Erdogan im Syriensumpf der Mächte
Erdogan im Syriensumpf der Mächte

Erdogan im Syriensumpf der Mächte

Recep Tayyip Erdogan / Zeichnung © GEOLITICO Recep Tayyip Erdogan / Zeichnung © GEOLITICO
Eben noch verständigte sich Erdogan mit Erzfeind Putin. Jetzt marschiert er mit Unterstützung der US-Luftwaffe in Syrien ein. Mit wem ist Erdogan wirklich verbündet?

Eine der bizarrsten Siegesmeldungen der letzten Tage kam mal wieder aus der Türkei: Sultan Erdogan hat mit seinem Einmarsch im Norden Syriens den IS vollständig von der türkischen Grenze vertrieben, heißt es. Richtiger wäre wohl gewesen, man hätte berichtet, dass sich die IS-Kämpfer des türkischen Machthabers einfach mal wieder umbenannt haben, um erneut gegen sich selbst zu kämpfen.

So kann man also den IS effektiv vertreiben. Zynismus genügt! Glück gehabt! Und Recht dazu! Denn wieder bewahrheitet sich buchstäblich das alte Sprichwort, dass Namen nur Schall und Rauch und somit leicht zu besiegen sind -gerade auch in Bezug auf die Inszenierung sunnitisch-arabischen Terrors durch das wankende Imperium.

Endsieg geht also auch durch Umbenennung des besten Feindes und heimlichen Freundes! Die Welt kann aufatmen! Jetzt wird den künftigen Opfern des West-Östlichen Mörderdiwans nur noch gemäßigt der Kopf abgeschnitten. Auch die Kinder der Ungläubigen sollen davon profitieren! Da bieten sich für den neuhumanistischen Saladin von Ankara natürlich die syrischen Kurden förmlich an, die mit den „Bergtürken“ in seinem Reich gemeinsame Sache machen. Auf sie lenkt er nun die „gemäßigten Rebellen“, also die Überreste des Ex-IS des Imperiums.

Doch die „russischen“ Kurden werden denen den Gar ausmachen. Für Putin eine Win-Win-Situation. Denn dann sind diese seine Hyperaktiven beschäftigt und können nicht durch ihren militärischen Übereifer so einfach die Pläne des Kreml stören. Besteht doch die Gefahr, dass sie sich womöglich in der Endschlacht um Aleppo, für die sie im Grunde gar nicht vorgesehen sind, überengagieren und somit der ruhmreichen Assad-Armee den kommenden Sieg streitig machen.

Die politische Welt im Mainstream wie im Internet rätselt derweil, was der völkerrechtswidrige Einmarsch der Türkischen Armee mit Unterstützung der amerikanischen Luftwaffe und Duldung der Russen in Syrien ansonsten noch zu bedeuten haben könnte. Eben noch putschte der CIA gegen Erdogan. Eben noch verständigte sich Erdogan daraufhin mit Erzfeind Putin über eine Versöhnung. Und nun das! Mit wem ist dieser Erdogan denn nun eigentlich verbündet?

Irrungen und Wirrungen im Blätterwald

Die einen Medien berichten, es ginge dem Padischah um den Kampf gegen den IS und deshalb unterstützen die USA die türkischen wie die kurdischen Truppen. Andere meinen, Erdogan täusche die Großmächte. Es ginge ihm weniger um den Kampf gegen den IS als um den gegen die inzwischen auch mit den USA verbündeten syrischen Kurden. Denn deren YPG, eng mit der PKK verbunden, will die Grenze zur Türkei erobern und dicht machen, indem sie die von ihr besetzten und noch vom IS getrennten Gebiete zwischen den Grenzstädten Dscharablus und Azaz übernimmt und miteinander verbindet. Damit würde sie den IS-Korridor zur Türkei schließen und somit den verbliebenen Terrorbanden in Aleppo die letzte signifikante Versorgungsroute abschneiden.

Das muss Ankara um jeden Preis verhindern, denn es droht nicht nur die Vereinigung der syrischen und türkischen Kurden und eine von ihnen allein beherrschte Grenze zwischen der Türkei und Syrien, sondern damit auch der Kurdenstaat an sich, dessen Entstehung, wo auch immer, Ankara im Keim ersticken und mit allen Mitteln bekämpfen will, damit der massiv bedrohte türkische Nationalstaat in seiner jetzigen territorialen Ausdehnung bestehen bleiben kann.

Nun werden aber dieselben syrischen Kurden der YPG nicht nur von Russland in ihrem Kampf gegen den IS unterstützt, sondern, wie gesagt, auch von Washington, also den eigentlichen Terrorpaten des IS. Wie also können die beiden Großmächte es dulden, dass Erdogan ihre Verbündeten im Kampf gegen (im Falle der US-Kreuzfahrer auch für) den Kalifatstaat von römischen Gnaden angreift?

Die Sache ist natürlich wieder viel komplexer, als es sich unsere flachen Mainstreammedien träumen lassen, die uns nichts als Paradoxien zu bieten haben. Dabei ist es gar nicht so schwer, hier die gemeinsame Falle der Großmächte zu erkennen, in die der Möchtegernsultan aus Ankara gerade tappt. Nicht etwa aus Dummheit, sondern, weil er gar keine andere Wahl mehr hat. Washington wie Moskau haben ihn unter Zugzwang gesetzt. Und das zu einem Zeitpunkt, welcher den Triumphator über die CIA-Putschisten im eigenen Land zwingt, eine gründliche Säuberung innerhalb des eigenen Militärs und der eigenen Polizei vorzunehmen. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für den Beginn eines erfolgreichen Feldzugs auf syrischem Staatsgebiet. Allerdings beste Voraussetzung für die vor Ort rivalisierenden Großmächte, den türkischen Gröfaz militärisch zu verstricken, zu binden und vorzuführen. So lässt sich, wie schon bei seinem Irak-Abenteuer, das ihm noch treu ergebene Offiziersheer am effektivsten zermürben und gegen ihn aufbringen.

Osmanischer Traum von einer Sicherheitszone auf syrischem Staatsgebiet zerrinnt

 Die syrischen Kurden dürften durch ihren Durchmarsch bis vor die Tore der Grenzstadt Dscharablus Herrn Erdgoan mit dem Segen beider Großmächte gezwungen haben, sie taktisch anzugreifen und dabei syrisches Territorium völkerrechtswidrig zu verletzen. Denn sein panischer Vorstoß auf die letzte bedeutende Versorgungsverbindung zwischen türkischem Territorium und seinen in Aleppo eingekesselten IS-“Schweinehunden“ (das dann noch verbleibende Idlib eignet sich wegen des schwierigen gebirgigen Geländes nicht als brauchbare und sichere Nachschubroute) bedeutet, dass er erkannt hat, dass die syrische Armee schon bald Aleppo befreit haben wird, was ihm jeden künftigen Einfluss auf die Region nehmen muss.

Das wäre das Ende seines Plans, zuvor im syrischen Norden noch schnell eine türkische Sicherheitszone zu installieren und durchzusetzen, um der kurdischen PKK der Türkei den militärischen Rückzugsraum nach Syrien abzuschneiden. Angesichts des unerwartet schnellen Vormarschs der YPG auf Dscharablus fällt er nun panisch wie völkerrechtswidrig in Syrien ein – zur Freude Moskaus und zum Ärger Washingtons.

Obamas Incerlik-Lufttruppen stehen vor dem Dilemma, die kaum noch zu bremsenden Kurden relativ schwach und in Schach und die Schlacht um Aleppo am Kochen zu halten, um die Vorstürmenden und die Armee Assads weiter zu schwächen, die zum Bedauern der amerikanischen Kriegsfalken kurz vor der endgültigen Einnahme der wichtigsten Industriemetropole in Syrien steht. Eine schnelle militärische Entscheidung zugunsten Assads soll so lange wie möglich hinaus gezögert werden, um mit der noch rechtzeitigen Okkupation und internationaler Beanspruchung dieser Sicherheitszone durch die Türken Einfluss auf die kommenden territorialen Verhandlungen nehmen und die Lage zum Ärger der Russen (und je nach dem womöglich auch der Türken oder Kurden) weiterhin verkomplizieren und somit destabilisieren zu können.

Der Kreml lässt über seine Medien seine Unzufriedenheit mit dem Großtürken verbreiten, dürfte aber hinter vorgehaltener Hand mit dieser Entwicklung alles andere als unglücklich sein. Putin und sein Generalstab spielen ein bischen die beleidigte Leberwurst, weil ihre CIA-“Partner“, die gerade eben noch gegen Erdogan putschen ließen, dessen Panzertruppen bei ihrem Vormarsch Luftunterstützung gewähren. Dabei dürfte der russische Präsident dem türkischen bei seinem Besuch unmittelbar vor dessen Einmarsch signalisiert haben, dass ein kurzer türkischer Ausflug nach Syrien von ihm still toleriert werden würde, um die überaus flinken und erfolgreich operierenden Kurden an der Einnahme von Dscharablus zu hindern.

Das stand also nicht in der russischen Zeitung, aber das konnte es wohl auch nicht, um die Kurden nicht über das nötige Maß hinaus zu verstimmen. Denn die bekundete Absicht der syrischen Kurden, so bald wie möglich aus eigener Kraft einen Kurdenstaat auf dem Gebiet von Syrien auszurufen, hat nicht nur Erdogan unter Zugzwang gesetzt, sondern stößt keinesfalls auf Putins Zustimmung und auch nicht auf die Obamas. Beide wollen sich nicht von den syrischen Kurden ihre langfristige Strategie und Taktik vermasseln lassen, sondern die YPG gegen Ankara benutzen, um auf Kosten türkischen Territoriums in Ostanatolien ein mit untereinander verfeindeten türkischen, syrischen, irakischen und auch iranischen Kurdenstämmen nationalistisch vereinigtes, aber schwaches Kurdestan zu installieren.

Mit anderen Worten: Jede der in diesem Konflikt miteinander oder gegeneinander verbündeten Parteien verfolgt ihre ganz eigenen Interessen und alle sind insofern gleichzeitig und mehr oder weniger miteinander verfeindet. Allianzen sind hier nur reine Zweckbündnisse, die sich schnell wieder umgruppieren können. Jede Partei versucht, für sich das beste rauszuholen: Obama, Putin, Assad, die Kurden und Erdogan. Nur das Letzterer als Einziger wirklich schlechte Karten hat.

Vorspiel zur Auflösung der türkischen Ostgrenzen?

Der Präsident der Türkei ist damit nun nicht nur im syrischen Kriegssumpf, in dem man seine miltärische Stärke enorm schwächen kann; so, wie die Kriegsmaschine der Saudis im Jemen geschwächt wurde oder die von Saddam Hussein, als er im Vertrauen auf das OK der USA in Kuweit einmarschierte. Die territoriale Integrität des türkischen Nationalstaates steht wie nie zuvor auf dem Spiel. Folglich musste Erdogan so handeln! Er hat im Grunde keine anderen Optionen! Zumal seine nach dem Putsch prekäre Machtstellung gerade auch innerhalb des Militärs durch einen äußeren Krieg wieder gestärkt werden könnte. Auch die innere Kontrolle über das Militär lässt sich in einer forcierten Kriegssituation natürlich viel energischer gegen die inneren Feinde durchziehn; mit Standgerichten und allem sonstigen Drum und Dran, was das Kriegsrecht legitimiert.

Normalerweise funktioniert das auch so. Nur ist das Militär eben seit dem Putsch erst recht Spielball des Imperiums wie der Russen. So haben Letztere, so heißt es und so wird es von denen dementiert, den Türken gerade erst einen Besuch des russischen Generalstabs angekündigt. Der kam dann nicht und verneinte öffentlich, überhaupt die Absicht gehabt zu haben, Erdogans Armee zu besuchen. Die Amis lassen derweil den Gröfaz aus Ankara auflaufen, indem sie seinen Traum von einer Sicherheitszone im Norden Syriens scheinbar unterstützen, von deren Realisierung sie jedoch nur zu genau wissen, dass Putin sie nicht zulassen wird; was wiederum zwischen ihn und Erdogan einen Keil treiben muss.

Indem nun der Kreml via Medien seine Unzufriedenheit mit dem Vorstoß Erdogans erkennen lässt, der doch andererseits gerade fest bekundet hat, an guten Beziehungen mit Moskau interessiert zu sein, da nur die Russen ihn vor der CIA und ihren Plänen mit ihm retten können, hat er dafür gesorgt, dass der in der Falle der Großmächte zappelnde Padischah mit seinem überstürzten wie völkerrechtswidrigen Einmarsch in Syrien Russland als Schutzmacht der syrischen wie türkischen Kurden wenigstens offiziell ein weiteres Mal „enttäuscht“. Somit gab er mit seiner jetzigen militärischen Aktion den Russen ein starkes Druckmittel gegen ihn in die Hand, für den Fall, dass er mal wieder ihren Schutz gegen seine „Partner“, die NATO-Römer, braucht.

Der russische Präsident kann damit gleichzeitig auch noch die NATO vor Ort weiter destabilisieren, welche durch ihr Doppelspiel die ja inzwischen (sehr zum Ärger Ankaras) auch mit den Amerikanern verbündeten syrischen Kurden der YPG ordentlich verstimmt. Das erspart den Russen, ihrerseits diese Kurden zu verstimmen, denn weder Moskau noch Washington werden ihnen den Wunsch erfüllen, einen separaten kurdischen Staat auf syrischem Territorium errichten zu dürfen (was sie kürzlich ja schon versuchten).

Die Großmächte wollen einen uneinigen Kurdenstaat

Beide Großmächte brauchen für ihre geopolitischen Pläne zur Schrumpfung der Türkei einen kurdischen Staat, der alle Stämme, auch die der Türkei, des Irak und Iran in sich vereint und das künftige türkische Militär des künftigen, erheblich verkleinerten türkischen Nationalstaats auf dem ursprünglichen Territorium der alten Osmanen in Schach hält. Sie brauchen keinen kleinen, einigen Kurdenstaat auf dem Gebiet Syriens. Sie brauchen einen großen uneinigen! Und damit das auch klappt, und die syrischen Kurden entsprechend diszipliniert werden, lassen Obama und Putin nun Erdogans Bodentruppen die Schmutzarbeit gegen die noch immer zu eigenständig operierenden Kurden der syrischen YPG erledigen, die sonst wohl an ihnen hängen geblieben wäre.

Der Unterschied in ihrer diesbezüglichen Zielsetzung ist bisher lediglich, dass das Imperium die panturanistischen Kräfte unterstützt (also vornehmlich die irakischen Kurden, die ein internationalistisches, sunnitisches Kalifat anstreben und somit nach den Vorstellungen des Imperiums in Zukunft anstelle der Türken die Südflanke Russlands destabilisieren sollen), während die Russen die syrischen und türkischen Kurden stärken wollen, um aus dem künftigen Kurdistan einen funktionierenden und berechenbaren Nationalstaat zu formen, der allein mit der kommenden euroasiatischen Entwicklung des chinesisch-russischen Seidenstraßenkonzepts kompatibel sein kann.

Sie brauchen also berechenbare YPG-Kurden und müssen daher Erdogan geradezu danken, dass er sozusagen russische „Disziplinarmaßnahmen“ gegen sie durchführt, in dem er sie an der Einnahme von Dscharablus und der Überschreitung des Euphrats hindert. Das können sie natürlich nicht laut verkünden. Aber es dürfte wohl jedem klar sein, dass Erdogan bei seinem letzten Besuch bei Putin von diesem für eine „begrenzte Aktion“ grünes Licht bekommen hat. Als Werkzeug der Russen!

Der IS (die „gemäßigten Rebellen“, die „Freie Syrische Armee“ und was da noch so unter welchem Namen auch immer an arabisch-sunnitischen Terror -und westlichen Söldnerbandentum im Norden Syriens mit Unterstützung der imperialen NATO operiert) fungiert also auch hier wieder nur als williges Werkzeug der miltärischen Strategien und Taktiken der „westlichen Wertegemeinschaft“ bei der zukünftigen Neuaufteilung der eurasischen Landmasse. Mit anderen Worten: Er war, ist und bleibt als NATO-Chamälion der Lieferant unterschiedlichster Legitimationen von Kriegszielen, die sich die rivalisierenden „Verbündeten“ und deren Vasallen in Eurasien gegenseitig liefern.

Wer siegt und wer verliert?

Schaut man aber genauer darauf, bei welcher kämpfenden Partei es jetzt in Syrien tatsächlich ganz objektiv nur noch um Sieg oder Niederlage geht, dann stehen auf der Seite der Niederlage nur die Türken, der IS und die EU. Der türkische Nationalstaat wird geschrumpft. Der IS verliert seine Existenz, die EU nach dem Brexit ihren Einfluss. Deren verbliebene und von den Großmächten global immer stärker niederkonkurrierte Wirtschaftsmacht, gezogen vom lahmen „EU-Lokomotiven-Tandem“ Hollande und Merkel, darf bestenfalls an den Katzentisch.

Alle anderen Parteien im Syrienkonflikt (der sich mehr und mehr zu einem Türkeikonflikt entwickelt), also das angloamerikanische Imperium, Russland, China, Syrien, Kurden, Libanesen (Hisbolla) können aus dieser Entwicklung Gewinne ziehn: Die USA, Israel und GB gewinnen Einfluss auf die weitere innerkurdische Entwicklung in Syrien, Irak und der Türkei. Die Russen sogar noch weitaus mehr, denn sie werden zur militärisch entscheidenden Garantie -und Schutzmacht der territorialen Integrität Syriens und eines künftigen Kurdenstaates, während China beinahe konkurrenzlos seine ökonomische Potenz in die syrische Waagschale wirft. D.h., Syrien wird wichtiger Teil der eurasischen Seidenstraße. Die Kurden bekommen ihren eigenen Staat, die libanesische Hisbolla wird mit Hilfe der Chinesen und des Iran im Libanon künftig die Macht über die ökonomischen Geschicke des Landes dominieren.

Ausblick mit Israel

Nur Israel wird bei dieser Entwicklung gleichzeitig gewinnen und verlieren. Es wird gewinnen, weil sich ihm Dank der nun Schlag auf Schlag folgenden eurasischen Entwicklung neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen. Verloren hat es bereits seine militärische Vormachtstellung als Panzerkreuzer des Imperiums in Arabien und im Nahen Osten. An Moskau und Peking, die allein Perser und Araber und deren unverbrüchlichen Haß auf den vom westlichen Imperium installierten Judenstaat im Zaum halten können, kommen sie nicht mehr vorbei.

Damit kann Israel aber gut leben, denn beide Mächte werden die Araber und Perser zwingen, Frieden mit ihm zu halten. Somit kommt es auch nicht von ungefähr, dass Israel nun auch seine Atomwaffen quasi öffentlich zugab, in dem es den internationalen Teststoppvertrag für Atomwaffen unterschrieben – wenn auch noch nicht ratifiziert hat. Wie die Araber und Perser so werden auch die Israelis das große eurasische Seidenstraßenprojekt als ihren ökonomischen Vorteil erkennen. Das wird die politreligiöse Zwanghaftigkeit im Umgang miteinander erheblich mildern und pragmatisch Frieden schaffen.

Das bedeutet aber auch, dass Tel Aviv sich eher kurz -als langfristig vom evangelikalen Zionismus und von seiner internationalistischen Neocon-Ideologie trennen -, seine expansionistische Siedlerpolitik aufgeben -und einen palestinensichen Staat akzeptieren muss. Kurz: Wie die Türkei und Kurdistan muss auch Israel ein Nationalstaat werden (also zur Grundidee von Herzl zurückkehren) und auf seine panisraelischen Träume und Visionen vom großisraelitischen Herrschaftsraum verzichten, die Tel Aviv jetzt ohnehin nicht mehr durchsetzen kann. Denn ansonsten gäbe es tatsächlich nur noch die Option eines gemeinsamen Staates von Israelis und Palestinensern, was aber das Ende des Judenstaates bedeutet.

5 Kommentare zu Erdogan im Syriensumpf der Mächte

  1. Die Türkei ist Nato-Mitglied, warum denken Sie, dass man diesen Verbündeten schrumpfen lassen will?
    Denken Sie wirklich, die Kurden werden nach so viel Kraft und Märtyrer das Projekt Rojava einfach aufgeben?
    Was denken Sie, wird mit dem Barzani – Clan in naher Zukunft geschehen?
    MfG

    • Diogenes Lampe // 10. September 2016 um 22:59 // Antworten

      Um es bei Ihrer Frage 1 kurz zu machen: Bitte lesen Sie meine früheren Artikel über die Türkei-Thematik hier auf Geolitico. Das wird Ihre Fragen über meine Sicht der Dinge umfassend beantworten. Wenn Sie dann noch Fragen haben, dann immer gerne!

      2. Zum Barzani-Clan als einen von vielen Clans in der kurdischen Clangesellschaftsstruktur kann ich in punkto Zukunft nur andeuten, dass er wie alle anderen Clans weiterhin seine Interessen durchsetzen will, aber letztlich nicht um einen Interessenausgleich mit seinen Machtkonkurrenten herum kommt. Das gilt umgekehrt auch für diese. Hier wird also der Vorrang von Machtwille oder Einsicht in die Notwendigkeit entscheiden; kurz, politische Intelligenz. Der bloße Machtwille neigt (erst recht bei Gefahr) zur Kurzsichtigkeit bis Blindheit; keine gute Voraussetzung für notwendige Flexibilität und Reform. Das rechtzeitige Erkennen des Notwendigen dagegen macht sehend und beweglich. Das ist sozusagen nicht nur für Barzanis Clan und seine nahe wie ferne Zukunft naheliegend.

      Somit habe ich vorerst aber auch wenig Hoffnung, dass nicht nur sein, sondern sämtliche Kurden-Clans es den westlichen und östlichen Großmächten schwer machen werden, sie beliebig zu manipulieren. Man sollte sich da keine Illusionen machen: Der kommende Staat Kurdistan liegt nur als einiger aber schwacher Nationalstaat (also ohne Panturanismus mit Kalifatsgedanke) im Interesse der Großmächte Eurasiens. Und ich sehe keinen kurdischen Attatürk, der es mit ihnen als großer Vereiniger der kurdischen Nation aufnehmen könnte.

      Das westliche Imperium wird dies immer zu nutzen versuchen, um die panturanistisch geprägten Kurden des Irak gegen die russische Südflanke zu positionieren. Ob dies langfristig gelingt oder nicht, hängt nach Verwirklichung des west-östlichen Projekts Kurdenstaat von der kommenden ökonomischen Entwicklung der Region durch das Seidenstraßenprojekt Chinas und Russlands ab, die sich für das kommende Kurdistan als Nationalstaat aber sehr positiv auswirken kann, sofern dieser Staat durch seine soziale Struktur dann auch die gerechte Verteilung unter den Clans sicherstellt, ohne dass der eine unter die Religion oder Ideologie des anderen gestellt wird. Die türkisch-syrischen Kurden müssen ihre Ideologie vom Staat trennen und die irakisch-iranischen von der Religion. Dann erst sind die einen vor den anderen sicher und können wirtschaftlich wie kulturell sinnvoll miteinander als starke Nation kooperieren.

      Es ist somit mit der Teilung der kurdischen Stämme ein bischen wie mit der Teilung Deutschlands zwischen West und Ost: Letztlich könnte es noch lange dauern, bis da national zusammenwächst, was zusammen gehört; auch dann, wenn von den Großmächten bereits ein Einheitsstaat geschaffen worden ist.

  2. Schaut man sich die kurdischen Nachrichten heute an, wurden über 28 demokratisch gewählte Bürgermeister verhaftet und durch türkische Nationalisten ersetzt. EU schweigt und will sogar die Visa-Freiheit weiterhin einführen, obwohl diese nur für die Kurden gedacht ist. USA hat lediglich sein Bedauern über die Situation ausgesprochen und von den Russen kam nichts. Ich weiß nicht, ob die Russen wirklich für einen Kurdenstaat selbst in der Türkei sind. Noch hält man sich da sehr zurück.

  3. Ziemlich detaillierte Analyse, die ich auf die Schnelle nicht in allen Detail sicher nachvollziehen kann. Es bräuchte dazu meinerseits mehr Zeit, die ich jetzt nicht habe. Sehr wichtig ist mir aber das grundsätzliche Fazit, dass die auf uns „zurollenden“ eurasischen Großinfrastrukturprojekte diesen ewigen Kreislauf von Krieg und vorübergehender Abwesenheit von Krieg in einen dauerhaften Frieden verwandeln können, der dann letztenendes allen nutz und nur dem „Imperium schadet. Und das ist NICHT schade!

  4. Eine hervorragende Analyse, die das verworrene Spiel der Großmächte etwas verständlicher werden lässt. Auf die Entstehung eines Kurdenstaates wies bereits Thomas Barnett in prophetischer Weise in seinen Schriften hin. Ebenso wie auf die notwendige Pflicht Europas, Millionen junger Männer aus arabischen Staaten aufzunehmen. Die Destabilisierung der arabischen Staaten, wird von ihm als strategisches Ziel der USA propagiert und inzwischen erfolgreich umgesetzt. Weiter wird dort der überraschende Anschluss der Türkei an die EU für die Zeit von 2015 bis 2020 angekündigt. Wir sind kurz davor! Sogar die wachsende militärische Rolle Russlands im Nahen Osten wird von ihm erwartet und begrüßt. Die zunehmende Rolle Chinas und seine Handelsinteressen mit steigendem Energiehunger und damit wachsendem Einfluss auf die Ölstaaten wird dort vorhergesagt.
    Liest von unseren „Fachleuten“ keiner diese äußerst aufschlussreichen Schriften?
    Es läuft doch alles nach Plan! Man hat den Eindruck, das US Außenministerium, die Obama Regierung und die CIA spielen unterschiedliche Partien in diesem Schachspiel, aber am Ende kommt immer das heraus, was Barnett vorgedacht hat. Ist doch merkwürdig, oder?

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