Der große Krieg hat begonnen
Der große Krieg hat begonnen

Der große Krieg hat begonnen

Flagge der Tuerkei / Quelle: Wikipedia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AFlag_of_Turkey.svg Flagge der Tuerkei / Quelle: Wikipedia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AFlag_of_Turkey.svg
Mit dem gescheiterten Putsch bleibt Erdogan nur noch die Wahl zwischen Skylla und Charybdis. Kommende kriegerische Ereignisse werden auch Europa verändern.

Nein! So schnell lässt der hyperdemokratische Westen Sultan Erdogan nicht fallen! Er wird noch ein bisschen gebraucht. Es hat natürlich etwas gedauert, ehe sich in der Nacht des versuchten Putsches von Freitag auf Sonnabend Washington und Berlin halbwegs eindeutig zum gewählten, amtierenden türkischen Präsidenten bekannten. Doch dieses mehr als laue Bekenntnis dürfte kaum der Unsicherheit in der Bewertung der Ereignisse durch Obama oder Merkel geschuldet gewesen sein. Konnte es seine Halbherzigkeit doch kaum verbergen und sollte dies wohl auch nicht.

Zuerst signalisierten die Putschisten, man wolle nur die Diktatur verhindern, Demokratie und Rechtsstaat verteidigen (woher kennen wir bloß diese wundervollen Deklarationen…?). Dann kamen die diplomatisch „vorsichtigen“ Stellungnahmen von Präsident Obama, Außenminister Kerry und auch der deutschen Bundesregierung: Egal wer den Machtkampf gewinnt, die Türkei bleibt in der NATO! Das ist also in etwa so, als wenn Angela Merkel irgend einem ihrer gestrauchelten Minister mit falschem Doktortitel das Vertrauen ausgesprochen hätte. Will diplomatisch andeuten: Die Türkei wird schon bald die NATO verlassen müssen.

Was geschah in Incirlik?

Ausgerechnet die Transatlantiker-Postille „Die Zeit“, die vornehmste Nebelgranate des angloamerikanischen Medienimperiums in der BRD, spekulierte sofort in der von ihr umgehend verbreiteten Verschwörungstheorie munter, ob nicht Erdogan selbst hinter dem Putsch stehen könnte, um ihn als Alibi für seine neue Diktatur zu nutzen. Das soll wohl einerseits heißen, dass Washington alles andere als gut auf den Padischah aus Ankara zu sprechen ist.

Andererseits soll es womöglich von der Tatsache ablenken, dass natürlich die USA, Großbritannien, Frankreich und vermutlich sogar Merkel-Deutschland und sein BND an einem solchen absichtlich dilettantischen Umsturzversuch von wahrlich recht naiven Offizieren und dessen promptes Scheitern nicht total uninteressiert gewesen sein können. Das würde auch erklären, warum kurz zuvor die bis dahin selbstverständliche Besuchserlaubnis für deutsche Parlamentspolitiker auf dem Luftwaffenstützpunkt Incerlik (womöglich nach einem Hinweis der Russen) plötzlich so massiv eingeschränkt wurde. Während des Putsches wurde er umgehend von der türkischen Armee abgeriegelt (vergl. „Rätsel um Bundeswehr in Incirlik“). Ihm wurde sogar vom türkischen Militär beinahe vollständig der Saft abgedreht und der türkische Chef der Luftwaffenbasis verhaftet. So ganz doof ist der militärische Abschirmdienst der Türken eben auch nicht.

Das aber bedeutet, dass eben dieser NATO-Stützpunkt, auf dem nicht nur Atomwaffen lagern, sondern von dem aus auch die völkerrechtswidrigen Luftattacken auf Syrien geflogen werden, ebenso der geheime Kommandostab der Putschisten gewesen sein könnte.

Cui bono? – Wem nützt der Putschversuch? Erdogan?

Stellt man sich diese Frage nur so oberflächlich wie „Die Zeit“, dann kann nur Erdogan selbst den militärischen Laienputsch veranstaltet haben. Denn nur er profitierte anscheinend davon. Kann er doch nun rücksichtslos in die eigene Diktatur durchmarschieren.

Ich halte diese These aber für sehr unwahrscheinlich. Er war längst mit der absoluten Macht ausgestattet, die er mit diesem Putsch angeblich erreichen wollte. Was er an Macht noch nicht inne hatte, hätte er auch ohne Putsch bekommen. Wenn man sich sein Handy-Interview während der nächtlichen Ereignisse anschaut, dann sieht man da keinen selbstsicheren Präsidenten, sondern einen, der sich von den Ereignissen überrollt und gedemütigt fühlte. Er war auf der Flucht!

CNN und andere US-Medien verbreiteten sogar, Richtung Deutschland.[1] Von dort bekam er aber keine Landeerlaubnis und musste nach Ankara zurück, tauchte aber plötzlich in Istanbul auf. Mich erinnerte der Handy-Aufruf Erdogans an Gaddafis letzten Fernsehauftritt mit Sonnenschirm in einer Garage vor einem kleinen weißen Auto.

Warum sollte der türkische Präsident, der fest wie nie zuvor im Sattel saß, sich freiwillig per Handy so schwach zeigen? Warum sollte er das Risiko eines inszenierten Putsches gegen ihn eingehen?

Die Gülen-Bewegung?

Auch das halte ich für sehr unwahrscheinlich, denn sie ist viel zu geschwächt und hat auch nicht so viele Verbündete im Heer, um einen Putsch riskieren zu können. Zwar ist Gülen, der seit Jahren im USA-Exil lebt, mit ziemlicher Sicherheit ein Agent der Amerikaner. Aber er ist nicht so dumm, einen Putsch durchzuführen, den er nur verlieren kann. Denn das würde ihn von seinen eigenen Anhängern entfremden und somit seinen Einfluss weiter schmälern.

Genau das geschieht nun aber. Denn es dürfte jedem klar gewesen sein, dass Erdogan sich nach diesem Dilettantenputsch diese Gelegenheit, seinen Erzrivalen endgültig los zu werden, nicht entgehen lässt. Trotzdem denke ich, dass auch Erdogan genau weiß, dass Gülen nichts mit diesem Putsch zu tun hat. Aber er wird jetzt konsequent seinen Machtapparat säubern, wobei er allerdings die Zahl seiner Feinde weiter erhöhen wird.

Die Jesuiten-CIA?

Die US-Regierung könnte dagegen mit diesem, ich möchte behaupten, ganz bewusst und gezielt unprofessionellen Putsch Erdogan an den Weltpranger stellen. Warum hätte sie das tun sollten? Weil sich der Präsident dieses NATO-Landes inzwischen ganz offen den Russen zuwandte. Er ist nicht mehr unter Kontrolle. Absetzen können die USA ihn nicht. Dazu ist seine Stellung zu gefestigt. Was bleibt ihnen also in solchen Fällen des drohenden Verlustes eines „Bündnispartners“, der bei der geplanten Neuordnung des östlichen Mittelmeerraumes wie des Mittleren Ostens ohnehin keine Rolle mehr spielen soll, anderes übrig, als das betreffende Land so zu destabilisieren, dass es für sich selbst und jeden anderen potentiellen Bündnispartner unkalkulierbar wird (vergl. „Darum kommt der große Krieg“ und „Erdogans Reich zerfällt bereits“).

Kalkulierbar für die CIA ist dagegen, wie Sultan Erdogan angesichts dieser Rebellion von Teilen des Militärs reagieren wird. Jetzt geht er tatsächlich gnadenlos gegen jede echte und vermeintliche Opposition vor. Er wird dabei bezüglich seiner vielen Widersacher aus der Gülenbewegung und der parlamentarischen Opposition „hoffentlich“ so überziehen, dass er sich selbst immer weiter an den Weltpranger fesselt, an den ihn die Russen gestellt hatten, als sie anlässlich des Abschusses von Putins Kampfflugzeug seine Verbindungen und die seiner Familie zum IS offenlegten. Damit käme er dann als Bündnispartner der Russen nicht mehr in Frage, ohne dass diese sich an denselben Pranger der Diktatur stellen würden. Putin könnte mit dem herumwütenden Türken bei seinen Sympatisanten im Westen sein Gesicht als „lupenreiner Demokrat“ ziemlich schnell verlieren.

Natürlich wird das Weiße Haus Gülen nicht ausliefern, wie Erdogan jetzt vehement fordert. Das wird einen weiteren Keil zwischen Türkei und USA treiben und Washington ermöglichen, das Land, das sich vermehrt nach Osten Richtung Moskau und Peking orientiert, als Faktor der Destabilität aus der NATO zu drängen. Seine Brückenkopffunktion für das Imperium in den Nahen und Mittleren Osten hinein hat es durch seine enge Zusammenarbeit mit den Terroristen in Syrien und Irak, die nun zum Scheitern gebracht wird, ohnehin längst verloren.

Nachwirkung des Jahrtausendtreffens zwischen Franziskus und Kyrill?

Jetzt kommt es darauf an, das Land, ähnlich wie die Ukraine, zwischen den USA und Russen in westliche und östliche Einflussbereiche aufzuteilen. In der Ukraine haben sich die russisch orthodoxe und die römisch-katholische Kirche auf einen langen Marsch friedlicher Gläubiger auf Kiew geeinigt. Nicht mal die Faschisten und Ultranationalisten als Agenten des Vatikan können es wagen, diese Prozession anzugreifen. Damit dürfte der Putsch der Neocons und der Adenauer-Stiftung endgültig in sich zusammenfallen und gescheitert sein. Ob die Ukraine als Staat bestehen bleibt oder das katholische Galizien abgetrennt und eigenständig wird, wird sich zeigen.

Auf die Türkei übertragen bedeutet das zunächst, dass die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen Anatoliens, die man kaum zu so einen gemeinsamen Friedensmarsch überreden könnte, bis zum Zerbrechen des Landes noch viel intensiver gegeneinander ausgespielt werden.

Im Westen Anatoliens lauert Griechenland

Dazu ist es strategisch natürlich erforderlich, die Nachbarländer ebenfalls fest mit „einzubinden“, also zu destabilisieren. Im Westen ist die Destabilisierung Griechenlands längst voll im Gange. Dass einige Putschisten sich umgehend nach Griechenland abgesetzt und um Asyl gebeten haben, als noch nicht einmal wirklich klar war, dass die Putschisten gescheitert sind, wird die Spannung zwischen Ankara und Athen schon mal stark belasten. Wir reden hier von zwei NATO-Ländern, die schwerlich einen militärischen Konflikt gegeneinander austragen können, solange sie beide Mitglieder in diesem transatlantischen Kriegstreiber-Club der Vatikan-Malteser sind. Daher muss entweder einer der beiden traditionellen Erzfeinde aus dem Club austreten oder eben beide.

Auf jeden Fall wird sich der Flüchtlingsdruck aus der Türkei auf Griechenland durch den Putschversuch und die Schließung der Balkanroute dermaßen erhöhen, dass sich auch die bisherige griechische Regierung ohne massive diktatorische Maßnahmen nicht mehr halten kann. Die Goldene Morgenröte dürfte daher Syriza schon bald von der Macht verdrängen, um die nun einsetzende Massenflucht der Kriegsflüchtlinge aus der Türkei mit aller Gewalt zu unterbinden. Die Grauen Wölfe der Türkei werden dagegenhalten und die Flüchtlinge brutal aus der Türkei werfen (was ja auch schon längst geschieht).

Nach Zeugenaussagen von Griechischen Inseln wie Lesbos spielen sich dort immer dramatischere Szenen ab, die an Grausamkeit nicht mehr zu überbieten sind, weil hier auch die Organhandel-Mafia[2], die auch schon in Jugoslawien aktiv war, offenbar viele Flüchtlinge gefangen nimmt, tötet und regelrecht ausweidet, bevor sie dann in die neutralen Gewässer der Ägäis geworfen werden, von wo sie an die griechischen Strände gespült werden. Hier geschieht längst ein von den Konzernmedien, pseudohumanistischen NGOs und Politikern des Westens vollständig ignorierter Massenmord an Flüchtlingen.

 Armenien

Im Osten Anatoliens wird schon seit längerem Armenien aktiviert. Es steht seit der Völkermordkampgane des Westens gegen die Türkei im Fokus der Weltöffentlichkeit.

In diesem Zusammenhang dürfte der jüngste Besuch des Papstes dort stehen, bei dem sich Franziskus in der Völkermordfrage voll und ganz auf die Seite der christlichen Armenier und damit gegen Erdogans Türkei stellte. Nicht nur das! Der Friedensfürst ließ vor der Welt eine weiße Taube Richtung Berg Ararat fliegen, dem Heiligtum der Armenier, das sich seit 1921 auf türkischem Boden befindet. Will sagen: Der Vatikan signalisiert Russland und der ganzen Welt, dass er einverstanden ist, wenn Putin den Vertrag von Kars, der einst die Ostgrenze Anatoliens festlegte, einseitig auflöst, was wiederum einen Keil zwischen Russen und Türken treiben muss.

Die Russen wollen den Vertrag ja auch auflösen, sich aber ungern vom Vatikan den Zeitpunkt bestimmen lassen. Insofern war der Papstbesuch in Armenien ein offener Affront gegen die Türkei wie gegen Putin. Erinnerte er doch Erdogan daran, dass Russland auch der natürliche Feind der Grenzen des gegenwärtigen türkischen Nationalstaates ist.

Der False-Flag-Putsch kurz nach dem Papstbesuch, der den Bürgerkrieg in der Türkei jetzt unvermeidlich macht, ist hierzu das beste Mittel.

Die Russen?

Die Russen nehmen den CIA-Gülen-Putsch, der ihnen auch nicht wirklich ungelegen kam, nun zum Anlass, um Erdogan eine Goldene Brücke in den Osten zu bauen, da sie die in den russischen Medien verbreitete Version des Bürgermeisters von Ankara zu akzeptieren scheinen, der den Mörder des russischen Kampfpiloten unter den Putschisten entdeckt haben will.

Erdogan erklärt sich damit über seinen Parteifreund quasi für unschuldig an der Verschlechterung der Beziehungen zu Russland. Um dies zu glauben, muss man allerdings ein sehr kurzes und schlechtes Gedächtnis haben. Aber die Russen werden das gerne simulieren. Zumal Erdogan aus dem Putsch sicher nicht gestärkt hervorgehen wird. Von der CIA quasi offen mit dem Tod bedroht, wird er den Russen und Chinesen aus der Hand fressen, die ihm mit ihren euroasiatischen Großprojekten eine wesentlich lebendigere Perspektive bieten können; die des wirtschaftlichen Aufschwungs, der Erdogan einst bei den meisten Türken so beliebt gemacht hatte. Ohne die Lösung der Kurden- und Armenienfrage wird es den jedoch auch seitens der Russen nicht geben können.

Unmittelbar damit hängen die lange in der Schwebe gehaltenen Territorialfragen über Aserbaidschan, Nachitschewan und Berg Karabach zusammen. Damit liegt Anatolien als Türkischer Nationalstaat im Westen und Osten quasi zwischen Skylla und Charybdis.

Ordnung aus dem Chaos

Ziel der CIA dürfte kaum gewesen sein, Erdogan tatsächlich zu stürzen. Also war es auch kaum das Ziel der professionellen Hintermänner des Putsches, diesen wirklich erfolgreich werden zu lassen. Denn das hätte womöglich dazu geführt, dass viel zu schnell wieder geordnete Verhältnisse im türkischen Staat einkehren, an denen keine Macht außerhalb der Türkei wirklich noch interessiert ist. Erst recht nicht die USA. Sie brauchen die Unordnung, damit sich die Türkei nicht so leicht Russland und China zuwendet und diese dann womöglich die Türkei gegen das Imperium wenden!

Mit Chaos dagegen lässt sich nicht nur bewirken, dass diese neuen „Partner“ Erdogans in Moskau und Peking in Bezug auf deren Seidenstraßen- und Pipelineprojekte nur auf eine unberechenbare, destabilisierte Türkei zurückgreifen können. Chaos ist auch kein gutes Klima für westliche wie östliche Investoren. Aber es wird seine Auswirkungen im Westen nicht nur auf Griechenland haben.

Auch Deutschland, wo Türken, Kurden, Alaviten und Kemalisten zusammen mit den Massen an neuen arabischen Einwanderern leicht dafür sorgen können, dass das Land zwischen Rhein und Oder für die Amerikaner weiter erpressbar bleibt, wird diese Auswirkungen deutlich auf seinen Straßen zu spüren bekommen.

Zwischenbilanz

Wie ich schon in meiner dreiteiligen Analyse auf GEOLITICO („Erdogans Reich zerfällt bereits“; „Erdogan in der Falle der Großmächte“; „Goldene Morgenröte in Athen“) beschrieb, geht es den Weltmächten in West und Ost darum, im Zuge der Neuaufteilung des Nahen wie Mittleren Ostens den Nationalstaat Atatürks in Anatolien als Machtfaktor zukünftig auszuschalten. Das meiste hierzu hat Erdogan als Pantürkist und Totengräber des laizistischen Kemalismus bereits getan. Nun muss die türkische Gesellschaft von Innen heraus dermaßen antagonistisch aufgespalten werden, dass die Fliehkräfte das zentralistische Staatsgebilde auseinander reißen. Der vermeintliche „Putsch“ hat hierzu nun den Startschuss gegeben.

Innere Auswirkungen des Putsches

Mit dem dilettantisch ausgeführten Putschversuch dürfte es gelungen sein, das Chaos in Anatolien dauerhaft zu installieren. Unversöhnlich stehen sich nun auch die Islamisten zweier Lager gegenüber: Die Erdogans und die Gülens, den die USA kaum ausliefern dürfte. Sie wird ihn jetzt erst recht unterstützen, wenn sicher auch nicht allzu offen. Denn die Todfeindschaft zwischen Erdogan und Gülen wird den Islamismus zwangsläufig schwächen. Die parlamentarische Opposition gegen die AKP, darunter Kurden und Kemalisten, hat den Putsch schon deshalb nicht unterstützt, weil Gülen als Sultan natürlich noch viel schlimmer für sie wäre. Sie hassen Erdogan, aber er ist für sie das geringere Übel, solange sie selbst nicht die Kraft haben, ihn aus dem Amt zu fegen. Denn er ist der einzig legitime Verhandlungspartner der Russen; die entscheidende Macht des Ostens, welche auch eine Schutzmacht für die Kurden und Kemalisten als Laizisten sein können.

Wer wird gewinnen?

Die Kemalisten, auch wenn sie wesentlich an Boden verloren haben. Sie werden als einzige politische Kraft, die nach dem Vorbild Atatürks wirklich einen säkularen, türkischen Nationalstaat als „gelenkte“ Demokratie anstrebt und somit kompatibel mit der euroasiatischen Entwicklungspolitik Russlands und Chinas ist (Erdogan und Gülen sind bekanntlich Internationalisten, genauer Pantürkisten bzw. Panturanisten, die das Kalifat anstreben), mit Hilfe der Russen und Chinesen wieder einen international berechenbaren Nationalstaat bekommen. Vermutlich im Zuge der Bildung eines kurdischen Nationalstaates. Allerdings wird die Türkei dann entsprechend geschrumpft sein.

Das ist der Preis, den nach dem Ausgang des Türkischen Bürgerkriegs einzig die Kemalisten bereit sein werden, zu bezahlen. Also werden sie am Ende des nun folgenden religiös aufgeheizten Blutvergießens das Rennen machen.

Wie geht es jetzt weiter?

  1. Der Konflikt zwischen Erdogan und Gülen muss jetzt bis zur Entscheidung ausgefochten werden.
  2. Erdogan ist enorm geschwächt, denn er ist zu seinem künftigen Machterhalt nun auch auf die parlamentarische Opposition angewiesen, die in den Stunden des Putsches zu ihm gehalten hat und in ihm lediglich das geringere Übel sieht. Er kann sie jetzt nicht mehr übergehen, ohne seine Position weiter zu schwächen.
  3. Das türkische Militär ist hoffnungslos gespalten in Erdoganisten, Gülisten und Kemalisten. Wenn auch der Putsch niedergeschlagen wurde, so ist damit nicht der Kampf bis aufs Blut untereinander beendet. Der Putschversuch wird nun in einen Dauerkampf übergehen, der offen wie verdeckt und ganz nach Belieben der westlichen wie östlichen Großmächte geführt werden kann. Erdogan muss daher zu repressiven Mitteln greifen, die die Situation aber nur noch weiter anheizen.
  4. Das türkische Militär ist nun im Innern gebunden. Es muss seine Feinde in den eigenen Reihen wie innerhalb der gesamten Zivilgesellschaft jetzt wirklich konsequent ausmerzen. Seine Abenteuer im Irak und in Syrien wird es angesichts dessen entschieden zurückfahren müssen. Das wiederum bedeutet Einflussverlust bei der Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens.
  5. Die von Israel unterstützen Kurden im Norden Iraks und die von Russland unterstützten in der Türkei und Syrien werden die Uneinigkeit innerhalb des Militärs nutzen, um ihre Positionen in Sachen Kurdenstaat umzusetzen. Sie können dabei Erdoganisten, Gülisten und Kemalisten mit Hilfe der Russen quasi nach Belieben gegeneinander  ausspielen.

Fazit mit Nizza

Der große Krieg, von dem ich in einem früheren Aufsatz auf GEOLITICO sprach, hat begonnen. Mit ihm einher geht die Neuaufteilung des Nahen und Mittleren Ostens. Es wird eine äußert blutige Angelegenheit. Die Zeiten, als wir fröhlich in der Türkei Urlaub machten, dürften vorläufig vorbei sein.

Der Tourismus bricht jetzt vollständig zusammen. Auch in Griechenland. Kein Tourist, der bei Verstand ist, wird das Risiko eingehen wollen, zwischen die Fronten zu geraten oder gar zur Geisel zu werden. Mit ihm bricht aber auch der türkische Finanzmarkt ein, wie zuvor der griechische. Tausende Griechen und Türken – auch in Deutschland – haben ihr ganzes Erspartes als Rente in Ferienhäuser und Hotels investiert. Der riesige Lebensmittel-Souvenir-und Teppichmarkt bricht gleich mit ein.

Dass keinen Tag nach Nizza der Putschversuch unternommen wurde, hat dem französischen Präsidenten Hollande sehr geholfen. Schwuppdiwupp war die gesamte Weltpresse abgelenkt und das Massaker von Nizza fiel auf Rang 2 der Aufmerksamkeitsskala.

Hollande, der gleich wieder seinen Kampf gegen den IS in Syrien verstärken wollte, wird nun durch Erdogans Luftraumsperrung über der Türkei und die Umzingelung der Luftwaffenbasis Incerlik ausgebremst. Die Stimmen, die in den Ereignissen von Nizza ebenfalls eine False-Flag-Operation erkennen wollen, werden schon jetzt lauter.

Auch in Frankreich bricht der Tourismus ein. Wer macht schon in einem Land im dauerhaften Ausnahmezustand Urlaub? Mit dem Brexit wird es auch Probleme mit dem Status der zahllosen Briten geben, die sich in Frankreich massenweise Ferienhäuser auf Pump gekauft haben und nun ihrer Rechte als EU-Mitglieder verlustig gehen. Das wird den aufgeblähten und überhitzten Immobilienmarkt schneller zusammenbrechen lassen. Die logische Folge: Bankenchrash!

Frankreich im Westen und die Türkei im Osten Europas rahmen mit den mörderischen Ereignissen zwischen 14. und 16. Juli die geographischen Konfliktzonen des kommenden europäischen Bürgerkrieges ein, der sich wohl zunächst vor allem im Mittelmeerraum anspielen wird. Den Flüchtlingen, die aus Nordafrika weiter über das Mittelmeer kommen, wird noch größerer Hass der Einheimischen entgegen schlagen. Entsprechend wird zurück geschlagen und die Gewaltspirale somit fortgesetzt. Durch die enormen Fluchtbewegungen nach Norden werden die Länder am Atlantik, der Nord- und Ostsee schnell mit erfasst. Regierungen werden stürzen und durch solche ersetzt, die die Staatsgrenzen fest abriegeln.

Kurz: Die EU bricht auseinander. Der über Jahrzehnte absichtsvoll kaputt gesparte Sicherheitsapparat in den einzelnen Staaten ebenso. Die NATO wird als militärische Ordnungsmacht eingreifen und versuchen, die Diktatur einzuführen. Ob sie damit erfolgreich sein wird, bleibt fraglich. Denn sie ist ja auch zerstritten.

Viel wird auch von der Entwicklung in den USA abhängen. Wird sie noch die Kraft haben, sich angesichts ihrer Schuldenberge und schrumpfenden Ressourcen in Europa durchzusetzen? Oder wird England im Bund mit seinem Commonwealth, China und Russland seinen Einfluss über West -und Mitteleuropa ausbauen und die USA aus Europa drängen? Immerhin traten mit Indien und Pakistan kürzlich zwei Commonwealth-Staaten und Atommächte der SOZ (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit) bei.

Hinweis des Autors: Was gut ist, gehört allen! Dennoch: Zur Vermeidung urheberrechtlicher Probleme bittet Diogenes Lampe die Blogger unter seinen Lesern, welche seine Texte auf ihrer Seite natürlich gerne rebloggen dürfen, dort freundlicherweise nur einen kurzen Auszug davon mit Angabe des Autors (Diogenes Lampe) und der Quelle (GEOLITICO) zu veröffentlichen. Der Link zum vollständigen Text sollte dann immer zu Geolitico führen und nicht auf andere Seiten, die unter Verstoß des Urheberrechts den Text in seiner Gesamheit ungefragt übernommen haben. Vielen Dank für Ihre Fairness! DL

 

Anmerkungen

[1] https://www.washingtonpost.com/news/worldviews/wp/2016/07/15/where-in-the-world-is-turkeys-president-recep-tayyip-erdogan/

[2] http://europe.newsweek.com/syrian-refugees-selling-organs-survive-459745

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  1. cia putsch türkei | bruinrow

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