AfD + Pegida nutzen den Mächtigen

Straßenschild der Wall Street. Quelle: Wikipedia / Foto: Vlad Lazarenko / Illustration: GEOLITICO Straßenschild der Wall Street. Quelle: Wikipedia / Foto: Vlad Lazarenko / Illustration: GEOLITICO
Mit rechtsradikalen Auswüchsen und einem neoliberalen Programm lenken AfD und Pegida die Bürger vom tatsächlichen Gegner ab: einem zerstörerischen Kapitalismus.

Spätestens seitdem die Weltwirtschaft 2008 vor dem Abgrund stand, jagt eine Krise die nächste. Die Bedrohung soll immer die gleiche sein: Es gehe um unser Hab und Gut oder noch schlimmer – um unser Leben. Wenn wir die Banken nicht mit Steuergeldern retten, wenn wir Griechenland nicht mit Bankrottdrohungen unterwerfen, wenn wir Putin nicht mit Sanktionen stoppen, wenn wir noch mehr Flüchtlinge ins Land lassen, wenn wir die Terroranschläge nicht mit totaler Überwachung eindämmen usw. … Immer soll uns ein herber Verlust drohen, oder gar der 3. Weltkrieg. So jedenfalls kann man den herrschenden Tonfall von Politik und Massenmedien der letzten Jahre wiedergeben.

Unruhe war im Land

Ein Großteil der Bürger begriff gleich, dass etwas faul im System war und positionierte sich dazu überwiegend links. Die Kritik war deutlich antikapitalistisch. Im Oktober 2011 gingen weltweit Millionen Menschen gegen „Raubtierkapitalismus“, Banken und soziale Ungerechtigkeit auf die Straße. In Deutschland waren es landesweit über 40.000 Bürger, die gegen Kapitalismus und Banken demonstrierten. Unruhe war im Land. Künstler und Intellektuelle schlossen sich der Kritik an.

Selbst führende Konservative wie der inzwischen verstorbene Frank Schirrmacher, damaliger Herausgeber der FAZ, äußerten sich kritisch zum kapitalistischem System. So schrieb Schirrmacher:

„Im bürgerlichen Lager werden die Zweifel immer größer, ob man richtig  gelegen hat, ein ganzes Leben lang. Gerade zeigt sich in Echtzeit, dass die Annahmen der größten Gegner zuzutreffen scheinen.“

Das Volk rief laut. Und begann wieder zu schweigen. Weltkriegsangst, Terrorangst und nicht zuletzt die Angst vor einer unkontrollierten Flüchtlingsflut bestimmten die Debatten im Netz, in Talkshows und Printmedien. Spätestens als im März 2015 bei den Demonstrationen gegen die EZB in Frankfurt ein paar linksmilitante Vermummte kamerawirksam Polizeiautos in Brand setzten, war der Protest gegen Kapitalismus nicht mehr salonfähig. Es ist möglich, dass sich unter die Demonstranten V-Leute gemischt hatten und im Auftrag des Staates den Protesten einen gewalttätigen Anstrich gaben. Es wäre nicht das erste Mal gewesen.

Die Saat in der Mitte der Gesellschaft

Ausschlaggebend für das Verstummen der Kapitalismuskritik war jedoch ein anderer Umstand: Ein für die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems sehr glücklicher „Zufall“ wollte es, dass auf dem Spielbrett der Systemkritik nun auch rechte Gruppen das öffentliche Bewusstsein erreichten und zur Alternative wurden. Nachdem die gefährlich groß werdende Gruppe von Systemkritikern auf der linken Seite erst einmal gestoppt war, wanderte nun eine große Zahl Enttäuschter auf die rechte Seite – mit freundlicher Unterstützung der Massenmedien.

SPIEGEL und BILD-Zeitung warben schon 2010 für Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab. Die Angst vor Überfremdung durch Muslime und die freie Gesellschaft als deren Opfer“. Über Jahre kam niemand an Sarrazin und seinen steilen Thesen zur Abendlandverteidigung vorbei. Die Saat in der Mitte der Gesellschaft war ausgesät.

Anfang 2013 gründete sich eine Partei, die sich das zu Nutze machte. Die „Alternative für Deutschland“ wurde sofort in alle Talkshows katapultiert und von der Online- und gedruckten Presse zu einer tatsächlichen Alternative hochgeschrieben. Wenig später formierte Lutz Bachmann aus seiner Facebook-Gruppe, die er 2013 als Fluthelfer gegründet hatte, eine Bewegung gegen eine neue „bedrohliche Flut“.

Es ist sicher kein Zufall, dass ihr Name „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ an Sarrazin, aber auch die rechten Thesen von Anders Breivik erinnert.

Rechte Positionen verdrängen Kapitalismuskritik

Kanzlerin Merkel höchstpersönlich hat der Pegida-Bewegung in ihrer Neujahrsansprache 2015 zu einer relevanten Größe in Deutschland gemacht:

„Heute rufen manche montags wieder ,Wir sind das Volk’. Aber tatsächlich meinen Sie: Ihr gehört nicht dazu – wegen Eurer Hautfarbe oder Eurer Religion. Deshalb sage ich allen, die auf solche Demonstrationen gehen: Folgen Sie denen nicht, die dazu aufrufen!“

In einem gesellschaftlichen Klima, welches von Systemkritik und Misstrauen gegenüber der politischen Elite geprägt ist, war das ein unbezahlbarer Werbeplatz zur besten Sendezeit auf ARD und ZDF. Rechte Positionen bestimmten die Debatte und hatten erfolgreich die Kapitalismuskritik verdrängt.

Das ist nicht nur gefährlich, weil rechte Positionen wieder offen diskutiert werden und damit an Akzeptanz gewinnen. Vor allem aber schneiden sich die Anhänger von AfD, Pegida & Co ins eigene Fleisch: Sie spielen genau denen in die Hände, die sie eigentlich kritisieren: der Machtelite.

„Kamp der Kulturen“

Die AfD positioniert sich in ihrem Parteiprogramm streng neoliberal, also gegen die Interessen des Mittelstandes und erst recht gegen die Interessen sozial Benachteiligter. Und Pegida erfüllt mit der Angst vor Überfremdung bzw. der Furcht vor angeblichen wirtschaftlichen und kulturellen Verwerfungen nur entsprechende Planspiele einer US-Elite. Die Abhandlung über ein für das 21. Jahrhundert prognostizierten „Kamp der Kulturen“ ist „erstmals erschienen im Sommer 1993 in der renommierten Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik „Foreign Affairs“ des Council on Foreign Relations“, schreibt Wikipedia.

Pegida und die AfD lenken einen erheblichen Teil von systemkritischen Bürgern von ihrem tatsächlichen Gegner ab – nämlich von der kapitalistischen Elite, die weiterhin auf Kosten der Gesellschaft ihr Vermögen ungestört vermehren kann. Hieraus ergibt sich folgende Situation: Die von kapitalistischen Machtspielen hart getroffenen Flüchtlinge werden zum Feindbild der durch den Kapitalismus benachteiligten Europäer.

Wenn man sich 2011 hätte ausdenken sollen, wie man der breiten Kapitalismuskritik entgegenwirkt, wie dieses kapitalistische System zu schützen wäre, dann wären diese Entwicklungen der perfekte Plan dafür gewesen.

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Über Björn Kügler

Björn Kügler ist freier Schreiber. Auf GEOLITICO beschäftigt er sich vornehmlich mit gesellschafts-politischen und sicherheitspolitischen Themen. Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | Weitere Artikel

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Falkenauge

Das ist zu einfach. Die Aufmerksamkeit wendet sich natürlicherweise dem Problem zu, das am unmittelbarsten auf den Nägeln brennt. AfD und Pegida haben ihre Berechtigung, auch wenn es stimmt, dass die AfD das Kapitalismusproblem noch nicht erkannt hat. Aber damit unterscheidet sie sich nicht von anderen Parteien. Die Migrantenströme sind auch von den neoliberalen Globalisten nicht deshalb in Gang gesetzt worden, um vom Kapitalismus abzulenken, sondern zu viel weiter reichenden Zielen s. https://fassadenkratzer.wordpress.com/2016/04/02/globale-planung-der-massenmigration/ Es stimmt auch nicht, dass die „von kapitalistischen Machtspielen hart getroffenen Flüchtlinge zum Feindbild“ würden. Das trifft nur für die hartnäckig am Totalitarismus des Islam festhaltenden integrationsunwilligen… Read more »

waltomax
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waltomax

Der real existierende Kapitalismus ist im Begriffe, sich selber zu zerstören. Falls es denn stimmt, dass die weltweit kursierende Geldmenge den Wert aller realen Güter um das zehnfache (und mehr) übersteigt, dann sind eben mindestens 90% aller Schuldverschreibungen ohne Deckung und daher wertlos. Dieser Umstand muss früher oder später eine „Wertberichtigung“ nach sich ziehen. Das gigantische Überangebot an Kapital findet seinen Niederschlag bereits in negativen Zinsen. Die in eine Rezession rutschende Weltwirtschaft bewirkt darüberhinaus ein weiteres Sinken der Kreditnachfrage, so dass immer weniger Kapital sich „rentieren“ kann. Weder wird in steigendem Maße konsumiert noch investiert, da niemand Waren und Dienstleistungen… Read more »

Bernhard
Gast
Bernhard

Auf einen fahrenden Zug aufspringen,und sich dann beschweren wenn er nicht ans Steuer gelassen wird.Warum nicht selbst etwas auf die Beine gestellt? Schau Dir Hörstel an, und Du wirst feststellen, er setzt Prioritäten.Erst wird das Schiff gerettet,dann kann auch die Rattenplage bekämpft werden.Wie hat die Schmierenpresse mal argumentiert: Die Wahlen kann man nicht anerkennen,weil die Oposition behindert wurde.Bildet sich eine Oposition aus hunderten Parteien und Organisationen heist es; „auf hinterhältige Weise wurde die Oposition atomisiert“(sowas passiert aber nur in Russland) Die AfD mit Ihren U-Booten(sind immer die ersten wenn eine Partei neu gegründet wird)wird nicht die Lösung bringen,genauso wenig wie… Read more »

Marcus Junge
Gast
Marcus Junge

Ja klar, linker Ergüsse als Heilsversprechen, wahrscheinlich weil dies seit 1917 immer sooooooo gut funktioniert hat, wenn es praktisch probiert wurde und „diesmal wird alles ganz anders“ (die Leichenberge noch höher und die Ruinen direkt zu Staub?). Kapitalismus ist das einzige Wirtschaftssystem, welches je funktioniert hat und Wohlstand schuf, für die Massen. Wenn Sie Kritik üben wollen, dann gehen Sie zum Schwundgeld, zum Zinseszins. Dann gehen Sie zum Sozialismus, der den Kapitalismus zersetzt hat. Ein Staat mit jenseits 50% Staatsausgaben für „Sozialleistungen“ (da fehlt das „A“ am Anfang), der die Dinge so reguliert und abwürgt wie in der EU /… Read more »

waltomax
Gast
waltomax

Ihr Motto:

„Die Heilslehre ist gescheitert, weil man sie nicht buchstabengetreu angewandt hat!“

Es ist natürlich der gleiche Schmarren, den die Kommunisten für ihr Scheitern ins Feld geführt haben.

Merke: Die Geschichte ist gnadenlos. Der Kapitalismus ist real gescheitert und muss verschwinden.

dragaoNordestino
Gast

@ Marcus Junge

Kapitalismus ist das einzige Wirtschaftssystem, welches je funktioniert hat und Wohlstand schuf, für die Massen.

Das stimmt, ich stimme Ihnen zu.

Der Fehler des Autors, ist das dieser meiner Meinung nach staatsmonopolistischer Kapitalismus mit Kapitalismus verwechselt.

Staatsmonopolistischer Kapitalismus.. allso die Verflechtung von Politik, Finanz und Industrie ist tatsächlich zerstörerisch.. und ja wenn im Artikel staatsmonopolitischer Kapitalismus gemeint sein sollte, dann kann ich dem Artikel weitgehend zustimmen.

Natürlich sind AfD, Pegida & CO. dazu da, das Volk bei Laune zu halten und vom staatsmonopolistischen Kapitalismus, ab zu lenken.

dw-seneca
Gast
dw-seneca

Das derzeitige Finanzsystem sollte man nicht als Kapitalismus bezeichnen sondern als Finanzsozialismus, das eine Umverteilung von unten und aus der Mitte nach ganz oben befördert. Kapitalismus setze ich nämlich gleich mit freier Marktwirtschaft, und kein Mensch käme auf die Idee, unser jetziges Wirtschaftssystem als freie Marktwirtschaft zu bezeichnen.
Aber davon abgesehen, gehört dieses Finanzsystem auf den Müllhaufen der Geschichte.

P. Herrmann
Gast
P. Herrmann

Das Gegenteil ist doch der Fall. Die Linken sehen vor lauter Nazis und böhsen Rechten nicht, daß sie sich mit ihrem Tun von den berühmten 1% vor den Karren spannen lassen. Oder glaubt allen ernstes jemand daß Murksel (samt anderer Regierungen) aus Nächstenliebe erst die finanzierung der UN Flüchtlingslager im Libanon und anderen Nachbarländern eingestellt haben, um dann die „Tore“ zu öffnen für die nun weitergezogenen Kriegsflüchtlinge?

nathan
Gast
nathan

Auch der Herr Kugler hat leider das politisch-soziale Koordinatensystem nicht begriffen, wie es eigentlich ist: Links die Sozialisten und Rechts als Gegensatz die Kapitalisten, die man ja nun einmal als DIE Rechten bezeichnen muß. Und dazu gehört CDU und FDP als liberale Klientelparteien des Kapitalismus. Die Nationalisten aber stehen dieser Achse von Linken und Rechten gegenüber. Das sollten auch die Nationalisten begreifen, daß sie nicht „rechts“ sind, denn sonst berauben sie sich ihrer intellektuellen Freiheit und Sichtweise auf das rechtskapitalistische System. Und dieses links-rechte antinationale System ist INTERNATIONALISTISCH! Zählen wir nun zu den Nationalisten die Pegida und AfD. Eigentlich die… Read more »

Carl Sand
Gast
Carl Sand

„wäre da nicht 2013 die AfD gegründet worden, um mit genau den gleichen Parolen wie die NPD, aber gefördert von den Medien“

Quatsch.

Die „Parolen“ der AfD wären noch in den 90er Jahren problemlos bei der SPD durchgegangen.

Unabhängig davon, dass ich in der Kapitalismuskritik vollumfänglich zustimme,
hören Sie sofort auf mit diesem hysterischen Herumgequietsche und der Naziriecherei.
Das ist eines denkenden Bürgers unwürdig.

nathan
Gast
nathan

@Carl Sand Erinnern Sie sich nicht, wie der Alt-AfD-ler Lucke damals in Talk-Shows genau damit konfrontiert wurde und er die (berechtigten) NPD-Parolen wie z.B. „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt“ rechtfertigen und publikumswirksam verbreiten durfte? Er sollte also die nationalen Protestwähler von der NPD wegsaugen und verdrängte sie so aus dem sächsischen Landtag und zog in weitere Parlamente ein, wo sonst die NPD das nationale Auffangbecken gewesen wäre. Das hat man bei der letzten Kommunalwahl in Hessen gesehen, denn dort, wo die AfD nicht antrat, erzielte die NPD zweistellige Ergebnisse! Daß solche Parolen, wie Sie behaupten, in den 90.Jahren… Read more »

Observer_1
Gast
Observer_1

Die hier getroffene links-rechts Schubladisierung aus der Zeit des Klassenkampfes ist nicht mehr zeitgemäß. In der Tat stellt eine solche Schubladisierung einen großen Unfug dar. George Soros zählt zweifellos zu einem der größten und skrupellosesten Börsenzocker und Kapitalisten überhaupt. In seinen Interviews vertritt Soros jedoch ausgesprochen linksextremes Gedankengut (bspw. „Global Governance“). Gleichzeitig finanzierte er das rechte Lager in der Ukraine und in Polen, und brüstete sich, den Aufstand am Maidan organisiert zu haben https://reclaimourrepublic.wordpress.com/2014/05/28/video-soros-admits-responsibility-for-sorosobamanulandkerry-coup-in-kiev-and-mass-murder-in-ukraine/ . Auch könnten die rechten Thesen von Anders Breivik genauso gut linke sein: Breivik grüßte stets mit der geballten Faust der Kommunisten , überraschte die Weltöffentlichkeit… Read more »

Hans S. II
Gast
Hans S. II

„Und Pegida erfüllt mit der Angst vor Überfremdung bzw. der Furcht vor angeblichen wirtschaftlichen und kulturellen Verwerfungen nur entsprechende Planspiele einer US-Elite. (…) Die von kapitalistischen Machtspielen hart getroffenen Flüchtlinge werden zum Feindbild der durch den Kapitalismus benachteiligten Europäer.“
Was ist denn das für ein Schwachsinn? Die durch die unbegrenzte illegale Masseneinwanderung zu erwartende Uberfremdung und die wirtschaftlichen und kulturellen Verwerfungen sind doch nicht „angeblich“, sondern Realität!