Der Kick der Niedergangsgesellschaft
Der Kick der Niedergangsgesellschaft

Der Kick der Niedergangsgesellschaft

Screenshot der offiziellen Website der UEFA EM 2016 / http://de.uefa.com/uefaeuro/index.html Screenshot der offiziellen Website der UEFA EM 2016 / http://de.uefa.com/uefaeuro/index.html
Der Fußball wird dem Sport entrissen und verkommt zum Feier- und Flucht-Event. Dabei ist völlig egal, ob man versteht, was auf dem Spielfeld vor sich geht.

Vor vier Jahren standen wir am Abgrund, nun sind wir einen entscheidenden Schritt weiter. Nicht nur, aber auch bei der Fußball-Europameisterschaft. In Berlin lädt das Christentum, bekanntlich immer um den gottesfürchtigen Zeitgeist bemüht, in eine große Kirche zum Public Viewing ein. Immerhin ohne Vuvuzelas, aber dafür mit Orgelmusik.

Noch zeitgemäßer entpuppte sich die Grüne Jugend in Tateinheit mit Jusos und älteren CDU-Funktionären: Das Schwenken der deutschen Fahne sei ein Zeichen von Nationalismus:

„Denn es kann keine Sommermärchen geben, wenn brennende Geflüchtetenunterkünfte die abscheuliche deutsche Realität darstellen.“

Realität und Kausalität spielen offensichtlich keine Rolle mehr, wenn der Hass gegen das eigene Land und gegen die Menschen, die dort noch leben, von der Antifa kommend die Ebene der etablierten Politik erreicht hat. Vielleicht erklärt sich aus solchen schmerzlichen Absurditäten, dass diese Europameisterschaft weit weniger Begeisterung auszulösen scheint als jeder andere internationale Fußballwettbewerb seit Jahrzehnten.

Spieler als laufende Tapeten

Es hätte der grünen Parolen nicht bedurft, die Botschaft war im Volk schon angekommen: „Das ist nicht mehr mein Land.“ Der Deutsche fühlt sich zunehmend fremd in seinem eigenen Land, und sein dadurch nachlassendes Nationalempfinden bekam auch die Nationalmannschaft zu spüren. Oh, pardon, die Nationalmannschaft heißt es ja nicht mehr, denn sie wurde zeitgemäß in „Die Mannschaft“ umbenannt, damit die Begrifflichkeiten wieder mit der Realität übereinstimmen. Da reißt nicht einmal mehr der dekadente Event-Fußballfan die Sache aus der Tristesse, über den ich vor fast genau vier Jahren am 23. Juni 2012 zur damaligen EM schrieb:

„Aus der Europameisterschaft der schönsten Nebensache der Welt wird mehr und mehr die Europameisterschaft der unschönen Nebensächlichkeiten der Welt. Fußballfunktionäre und Medien lassen keine Gelegenheit aus, sich zu profilieren, während die Spieler vordringlich Ihren Egotrip optimieren. Währenddessen feiern die Zuschauer eine Party nach der anderen, ohne so richtig verstehen zu wollen, was da auf dem Platz passiert. Kein Wunder, dass die Spiele eher spannend als schön sind, und dass das Fußballspiel hier mal wieder als lebendiges Beispiel für den umfassenden Niedergang herhalten muss.“

Viele Spieler sind so tätowiert, dass sie aussehen wie laufende Tapeten, wie finstere Knastbrüder, die sich dann gerne auch mal als Schlüpferstürmer die Hose auf den Knien hängen lassen, damit die Fernsehzuschauer den Namenszug eines Wettanbieters auf der Unterhose lesen können. Andere haben sich darauf spezialisiert, ihren Ellbogen irgendwo im Gesicht des Gegners unterzubringen; das Zerren am Trikot empfinden sie nicht als Unsportlichkeit, sondern als Notwendigkeit. Und wieder andere entblöden sich nicht, nach dem brutalen, vorsätzlichen Foul ihr hollywoodreifes Engelsgesicht aufzusetzen und ihre Paraderolle, „Ich würde doch so etwas nie tun“, zu geben. In der virtuellen Gesellschaft glaubt niemand, dass die Lüge noch wirkt: Sie gehört zum guten Ton.

Über das Spiel selbst redet kaum einer

Doch sich auf solche Beobachtung zu beschränken hieße, den Ball zu flach zu halten. Die dies beobachtenden Journalisten selbst werden zu unglaubwürdigen Jahrmarktssprechern der Eitelkeit. Die Kommentatoren sprechen am wenigsten über das Spiel, dafür prahlen sie umso mehr mit ihrer aus dem Computer abgefragten Fachkenntnis. Die Reporter quälen die armen Spieler mit Fragen wie: „Freuen Sie sich über den Sieg?“ Die Moderatoren präsentieren sich derweil als Showmaster und überlassen die Fachkompetenz neid- und alternativlos den Experten.

Wenn dann, sozusagen aus Versehen, einer dieser Experten, in dem Falle Mehmet Scholl, tatsächlich klug und witzig ist und dem deutschen Mittelstürmer attestiert, dass dessen Bewegungsmangel bald erfordere, ihn zu wenden, damit er sich nicht wundliege, dann wird er von Spielern und den meisten Medien in der dünnen Luft der Virtualität zerrissen.[1]

Über das Spiel selbst, seine Dynamik, seine Wendungen, seine Strategien, seine Ästhetik redet kaum einer. Vielmehr geht es um Erfolg, um Emotionen, um das Bessersein als die anderen, die Gelegenheit zum Feiern und vor allem um das permanente Wiederholen von Plattitüden. Es geht darum, den Einflussreichen nahe zu sein und ihnen dabei keineswegs auf die Füße zu treten. Solches Foulspiel würde nämlich strengstens mit der roten Karte für den jeweiligen Journalisten geahndet.

Dieses Spiel kennen wir schon aus der Politik, und hier beim Fußball ist es ebenso perfide, wenn auch vielleicht mit geringerer Tragweite. Der Journalismus vergisst seine Aufgabe, nämlich zu informieren und zu hinterfragen; er versteht sich als ein Motor der Spaßgesellschaft. Kein Wunder, dass dann Jogi Löws lockeres Spielchen mit dem Balljungen das lange vor dem Anpfiff stattfand, kurzerhand in die spannendste Phase des Spiels geschnitten wird. Wunderlich hingegen ist es schon, dass ausgerechnet die ARD, die solche Verfälschungen regelmäßig in ihrer Sportschau betreibt, sich am lautesten darüber aufregt.

Fußball als Event

Immer wieder frage ich mich, ob diese Medienmenschen ihr Publikum auf dieses Niveau herunterziehen können oder ob sie glauben, dessen Interessen zu vertreten. Wahrscheinlich beides. Jedenfalls gilt es, über die Entwicklung des Publikums ebenfalls zu klagen. Norbert Elias[2] hat in einem bemerkenswerten Aufsatz beschrieben, wie der Fußballsport sich parallel zur Entwicklung der Zivilisation immer weiter fortentwickelt hat. Nun erleben wir anscheinend einen weiteren, allerdings negativen Evolutionssprung im Zeichen des Niedergangs.

Früher war Fußball eine Sportart, die der Unterschicht notgedrungen zugestanden wurde, und hier kamen seine sportlichen Qualitäten zur Reife. Die „besseren“ Jugendlichen spielten Handball, Hockey und Tennis. Nun aber ist Fußball ein schichtenübergreifendes Phänomen geworden, das mit Public Viewing und VIP-Logen neuen Nutzern unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt. Es hat eine Zellteilung stattgefunden: So wie die Gesamtgesellschaft einerseits auf eine ökonomische und kulturelle Krise zusteuert und gerade deshalb andererseits in einen permanenten Feiermodus geschaltet hat, so erhält der Fußballsport neben seinem Sportcharakter noch einen Eventcharakter.

Im sportlichen Wettkampf werden von Aktiven und Zuschauern funktionale Alternativen gesucht, d.h. die Menschen können ihre archaischen Bedürfnisse, die in der geregelten Gesellschaft nicht mehr statthaft sind, in modifizierter Form ausleben. Dies ist ein wichtiges, ein überlebenswichtiges Element in der und für die Realität. Im Event wird stattdessen eine ungeliebte Realität kurzfristig weggefeiert. So wichtig die Rolle ist, die auch das Feiern in der Gesellschaft spielt, so ist dessen gegenwärtige manische Übersteigerung mehr als problematisch, weil sie durch ihren Fluchtcharakter die konstruktive Gestaltung der Gesellschaft unterbindet.

Plötzlich sind viele Frauen da

Die meisten der 500.000 Menschen auf der Fanmeile am Brandenburger Tor interessieren sich zwei Jahre lang nicht besonders für Fußball, bis es ihnen wieder eine Meisterschaft ermöglicht, sich als elementarer Bestandteil einer großen Menschengruppe zu fühlen. Ähnlich hat sich übrigens auch das Publikum in den Fußballstadien verändert. Die unter ihrer alltäglichen, nur kurzfristig, also scheinbar vorteilhaften Individualität Leidenden haben hier eine neue funktionale Alternative entdeckt und befriedigen ihr Bedürfnis, Bestandteil einer Gruppe zu sein.

Für uns ist es eine Ehrensache, die deutsche Mannschaft in der Hauptstadt auf der Fanmeile zu unterstützen“, sagt Bianca in der Berliner Morgenpost. Als wenn es der deutschen Mannschaft helfen würde, wenn Bianca am Brandenburger Tor herumgrölt. Das hat in etwa soviel mit Ehre zu tun wie der Ehrenmord. In dieser Feiermasse ist es vollkommen egal, ob man versteht, was da gerade vor sich geht. Deshalb sind ja auch so viele Frauen hier, denn niemand käme auf die Idee, sie zu fragen, was die Abseitsregel bedeutet. „Ganz im Gegenteil“, meint Betack aus Treptow, „es ist doch super, wenn so viele Frauen plötzlich auf Fußball stehen, da lernt man gut mal jemand kennen.“

 

Anmerkungen

[1] http://www.bild.de/sport/fussball-em-2012-polen-ukraine/mehmet-scholl/ard-experte-wettert-nach-sieg-bei-em-24583026.bild.html

[2] http://www.suhrkamp.de/buecher/gesammelte_schriften_in_baenden_58363.html

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel