung?

„Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, haben wir intensiv mit vielen Experten diskutiert – unter anderem aus der Psychologie, Pädagogik und Neurobiologie. Die Forschung gibt klare Antworten: Kinder brauchen eine starke Verwurzelung in der Realität, bevor sie sich in virtuelle Abenteuer stürzen. Ihr Gehirn entwickelt sich besser, wenn kein Tablet oder Smartphone reale Welterfahrung verhindert. Kinder sollten lieber im Matsch spielen als mit Tablets – das ist der beste Weg, um für das digitale Zeitalter fit zu werden.“ 2

Die echte Welt erleben

Die Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, die nur in etwas kleinerem Maßstab bereits dessen Fähigkeiten hätten. Wer kleine Kinder erlebt, der erkennt: Die spätere Persönlichkeit des Menschen ist zwar vorhanden, aber noch hinter der unfertigen Leiblichkeit und den anfänglichen seelischen Fähigkeiten verborgen. Diese müssen erst durch Kindheit und Jugend zu Instrumenten herangebildet und entwickelt werden, damit durch sie die geistige Individualität immer mehr in Erscheinung treten und sich ihrer schließlich verantwortlich bedienen kann.

Der Schweizer Psychologe Jean Piaget, der „Übervater der Entwicklungspsychologie“ (Spektrum der Wissenschaft), hat auf vier aufeinander aufbauende Entwicklungsphasen aufmerksam gemacht, von denen jede auf Erfahrungs- und Entwicklungsprozessen beruht, die als Grundlage für die folgende abgelaufen sein müssen.

Die ersten 2 Lebensjahre nennt er die sensomotorische Phase, in der die Umgebung mit intensiven Sinneserfahrungen des Sehens, Hörens, Riechens, Tastens, Schmeckens und zum anderen durch krabbelnde, greifende, patschende usw. Bewegungen erkundet wird. Seiner selbst nicht bewusst, lebt das Kind in orientierender Wahrnehmung und Aktivität völlig der Umgebung hingegeben. Allen Einflüssen ist es vollkommen ausgesetzt, ohne sie abwehren zu können. Es wird von allem im wahrsten Sinne des Wortes bis in seinen Leib hinein „beeindruckt“.

Erweiternd muss man auch auf die seelischen Prozesse hinweisen, die sich zwischen dem Kind und den Erwachsenen abspielen. Ob die Worte und Gesten der Erwachsenen gleichgültig, liebevoll oder hastig sind, ob ihr physiognomischer Ausdruck Sorge, Ärger, Zorn oder Liebe spiegelt, alles wird vom Kind unbewusst wesenhaft erfasst und prägt sich ihm ein.

Die Hirnforschung hat erkannt und nachgewiesen, dass alle diese Sinnes-, Bewegungs- und seelischen Prozesse ihren Niederschlag in der sich ausdifferenzierenden feineren Gehirnstruktur finden. Sie legen die elementaren Grundlagen des Denkens.

Jede Minute vor einem Tablet oder Fernseher fehlt dem Kind für seine sensomotorische Entwicklung. Das Geschehen auf dem Bildschirm läuft nur zweidimensional ab und vermittelt keinen realen Eindruck der Welt, sowenig wie das Bild einer Banane gegenüber einer wirklichen Banane, die man anfassen und essen kann. Und vor einem Bildschirm verharrt das Kind künstlich fixiert, sein Bewegungsdrang wird gedämpft, und wesentliche Sinnes- und motorische Erfahrungen bleiben aus.

Fazit: Kinder unter drei Jahren haben vor der Glotze, vor Tablets, Smartphones usw. nichts zu suchen. Die Kinder brauchen die Erfahrungen in der wirklichen Welt, um ihre sensomotorische Phase gründlich und gut zu durchleben. „Sie greifen nach der Welt – und begreifen so die ersten Bausteine ihrer komplizierten Umgebung. Dabei entstehen noch keine Begriffe, der kognitive Prozess setzt auf einer sehr basalen Ebene ein. Im Gehirn entwickeln sich erst die Grundlagen, um später gedankliche Probleme zu lösen.“ Dazu bedarf es vielfältiger Anregungen aus der echten Welt – einfaches, der Phantasie viel Raum lassendes Spielzeug, Bewegung und handgreifliche Erfahrungen in der Natur und der direkte liebevolle körperliche und seelische Kontakt mit den Eltern.“ 3

Was das Gehirn sagt:
Ich bringe einen eigenen Bauplan auf die Welt mit – und habe entsprechende Ansprüche, damit ich mich gut entwickeln kann. Verschont mich bitte mit digitalen Medien, weil sie sich völlig gegen meine hirnphysiologischen Bedürfnisse richten. Ich bin gerade in ersten Lebensphase auf soziale, sensible, handlungsbezogene und motivational-emotionale Kommunikation angewiesen. Es geht auch um meine raum-zeitliche Organisation, die ich langsam aufbaue, indem sich mein Körper viel bewegt und meine Sinnesorgane reale Erfahrungen machen. Dadurch reifen Nervennetze, was die Wissenschaft ´Synaptogenese` nennt. Je stärker meine Synapsen werden, desto leichter fällt
(später) das Denken.“ 4

In der Sprache bildet sich das Denken heran

Im 3. bis 7. Lebensjahr empfindet das Kind, indem es jetzt nicht mehr in der 3., sondern in der 1. Person von sich spricht, sein anfängliches Ich-Zentrum in sich und setzt sich damit von seiner Umwelt etwas stärker ab. Nun beginnt ein neues Sich-in-Beziehung-Setzen mit Menschen und Dingen durch das eigene freie, phantasievolle, unbekümmerte Spiel, abseits vom Nutzen und Zweck der Erwachsenen-Welt. Das Kind will selbst bauen, verändern, schöpferisch neu gestalten – wenn man es nicht anderweit bindet. Was es nachahmend erlebt hat, will es noch einmal von sich aus vollziehen und nacherleben, sich verkleiden, in Rollen von Menschen und Tieren schlüpfen, immer neu probieren, wieder abbauen und erneut aufbauen. Es erlebt dabei unbewusst die physikalischen Gesetze der Schwere und Leichte, die Gleichgewichtsverhältnisse, Höhe und Tiefe; und es macht wichtige soziale Erfahrungen im Umgang mit anderen Kindern.5

Das phantasievolle Spiel fördert und ordnet die Beweglichkeit der Gliedmaßen, bringt die seelischen Kräfte in Bewegung und wirkt entsprechend auf die Gehirnbildung als Grundlage für späteres schöpferisches Denken. Im Mittelpunkt dieser Prozesse steht die Freude an der frisch erworbenen Sprache, die Lust an kleinen Versen und Reimen, an der Dynamik des Rhythmischen und Musikalischen; das Kind will Sprachschöpfer sein und ist es oft auf überraschend treffliche Weise. Und in der Sprache bildet sich das Denken heran.

In diesem Alter ist das Denken noch nicht logisch abstrakt, sondern bildhaft an die konkrete Anschauung gebunden. Kleine Geschichten und Märchen dürfen nicht platte äußerliche Vorgänge schildern, sondern wesenhafte Bilder, die mehr und tiefere Geheimnisse erahnen lassen, als sich in Verstandesbegriffen ausdrücken lässt. Denn das Kind lebt noch selbst unbewusst in einer mythischen Vorstellungswelt, in der auch die Naturvorgänge vielfach wesenhaft durchdrungen erlebt werden. Abstraktes operatives Denken ist entwicklungspsychologisch noch nicht möglich.

Der Weg zur echten Reflexion des eigenen und fremden Verhaltens ist weit. … Niemand kann von Vorschulkindern ein realistisches Verständnis für ihre Umwelt erwarten. Wie soll da Werbe- und Medienkompetenz entstehen? Wo doch Kinder rein neurobiologisch nicht in der Lage sind, die entsprechenden gedanklichen Operationen zu bewältigen?“ 6

Werden sie häufig vor die äußere technische Bilderflut digitaler Medien gesetzt, erlebt eine erfahrene Erzieherin, wie sie nur schwer ins unbefangene Spiel hineinkommen. Ihre Vorstellungen sind starr und unlebendig.

So gibt es z.B. Kinder, denen sich alles, was sie in die Hand bekommen, sei es ein Stock oder eine Banane – in einen Revolver verwandelt. Ihre Phantasiekraft ist schablonenhaft. Diese Kinder sind in ihrer Motorik meist ungeordnet, sie sind fahrig, zerstörungssüchtig, oft auch ängstlich und ehrfurchtslos. Das ist die charakteristische Verhaltensweise für das mit unverarbeiteten Eindrücken (Großstadtstraßen, Plakate, Illustrierte, das Fernsehen) überfütterte Kind.“ 7

Diese frühe Schilderung aus 1969 nimmt natürlich bei der heutigen breiten Medienpalette noch viel breitere und vielfältigere Formen der frühkindlichen Deformation an.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff kommt nach 20-jähriger Praxiserfahrung mit schwierigen Kindern, die zu ihm gebracht werden, zu der Erkenntnis: Je früher Kinder mit Smartphones, Tablets und Computern konfrontiert werden, desto „autistoider“ (selbstbezogen in sich abgekapselt) würden sie. Sie werden von Bewegung, direkter Erfahrung und direkter Kommunikation abgehalten, bleiben in ihrer Sprachentwicklung und in ihrem Sozialverhalten zurück, werden durch die Reizüberflutung völlig überfordert und rutschen in eine Parallelwelt ab.8

Das Denken beginnt

Im Alter von 7 bis 12 Jahre entwickelt das Kind die Fähigkeit, sich im Vorstellen von den konkreten Anschauungen zu lösen. Es kann sich Vorstellungen aus der Erinnerung rufen, wenn es gewollt oder gefordert wird, was vorher nicht möglich war. Dies kennzeichnet die Schulreife. Für die Kinder ist das ein ungeheuer freudiges Erlebnis, das ein sechsjähriges Kind einmal so ausdrückte: „Ich kann den Mann (der vorher vorbeigegangen war) immer noch sehen, wenn ich will, ich stelle ihn dann vor meine Augen.“ 8

Die Intelligenz wird frei. Erste Denkoperationen werden möglich, die eher auf Logik als auf Wahrnehmung aufbauen. „Sie verlassen sich nun eher auf Begriffe als auf das, was ihre Wahrnehmung sie sehen und fühlen lässt. Aber Vorsicht: Denken in ersten Begriffen, abgelöst von konkreten Wahrnehmungen – damit beginnt erst die lange Reise der Heranwachsenden, um sich kritisch mit der Umwelt auseinanderzusetzen.“ 10

Genauer: Die Begriffe sind noch in die Vorstellungsbilder eingebettet, die aus der unbewussten Verschmelzung von Wahrnehmung und Begriff bestehen, sie können noch nicht davon abstrahiert kausallogisch gehandhabt werden, was erst ab dem 12. Lebensjahr möglich wird. Im Vorschulalter waren die Vorstellungen an die konkreten Wahrnehmungen gebunden, sie kamen und gingen mit diesen; mit der Schulreife werden die Vorstellungsbilder frei und unabhängig von den Wahrnehmungen. Das Denken ist aber noch immer bildhaft, noch nicht begrifflich abstrakt. Daher müssen die Rätsel der Welt, alles, nach dessen innerem Sinn und Wert das Kind sich richten kann, in bildhaften Schilderungen an es herangebracht werden, nicht in begrifflichen Definitionen.

Digitale Unterrichtsmedien arbeiten dagegen durchgehend mit abstrakten Begriffen, die zumeist unanschauliche und dadurch für die Kinder hypothetische Zusammenhänge beschreiben, die sie noch nicht fassen können. Daher schreiben G. Lembke und I. Leipner mit Recht: „Ein wirklich kompetenter Umgang mit digitalen Medien liegt in diesem Lebensabschnitt in weiter Ferne. Den Grund nennt (Beate) Sodian: ´Die logischen Operationen des Grundschulkindes werden auf konkrete Objekte und Ereignisse angewandt, die Abstraktionsfähigkeiten sind beschränkt, und es fällt Kindern in diesem Stadium schwer, systematisch über hypothetische Situationen nachzudenken`. … Vor diesem entwicklungsbiologischen Hintergrund stellt sich die Frage: Wie sollen sieben- bis zwölfjährige Kinder in der Lage sein, Medieninhalte kritisch zu prüfen? Wie sollen sie sich vom Sog der Werbung distanzieren, der sie in die digitalen Kanäle hineinsaugt?“ 11

 Das bedeutet aber andererseits, dass die Kinder verfrüht in Abstraktionen hineingedrängt werden, so dass das, was in diesem Alter eigentlich in organischer, gesunder Entwicklung zu erleben ist und für eine gesunde Seelen- und damit auch Gehirnstruktur zu sorgen hat, massiv verhindert wird.

Hinzu kommt noch ein weiterer, wenig beachteter Aspekt. Bei allen bildhaften Schilderungen, seien sie gehört oder gelesen, werden die Kinder angeregt, sich selbst konzentriert das Erzählte innerlich vorzustellen, die Vorstellungsbilder selber aktiv aufzubauen. Dadurch wird die Denkkraft ständig geübt und gekräftigt wie die Armmuskulatur beim Holzhacken. Das ist von großer Bedeutung für alles künftige Denken, das auf Konzentration, Ausdauer und Zielgerichtetheit angewiesen ist, in dem immer ein gewisser innerer Wille lebt.

Digitale Medien nun bringen vielfach in erheblichem Maße Bilder von außen an die Kinder heran, so dass diese sie nicht selbst innerlich aufbauen können. Die Folge ist, dass in dem Maße die innere Vorstellungskraft des Denkens nicht geübt wird, immer mehr erlahmt und zurückbleibt.

Schon vor Jahrzehnten konnte ein erfahrener Lehrer am Verhalten der Kinder genau erkennen, welche Kinder zu Hause starkem Fernsehkonsum ausgesetzt waren. Beim Erzählen von Geschichten, bei historischen Schilderungen im Geschichtsunterricht z. B. und auch im Unterrichtsgespräch klickten sich diese Kinder meist nach zehn Minuten aus und fingen an, sich unter der Bank mit anderen Dingen zu beschäftigen. Sie konnten nicht länger zuhören, weil sie nicht mehr genügend innere Kraft hatten, die nötigen Vorstellungen aufzubauen und dadurch dem Unterricht weiter zu folgen. Das ließ sich von anderweit verursachter Unaufmerksamkeit genau unterscheiden.

Dieses Phänomen hat mit den eigenen Fernsehern und Laptops im Kinderzimmer und natürlich den Smartphones in der Tasche noch ungeheuer zugenommen und wird durch die „digitale Bildung“ in der Schule noch weiter forciert – mit den von den Hirnforschern schon angedeuteten katastropalen Folgen.

«Wir brauchen Menschen mit entwickelter Psyche»

Vom 12. Lebensjahr an können die Begriffe immer mehr aus den Vorstellungen gelöst und in ihren kausalen Bezügen abstrakt gehandhabt werden. Nun wird erst das eigene begriffliche Durchdringen z.B. physikalischer Gesetzmäßigkeiten möglich.

Jetzt beginnen Kinder, in ihrem Denken Strukturen zu bilden, die es ihnen ermöglichen, komplexe Probleme differenziert zu betrachten und zu lösen. … Daher befinden sie sich jetzt in der formal-operatorischen Phase, denn die Gedanken sollten sich auf einem Niveau bewegen, das in Begriffen die Welt erfasst – und nicht mehr allein in der Wahrnehmung (und Vorstellung hl.) hängen bleibt, wie es bei den jüngeren Kindern der Fall ist. … Denn die neurobiologischen Grundlagen sind gelegt; Jugendliche können tatsächlich eine wirksame Medienkompetenz aufbauen. Diese Dinge kann Hans viel besser lernen als Hänschen, weil er nun das intellektuelle Rüstzeug hat, um mit digitalen Medien gezielt, effizient und verantwortungsvoll umzugehen.“ 12

Natürlich kann diese Fähigkeit noch nicht schlagartig mit 12 Jahren vorhanden sein, sondern muss langsam mit Hilfe des Lehrers entwickelt werden. Die anfangs vehement und heftig gefällten Urteile, die oft noch haarscharf daneben liegen, müssen immer mehr geordnet und in eine umsichtige und sichere Urteilsbildung gelenkt werden. Die pädagogische Erfahrung zeigt, dass dieser Punkt frühestens mit 16 Jahren, am Ende der Pubertät erreicht ist. Von jetzt an können digitale Medien, vernünftig eingesetzt, ein Gewinn sein.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff warnt:

„Wir sind in einem Digitalisierungswahn. Es wird nicht gesehen, dass wir nicht Kinder brauchen, die mit Computern umgehen können, sondern Kinder, die über eine entwickelte Psyche verfügen. Wir müssen unsere Kinder nicht auf ein digitalisiertes Zeitalter vorbereiten. Die Digitalisierung ist nur eine Form von Technik, die vieles möglich macht. Ein Mensch mit entwickelter Psyche kann sich mit jeder Technik auseinandersetzen, für die er sich interessiert. Viel mehr brauchen wir Erwachsene, die Ideen haben, die umsichtig sind, weitsichtig, im Voraus und kreativ denken.“ 13

Diese Erwachsenen werden aber durch die frühe Digitalisierung der Bildung gerade verhindert. Welche Auffassungen und Forderungen haben die politischen Parteien, deren Vertreter in den staatlichen Organen die verruchte Macht haben, das gesamte Schulsystem organisatorisch und inhaltlich zu bestimmen? Hier eine knappe Zusammenstellung der Positionen:

Dass digitale Medien bereits zum Alltag von Kindern gehören, darüber sind sich alle Parteien einig. (Von der AfD fehlte allerdings noch eine Stellungnahme. hl.) Während die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Nadine Schön, überzeugt ist, ´je früher wir mit der digitalen Bildung anfangen, desto besser`, wird allerdings von der Linken keine Notwendigkeit gesehen, dass sich bereits Kleinkinder mit digitalen Medien beschäftigen. Spätestens in der Grundschule wollen aber alle Parteien die Medienbildung und -nutzung zu einem festen Bestandteil des Unterrichts machen. Die FDP sieht dadurch eine deutliche Stärkung der individuellen Fördermöglichkeiten. Die Grünen halten Medienbildung und ein digitales Umfeld sogar für erforderlich, um dem Kinderrecht auf Schutz, Förderung und Partizipation auch zukünftig gerecht werden zu können. Die SPD und die Linke betonen besonders die Chance, dass Kinder Interesse für Technik und MINT-Themen entwickeln können, noch bevor Geschlechterstereotypen einer solchen Entwicklung im Weg stehen könnten.“ 14

Verwilderung des demokratischen Diskurses

Dass die Politiker von den Entwicklungsbedingungen des Kindes und den pädagogischen Erfordernissen keine Ahnung haben, ist ihnen ja nicht vorzuwerfen. Dass sie sich in ihrer Dummheit und der mit dieser einhergehenden Hybris jedoch anmaßen, den Lehrern in den Schulen das Gegenteil dessen vorzuschreiben, was die eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse der psychologischen, pädagogischen und entwicklungsbiologischen Experten sind, ist das eigentliche Skandalon. Es offenbart die Verwilderung des demokratischen Diskurses um die rechten Wege gesellschaftlichen Handelns durch die Leidenschaften parteipolitischer Machtgewohnheiten, die sich jenseits jedes sorgfältigen Erkenntnisbemühens bewegen.

Eine Gesellschaft befindet sich bereits im Zustand absoluter kultureller Dekadenz, wenn das Handeln der sich als Eliten fühlenden Kreise nicht mehr aus Erkenntnis erfolgt, sondern von oberflächlichen, leidenschaftlichen Meinungen, bzw. wirtschaftlichen Profit-Interessen diktiert wird.

Wer nach Erkenntnis der gesellschaftlichen Zusammenhänge strebt, wird sich schon von vorneherein sagen, dass das Handeln im Bildungswesen von Sachverstand geprägt sein muss und nicht von politischen Dilettanten bestimmt werden darf. Denn aus Unwissenheit oder sachfremden Interessen kann ja nur Schaden über Schaden an den Kindern und ihrer Zukunft angerichtet werden. Den Ärzten wird ja auch nicht vom Staat vorgeschrieben, wie sie die Kranken und mit welchen Medikamenten zu behandeln haben – obwohl das im Rahmen der ebenfalls verfehlten staatlichen Krankenversicherung auch schon begonnen hat.

Das bedeutet: Das Bildungswesen muss von Politik und auch von der Wirtschaft unabhängig sein und kann nur von denen bestimmt und verantwortet werden, die als Fachleute darin tätig sind.

 

Anmerkungen

1    Die Lüge der digitalen Bildung, München 2015, 3. Aufl., S. 9

2    a.a.O.

3    Vgl. a.a.O., S. 24 f., 33-34

4    a.a.O., S. 35

5    Vgl. Klara Hattermann: Werdestufen der Kindheit, in:

      Sonderheft „Erziehungskunst“ 5/6 1969

6    Wie Anm. 1, S. 63

7    Wie Anm. 5

8    Michael Winterhoff: Deutschland verdummt, 2019, S. 208

9    Wie Anm. 5

10  Wie Anm.1, S. 64

11   a.a.O.

12   a.a.O., S. 65

13   Wie Anm. 8, S. 208
14   die-debatte.org 2.2.2018

 

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Über Herbert Ludwig

Herbert Ludwig war viele Jahre Lehrer an einer Freien Waldorfschule. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit den inneren und äußeren Bedingungen der Entwicklung des Menschen zur Freiheit und mit den Hintergründen der „europäischen Integrationsbewegung“, woraus seine Schrift „EU oder Europa?“ und Artikel auf seiner Webseite hervorgegangen sind Kontakt: Webseite | Weitere Artikel

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dragaoNordestino
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Zum Thema gibt es einen interessanten Vortrag von Frau Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………… „Verbaut die digitale Revolution unseren Kindern die Zukunft? – Erkenntnisse aus der Evolutions- und Hirnforschung“ ………………………………………………………………………………………………………………………………………………….. https://www.youtube.com/watch?v=fpA5ET0Y0Lc ……………………………………………………………………………. Zusammenfassung: In einmaliger Weise ist der Mensch von alters her auf Tatendrang und unbegrenzte Lernfähigkeit angelegt, sonst hätte er sich nicht an die Spitze sämtlicher diesen Planeten bewohnenden Lebewesen stellen können. Nunmehr erfüllen digitale Medien der Menschheit einen fundamentalen Traum: Beherrschung von Zeit und Raum. Erleichterung und Beschleunigung der Lern- und Lebenswelten führen die Gesellschaft zu großen Erfolgen und sie bereichern das Privatleben. Das ist Realität und birgt… Read more »

dragaoNordestino
Gast

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=fpA5ET0Y0Lc&w=962&h=541]

hubi stendahl
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hubi stendahl

Herr Ludwig,

dieser Zug rollte bereits seit Jahrzehnten und ist kaum noch aufzuhalten. Wie sollte es möglich werden, wenn die erste Generation Zombies bereits “erwachsen” ist und in zehn Jahren das Zepter übernimmt. Eines der vorläufigen Höhepunkte, hier Japan:

Greenhoop
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Greenhoop

Hallo @hubi, Der Besitz von Wissen ist, wenn er nicht tätig zu Ausdruck und Wirkung kommt, wie das Horten wertvoller Metalle – eine zwecklose und unsinnige Sache. Wiess muß wie Reichtum einer Verwendung zugeführt werden. Das Gesetz der Anwendung ist ein universales Gesetz und wer es verletzt, kommt mit den Naturkräften in Konflikt zu seinem Schaden Kybalion für meine Frau und mich ist nun der Zeitpunkt gekommen, das was Sie vor einigen Tagen als Plan B bezeichneten, in die Tat umzusetzen. Mein persönliches “Erwachen” 2008 in Kanada war ein rein auf materielle Dinge bezogenes, welches sich glücklicherweise in den 11… Read more »

hubi stendahl
Gast
hubi stendahl

Vielen Dank @Greenhoop, auch ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau als Aufgewachte das Gelingen Ihrer Pläne, wovon ich überzeugt bin. Denn kommt die Tat aus der innersten Überzeugung und wird nicht durch intellektuelle Wichtigtuerei überlagert, geht sie niemals schief. Das war vor 2000 Jahren mit der Metapher “der Glaube versetzt Berge” bereits Erkenntnis. Die meisten Menschen scheitern, weil ihnen das Bewusstsein dafür fehlt, dass sie das Geschenk des Lebens in die eigenen Hände legen müssen, statt es von anderen bestimmen zu lassen, um sich als Gegenleistung ein materiell möglichst sorgenfreies Dasein zulasten unbekannter Dritter zu ermöglichen. Dasein aber ist kein… Read more »

Argonautiker
Gast
Argonautiker

Sehr ausgereifter Artikel. Vielen Dank dafür. Digitale Früherziehung ist ungefähr so sinnig wie sexuelle Früherziehung. Man zerstört das Wesen durch Überlastung mit Dingen zu dem die Reife fehlt. Exakt an solchen Dingen kann man den Wahn erkennen, dem unsere Politiker unterliegen. Das ist nichts anderes, als das was Hitler und Konsorten taten, indem sie, obwohl der Zusammenbruch ihrer Ideologie eigentlich schon für jeden der noch denken konnte offenbar war, trotzdem noch die Kinder an die Front schickten. Jede Ideologie muß final an den Gesetzen der Wirklichkeit zerschellen. Das ist nur eine Frage der Zeit. Inhalt steht hierarchisch über der Funktion,… Read more »

vier
Gast
vier

Ja, die Massen suchen (und sollen das auch) den UNGLAUBEN als Glauben an FORTSCHRITT, WOHLSTAND UND FRIEDEN- den Unglauben an den “Werte-Westen”- aber was das in WIRKLICHKEIT bedeutet, hinterfragen nur Wenige. Zitat: “Die Fortschritt- und Wohlstand- und Friedens-Moral ist die tägliche Gebrauchsform dieses Unglaubens. Der *Friede* ist die ungestörte Gelegenheit zur wirtschaftlichen und arbeitsmäßigen Ausbeutung der Niedergehaltenen. Der *Wohlstand* ist der Anschein der Harmlosigkeit der sich vollziehenden Ausbeutung. Der *Fortschritt* ist das Ideal, das denen vorgehalten wird, denen alle Möglichkeiten zu Schreiten genommen sind. Fortschritt, Wohlstand und Frieden sind “Werte”, d.h. Bedingungen des Willens zur Macht, die überall die Uneigennützigkeit… Read more »

vier
Gast
vier

Sorry, zweite Zeile: hinter Unglaube “als Glaube an” anfügen ….

Argonautiker
Gast
Argonautiker

@vier Wissen Sie was beruhigend ist, Macht nährt sich nicht nur von Anderen, sondern während Macht sich am Mächtigen ausdehnt, degeneriert sein Inneres wegen Nichtnutzung immer mehr, bis er irgendwann nur noch eine leere Hülle der Macht ist, die zwar viele Andere in sich unterworfen hat, aber das eigene Wesen ist verkümmert. Es zehrt, wenn man sich nicht menschlich zu sein erlaubt, sondern stets immer mehr auf seine Macht bedacht ist. Ich finde man kann diesen Vorgang sehr gut bei Mächtigen beobachten. Die Leblosigkeit bei all ihrer Geschäftigkeit, dringt ihnen aus allen Poren. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber… Read more »

dragaoNordestino
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@Argonautiker…. Vor dem Schöpfer zählen diese Dinge nicht. Dort steht dann,….

Zum Glück wissen Sie, wie das da vor dem “Schöpfer.?”… Hmmmm …. abläuft…..

Friedolin
Gast
Friedolin

Schöner Beitrag vom Argonautiker, den ich für mich etwas abgewandelt habe: Das Selbst kann nur durch eigenes Tun im Erlebnis wachsen. Mittels Macht, Andere, zum Tun im Sinne der eigenen Interessen zu verleiten, ist verschwendete Zeit. Das Selbst kann nur durch den Weg der Selbsterkenntnis wachsen. Dem sollte alles andere untergeordnet sein, “böse Taten” verbieten sich dann von alleine. Vor dem Schöpfer zählen diese Dinge nicht. Dort steht dann, wenn der Mantel der Macht abgelegt werden muß, ein Wesen das seine seelischen Anlagen nicht vermehrt, sondern wegen Nichtnutzung sogar noch verkümmert hat. Vor dem Selbst und am Lebensende zählen diese… Read more »

vier
Gast
vier

@dragao: Billige infantile Lästerei- Fakt ist jedoch: Im Universum geht nichts verloren- nur die Formen ändern sich.

SALOMO meinte schon: “Weil das Urteil über Böses Tun nicht gleich ergeht, wird das Herz der Menschen voll Begier Böses zu tun.” UND “Was geschieht, das ist schon längst gewesen und was sein wird ist auch schon längst gewesen und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.”
Im Buddhismus nennt man dies das große karmische Gesetz- Egal, ob sie nun vor Gott Rechenschaft ablegen müssen oder sie der Schlag beim Scheißen trifft, lieber Dragao- der karmische Ausgleich findet dich und – nichts geht verloren….

Rosi
Gast
Rosi

@Argonautiker Frühsexualisierung ist noch ein ganz anderes Kaliber als die Digitalisierung, denn diese zerstört nicht nur die gesunde Entwicklung zum eigenen Körper und den Umgang mit entsprechender Scham, sondern insbesondere die unberührte Seele der unschuldigen Kinder. Kennen Sie diesen Film? https://www.panorama-film.ch/dok-urvaeter.php Sie brauchen starke Nerven, um den Film bis zum bitteren Ende durchzuhalten. Kein Wunder, dass durch diese “Maßnahmen” sowie Genderismus (z.B. Judith Butler) die Fähigkeit, innige Beziehungen einzugehen und diese auch zu leben, zerstört werden; ergo werden Familien zerstört, denn Menschen, die allein sind und nicht auf ein Halt gebendes Umfeld zurückgreifen können, sind viel leichter zu manipulieren. Ein… Read more »

Argonautiker
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Argonautiker

@Rosi Leider kann ich mir keine Filme im Internet anschauen. Meine Verbindung ist dafür nicht ausreichend. Aber ich stimme Ihnen zu, mit der Frühsexualisierung zestört man noch tiefgreifender. Besonders mit dem Genderismus, wenn Kinder dazu erzogen werden sollen, daß sie nicht nur ein Geschlecht haben, sondern viele, und da propagiert wird, daß man letztendlich sein kann was man will, und man dazu nicht nur ausprobieren kann, sondern sogar alles ausprobieren muß, ob man dazu nun eine Neigung hat oder nicht, den der Genderismus ist ja nicht freiwillig, sondern ein Zwang für alles offen sein zu müssen. Die sexuelle Identität ist… Read more »

Rosi
Gast
Rosi

Herr Ludwig hat hier, zwar nicht ganz detailliert, jedoch gut auf den Punkt gebracht, welche Entwicklungsstadien Kinder durchlaufen. Würden sich doch Eltern der jüngeren Generation mit diesen Entwicklungsstadien überhaupt und wenn, dann intensiver auseinandersetzen. Jede nur einigermaßen klar denkende Mutter würde den Teufel tun und ihr 2jähriges Kind vor ein Tablet setzen, um selbst per whatsapp die neuesten “Nachrichten” ihrer “Freunde” zu checken. Diese Generation ist komplett verloren; völlig im Materialismus versunken. Da sag ich nur: Perfekt vor vielen Jahrzehnten alles schleichend eingeläutet und Schritt für Schritt alles auf den Weg gebracht, um die Meute immer weiter zu verdummen, denn… Read more »

Argonautiker
Gast
Argonautiker

@Rosi “Das ist purer Sozialismus, der sich immer weiter wie ein Bandwurm ausbreitet…” Wenn man Merkels Sozialisationsphase betrachtet, könnte einem vieles klar werden. Die Dame ist in einer Familie aufgewachsen, die freiwillig von Hamburg in den sozialistischen Staat migriert ist. Sie ist in einem Milieu groß geworden, dessen Mitglieder glaubten, dass der Sozialismus das bessere System ist. Das hat sie in ihren ersten Jahren zwangsläufig geprägt, weil ihre Eltern sind sicherlich extrem ideologisch gewesen, denn sonst wäre man niemals freiwillig vom Westen in den Osten migriert. Wenn man bedenkt, dass die Hauptprägung etwa innerhalb der ersten 4 Lebensahre des Menschen… Read more »