So albern sieht Farage den Brexit
So albern sieht Farage den Brexit

So albern sieht Farage den Brexit

Der Union Jack vor der britischen Boschaft Berlin © GEOLITICO Der Union Jack vor der britischen Boschaft Berlin © GEOLITICO
Der Wirtschaftssachverstand des egomanischen Populisten Nigel Farage übertrifft kaum das Niveau einer Packung englischer Butterkekse. Der Wochenrückblick im „Sonntagspanorama“.

Liebe Leserinnen und Leser, was denken Sie, was passiert zuerst? Die Griechen zahlen ihre Schulden zurück, oder die Briten treten aus der EU aus?

Für mich ist klar: Großbritannien torkelt nach dem Brexit-Referendum wie ein angeschlagener Boxer durch den Ring und wird zweifellos dann zu Boden gehen, wenn es seinen Austritt nach Artikel 50 des EU-Vertrags erklärt.

Regierungschef Cameron erklärt lieber seinen Rücktritt. Boris Johnson, sein potentieller Nachfolger als britischer Premierminister, kneift und wirft das Handtuch. Die Blamage ist perfekt. Übrig bleibt Nigel Farage.

Ein alberner Nigel Farage

Der Wirtschaftssachverstand des egomanischen Populisten Nigel Farage übertrifft kaum das Niveau einer Packung englischer Butterkekse. Der Vorsitzende der Brexit-Partei Ukip tönt ab min. 4:00 in der Sondersitzung des Europaparlaments:

„Zwischen meinem Land und Ihren Ländern findet ein reger Handel mit Gütern und Dienstleistungen statt, der beiden Seiten nützt. Gibt es in Zukunft kein vernünftiges Handels- Abkommen mehr, wären die Konsequenzen für Sie viel schlimmer als für uns. Sogar kein Deal ist für das Vereinigte Königreich besser als der verkommene Deal, den wir augenblicklich haben. Sehen wir uns gezwungen, auf Produkte wie Autos wieder Zölle einzuführen, dann könnten Hunderttausende deutsche Arbeiter ihre Jobs verlieren. So lasst uns also vernünftige Freihandelsbedingungen schaffen und Sie werden erkennen, dass das Vereinigte Königreich euer bester Freund auf der Welt sein wird.“

Von seiner eigenen Albernheit berauscht legt er nach:

„Ich weiß, dass quasi niemand von Ihnen jemals in seinem Leben einen richtigen Beruf ausgeübt hat oder erfolgreich im Geschäftsleben war und einen Arbeitsplatz geschaffen hat.“

Kommissionspräsident Martin Schulz muss jetzt einschreiten:

„Ihre Äußerungen, dass die Kollegen in diesem Haus niemals einen ordentlichen Job gemacht hätten, Sie müssen nicht von sich auf andere schließen, das geht so nicht.“

Genau! Sehr richtig, Herr Schulz! Nigel Farage hat nämlich selbst sein Geld mit Investmentkram bei Banken gemacht. Und warum seine ehemaligen Kollegen aus der Finanzbranche, die starke Verbindungen zu den konservativen Tories haben, jetzt alles daran setzen werden, ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU zu verhindern, sagt Ein Parteibuch[1]:

„Die britische Wirtschaft besteht nach einer langjährigen neoliberalen Deindustrialisierungspolitik aus kaum noch etwas anderem als der Nutzlosbranche, oder Finanzwirtschaft, wie sie sich selbst nennt. Tritt Britannien wirklich aus der EU aus, kann Frankfurt, natürlich gemeinsam mit Paris, Brüssel und Mailand handelnd, über Brüsseler Reglementierungen dafür sorgen, dass der Finanzstandort London vom EU-Markt verdrängt wird und das Geschäft selbst machen. Und London hat praktisch nichts, um in Austrittsverhandlungen etwas dagegenzusetzen. Drohungen, deutsche Industrieprodukte vom britischen Markt zu werfen, dürften wenig zugkräftig sein, weil Industrieprodukte anders als Finanzdienstleistungen Güter sind und damit durch das Weltfreihandelsabkommen WTO gegen allzu hohe Einfuhrzölle geschützt sind.“

Der entscheidende Faktor jedoch ist, dass Großbritannien nach den USA weltweit das Land mit dem zweitgrößten Handelsbilanzdefizit ist. Die britische Volkswirtschaft ist stark auf den Import von Industriegütern angewiesen. Der Pfundverfall treibt die Inflation. Der Referendum-Schock sitzt tief. Keiner weiß, wie es weiter geht. Unternehmen investieren nicht mehr, stellen keine Leute mehr ein. Die britische Wirtschaft stürzt in die Rezession.

Hoffentlich ertönt bald die Pausenglocke und die Fantasten von der Insel kehren geistig zurechnungsfähig in den Ring zurück!

Brexit: Wer gewinnt, wer verliert?

Im Deutsche Welle-Interview betont der Migrationsforscher Christian Dustmann, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU den Briten Arbeitnehmer beschert hat, die Steuern, Kranken- und Rentenbeiträge zahlen:

„Die Migranten, die nach Großbritannien kommen, sind sehr viel besser ausgebildet als die, die nach Deutschland gehen. Aber das hat in der Debatte gar keine Rolle gespielt. Sie können versuchen, den Leuten zu erklären, dass Zuwanderung aus der EU im Falle Großbritanniens positiv ist. Das haben wir auch über Jahre versucht. Aber das interessiert die Menschen nicht, das wollen die nicht hören. Das verdrängen sie einfach. Um ein Beispiel zu geben: Migranten, die nach dem Jahr 2000 gekommen sind, und vor allem Migranten aus der EU, haben weit mehr an Steuern bezahlt, als sie an öffentlichen Leistungen in Anspruch genommen haben. Also, ein Gewinn für den britischen Fiskus.“

Die FAZ schreibt:

„Die allermeisten Osteuropäer auf der Insel sind keine schmarotzenden Sozialtouristen, sondern hart arbeitende Leistungsträger der Gesellschaft. Statistiken zeigen, dass EU-Einwanderer in Großbritannien besser qualifiziert sind und häufiger erwerbstätig sind als Einheimische. Sie haben oft mehr Arbeitsethos und Befähigung als Briten. Wer schon einmal die Dienste eines polnischen Klempners und die eines englischen in Anspruch genommen hat, kennt den Unterschied.“

Und die Handvoll Syrer und Iraker, die es bis jetzt über den Ärmelkanal nach England geschafft haben. Unter dem Aspekt der Flüchtlingseinwanderungsabwehr ist der Austritt Großbritanniens aus der EU genauso logisch wie es ein Austritt Kanadas aus der EU wäre.

Im Gegensatz zu den geplagten Südeuropäern besitzen die Briten mit dem Pfund eine freischwankende Währung. Teil der EU, aber nicht der Eurozone zu sein, ist eigentlich eine vernünftige Lösung und hätte die Krönung des britischen Sonderwegs sein können. Doch:

„England ist eine beschissene, regnerische, faschistische Insel!“

„Mein Papa ruft aus England an: Er will, dass ich mich bei einer Tante entschuldige. Weil ich beleidigt darüber war, dass sie für den Brexit gestimmt hatte und sich so sehr darüber freute, habe ich sie am Tag nach dem Referendum auf Facebook beleidigt. Na ja, eigentlich habe ich sie nicht persönlich beleidigt, sondern nur ihr Land. Das Problem bei den Engländern ist, dass sie zu dumm sind, diesen Unterschied zu erkennen“, schreibt die sozialistische Tageszeitung „neues deutschland“.

Das schwarze Schaf der Woche

Schwarzes-Schaf / Quelle: Claus Folger

Schwarzes-Schaf / Quelle: Claus Folger

„Angela Merkels ‚Wir schaffen das‘ war richtig. Es gab keine andere Möglichkeit. Das ist doch die einzige Chance: Im Überschwang das Herz sprechen lassen (…)Ich möchte von Politikern kein Schauspiel vorgeführt bekommen, schon gar kein Drama. Politiker müssen klug sein, manchmal auch ein bisschen schlau. Aber es darf nicht so weit gehen, dass man etwas vertritt, das man nicht vertreten kann – weil es gegen die Menschen geht,“ sagte Klaus Maria Brandauer der „Süddeutsche Zeitung“.

Und ich möchte von Schauspielern keine schizophrenen Interviewaussagen lesen müssen. Überschwang des Herzens (Sissi?) und kluges, schlaues Handeln (Bismarck?) schließen sich aus. Ich behaupte auch, dass eine rationale bzw. vorausschauende Politik unter dem Strich viel mehr für die Menschen erreicht.

Das weise Schaf der Woche

Weißes-Schaf Quelle: Claus Folger

Weißes-Schaf Quelle: Claus Folger

„David Cameron wird als das direkte Gegenteil vom großen Staatsmann Winston Churchill in die Geschichtsbücher eingehen, sozusagen als Anti-Churchill, als politische Super-Niete, der seinem Land mit der Referendums-Idee einen Super-Gau bescherte. Immerhin hat er Wert darauf gelegt, dass das Referendum rechtlich so wenig bindend ist wie das Versprechen von Kindergartenkindern, später einmal zu heiraten. De facto hat das Votum sicherlich eine moralische Bedeutung, doch de jure ist es nicht mehr wert als eine bessere Umfrage. Nur eine Mehrheit im Parlament kann Großbritannien aus der EU herauslösen. Und jetzt versetzen wir uns in die Gehirnwindungen der Members of Parliament. Würden wir tatsächlich sehenden Auges den wirtschaftlichen Untergang des Landes und die Zerschlagung des Vereinigten Königreichs in Kauf nehmen? Im Zweifelsfall werden sie – eine Mehrheit der Parlamentarier ist ohnehin EU-freundlich – für das Land und nicht im Sinne der verirrten Brexit-Wähler stimmen. Die repräsentative Demokratie würde gegenüber der direkten die Oberhand behalten“, sagte Robert Halver von der Baader Bank.[2]

Laut dem Sender BBC haben in London gerade erst wieder ca. 40.000 Menschen für einen Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union demonstriert. Ihre Kernforderung: Das Parlament soll das Brexit-Votum aufheben.

Mein Lektüretipp der Woche:

Nach dem Brexit-Votum erlebt Großbritannien einen starken Anstieg an Hasskriminalität gegen Ausländer.[3]

 

Anmerkungen

[1] https://nocheinparteibuch.wordpress.com/2016/06/26/britische-konservative-sitzen-in-der-patsche/

[2] http://www.boerse-online.de/nachrichten/meinungen/Robert-Halver-Hallo-Bruessel-Sie-haben-ein-Problem-1001275476/1

[3] http://www.dw.com/de/der-hass-nach-dem-brexit/a-19364019