Bis Arbeitnehmer ausbrennen

Arbeitnehmer müssen heute ständig erreichbar sein. Erholungsphasen schwinden. Bei vielen führt dies zum  Burnout. Brauchen wir eine Anti-Stress-Verordnung? 

Arbeitsbedingter Stress ist einer der häufigsten Gründe für das Burnout-Syndrom, das sich mittlerweile zur Volkskrankheit entwickelt hat. Die Anzahl der durchschnittlichen Krankheitstage auf tausend Versicherte ist laut BKK Bundesverband in den Jahren 2004 bis 2012 von insgesamt 4,6 auf 87,5 AU-Tage angestiegen. Nach einer Studie der TK Techniker Krankenkasse zur Stresslage der Nation 2013 zählen zu viel Arbeit (65 Prozent), Termindruck und Hetze (62 Prozent) und Störungen (54 Prozent) zu den drei größten Belastungen im Job.

Die einzige Möglichkeit, von der Arbeit eine Verschnaufspause zu machen, bieten Feierabend, Wochenende und Urlaub. Doch von einer Heiligkeit der Freizeit kann schon lange keine Rede mehr sein. Laut einer Umfrage sind 29 Prozent jederzeit auch außerhalb der regulären Arbeitszeit für berufliche Angelegenheiten erreichbar. Am Wochenende und im Urlaub sind jeweils rund 8 Prozent der Befragten immer auf Abruf bereit.


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Gewerkschaften für Anti-Stress-Verordnung

Der Deutsche Gewerkschaftsbund kreidete in einem DGB Medien-Newsletter „Smarter Technik – Stressige Nutzung” vom September 2012 die Instrumentalisierung der Freizeit als Bereitschaftszeit und die damit einhergehende Entwertung von wichtiger Regenerationszeit an. Vom DGB wurde im Anschluss eine Anti-Stress-Verordnung vorgeschlagen, die Arbeitgeber zur Entlastung ihrer Angestellten verpflichtet. Volle Unterstützung für die Initiative bekommt DGB vor allem von der IG Metall, die erst kürzlich wieder in einer aktuellen Mitteilung für den Erlass der Anti-Stress-Verordnung plädierte. Darüber hinaus protegiert die IG Metall mehr Zeitsouveränität im Sinne von flexiblen Arbeitszeiten. Das soll vor allem der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zugute kommen. Wie wir im März berichteten, beklagten 31 Prozent der Befragten in der AOK-Familienstudie die wenige Freizeit, die sie mit der Familie haben.

24 Stunden Arbeitsbelastung durch Dauer-Erreichbarkeit entbehrt rechtmäßiger Grundlage
Noch ist keine Entscheidung dazu gefallen, ob eine Anti-Stress-Verordnung eingeführt wird. Beschäftigte können sich jedoch unabhängig davon gegen unrechtmäßige Ansprüche von Arbeitnehmern wehren. So können sie sich zum Beispiel auf die Unantastbarkeit des Urlaubs berufen, die im Bundesurlaubsgesetz verankert ist, wenn der Arbeitgeber verlangt, dass die eigenen Angestellten auch in den zustehenden Urlaubstagen erreichbar sein müssen. Der Urlaub bedeutet, wie im Karrierespiegel berichtet, Sendepause für den Boss.

Was Urlaub wert ist

Wie Arbeitnehmer ihren Urlaub legen, ist ihnen überlassen. Denn wichtig für den Erholungseffekt im Urlaub ist das Abschalten von der Arbeit und weniger die Länge desselben. Auf einen längeren Haupturlaub im Jahr wollen dennoch 60 Prozent der Deutschen laut Tourismusanalyse 2014 der Stiftung für Zukunftsfragen nicht verzichten. Die gestiegene Bereitschaft der Deutschen, mehr für den Urlaub auszugeben, zieht außerdem einen zunehmenden Trend zu Kurzreisen mit sich. „Der Markt für Kurztrips ist in den letzten Jahren durch die wirtschaftliche Entwicklung gewachsen. Leute machen immer häufiger Kurztrips, weil diese günstiger sind. Diese dann aber auch mehrmals pro Jahr”, bezeugt Dennis van Allemeersch, der Geschäftsführer/CEO von Hotelspecials.de.

Die Deutschen greifen für den Urlaub zwar tiefer denn je in den Geldbeutel, gehen aber kalkulierter mit ihrer Urlaubskasse um. Für das Jahr 2013 errechnete man in der FUR RA-Reiseanalyse rund 71 Millionen Urlaubsreisen (ab 5 Tage Dauer) mit Gesamtausgaben in Höhe von 64 Milliarden Euro. Die rund 76 Millionen Kurzreisen (ab 2-4 Tage Dauer) in 2013 erreichten noch dazu einen Umsatz von 19 Milliarden Euro.

Die steigende Tendenz zu mehrmaligen Kurzurlauben könnte auch als ein Indiz für ein verstärktes Bedürfnis nach mehr Auszeiten gedeutet werden. Den TOMORROW FOCUS Media Social Trends zufolge ist der Erholungs- bzw. Wellnessurlaub zu 77,9 Prozent bei den Männern und 85,9 Prozent bei den Frauen die beliebteste Urlaubsart, noch vor dem Badeurlaub und Familienurlaub. So betrachtet, ist die Forderung von DGB und IG Metal, Arbeitnehmer vor überbordenden Ansprüchen an die eigene Arbeitskraft zu schützen, nicht weit aus der Luft gegriffen.

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