Clown Popow ist tot!
Clown Popow ist tot!

Clown Popow ist tot!

Oleg Konstantinowitsch Popow ungeschminkt / Quelle: Wikipedia, Autor: Hans Niepoetter; By Hans Niepoetter (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOleg_Konstantinowitsch_Popow.jpg Oleg Konstantinowitsch Popow ungeschminkt / Quelle: Wikipedia, Autor: Hans Niepoetter; By Hans Niepoetter (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOleg_Konstantinowitsch_Popow.jpg
Der Clown Popow war ein Meister des allerfeinsten Humors der Menschenliebe. Ich traf ihn einst mit Johannes Rau. Ein persönlicher Nachruf für meinen Stellvertreter Gottes auf Erden.

Anderen einen Schrecken einjagen, um Süßes oder Saures zu fordern, ist alles andere als ein pädagogisch wertvoller Kinderspaß. Es ist für den, der genauer hinschaut, das, was man „Schwarze Pädagogik“ nennt. Für mich, ich sage es ganz offen, ist diese „Tradition Halloween“ sogar eine Schändung von Kinderseelen und hat auch nichts mit den irischen Ursprüngen des katholischen Festes vor Allerheiligen zu tun. Purer Satanismus würde wohl eher passen. Andere mögen das anders sehen und mich für eine humorlose Spaßbremse halten, aber so bin ich nunmal, wenn die Liebe der Kinder zur böswilligen Zauberer-, Hexen- und Piraten-Karikatur herabgewürdigt wird.

Schlimm genug auch, dass die westlich-vatikanischen Geheimdienste das „Fest“ skrupellos für ihre satanischen Einfälle bei der Destabilisierung der zivilen Ordnung in den USA und Deutschland benutzen, wobei sie inzwischen sogar Clowns, die mit dieser Veranstaltung traditionell gar nichts zu tun haben, genüsslich sadistisch in ihr Gegenteil verkehren.

Sogenannte „Horroclowns“ erschrecken daher heute nach dem „neuesten Trend aus den USA“ nicht nur Kinder bei uns zu Tode, sondern genauso Jugendliche und Erwachsene. Leider können diese grotesken Gestalten des Terrors am Mitmenschen, welche, aus Hollywoods Giftküche kommend, nun auch auf Deutschland losgelassen werden, sich immer völlig sicher sein, dass sich aufgrund der transatlantischen Propaganda zuverlässig genug deutsche Schwachköpfe finden, die umgehend diese „neueste Mode“ der Bürgerkriegsagenten aus purer Idiotie nachahmen und verbreiten, obwohl sie sich, wie sich gezeigt hat, dabei selbst durchaus in erhebliche Gefahr bringen und kräftig eine aufs Maul bekommen können. Denn wie schon Einstein wusste, ist wirklich nur die menschliche Dummheit mit Sicherheit unendlich.

Sie kommen überraschend aus dem Dunklen und greifen wahllos jeden tätlich an! Sie drohen, sie verletzen und sie wollen sogar töten! Als Clowns! – die doch die Kinder zum Lachen bringen und ihnen dabei Selbstvertrauen lehren sollten! Doch amerikanische Clowns kommen mit Messern, Knüppeln, Revolvern und Kettensägen! Ganz im Sinne der von ihnen konsumierten Alptraumfabrik Hollywood und ihrer perversen Horrorausgeburten.

Was würde Popow dazu sagen?

Oft hatte ich mich deshalb gerade in letzter Zeit gefragt, wie sehr wohl Oleg Konstantinowitsch Popow – der große Clown Popow! – für mich der weiseste, phantasiereichste, poetischste und liebenswerteste Clown aller Zeiten (ich scheue da absolut keine Superlative) unter solchen US-amerikanischen Mistgestalten leiden muss. Was würde er wohl diesen „Clowns“ zu sagen haben?

Wir werden es nicht mehr erfahren, auch wenn wir es uns denken können. Denn der große, seit dem Tod seiner ersten Frau mit einer Deutschen verheiratete und seit 1991 deshalb in Deutschland lebende Russe, ist tot. Gestorben während eines Gastspiels in seiner alten Heimat; denn nach Russland zog es ihn immer wieder, trotz seines hohen Alters. Die Menschen im heutigen Russland sind sozusagen mit ihm aufgewachsen. Sie liebten ihn wie keinen anderen Prominenten und er liebte sie. Jedes Kind in der ganzen Sowjetunion und im damaligen Ostblock lachte und weinte mit ihm. Er wurde ein Teil ihrer besten Erinnerungen. Auch meiner.

Doch am Mittwoch ist er, 86-jährig, für immer von uns gegangen; in Rostov am Don. Gottseidank friedlich eingeschlafen. In irgendeinem Hotel vor dem Fernseher. Vielleicht eine letzte Botschaft an uns? So eine „mediale Andeutung“ wäre als Abgang von der Weltbühne typisch für ihn gewesen, dessen tiefe Weisheit bei aller Akrobatik immer völlig überraschend, sparsam und unspektakulär daher kam und gerade deshalb so verständlich war und tief in die Seelen drang.

Nie schrie er das, was er zu sagen hatte, hinaus. Er drückte es aus! – leise, mit nur wenigen Gesten und atemberaubener Artistik. Doch jeder, selbst der jüngste Besucher, wusste im Zirkus genau, was der geniale Pantomime und Botschafter der kleinen und großen Kinder dieser Welt, ihnen bei allem Spaß mit auf den Weg geben wollte: Die Goldene Regel.

Er musste sich bei seinen Auftritten nicht mal groß schminken. Eine karierte Schirmmütze, eine Perücke und eine rote Knollnase. Das genügte. „Hans im Glück“, der Meister des allerfeinsten Humors der Menschenliebe, brauchte keine Clownsmaske. Er verbarg sich nicht. Jeder kannte sein Gesicht. Seine Komik lauerte auch niemandem auf. Sie war immer gütig.

Das Schönste an „Iwanuschka“ war deshalb sein schelmisches Lächeln des Mitfühlenden, sein riesengroßes Herz, seine tiefe Empathie für die leidende Kreatur, ob Mensch oder Tier. Seine Liebe machte wirklich vor niemandem Halt. Nicht einmal vor deutschen Politikern. Sie drang überall durch. Womit ich nun zu meinem ganz besonderen Erlebnis mit Clown Popow überleiten will, die auch eine persönliche Begegnung mit Johannes Rau gewesen ist.

Wie ich in Moskau Johannes Rau begegnete

Was unterscheidet einen Politiker vom Clown? Die Antwort habe ich ganz persönlich erleben dürfen! Nicht nur mit meinem Verstand, sondern auch mit meiner Seele. Sogar körperlich war der Unterschied zu spüren. Nicht in einem Zirkus, sondern etwas ähnlichem: Bei einem Empfang in der deutschen Botschaft in Moskau, den ich nie vergessen werde. 1986 war’s. Noch in der Sowjetunion also. Nicht lange zuvor war Gorbatschow an die Macht gekommen.

Ich gehörte zu einer damals „hochkarätigen“ Delegation von sicher nicht nur hochkarätigen Künstlern des Bochumer Schauspielhauses und der Jungen Deutschen Philharmonie, die während Nordrheinwestfälischer Kulturwochen ( so nannte man das damals), in der russischen Hauptstadt gastierten. Ich hatte am späten Abend zuvor, nach der ersten oder zweiten Vorstellung, einen wirklich tollen „Absacker“ in einem Luxushotel auf dem Roten Platz. Und mit toll meine ich toll. Denn ich wurde so gegen Mitternacht unfreiwillig Zeuge, wie deutsche Bühnenarbeiter, sturztrunken, wegen eines kleinen Streits, die einzige um diese Zeit noch geöffnete Bar im damaligen Moskau in ihre Einzelteile zerlegten.

Zusammen mit einigen späteren Schauspielgrößen des Wiener Burgtheaters, mit denen ich mich bis zu diesem Moment großartig und wirklich sehr niveauvoll unterhalten hatte, musste ich regelrecht türmen, um keinen Stuhl oder eine volle Flasche an den Kopf geworfen zu bekommen. Es wurde wirklich gefährlich und war wahrlich zum Fremdschämen gegenüber den Russen, unseren überaus großzügigen Gastgebern!

Dass niemand der Bochumer Theaterraudies verhaftet wurde und dieses schlimme und vor allem blamable Ereignis nicht in der Zeitung stand und auch sonst kein großes Nachspiel hatte, war wohl allein dem Umstand zu verdanken, dass die BRD-Scheckbuchdiplomatie vermutlich auch als NRW-Scheckbuchdiplomatie noch reibungslos funktionierte.

Natürlich war auch der damalige Ministerpräsident von NRW, Johannes Rau, in jenen Tagen in Moskau. Auch an ihn kann ich mich lebhaft erinnern. Ich weiß zwar bis heute nicht, wieso, aber er hatte sich gerade mich bei diesem oben erwähnten Botschaftsempfang in der deutschen BRD-Botschaft als Gesprächspartner ausgesucht. Doch dieser Vorzug war für mich alles andere als angenehm, wenn ich ehrlich bin. Denn der spätere Bundespräsident war damals noch Kettenraucher und stank mit Verlaub fürchterlich für einen Nichtraucher wie mich.

Er war durchaus nicht unsympathisch, wirklich sehr offen und freundlich zu mir, das muss ich zugeben. Insofern passte auch sein Spitznahme „Bruder Johannes“ ganz gut zu ihm, wenn man ihn mehr proletisch als theologisch oder freimaurerisch nimmt. Er fragte mich über alles mögliche aus. Meine Antworten, wenn ich denn zu Wort kam, schienen ihm zu gefallen und stachelten ihn zu immer neuen Fragen an.

Er war kleiner, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Und er wirkte auf mich als Mensch nicht im geringsten souverän, was ich, damals noch recht unerfahren in der Welt, eigentlich von einem Ministerpräsidenten erwartete. Eher schien er nur mit Mühe eine grundsätzliche Unsicherheit zu verbergen, die mich an fundamentale Selbstzweifel erinnerte.

Sein dunkelblauer Anzug war speckig und seine Finger völlig vom Nikotin vergilbt. Sein Atem roch nach vollen Aschenbechern, und was dieser offenbar schon damals krankhaft süchtige SPD- und Kirchenbonze so von sich gab, war in seinem Gehalt auch nicht besonders interessant, obwohl er eine Menge zu wissen schien und sehr interessiert daran war, es mir mitzuteilen; wobei er meine eher hingeworfenen Bemerkungen, die ja bei dieser Gelegenheit nicht mehr sein konnten als Smalltalk, wie ein Schwamm in sich aufsaugte.

Dennoch kann ich mich nicht mehr erinnern, worüber wir im Einzelnen gesprochen haben. Ich weiß nur noch, dass es um Kunst, Kultur, Theater, Film und Musik ging und ich mich nach einer Viertelstunde wirklich langweilte und von ihm weg wollte. Zumal ich gehofft hatte, mit Kirsten Dene jenes weitaus interessantere Gespräch vom Vorabend über den Dichter Heinrich von Kleist fortsetzen zu können, das durch die Prügelei in der Luxushotelbar so unschön beendet worden war. Ich schaute mich ständig nach ihr um, ohne sie jedoch in der Menschenmenge, die sich im kleinen Empfangssaal und im kleinen Garten kaum verteilen konnte, zu entdecken.

Eine halbe Stunde redete der Rau(h)e Bruder wohl im Ganzen auf mich ein. Immer wieder kamen zwischendurch wirklich schmierige Journalisten zu ihm, um ihn durch eine Schmeichelei zu einem Kurzinterview zu überreden. Aber auch eigene sowie Botschaftsmitarbeiter flehten zwischendurch geradezu um ein kurzes Gespräch oder auch nur um eine bloße Auskunft. Vergebens! Zu meinem wirklichen Erstaunen wies er sie mit dem Hinweis ausgerechnet auf mich jungen Burschen, mit dem er doch gerade ein wichtiges Gespräch führen würde, wirklich brüsk zurück. Da wurde mir klar, dass er mich keineswegs wegen irgend welcher Vorzüge ausgewählt hatte, auf die ich mir hätte etwas einbilden können, sondern vielmehr, um sich genau vor diesen Leuten in ein Gespräch zu flüchten.

War ich doch im Grunde ein Niemand in dieser Hierarchie und fühlte mich auch in dieser ganzen Gesellschaft von westlichen Politikern und Künstlern eher fremd. Denn meine Ausreise aus der DDR lag noch nicht lange zurück. Doch ich gestehe, dass ich mich gerade als dieser Niemand dennoch recht komfortabel fühlte; vor allem, als ich den ungeheuren Druck bemerkte, den diese verlogene Kamarilla sich permanent gegenseitig verschaffte, nur, um einen der wenigen Plätze an der Sonne zu ergattern, die mir in diesem Moment angesichts meines allzu menschlichen, wenn auch politisch wie gesellschaftlich außerordentlich hoch angesiedelten Gesprächspartners nur umso weniger erstrebenswert schienen. Wie Herr Rau oder die, welche sich zu ihm drängten, zu enden, war eine Vorstellung, die mich schnell von solch einem höheren Ehrgeiz heilte. Damals hatte ich mir innerlich geschworen, mich niemals einem solchen Druck auszusetzen und habe den Schwur auch bis heute halten können.

Trotzdem: Ich entging Johannes Rau an diesem Abend zunächst nicht. Er hatte offenbar regelrecht einen Narren an mir gefressen, während ich mich, ehrlich gesagt, mit ihm immer unwohler fühlte. Aber er tat mir irgendwie auch leid. Denn alles in allem machte er auf mich zwar den Eindruck eines in jeder Hinsicht bescheiden gebliebenen „Promis“, doch gewiss nicht eines großen Politikers; geschweige eines bedeutenden Ministerpräsidenten. Eher hielt ich ihn für einen überforderten, hilflosen, leicht zu beeinflussenden Mann in viel zu großen Schuhen.

Dass er die Spitzenstellung des größten Landes innerhalb der BRD einnahm, hatte mich, der ich ihn schon hunderte Male im Fernsehen gesehen hatte, jetzt so unmittelbar neben ihm stehend, wirklich in Erstaunen versetzt. Dass er mal Bundespräsident würde, wäre völlig jenseits meiner Vorstellungen gewesen. Aber gut: Was ihm später an Präsidentendarstellern in dieses Amt nachfolgte, darüber muss ich wohl hier kein Wort verlieren. Sie überragten, wie wir alle wissen, selbst einen wie ihn nicht. Im Gegenteil!

Wie Johannes Rau dem Clown Popow begegnete

Endlich, nach dem uns schon das zweite Glas gereicht worden war (wir beide tranken allerdings nur Wasser, was aber sichtlich nicht sein Lieblingsgetränk zu sein schien), verbreitete sich von einem Moment auf den nächsten ein großes Flüstern und Raunen unter den vielen Gästen. Das ganze Botschaftergebäude – eine schöne weiße, aber wahrlich nicht protzige klassizistische Villa mit kleinem Garten – wurde blitzartig erfasst. Es war nur ein Name, der von Mund zu Mund und Ohr zu Ohr weitergegeben wurde. Doch er versetzte die ganze Gesellschaft aus Politikern und Künstlern in pure Aufregung. Mich eingeschlossen.

Alles drängte sich Richtung Treppenhaus, als ob gerade so etwas wie ein Gott eingetroffen wäre. Sogar mein redseliger Gesprächspartner unterbrach sich unvermutet selbst, entschuldigte sich kurz bei mir und ließ sich vom Botschaftspersonal durch das Gedränge schieben; hin zu diesem Mann, von dem jeder flüsterte, der gerade eingetroffen war und noch kleiner und unscheinbarer schien als Bruder Johannes selbst.

Da standen sie sich nun gegenüber: Popow der Clown – nur diesmal in einem grauen Anzug und ohne seine Knollnase und Mütze – strahlte eine innere Vornehmheit aus, die so natürlich wirkte, dass sich Johannes Rau, der Politnarr mit geröteter Nase und vergilbten Händen, daneben wie ein kleiner, schmutziger Schulbube vor seinem Schuldirektor vorkommen musste, der ihn beim heimlichen Saufen und Rauchen in der Schultoilette erwischt hat. Diesen Anblick werde ich mein Lebtag nicht vergessen.

War die Botschaft mit ihren Gästen bis zu seiner Ankunft nicht mehr als ein Jahrmarkt der üblichen Eitelkeiten, bevölkert von mediokren Verkäufern ihrer selbst, so stand da plötzlich ein Mann im Mittelpunkt, der durch seine bloße Anwesenheit alle nur tief beschämen konnte. Und ich, schon damals beruflich bedingt durchaus nicht arm an persönlichen Begegnungen mit Menschen, die vor ihren Mitmenschen in Kunst und Politik als groß gelten, hatte trotz meiner spöttischen Neigung zum ersten Mal wirklich das Gefühl, dass da ein Mensch tatsächlich so was wie eine Aura hatte, die alles um sich herum beeinflussen konnte und selbst mir wirklich tiefe Ehrfurcht einflößte.

Dabei bin ich nur wenige Monate zuvor bei einer öffentlichen Audienz in Rom Papst Johannes Paul II. zum ersten Mal begegnet, war ihm auch ganz nahe gekommen (wenn auch noch nicht so nah) und hatte dennoch nichts davon gespürt. Obwohl ich nicht leugnen will, dass ich von ihm durchaus auch beeindruckt war. Zumal er gerade die Folgen des Attentats auf ihn überlebt hatte, was man ihm auch noch ansah.

Doch Stellvertreter Gottes auf Erden? Der Papst? Nein! Sofern es sich um einen liebenden Gott handelte, hatte diesen Titel in meinen Augen spätestens seit meiner Begegnung in Moskau nur einer verdient: Popow der Clown! Popow der Mensch! Selbst bei Johannes Rau konnte ich bemerken, dass ihn die Ehrfurcht regelrecht packte, als er den kleinen Mann begrüßte. Er wollte wohl dagegen ankämpfen, Ministerpräsident sein, doch das ließ jede seiner Gesten viel zu verräterisch linkisch erscheinen, während sich der kleine Mann im grauen Anzug ihm gegenüber völlig natürlich benahm und dabei von einer stillen Höflichkeit und Bescheidenheit war, die hier völlig fehl am Platz schien und genau deshalb noch viel mehr Eindruck machte. Wo sich hier doch jeder vor jedem produzierte, der ihm auf irgend eine Weise nützlich sein konnte.

Vielleicht muss man es wirklich mal so klar erlebt haben wie ich damals in Moskau, um diesen krassen Gegensatz von Mensch und Politiker nicht nur zu begreifen, sondern auch die ganze Atmosphäre hierzu zu empfinden. Auf der einen Seite stand also die Liebe, stand das große Herz eines Clowns, das selbst ohne Kostüm auch den Herzlosesten beeindrucken musste. Auf der anderen Seite stand die furchtsame Berechnung, ein kleiner Geist, ein überforderter Ministerpräsident, der ihm partou nicht in die Augen sehen konnte und deshalb ständig hilflos auf den Dolmetscher sah, wenn er zu Popow sprach.

Dem war das natürlich nicht entgangen. Also holte er doch tatsächlich eine rote Knollennase aus der Hosentasche, setzte sie kurz auf und fragte Rau im gebrochenen Deutsch: „So besser?“ Beide lachten kurz und genauso kurz hielt sich Popow bei ihm auf. So plötzlich, wie er erschienen war, verschwand er auch wieder von diesem Empfang. Ich aber hatte mich danach gleich in den Garten verzogen, um endlich frische Luft zu atmen und Kirsten Dene zu suchen, die ich aber nicht mehr fand. Ich bin mir heute gar nicht mehr sicher, ob sie denn überhaupt auf dem Empfang gewesen ist. Auch sie habe ich persönlich leider nicht mehr wieder getroffen.

Nun, durch seinen Tod, hat mich mein ganz persönlicher und wirklicher Stellvertreter Gottes auf Erden (wenn es denn tatsächlich einen geben soll), Clown Popow, an all das Geschehen vor 30 Jahren wieder erinnert. Und er hat mich daran erinnert, dass wir gerade jetzt die echten Clowns verteidigen müssen! -also die mit dem großen Herz, die, die uns in unserem ewigen Scheitern den Spiegel fröhlich vorhalten, weil sie uns Mut machen wollen, im besten Sinne Kinder zu bleiben und deshalb niemals aufzugeben. Erst recht nicht gegenüber den transatlantischen Horroclowns und ihren Herren und Meistern.

Danke Oleg Konstantinowitsch! Danke Du großer Clown Popow, Du kleiner „Iwanuschka“, dass es Dich gegeben hat! Sollte es tatsächlich auch noch einen Lieben Gott geben, dann wird er hoffentlich bald für Deine Wiedergeburt in einem neuen, großartigen Clown sorgen, der in Deine Fußstapfen treten kann. Haben wir und unsere Kinder in und um uns doch gerade in diesen Zeiten echte Clowns wie Dich so bitter nötig…

4 Kommentare zu Clown Popow ist tot!

  1. Sehr schön und vor allem auch glaubhaft emotional geschrieben! Jeder, der Popow selbst wenn auch nur kurz im TV erleben konnte, weiß was Sie meinen und ausdrücken wollen! Vielen Dank für diesen schönen persönlichen Nachruf!

  2. MutigeAngstfrau // 4. November 2016 um 11:50 // Antworten

    „Daß große Leute nur in der Ferne schimmern und ein Fürst vor seinem Kammerdiener viel verliert, kommt daher, weil kein Mensch groß ist.“ Immanuel Kant

    Der eine weiß es halt, der andere nicht.

    Vielen Dank für den schönen Nachruf auf einen Größtmöglichen.

  3. Clown ist ein ernster Beruf. Die meisten sind im Alltag ernste und nachdenkliche Menschen. Ich selber habe vom Herrn eine ausgesprochen ausdrucksstarke Mimik bekommen und sollte eigentlich Clown sein. Die Leute zum Lachen zu bringen, fällt mir leicht. Beruf verfehlt.

    Popow war ein Bodhisattva.

  4. Johannes Rau ein hohler Baum, der von Blüten und Blättern träumte, während Oleg Konstantinowitsch in voller Blütenpracht stand ?

    Hier ein Video der brillanten deutschen Band Novalis mit dem Titel
    “ Vielleicht bin ich ein Clown “

    https://youtu.be/tEb_ri4UesI

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*