In den Fängen der Klugscheißer

Unsere Zivilisation wird nur überleben, wenn wir lernen, die entscheidenden Fragen hinter den schnellen Antworten zu finden. Doch wir suchen die Vereinfachungen.

Beim Besuch religiöser Webseiten besteht ein dreimal höheres Risiko, sich ein Computervirus einzufangen, als auf sogenannten erotischen Seiten. Die US-Computer-Sicherheitsfirma Symantec, die die Studie dazu erstellte, vermutet, dass die Pornobetreiber ein höheres Interesse haben, sichere Seiten anzubieten, um die User nicht zu verprellen. Das mag so sein, aber es erfasst nicht das ganze Phänomen. Beispielsweise könnte man mutmaßen, dass religiöse Seiten aus ideologischen Gründen stärkeren Angriffen ausgesetzt seien oder voller Gottvertrauen weniger technische Vorkehrungen träfen, um Hacker abzuwehren.

In fast jeder Sache gibt es so einen „geheimen“ Content, doch in einer auf Erfolg und einfache Antworten ausgerichteten Gesellschaft muss meist die verkürzende „Wenn-Dann-Funktion“ ausreichen. Das ist im Einzelfall schon misslich, doch als System-Faktor eine Katastrophe. Abhilfe böte ein neues Denken, ein „kybernetisches“ Denken, wenn unsere Kultur es denn nur zuließe.

Phänomen des linearen Denkens

Stattdessen regiert weiter ein lineares Denken, das schnelle und einfache Ergebnisse verspricht und komplexe Zusammenhänge ausblendet. Beispielsweise stellen sich die Leute gerne Solarlampen in den Garten, in dem sie sich nachts gar nicht aufhalten, weil sie sich darüber freuen, dass der Strom nun umsonst ist. Jede auf diese Weise lichtverseuchte Naturparzelle mit dem Charme kleiner Flugzeuglandebahnen ärgert nicht nur den Nachbarn: Die Dinger sind nach einer Saison kaputt, kosten Geld und belasten durch ihre Produktion die Umwelt. Was bleibt, ist eine sinnlose Befriedigung von Konsumbedürfnissen verbunden mit dem irrigen Gefühl, etwas Gutes zu tun.

Das könnte man noch unter „allzumenschlich“ abbuchen, wenn nicht sogar offizielle Statistiken solchen Solarlampengebrauch inzwischen als Umweltschutz-Erfolg auswiesen. Das Phänomen des linearen Denkens ist eben längst ein Phänomen des Überbaus geworden. In Berlin und anderswo beispielsweise dürfen Radfahrer neuerdings bestimmte Einbahnstraßen in beide Richtungen befahren. Für die Radfahrer ist das eine feine Sache, jedenfalls solange sie vom Autofahrer nicht übersehen werden. Leider ist das aber sehr wahrscheinlich, da entgegenkommende Fahrräder durch ihr schmales Profil und in der Regel schlechte Beleuchtung schwer zu sehen sind und in schmalen Straßen das Risiko eines Frontalzusammenpralls erheblich höher ist.

 Unfallzahlen im Straßenverkehr

Politiker, die auch glauben, dass ein saisonales Verkehrsmittel grundsätzliche Verkehrsprobleme lösen könnte, loben sich dennoch für ihren Schritt auf dem Weg zur radfahrergerechten Stadt. Wäre man kybernetisch an die Sache herangegangen, hätte man zu der Frage der Bequemlichkeit von Radfahrern auch die Risiken bedacht, also etwa neben der Kollisionsgefahr den Gewöhnungseffekt, nach dem die meisten Radfahrer künftig in jeder Einbahnstraße dieses Vorrecht zu haben glauben werden. Noch einen kybernetischen Schritt weitergedacht, und vom Autor selbst in signifikantem Maße erlebt, glauben dann auch Autofahrer, die die Radfahrer beobachten, Einbahnstraßen falschherum befahren zu können.

Linear gedacht scheint es auch logisch, dass die Unfallzahlen im Straßenverkehr bei einer Einschränkung der Geschwindigkeit sinken. Kybernetisch gesehen gilt das aber nur solange, wie die angeordnete Geschwindigkeit die Verkehrsteilnehmer nicht in falsche Sicherheit wiegt. Studien haben nämlich herausgefunden, dass Autofahrer, die sich unterfordert fühlen, weil sie langsamer fahren müssen, als die Verkehrsverhältnisse es eigentlich zulassen, innerlich abschalten, Unterhaltungen oder Handygespräche beginnen und damit die Unfallgefahr sogar steigt.

Natürlich Asbest

Ähnliche Nachlässigkeit gilt natürlich auch für Fußgänger oder spielende Kinder in solchen scheinbar beruhigten Zonen. Auch hier gibt es natürlich noch kybernetische Weiterungen, etwa dass der Autofahrer das Gefühl bekommt, Verkehrsschilder gäben irrationale Anweisungen, und er dadurch das Vertrauen in die entsprechende Gesetzgebung verliert – mit allen Konsequenzen. Doch lassen wir es vorerst beim einfachen Prinzip. Wer es gründlicher liebt, der lese mein Buch „Chaos mit System“, das sich dem Thema ausführlichst widmet.

Hätte der Kandidat beim Millionärsquiz bei der Frage „Was ist eine Naturfaser? A: Trevira B: Dralon C: Lycra D: Asbest“ kybernetisch gedacht, wäre ihm entweder die Falle in der Frage aufgefallen oder er hätte bedacht, dass die Gleichsetzung von „natürlich“ mit gut und „künstlich“ mit böse eine dreiste Vereinfachung ist. Leider tat er das nicht, und das schöne Geld war flöten, denn die Antwort lautete natürlich Asbest.

Ein verlogenese “Bitte”

Gleichsetzungen sind sowieso immer so eine Sache, sozusagen der faule Kern einer scheinbar logischen Beweisführung. Noch schlimmer sind Kausalitätsumkehrungen und besonders Schlussfolgerungen vom Allgemeinen aufs Spezielle, die ich mangels eines bisher existierenden Terminus als „Dyslogismus“ bezeichne. Dyslogismen begegnen uns täglich vom Bäcker bis zur Tagesschau. Ein Beispiel: Wenn Video-Killer-Spiele verboten werden sollen, damit die Jugend weniger gewalttätig ist, wird unterschlagen, dass die Jugend aus sehr vielen Gründen gewalttätig sein kann (fehlende berufliche Perspektive, fehlende Konsequenz bei der Erziehung, inkonsequente Strafverfolgung, verwirrende Lebensbedingungen etc.).

Es gibt aber auch ein paar erfreuliche Gegenbeispiele. Da riet ein Kommunikations- und Familienberater Eltern, Aufforderungen an ihre Kinder besser nicht mit einem „Bitte“ zu verknüpfen. Was auf den linearen Blick wie die Aufforderung zur Unhöflichkeit anmutet, ist durchaus sinnvoll, denn eine Aussage „Mach bitte deine Hausaufgaben“ gibt dem Kind nur scheinbar eine Wahl. Da es diesen Widerspruch aber registriert, reagiert es mit Verweigerung oder Weghören. Ein leichtfertig und im Grunde verlogen ausgesprochenes „Bitte“ wird im übrigen, das bliebe zu ergänzen, im Sprachverständnis der Kinder auch die Bedeutung der Höflichkeit entwerten.

Lammert Opfer ideologischer Linearität

Sehr oft gehen lineares und ideologisches Denken eine unheilige Liaison ein. Ideologie braucht die Verkürzung allein deshalb, weil sie selbst aus Verkürzungen besteht. Umgekehrt machen Ideologen schnell die Erfahrung, dass sie mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen viele Menschen hinter sich bringen können. Ein Opfer ideologischer Linearität wurde Bundestagspräsident Lammert, dem beim Versuch, medienwirksam mit jungen Muslimen zu reden, nach Meinung der Medien und seiner Gesprächspartner ein Fauxpas unterlief. Als nämlich ein Migrantenprojekt anfragte, ob man nicht für den Bundestag tätig werden könne, wiegelte Lammert durchaus realitätsnah ab, dass es da schon viele Begehrlichkeiten gäbe, zum Beispiel auch von Behinderten-Gruppen. Da war sofort der Ausländerfeind geboren, schließlich sei man doch nicht behindert.

Auch der berichtenden Zeitung war nicht aufgefallen, dass die Migranten hier – aus ihrer Sicht durchaus nachvollziehbar – herabwürdigend gegen Behinderte Stellung nahmen. Der Begriff „behindert“ wurde unwidersprochen als Beleidigung verstanden. Kybernetisch sei uns die Frage gestattet, was passiert wäre, wenn eine Behindertengruppe sich dagegen verwahrt hätte, mit Migranten in einem Atemzug genannt zu werden? Ein Entzug der Fördermittel wäre das mindeste gewesen.

Rattenfänger und Klugscheißer

In der Vielfalt der modernen Welt verlieren wir zunehmend den Boden unter den Füßen und suchen geradezu die Vereinfachungen, die uns die Rattenfänger anbieten – sei es in der Politik, beim Lebensstil oder sonstwo. Gerade deshalb wäre eine Einübung in ein differenzierendes, kritisches, skeptisches also kybernetisches Denken so wichtig. Früher bot die Lebenserfahrung noch ein Gegengewicht, aber auch die versagt zunehmend angesichts des Tempos der Veränderung und der Zunahme durch die Medien transportierter Klugscheißer.

Also lassen wir uns weiter einreden, so sinnlose Dinge wie ein „Kopfkissenspray in zwei Duftrichtungen“ zu kaufen, weil es „ohne Konservierungsstoffe“ daherkommt. Wer will da angesichts dieses Gütesiegels noch darüber nachdenken, das Düfte aus dem Laboratorium zwangsläufig voller körperfremder Reizstoffe sind? August von Kotzebue kannte schon vor mehr als 200 Jahren das Phänomen als er formulierte: „Der Mensch ist mit nichts auf der Welt zufrieden, ausgenommen mit seinem Verstand. Je weniger er hat, desto zufriedener.“

Unsere Zivilisation hat nur dann eine Überlebenschance, wenn wir lernen, die entscheidenden Fragen hinter den schnellen Antworten zu finden. Fragen sind die Bugwelle der Erkenntnis. Derzeit haben wir aber auf die drängendsten Probleme nicht nur keine angemessenen Antworten, sondern nicht einmal die richtigen Fragen. (Fortsetzung folgt)

 

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Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel