Geld ist nur sozial, wenn es altert
Geld ist nur sozial, wenn es altert

Geld ist nur sozial, wenn es altert

Zwei Euro EZB © GEOLITICO Zwei Euro EZB © GEOLITICO
Eine wahrhaft soziale Ordnung setzt voraus, das Geld zum reellen Konkurrenten der Ware, zum gerechten Faktor des reinen Tausches wird. Geld muss altern wie jede andere Ware.

„In der sozialen Ordnung ist die
Gegenseitigkeit die Formel der Gerechtigkeit.“
P. J. Proudhon

 

Das heutige Geldsystem macht es möglich, dass das Geld in großem Stile als Macht- und Ausbeutungsinstrument missbraucht werden kann. Es vermehrt sich auf wundersame Weise von selbst, ohne dass dazu eine Leistung erbracht werden müsste. Man kann bei genügender Menge seine Lebenskosten davon bestreiten, ohne dass sein Bestand vermindert oder gar sein Zuwachs erheblich eingeschränkt werden würde. Man kann sein ganzes Leben unzählige andere wie Sklaven für sich arbeiten lassen. Es erlaubt, große wirtschaftliche Macht und im Gefolge ungeheure politische Macht aufzubauen. Geld regiert die Welt.

Dieses Geldsystem ist kein von einer höheren Macht verhängtes Naturgesetz. Es ist Menschenwerk. Es kann und muss dringend geändert werden. Im Folgenden soll es nicht um eine Betrachtung des komplexen Geldsystems in seiner Gesamtheit gehen, sondern um den Versuch, die Funktion des Geldes auf einige soziale Grundgedanken zurückzuführen, denen jeder, der nicht durch selbstsüchtige Interessen blockiert ist, zustimmen kann. Vor diesen Grundideen müssen sich alle Details des heutigen Systems sozusagen verantworten.

Geld ist ein Leistungsnachweis

Die eigentliche Funktion des Geldes ist es, den ursprünglich sehr umständlichen direkten Gütertausch zu vermitteln. Als in alter Zeit eine Person A Getreide bei B gegen eine Säge tauschen wollte, der aber eine Hose brauchte, die A bei C erst gegen einen Handwagen erwerben konnte, den er zuvor gegen sein Getreide bei D eintauschte, waren der Handel und der damit verbundene Wertvergleich sehr schwierig. Diese Tausch- und Bewertungsschwierigkeiten werden durch das Geld in vollkommener Weise überwunden. Das Geld repräsentiert eine allgemein akzeptierte zahlenmäßige Werteinheit, in die jede Ware oder Leistung getauscht werden kann, um dafür dann jede benötigte Ware oder Leistung zu erwerben. Anders als in der Zeit der Gold- und Silbermünzen, die selber noch ein Gut waren und Warenwert besaßen, hat das Geld heute keinen Eigenwert mehr. Es ist selbst nur ein Zeichen für ein Gut, das den Gütertausch selbstlos vermittelt.

Wie man beim früheren reinen Gütertausch Waren oder sonstige Arbeitserzeugnisse (Dienstleistungen) nur erwerben konnte, wenn man eigene Waren oder Arbeitserzeugnisse dafür anbot, setzt der Besitz des Geldes, wenn es gesund ist, voraus, dass man zuvor eine Gegenleistung in den Wirtschaftsprozess eingebracht hat. Denn der Leistung muss eine entsprechende Gegenleistung gegenüberstehen, wenn es gerecht zugehen soll. Geld ist also im volkswirtschaftlich-rechtlichen Sinne ein Leistungsnachweis für getane Arbeit, das dadurch gerechterweise einen Anspruch auf Gegenleistung gewährt, hinter der die Arbeit anderer steht. Dies brachte Rudolf Steiner bereits 1919 auf den Punkt:

„… Geld kann im gesunden sozialen Organismus nichts anderes sein als eine Anweisung auf Waren,, die von anderen erzeugt sind und die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb beziehen kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben hat. … Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze Wirtschaftsleben für jeden. Innerhalb des Wirtschaftslebens hat man nur mit Warenwerten zu tun. Für dieses Gebiet nehmen auch die Leistungen, die entstehen aus der geistigen und der staatlichen Organisation heraus, den Warencharakter an. Was ein Lehrer an seinen Schülern leistet, ist für den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer werden seine individuellen Fähigkeiten ebenso wenig bezahlt wie dem Arbeite seine Arbeitskraft. Bezahlt kann beiden nur werden, was, von ihnen ausgehend, im Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann.“[1]

Das Geld ist also als Rechtsdokument eine Anweisung auf Arbeitserzeugnisse, das aber den Tausch nur dann gerecht vermittelt, wenn es ebenfalls durch selbst erzeugte Arbeitserzeugnisse erworben worden ist. Nur sieht man diese Voraussetzung dem Geld selbst nicht an. Es bleibt auch dann eine gültige Anweisung auf die Produkte fremder Arbeit, wenn es ganz oder teilweise nicht durch eigene Arbeit erworben worden ist, Daher kann es leicht missbraucht werden.

Die Ausbeutung

Der letzte Satz Steiners bedeutet eine wichtige Eingrenzung dessen, womit im Wirtschaftsleben gegen Geld überhaupt getauscht werden kann: nur mit dem, was Warencharakter hat und haben darf. Das sind nur die Erzeugnisse der Arbeit, nicht die Arbeit selbst. Dagegen wird in größtem Maße gesündigt. Und darin liegt eines der größten sozialen Probleme begründet.

„Innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus so eingegliedert, dass sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware dem Arbeitnehmer abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen Geld (als Repräsentant der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in Wirklichkeit gar nicht vollziehen. Er scheint sich nur zu vollziehen. … Geld und Arbeit sind keine austauschbaren Werte, sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit, so tue ich etwas Falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in Wirklichkeit kann ich nur Geld für Arbeitserzeugnis geben.“ [2]

Dieser Scheinvorgang hat aber furchtbare Konsequenzen. Die individuellen Fähigkeiten, die Arbeitskraft und, da sie vom Menschen nicht zu trennen sind, letztlich der Mensch selbst werden menschenverachtend wie eine Ware behandelt, die auf einem „Arbeits-Markt“ als auf einem kaschierten modernen Sklavenmarkt angeboten und gekauft wird. Der Mensch wird als „Abhängig-Beschäftigter“ im Betriebsablauf neben Gebäuden, Maschinen usw. als weiterer Produktionsfaktor angesehen, und Produktionsfaktoren werden so günstig wie möglich eingekauft, hier also entlohnt.

In Wirklichkeit nimmt der Eigentümer des Unternehmens von dem Mitarbeiter Arbeitserzeugnisse entgegen, den Anteil an der Ware, den der Mitarbeiter im gemeinsamen Produktionsprozess zum Gesamtprodukt beisteuert. Und er gibt ihm dafür mit dem niedrigen Lohn einen viel zu geringen Gegenwert. Er kann ihn durch seine im heutigen Eigentumsrecht begründete wirtschaftliche Übermacht ausbeuten. Das Prinzip der Gegenseitigkeit bedingt ein Rechtsverhältnis von Gleichen, die sich in einem Unternehmen zusammentun, um die unterschiedlichen Fähigkeiten jedes Einzelnen, die alle benötigt werden, zur gemeinsamen Produktion von Erzeugnissen zusammenkommen zu lassen. Aus dem Erlös der gemeinsam erzeugten Waren muss dann anteilig das Einkommen jedes Einzelnen bestritten werden. Doch dies ist ein eigenes Thema, das an anderer Stelle behandelt ist (vergl. „Zeit für echten Unternehmer-Ethos“)

Auch Grund und Boden ist keine Ware, die durch menschliche Arbeit hergestellt und dadurch auch beliebig vermehrt werden kann. Der Boden ist ohne unsere Arbeit vorhanden, und sein Besitz vermittelt bei in der Regel nur begrenzter Verfügbarkeit eine Monopolstellung. Er kann im Grunde auch nicht gegen Waren, repräsentiert durch das Geld, eingetauscht werden. Das ist ebenfalls ein Scheinvorgang. In Wirklichkeit geht nicht das Grundstück, sondern das Recht auf seine alleinige Benutzung über. Ein reiner Warentausch greift nicht in das übrige Rechtsverhältnis der Beteiligten ein. Durch den Tausch von Waren (Geld) gegen Rechte aber sind Rechtsbeziehungen betroffen. Der Eigentümer eines Grundstückes schließt andere von dessen Benutzung aus und bringt diejenigen, „die zu ihrem Lebensunterhalt von ihm zur Arbeit auf diesem Grundstück angestellt werden, oder die darauf wohnen müssen, in Abhängigkeit von sich.“[3] Er kann sie in ein rechtliches Abhängigkeitsverhältnis zwingen. Rechtsverhältnisse dürfen jedoch nur frei vereinbart, nicht aber per wirtschaftlichem Tausch begründet werden.[4]

Die zentrale Funktion des Geldes besteht also darin, einen auf Gegenseitigkeit beruhenden Tausch von Arbeitserzeugnissen zu vermitteln. Sobald es darüber hinausgreift, wird es missbraucht und führt zur Macht über andere.

Waren- und Geldvolumen

Es ist klar, dass sich Warenvolumen und Geldvolumen entsprechen, in einem Gleichgewichtszustand stehen müssen, um Preisstabilität zu gewährleisten. Diese hängt natürlich auch noch von anderen Faktoren ab, die aber hier nicht zu besprechen sind. Zum Geldvolumen gehört aber nicht nur die Geldmenge, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Das Geldvolumen ist das Produkt aus der Geldmenge und der Geschwindigkeit ihres Umlaufs. Ein 10-Euro-Schein kann einmal oder auch zwanzigmal an einem Tag umgesetzt werden und hält dann nicht nur für 10, sondern für 200 Euro Nachfrage nach Arbeitsprodukten. Die wirtschaftliche Wirkung ist also im zweiten Fall zwanzigmal größer.

Steigt die Geldmenge oder die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, erhöht sich das Geldvolumen mit der Folge, dass die Nachfrage nach Arbeitserzeugnissen und damit der Durchschnittspreis steigen. Steigende Produktion und Absatzgeschwindigkeit der Waren bedeuten erhöhtes Angebot, das den Durchschnittspreis senkt. Im Durchschnittspreisniveau drückt sich nicht der steigende oder fallende Bedarf nach einzelnen Gütern aus, sondern das Verhältnis vom Gesamtwarenvolumen zum Gesamtgeldvolumen. Das Durchschnittspreisniveau ergibt sich aus dem Durchschnitt sämtlicher Preise der einzelnen im Preis schwankenden Waren.

Während die Einzelpreise im Marktgeschehen notwendig schwanken, muss das Durchschnittspreisniveau möglichst konstant gehalten werden. Steigt es, müssen die Verbraucher mehr Geld ausgeben als vorher, erhalten also weniger Waren für das gleiche Geld. Das Geld verliert an Kaufkraft, d.h. dass die Menschen für ihr Geld wertmäßig weniger bekommen, als sie vorher selbst an Werten oder Leistungen dem Markt zugeführt hatten. Wir haben es mit einer Inflation zu tun. Sinkendes Durchschnittspreisniveau dagegen geht zu Lasten der Erzeuger, die unter Umständen nicht einmal die Selbstkosten ihrer Produkte hereinbekommen (Deflation).

„Wie eine Landschaft durch Überflutung bei Hochwasser mit allen Kulturen und Wohnstätten geschädigt werden kann, so auch bei Trockenheit und Dürre. Hier wird alles vorhandene Leben ertränkt und damit vernichtet, da wird es durch die Gluthitze der Dürre in den Keimen erstickt und verbrannt. So sind auch Inflation und Deflation Ausdruck einer alles überschwemmenden oder einer versiegenden ´Geldströmung´. Diese beiden möglichen Wirtschaftskrisen werden durch das Schwanken des Durchschnittspreisniveaus hervorgerufen.“[5]

Die Überlegenheit des Geldes über die Waren

Das Geld ist den anderen Tauschobjekten weit überlegen. Es ist handlich, einfach aufzubewahren, sein Tauschwert sofort erkennbar, als Giralgeld-Forderung sogar immateriell, und es ist leicht verfügbar. Das macht seine Liquidität aus (lat. liquidus – flüssig).

„Die Überlegenheit des Geldes als eines Tauschmittels über die anderen Tauschgegenstände hängt zusammen mit seiner Liquidität. Alle tauschbaren Gegenstände haben einen Tauschwert. Einige sind liquider als andere. Aber bei keinem ist der Tauschwert so bequem, handlich, verkehrsgerecht und liquide wie beim Geld. Die Überlegenheit steckt im ´Plus´, – steckt darin, dass das Geld ist: ´Tauschvermögen plus Liquidität´. Geld ist das liquideste unter allen Tauschobjekten, und darin liegt seine Überlegenheit. Geld wird im Idealfalle von jedermann zu jeder Zeit an jedem Ort als Preis für jeden denkbaren Kaufgegenstand akzeptiert. Es ist der monetäre Joker unter den Tauschobjekten. Die Überlegenheit des Geldes ist die Überlegenheit des monetären Jokers.“[6]

Hinzu kommt, dass es nicht wie alle anderen Arbeitserzeugnisse der Alterung und der damit verbundenen Wertminderung unterliegt, wodurch es als beliebtes Wertbewahrungsmittel dient. Ja, im Gegensatz zu allen anderen Tauschobjekten darf sich das Geld durch Zins- und Zinseszins noch aus sich selbst heraus vermehren, ein absurder Vorteil, für den es prinzipiell keine Berechtigung gibt.[7] Die überlegene Liquidität des Geldes führt dazu, dass es der Tauschzirkulation nach Belieben und ohne Nachteile entzogen werden kann, sei es zur Wertaufbewahrung oder um höhere Zinsen abzuwarten. Dadurch aber kommt es zum Ungleichgewicht zwischen Geld- und Warenvolumen.

Umlaufsicherung

Das Geld, das in der Kasse ruht, von Kreditgebern zurückgehalten wird oder unter der Matratze liegt, ist marktwirtschaftlich praktisch nicht vorhanden. Es ist der Geldfunktion entzogen, die nur erfüllt wird, wenn es zirkuliert. Und die Zirkulation verläuft nur vollständig, wenn das vorhandene Geld auch tatsächlich umläuft. Das bedeutet, dass die Gesamtheit des einmal in Umlauf gesetzten Geldes auch in Umlauf gehalten, sein fortwährender Umlauf gesichert werden muss.

Um die Umlaufsicherung des Geldes zu gewährleisten, muss es in gleichem Maße dem Schicksal der Waren unterworfen werden, die durch natürliche Alterung sukzessive an Wert verlieren. Man muss es wie diese alt, d.h. an Wert verlieren lassen und so einen Druck erzeugen, es im Umlauf zu halten, damit einen die Minderung nicht trifft. Nur dadurch verliert es seine Überlegenheit und wird zum gleichgeordneten Tauschmittel. Geld als Repräsentant aller Arbeitserzeugnisse erfüllt nur dann seine Zirkulationsaufgabe, wenn es einer parallelen Zirkulationsdynamik unterliegt. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, deren Effekt aber darin bestehen muss, dass man zum Ausgeben des Geldes veranlasst wird, um einer Besteuerung oder Umtauschminderung am Fälligkeitstermin zu entgehen.

„Unser heute gebräuchliches Geld hatte bisher immer eine Vormachtstellung über die Ware, und zwar von vorne herein um den Betrag der durchschnittlichen Wertminderung aller Waren von etwa 5 %. Aus dieser Überwertigkeit des Geldes entsteht die ganze Kette der geldmonopolistischen Verhaltensweisen und Praktiken. (…) Durch das Altern des Geldes, und zwar jedes einzelnen Geldzeichens (das etwa bei 3-5 % jährlich angesetzt werden müsste), wird erst das Zahlungsmittel zu wirklichem Geld im Sinne eines wahren Geldbegriffes, weil seine ´Gültigkeit` jetzt erst in der Bildung eines konstanten Preisstandes gegenüber dem Gesamtwarenvolumen besteht. Jetzt erst wird Geld zum ´reellen Konkurrenten der Ware´, zum gerechten Faktor des reinen Tausches.“[8]

Damit würde der verhängnisvolle Zinseszins als Antrieb des Kapitals, sich der Investition zur Verfügung zu stellen, ersetzt. Die der Warenwertminderung entsprechende Besteuerung des Geldes wirkt als generelle Einrichtung sogar viel sicherer auf die Investitionsbereitschaft als der Zins, und zugleich wird die sozial verheerend wirkende Monopolstellung des Geldes aufgehoben. Die „Alterung“ des Geldes macht es wirtschaftlich uninteressant, es seiner gesamtwirtschaftlichen Funktion zu entziehen. Es fließt jetzt in den ununterbrochenen Strom der Tauschvorgänge ein, um die Waren vom Erzeuger zum Verbrauer zu befördern, wenn man nicht einen Verlust erleiden will.

Es sind verschiedene technische Maßnahmen denkbar, um den Prozess des Alterns des Geldes durchzuführen, deren Effektivität erst die Praxis voll erweisen kann. Hier soll es nur um die grundsätzliche Überlegung gehen, die darin besteht, dass das Geld als Repräsentant der Arbeitserzeugnisse diesen gegenüber nicht mit Sonderrechten ausgestattet werden darf, sondern selber die allgemeine Grundeigenschaft der Ware annehmen muss, wenn es nicht die Macht eines ungerechten Monopols ausüben soll. „Man muss ihm, der Ware entsprechend, die sukzessive Entwertung, das Altern, einpflanzen. Hierdurch erlangt es eine geregelte Umlaufgeschwindigkeit, die der natürlichen Absatzgeschwindigkeit der Ware entspricht.“[9]

Das Zurücklegen von Geld für künftige Ausgaben auf dem Sparkonto einer Bank ist natürlich nach wie vor ohne Wertverlust möglich. Denn der Sparer hat jetzt nicht mehr das Geld, sondern aufgrund eines Leihvertrages einen Anspruch auf Rückzahlung des Geldes in voller Höhe zu einem späteren Zeitpunkt. Das Geld selbst geht ja von der Bank als Kredit für Investitionen in die Zirkulation. Durch die Geldalterung entsteht sogar ein starker Anreiz zum Sparen, weil auf diesem Wege die Möglichkeit besteht, dem Wertverlust des Geldes auszuweichen. Es wird so bald ein reiches Kreditangebot für die Gesamtwirtschaft zustande kommen, „das nach und nach zur vollen Befriedigung des Kreditbedarfes bei maximaler Auftragslage führt.“[10]

Historisches Beispiel

Die gesteuerte sukzessive Entwertung des Geldes wurde bereits im „finsteren“ Mittelalter, in der Stauferzeit vollzogen. Schon vorher war es üblich, dass bei einem Regierungswechsel oder anderen Anlässen neue Geldmünzen geprägt und die umlaufenden Münzen zur kostenpflichtigen Umprägung „verrufen“ wurden, was ein langes Horten des Geldes nicht sinnvoll machte. Im 12. Jahrhundert gingen immer mehr Fürsten dazu über, die umlaufenden Münzen regelmäßig einer „Verrufung“ zu unterziehen. Vom Erzbischof Wichmann von Magdeburg (1154-1192) z. B., der damit begann, sind mehr als 70 Prägungen bekannt. Zweimal im Jahr ließ er die Münzverrufung vornehmen, bei der 12 alte Pfennige gegen 9 neue getauscht wurden, was einen Verlust von 25 % bedeutete.

Das Geld wurde so in die Zirkulation und zunehmende Umlaufgeschwindigkeit gezwungen, denn jeder Geldbesitzer strebte danach, sein Geld vor dem Verrufungstermin zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung, zum Erwerb wertbeständiger Güter oder zur Kreditgewährung auszugeben. Durch diese gesteigerte Zirkulation erhöhten sich die Gesamtnachfrage und damit die Anzahl der Arbeitsplätze. Das Einkommen der Bevölkerung stieg, so dass Geld auch über die elementare Bedürfnisbefriedigung hinaus für kulturelle Interessen zur Verfügung stand. Um 1400 erhielt in Bremen ein Maurer täglich drei Groot, ein fettes Schwein kostete 24 Groot. In Amiens wurden einem Gesellen für acht Arbeitstage der Wert eines kleinen Ochsen gezahlt.[11]

Das geltende Zinsverbot erübrigte sich jetzt, denn der Gläubiger war zufrieden, wenn ihm durch das Verleihen die Verrufungskosten erspart blieben. Das Kreditbedürfnis war bei der damaligen handwerklichen Wirtschaftsstruktur bald befriedigt, und weiterer Überfluss ergoss sich in vollen Strömen in die Kultursphäre. Alles Geld, das weder verbraucht, noch als Kredit angelegt werden konnte, floss den Kirchen, Spitälern, Findelhäusern, Altbürgerhäusern und vor allem der Dombauhütte als Schenkung zu. Die ungeheure Bautätigkeit der gotischen Dome in dieser Zeit ist ohne dieses Geldsystem nicht zu denken. Das Wirtschaftsleben verzehrte sich nicht selbst, sondern floss über, um das Leben der Menschen zu den Höchstleistungen kulturellen Schaffens emporzuheben. Für 300 Jahre wurde dies in Europa durch das alternde Geld ermöglicht.

 

Anmerkungen

[1] Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage, Dornach 1961, S. 130

[2] Rudolf Steiner a. a. O. S. 77

[3] Rudolf Steiner a. a. O. S. 72

[4] https://fassadenkratzer.wordpress.com/2013/11/08/soziale-auswirkungen-des-eigentums-an-grund-und-boden/

[5] Rudolf Steiner: Vortrag vom 2.4.1919 in GA Nr. 329, S. 140

[6] Lothar Vogel: Die Verwirklichung des Menschen im sozialen Organismus,
Eckwälden 1973, S. 56

[7] Dieter Suhr: Alterndes Geld, Schaffhausen 1988, S. 60 f.

[8] Lothar Vogel (Anm. 7) S. 126

[9] a. a. O., S. 127

[10] a. a. O., S. 131

[11] a. a. O., S. 188

Über Herbert Ludwig

Herbert Ludwig war viele Jahre Lehrer an einer Freien Waldorfschule. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit den inneren und äußeren Bedingungen der Entwicklung des Menschen zur Freiheit und mit den Hintergründen der „europäischen Integrationsbewegung“, woraus seine Schrift „EU oder Europa?“ und Artikel auf seiner Webseite hervorgegangen sind Kontakt: Webseite | Weitere Artikel